Ein nachhaltiges Festival veranstalten – Interview mit Carmen Mair von Wundaplunda

Sommer ist gleich Festivalzeit. Das ist für viele ungeschriebenes Gesetz. Deshalb wundert es kaum, dass allein mehr als 500 Musikfestivals jedes Jahr in Deutschland stattfinden, Tendenz steigend. Ein Festivalbesuch ist dabei in der Regel alles andere als nachhaltig. Dekoration, einmal-Besteck und Teller an den Verkaufsbuden, mitgebrachte Lebensmittel, bei denen es sich oftmals um Konserven handelt, oder auch Getränkebehältnisse verursachen jede Menge Müll. Der wird dann häufig liegen gelassen, ebenso wie Zigarettenfilter, die achtlos auf den Boden geworfen werden und so unter anderem das Grundwasser verunreinigen können.

Was man hier als Besucher*In tun kann, um das Festival nachhaltiger zu gestalten, wurde schon in diversen Beiträgen, Artikeln und auf Blogs behandelt. Allerdings liegt die Verantwortung zum nachhaltigen Handeln nicht nur bei den Besucher*Innen, sondern auch die Veranstalter*Innen können diesbezüglich ihren Beitrag leisten und die Weichen für ein nachhaltiges Festival stellen. Genau das wollen Carmen Mair und ihr Mann Moritz realisieren. Während der Neuseelandreise, auf der die beiden Eltern wurden,  entstand die Idee für Wundaplunda. Ihr Ziel ist es, ein nachhaltiges Familienfestival auf die Beine zu stellen. Unterstützt werden sie dabei von ihren Freunden Janine Mandl und Daniel Fischer. Das Festival der Vier findet vom 9.-11. August 2019 in der Umweltstation in Legau (Allgäu) statt. Bei EKOLOGISKA spricht Carmen Mair darüber wie es ist, ein nachhaltiges Festival zu organisieren.

EKOLOGISKA: Ihr habt euch mit Wundaplunda auf die Fahne geschrieben, ein nachhaltiges Familienfestival zu organisieren. Was bedeutet das konkret für dich?

CARMEN MAIR: Wir alle haben Kinder und können bzw. wollen die Ressourcenverschwendung, die Umweltzerstörung, den maßlosen Konsum und unsere Wegwerfgesellschaft nicht mehr hinnehmen. Das Festival ist unser Weg etwas zu einem Wandel beizutragen. Wir möchten uns nicht eines Tages von unseren Kindern oder Enkeln anhören müssen, dass wir nichts getan haben.

Ein intaktes Ökosystem ist schließlich unabdingbar für unsere Zukunft – vor allem für die Zukunft unserer Kinder und Enkel. Es hat schon längst weltweit ein Umdenken stattgefunden – doch wir müssen mehr tun! Mit Wundaplunda versuchen wir kleine Funken zu streuen und etwas Aufmerksamkeit spielerisch auf dieses wichtige Thema zu lenken,  in der Hoffnung auf einen größeren Dominoeffekt in der Zukunft. Wir wollen unsere Kinder in einer gesunden (Um)welt aufwachsen sehen. Nachhaltigkeit bedeutet für uns als Team aber nicht nur ökologische, sondern auch soziale Nachhaltigkeit.

EKOLOGISKA: Warum ist für euch soziale Nachhaltigkeit besonders wichtig?

MAIR: Heutzutage werden immer mehr Familien zu Einzelkämpfern. In Gemeinschaft ist vieles einfacher, Ressourcen können zum Beispiel gemeinschaftlich genutzt und geteilt werden. Außerdem ist ein Festival ein toller Anlass, gutes Essen und ein vielfältiges Programm mit Spaß und Freude zu genießen und das eine oder andere mit nach Hause zu nehmen. Wir wollen den Gemeinschaftssinn stärken, Generationen verknüpfen, damit wir voneinander lernen können und uns gemeinsam für eine nachhaltigere Zukunft einsetzen.

EKOLOGISKA: Wie äußert sich euer Nachhaltigkeitsanspruch in der Planung des Festivals?

