Boom, Knall, Bang: Ein Plädoyer gegen die (private) Nutzung von Feuerwerkskörpern

Sieht magisch aus und gehört dazu: Feuerwerk. Aber wird es langsam Zeit, diese Tradition zu überdenken? Bild von Pexels auf Pixabay

Jedes Jahr kurz vorm Jahreswechsel stellen die Supermärkte ihr Sortiment um, Pyrotechniker mieten kleine Ladengeschäfte an und Menschenmassen stürmen in die Geschäfte, um eins zu tun: Feuerwerkskörper kaufen. Drei Tage lang. Nach Schätzungen des Verbands der pyrotechnischen Industrie werden für 2019 Umsätze in Höhe von 133 Milliarden Euro erwartet. Das liegt etwas unter dem Hoch von 2016, ist aber immer noch eine ganze Menge Geld, die zu Silvester in nur einer Nacht verpulvert wird. Verpulvert? Das Wort trifft es eigentlich recht gut, schließlich wird in dieser Nacht laut Deutscher Umwelthilfe so viel Feinstaub verursacht, wie der gesamte deutsche Straßenverkehr sonst in zwei Monaten in die Luft bläst.

So viel Feinstaub, wie in zwei Monaten Straßenverkehr

Der Feuerwerksqualm besteht zum größten Teil aus Feinstaub, also Partikeln, die nur Bruchteile eines Millimeters groß und damit kaum für das menschliche Auge erkennbar sind. An normalen Tagen liegt die Feinstaub-Konzentration im Durchschnitt in Städten bei 18 μg/m3. Zum Jahreswechsel erhöht sich diese Konzentration enorm: Sie steigt in Großstädten in der ersten Stunde des neuen Jahres auf bis zu 1.000 Mikro- gramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft (μg/m3) an.

Dieser Wert ist vor allem aus einer gesundheitlichen Perspektive bedenklich, denn das Einatmen von Feinstaub gefährdet die Gesundheit sowohl bei kurzfristiger intensiver Belastung, als auch bei langfristig erhöhter Belastung. Deutschland hält bisweilen zwar die Grenzwerte, die eine langfristig erhöhte Belastung bedeuten würden, im Jahresdurchschnitt ein. Allerdings empfiehlt die WHO, 25 μg/m3 als Mittelwert bezogen auf einen Tag nicht öfter als an drei Tagen pro Jahr zu überschreiten. Die 1000 μg/m3 in der Silvesternacht sprengen diesen Grenzwert enorm.

4.500 Tonnen Feinstaub verursacht Silvester jedes Jahr. Das sind 16% der Menge an Feinstaub, die im Straßenverkehr entsteht. Bild von 995645 auf Pixabay

Die Folgen einer erhöhten Feinstaubbelastung sind laut Umweltbundesamt vielseitig: Sie reichen von einer kurzfristigen Beeinträchtigung der Atemwege bis hin zu Herz-Kreislaufproblemen und einer erhöhten Sterblichkeit. Die Anzahl der Toten durch Feinstaub zu beziffern ist allerdings schwierig und die Studien dazu angreifbar. Das hat eine Recherche des BR ergeben. Was als gesichert gilt, ist aber zum einen, dass ein Mensch mehr Jahre mit eingeschränkter Gesundheit befürchten muss, wenn er sich erhöhten Feinstaubkonzentrationen aussetzt. Zum anderen steigt mit der Feinstaubkonzentration auch die Anzahl der tödlich verlaufenden Krankheiten wie zum Beispiel Lungenkrebs.

Nicht nur der Feinstaub schadet dem Menschen

Feuerwerk zeichnet sich aber nicht nur durch visuelle Reize aus. Auch das Akustische spielt beim Silvesterfeuerwerk eine Rolle, das belegen unter anderem die zahlreichen Böller, die jedes Jahr verkauft werden, obwohl sie im Gegensatz zu Raketen optisch nicht viel hergeben. Eigentlich sollte das kein Problem sein, denn Feuerwerkskörper in der EU sind auf einen Schallpegel von 120 dB begrenzt – wenn ein Sicherheitsabstand von 8 Metern eingehalten wird. Dass das in der Praxis selten der Fall ist, das können die meisten Menschen wohl aus persönlicher Erfahrung unterschreiben, statistisch wird diese Tatsache dadurch gestützt, dass es zu Silvester jedes Jahr zu rund 8000 Schädigungen des Innenohrs durch Feuerwerkskörper kommt. Teils irreparabel.

Hinzu kommen zahlreiche Verletzungen vor allem an Händen und Augen, mahnte im letzten Jahr unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Handchirurgie und rief im gleichen Atemzug zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Feuerwerkskörpern auf. Der Grund dafür seien vor allem Mutproben, manipulierte Böller und Alkohol, der an Silvester im Spiel sei. Ab Mitternacht haben die Notaufnahmen der Krankenhäuser deshalb alle Hände voll zu tun, um all die Verletzten zu versorgen. Nicht zuletzt deshalb forderte Tobias Lindner, leitender Oberarzt der Berliner Charité, ein Verkaufsverbot von Feuerwerk an Laien, wie das Ärzteblatt zitiert.

