Warum ich mich trotz Klimakrise für ein Kind entschieden habe

Ein Kind trotz Klimaangst? Bild von Pexels auf Pixabay

Ein Kommentar von Marisa Becker

Ein Kind ist das Schlimmste, was man der Umwelt antun kann. Jedes nicht in die Welt gesetzte Kind bedeutet eine CO2-Einsparung von rund 50 Tonnen CO2 im Jahr.

Verena Brunschweiger, Autorin von „Kinderfrei statt Kinderlos: Ein Manifest“

Mit Aussagen wie diesen stieß Verena Brunschweiger im Frühjahr 2019 vielen (werdenden) Eltern vor den Kopf und polarisierte unheimlich. Sie entfachte mit ihrem Buch „Kinderfrei statt Kinderlos: Ein Manifest“ im deutschsprachigen Raum eine Diskussion, die es so bisher nicht gegeben hatte. Nämlich um die Frage, ob man heute überhaupt noch (guten Gewissens) Kinder in die Welt setzen darf.

Womit sie Recht hat: Kinder verbrauchen unglaublich viele Ressourcen, so wie jeder Mensch, der auf diesem Planeten lebt. Dass wir unseren Lebensstil radikal ändern müssen, beweist nicht zuletzt der Blick auf den sogenannten „Earth Overshoot Day“. Das ist der Tag, an dem wir als Menschheit all diejenigen Ressourcen verbraucht haben, die sich im gleichen Jahr regenerieren können. Im Optimalfall wäre das der 31. Dezember. Im letzten Jahr war das aber schon im Juli der Fall. Wir haben also fünf Monate des Jahres auf Kosten kommender Generationen gelebt. Kein Wunder, denn wir bräuchten schon heute drei Erden, wenn alle Welt so leben würde wie wir Deutschen. Und die Prognosen für die Entwicklung der Weltbevölkerung sind stark steigend. Sich über das Ressourcenmanagement Gedanken zu machen, ist also extrem wichtig. Aber ist ein Gebärstreik der einzig richtige Weg, um das Problem zu lösen?

Das Ergebnis eines Gebärstreiks? Das Warten auf den Tod von 7,8 Milliarden Menschen

Betrachten wir das Ergebnis eines Gebärstreiks einmal auf die Spitze getrieben: Es kriegt niemand mehr Kinder, wir warten einfach nur noch auf den Tod der aktuell rund 7,8 Milliarden Menschen, die auf diesem Planeten leben.

Ich persönlich finde diese Vorstellung ehrlich gesagt ziemlich beschissen. Warum? Weil das Leben auf diesem Planeten für die Menschen, die bereits Leben, keinen Spaß mehr machen würde. Schon mit der Zukunftsperspektive Kind und Generationenvertrag gibt es einige Menschen, denen es total gleichgültig ist, wie sie mit unserem Planeten umgehen. Und diese Menschen wollen ihren Kindern sicher auch nichts Schlechtes. Wie aber würde eine Welt aussehen, in der es völlig egal ist, was du tust? Einfach, weil es kein morgen gibt?

Ich nehme an, dass es rücksichtslos werden würde und jeder ohne nach links und rechts zu sehen sein Ding durchziehen wird. Klimaschutzmaßnahmen? Wofür denn jetzt noch einschränken? Darunter leiden dann übrigens vor allem die, die am Ende bleiben: die Tiere. Denn es ist ihr Lebensraum, ihre Futterquelle, die langfristig zerstört wird. Durch Atomkriege, Abholzung und Bebauung.

Kinder sind der Motor der Veränderung, sie drücken nicht auf die Bremse

Ja, das eben gezeichnete ist ein Extrem-Szenario. Aber auch weniger dramatisch gedacht stellt sich mir ehrlich gesagt die Frage nach dem Sinn von Klimaschutzmaßnahmen und Verzicht, wenn ich es nicht für künftige Generationen mache. Dafür, dass es Perspektiven gibt. Ich bin da ganz bei dem Autor Jonathan Safran Foer, der in „Wir sind das Klima“ schreibt:

Es ist gar nicht der Planet, den wir retten wollen. Wir wollen das Leben auf dem Planeten retten – die Pflanzen, die Tiere und den Menschen.