MAIR: Offen gesagt ist es nicht einfach ein Festival 100% nachhaltig zu organisieren. Wo fängt man an, wo hört man auf? Passt zum Beispiel eine Feuershow oder riesen Seifenblasen in unser Konzept? Mit der Umweltstation als Veranstaltungsort sind wir aber schon in sehr guten Händen, da wir die gleichen Werte teilen und eine gute Infrastruktur gegeben ist.

Aber unser Nachhaltigkeitsanspruch zeigt sich unter anderem darin, dass wir überwiegend biologisches und regionales Essen anbieten, versuchen das Festival möglichst plastikfrei zu gestalten und recyceltes Material oder Naturmaterialien für unsere Deko und Ausstattung zu verwenden. Die Bühnen wollen wir zum Beispiel überwiegend aus Paletten und Restholz bauen. Auch die meisten unserer Workshops benötigen keine Materialien und wenn, dann sind sie recycelt, Second Hand oder es wird mit Naturmaterialien gearbeitet. Wir wollen den Besuchern zeigen, dass man viel selbst machen kann und so den eigenen Konsum oder Müll reduzieren könnte.

EKOLOGISKA: Macht sich das auch im Programm bemerkbar?

MAIR: Ja. Wir gestalten unser Programm so, dass es möglichst naturverbunden ist und nachhaltige Themen miteinbezieht. Zum Beispiel bietet der Bund Naturschutz Bayern zusammen mit dem Landkreis Unterallgäu spielerische Module zur Müllvermeidung oder unserem eigenen ökologischen Fußabdruck im Alltag an.

EKOLOGISKA: Wenn man nach Inspiration zum Thema Nachhaltigkeit auf Festivals sucht, dann landet man in der Regel bei Selbstversuchen oder Berichten aus Besucher-Perspektive. Du organisierst ja gerade selbst ein nachhaltiges Festival und hast deshalb die Veranstalter-Perspektive.  Was glaubst du, ist wichtiger: Dass die Besucher etwas tun oder dass das Festival generell nachhaltig ausgerichtet ist?

MAIR: Uns ist bewusst, das ein Festival generell ein Ressourcenverbrauch ist,  aber wir möchten ein Vorreiter für andere Festivals sein,  bestimme Aspekte bei der Umsetzung zu beachten. In erster Linie möchten wir unseren Besucher*Innen, vor allem den Familien, die sich noch nicht so viel mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandergesetzt haben, Ideen aufzeigen, die eigene Lebensweise umweltgerechter zu gestalten. Stellschrauben an denen man als Veranstalter drehen kann sind sicher Themen wie der Veranstaltungsort, die Anfahrt, die Unterbringung der Teilnehmer*Innen, die Verköstigung, das Abfallmanagement, der Umgang mit Wasser, die Kommunikation, die Beschaffung und Verwendung von Produkten und Dienstleistungen, Klima und Energie sowie soziale Aspekte wie die Barrierefreiheit.

Als Veranstalter alleine ist es aber schwierig ein Festival nachhaltig zu gestalten, wenn die Besucher*Innen nicht mit unterstützen und mitmachen. Ein nachhaltiges Festival kann unserer Meinung nach nur aus einer Synergie zwischen Veranstalter und Besucher*Innen entstehen. Deshalb bitten wir auch alle eigenes Besteck & Geschirr mitzunehmen und Mehrweggefäße für ihr eigenes Essen und Trinken mitzubringen. So können wir schon den Müll und den Wasserverbrauch reduzieren. Wir halten ebenfalls dazu an, dass jeder seinen selbst produzierten Müll nach dem Wochenende wieder mit nach Hause nimmt. Bei Windeln machen wir natürlich eine Ausnahme. Wir sehen darin eine Art Experiment mit hoffentlich auch einen Lerneffekt. Dass den Besucher*Innen beispielsweise bewusst wird, wie viel Müll man als Familie an einem Wochenende produziert und schon vorher überlegt, was mit aufs Festival genommen wird.