Auch die Umwelt leidet unter der Silvesternacht

Neben den Menschen leidet vor allem die Umwelt unter den Folgen der Silvesternacht. Die heimischen Tiere haben genau so wie der Mensch mit den Folgen der erhöhten Feinstaubbelastung zu kämpfen. Die Geräuschbelastung und die hellen Blitze sorgen dafür, dass vor allem Wildtiere, die in ihrem Alltag darauf angewiesen sind, besonders achtsam zu sein, Panik bis hin zu Todesangst aus. Die Tierschutzorganisation Peta weist auch vor dem Hintergrund, dass wir uns aktuell in der kalten Jahreszeit befinden und die Tiere besonders mit ihren Ressourcen haushalten müssen, darauf hin, dass ein hoher Energieverlust in Folge einer Panikreaktion auf das Feuerwerk lebensbedrohliche Folgen haben kann. Die hellen Lichter sorgen außerdem für Desorientierung bei Vögeln, die sich häufig erst nach Wochen von dem Schock erholen. Auch für Haustiere und die Tiere im Zoo bedeutet die nächtliche Knallerei Stress pur.

Neben Feinstaub entsteht in der Silvesternacht etwas anderes in rauen Mengen: Müll. Die meisten Menschen interessieren sich nach dem Abfeuern der Raketen nämlich nicht dafür, was mit den Resten passiert. Dafür spricht zumindest die Tatsache, dass die kommunalen Entsorgungsunternehmen alleine in den fünf größten deutschen Städten rund 191 Tonnen Silvesterabfall entfernen. Das meldete der Verband kommunaler Unternehmen e.V. im letzten Dezember. Die Entsorgung kostet selbstverständlich Geld und wird durch unsere Steuern finanziert. Ganz unabhängig davon, ob wir mit geknallt haben oder nicht. Wir zahlen aber unter Umständen einen noch viel höheren Preis für nicht rechtzeitig entsorgten Müll: Denn durch Regenfälle gelangen die Chemikalienreste, die sich noch in den Feuerwerksbatterien befinden, in den Boden und das Grundwasser. Deshalb ist es wichtig, die Feuerwerkskörper zeitnah und korrekt zu entsorgen – und zwar im Restmüll und keinesfalls über die Papier- oder Biotonne.

Bleibt leider oft zurück: Der Müll aus der Silvesternacht. Bild von meineresterampe auf Pixabay

Problematische Produktionsbedingungen: Unser Feuerwerk kommt meist aus Fernost

Das Abfeuern von Feuerwerkskörpern hat also weitreichende Folgen für uns, unsere Umwelt und die heimischen Tiere. Was die Wenigsten allerdings wissen: Schon bevor das Feuerwerk zum Jahreswechsel bei uns abgefeuert wird, wirkt es. Und zwar in einem negativen Sinne: Denn die Produktion von Feuerwerk ist oft mit Kinderarbeit und Menschenrechtsverletzungen verbunden. Der Großteil des weltweit verfeuerten Feuerwerks stammt aus Indien und China, sie beherrschen rund 97 Prozent des Weltmarktes. In beiden Fällen handelt es sich um Länder, die nicht für ihre hohen Standards in Bezug auf die Arbeitssicherheit bekannt sind, das Gegenteil ist der Fall.

Berichte aus den betreffenden Regionen, die von Utopia gebündelt wurden, zeichnen ein eindeutiges Bild der Situation vor Ort: Die Arbeiter*innen kommen mit den chemischen Substanzen in direkten Kontakt und leiden in Folge dessen an Atemwegserkrankungen. Zudem sind sie einem großen Risiko ausgesetzt, da die Chemikalien, mit denen sie ohne ausreichenden Schutz arbeiten, explosiv sind. Außerdem werden regelmäßig Kinder beschäftigt, für die der Kontakt mit den giftigen Substanzen umso schädlicher ist.

Explosionen sind keine Seltenheit, sie können schon durch kleine Funken ausgelöst werden. Immer wieder sterben dabei Menschen, doch diese Unfälle werden meist verschwiegen und gelangen nicht an die Öffentlichkeit. Wer in der Feuerwerksproduktion arbeitet, hat außerdem ein erhöhtes Risiko, durch den direkten Kontakt mit Schwefel, Schwarz- und Aluminiumpulver an Asthma oder Tuberkulose zu erkranken.

Aktiv gegen Kinderarbeit: „Feuerwerkskörper in Indien – Schattenseite des Lichterfestes“

Und nun?

Dass unkontrolliertes, privates Feuerwerk aus diversen Gründen keine gute Idee ist, das haben inzwischen auch einige Städte verstanden und zumindest Böller-Verbotszonen eingerichtet, in denen man sich gefahrlos bewegen kann. Die Deutsche Umwelthilfe hat außerdem in insgesamt 98 Städten Anträge auf die Einrichtung von Feuerwerks-Verbotszonen gestellt und hofft, so etwas gegen die Luftverschmutzung an Silvester, Verletzungen in Folge von Fehlanwendungen und verängstigte Tiere ausrichten zu können. Inzwischen sprechen sich laut Deutscher Umwelthilfe auch immerhin 60 Prozent der Menschen für die Einrichtung von Verbotszonen ein – eine Entwicklung, die als positiv zu bewerten ist. Und es mangelt schließlich auch nicht an Alternativen: Mit städtischen Feuerwerken können Verletzungen und Müll vermieden werden, mit Laser- und Lichtshows längst ähnliche Effekte erzeugt und das neue Jahr gebührend gefeiert werden. Nur eben ohne Feinstaub, Verletzte und tierische Opfer. Apropos: Wer nicht auf das Knallen verzichten kann, für den gibt es zumindest eine sozial verträglichere Alternative. Der Hersteller Weco mit Sitz in Köln produziert seine Feuerwerkskörper in Deutschland. So unterstützt man zumindest nicht schlechte Arbeitsbedingungen und Kinderarbeit.

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