EKOLOGISKA: Wann und warum hast du die Entscheidung getroffen: Ich möchte jetzt ein Festival veranstalten. Und zwar nachhaltig? 

MAIR: Wir sind alle früher gerne auf Festivals gegangen, lieben Musik, knüpfen gerne neue Kontakte und haben gerade als junge Familien erfahren dürfen, dass es in einem guten sozialen Umfeld, in dem man füreinander da ist, sich einfacher und schöner leben lässt. Ein klassisches Festival kommt  alleine aus ökologischer Sicht aus unserer persönlichen Wertevorstellung nicht mehr in Frage. Wir finden den Gedanken aber schön, verschiedene Menschen zusammenzuführen, zusammen zu tanzen und zu lachen und die Wichtigkeit der Natur wieder schätzen zu lernen.  So entstand die Idee eines Festivals, da sich diese Komponenten miteinander vereinen lassen. Wir vier sind ohne Digitalisierung aufgewachsen, haben uns als Kinder mit unseren Freunden stundenlang selbst in der Natur beschäftigt und viel mit Naturmaterialien gebastelt & gespielt.

Die erste flüchtige Idee ist uns auf der Reise in Neuseeland, der grünen Insel, entstanden. Neuseeland hat uns mit seiner Umweltpolitik sehr beeindruckt, es gibt sehr viele Community Center (Gemeinschaftszentren), die nachhaltig agieren und den Gemeinschaftscharakter toll in Form von Zeitaustausch -Modellen, Workshops, Gemeinschaftsgärten oder Veranstaltungen umsetzen. Das hat uns inspiriert und die Idee wachsen lassen.

Zu Hause angekommen, kam uns direkt unser langjähriger Freund Daniel in den Sinn, der schon viele Veranstaltungen umgesetzt hat. Er und seine Freundin waren sofort begeistert von der Idee und sind seitdem fest dabei.

EKOLOGISKA: Ich stelle es mir sehr anstrengend vor, ein Festival zu organisieren: Karten, Werbung, Programm zusammenstellen…das ist ja schon ein Haufen Arbeit! Oder? 

MAIR: Zugegeben es ist mehr Arbeit als erwartet! Es macht aber so viel Spaß, dass der wenige Schlaf und die unzähligen Stunden sich lohnen. Unser Team ergänzt sich wunderbar, wir schicken gefühlt 1000 Nachrichten am Tag hin und her, treffen uns regelmäßig und wachsen mit unseren Aufgaben. Wir sind ja alle noch Eltern und teilweise berufstätig und ich mache noch ein Online-Studium nebenher – also langweilig wird’s uns allen nicht! Zum Glück haben wir einige Helfer, die unsere Idee toll finden und uns unterstützen.

EKOLOGISKA: Was hoffst du, bei den Besucher*Innen des Festivals zu erreichen?

MAIR: In erster Linie möchten wir unsere Besucher*Innen mit einem lachenden, staunenden und zufriedenen Gesicht auf dem Festival begegnen. Außerdem ist unser Ziel, dass alle das Wochenende bewusst erleben, z.B. welche Produkte oder Materialien wir verwenden. Vor Ort wird es auch eine Anlaufstelle für Feedback geben und wir freuen uns jetzt schon über jeden Input. Sie sollen sich durch Workshops & Vorträge und die Art der Umsetzung des Festivals inspirieren lassen und Ideen mit nach Hause nehmen. Selbst wenn es nur kleine Dinge sind, die im Alltag anders oder bewusster umgesetzt werden können.

Das Festival soll aber nicht zuletzt auch den Gemeinschaftssinn unter den Besucher*Innen stärken und wir hoffen, dass das Festival sich bei Familien als jährliche Zusammenkunft etabliert.

Das Orga Team
Diese vier stecken hinter Wundaplunda: Carmen Mair & ihr Mann Moritz (rechts) und Janine Mandl & Daniel Fischer (links)

Das Wundaplunda-Festival findet vom 9.-11. August 2019 in der Umweltstation in Legau (Allgäu) statt. Mehr Informationen dazu findet ihr hier.

 

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