Jonathan Safran Foer in „Wir sind das Klima“

Und dafür muss sich etwas ändern und ehrlicherweise muss man sagen, dass aktuell vieles in Bewegung ist: Klimaschutz wird (zugegeben auch notwendigerweise) so stark diskutiert, wie noch nie. Und der Motor dieser Diskussion? Das sind ganz eindeutig unsere Kinder. Sie sind es, die seit nunmehr einem Jahr als „Fridays for Future“ auf die Straße gehen und damit schon mehr als eine Millionen Menschen mobilisiert haben. Sie sind es, die Staats- und Regierungschefs in die Bredouille, in Erklärungsnot bringen, den Finger in die Wunde drücken und Veränderung aktiv befeuern wollen. Ihr Hauptargument? Es ist unsere Zukunft. Und dafür kämpfen wir. Hier sind sie wieder, die Zukunftsperspektiven. Sie sind es, die Veränderung bewirken. Ohne Perspektive gibt es kaum eine Motivation, etwas zu verändern.

Ja, wir können uns auch selbst abschaffen

Für den Planeten wäre es sicher das Beste, wir würden uns einfach selbst abschaffen. Dafür plädieren auch Gruppen wie VHMT, das Voluntary Human Extinction Movement. Mir ist dieser Ausblick aber ehrlich gesagt zu trist. Ich lebe gerne, ich habe Spaß und mag die Welt, den Planeten, die Natur. Ich möchte hier nicht über Sinn und Unsinn des Lebens diskutieren, aber ich bin ehrlicherweise gerne hier. Und ich wünsche mir, dass jeder Mensch auf dieser Welt das gleiche fühlen kann, wie ich. Deshalb lohnt es sich für mich, mich dafür einzusetzen, dass sich Arbeitsbedingungen verbessern, dass wir den Klimawandel eindämmen, damit niemand um sein Zuhause fürchten muss, dass wir faire Wege zu wirtschaften finden, dass wir uns ändern. Dass ich mich ändere und andere dazu auffordere, das auch zu tun.

Für mich ist die Tatsache, dass ich gerne lebe, Teil meiner Motivation dafür, mich zu engagieren. Ein anderer Teil ist, dass es ein morgen gibt, für mich und andere. Ein letzter Teil ist, dass es bald meine Tochter gibt.

Ich habe im Vorfeld viel zu diesem Thema gelesen. Einige schreiben, dass sie ohne Kinder mehr Zeit für politischen Aktivismus haben. Das mag für diese Personen persönlich zutreffen und ich finde es in Ordnung, wenn sich jemand so entscheidet. Aber ich finde, dass man erstens auch mit Kind politisch aktiv sein kann und dass Kinder – wie bereits beschrieben – die entscheidende Perspektive sind, die es für einen Wandel braucht.

Kann ich mit einem guten Gewissen ein Kind in diese Welt setzen?

Ich habe viele Nachrichten mit der Frage bekommen, ob ich es mit meinem Gewissen vereinbaren kann, meine Tochter in eine solche Welt zu setzen. Ja, ich leide unter Weltschmerz und Klimaangst. Erst gestern hatte ich zu diesem Thema eine verbale Auseinandersetzung, weil mich aktuell nichts wütender macht als die Tatsache, dass wir alle immer so unzufrieden mit unserem Leben sind, obwohl wir so verdammt privilegiert sind, was wir einfach nicht sehen. Und das auf Kosten von Menschen, deren Schmerz uns nicht zu interessieren scheint oder den wir zumindest billigend in Kauf nehmen. Wir beschweren uns über die Rente ab 67, aber könnten eigentlich froh sein, dass wir so lange so gesund sind, dass wir arbeiten können. Die Menschen, die die Hosen färben, die wir tragen, die werden nicht so alt.

Mein Schmerz ist da, und er ist groß.

Aber: Nur den Schmerz zu betrachten, das wird keine Änderung mit sich bringen. Im Gegenteil: Das lähmt den Aktivismus. Ich versuche, mich auf das Positive zu konzentrieren, die Perspektiven zu sehen, den Fortschritt und niemals die Hoffnung aufzugeben. Wenn wir alle die Hoffnung aufgeben würden und davon gelähmt den Leuten die Welt zur Gestaltung überlassen würden, die keinen Weltschmerz verspüren, was wäre dann? Ich glaube fest daran, dass wir etwas bewegen können. Gemeinsam. Sonst bräuchte ich diesen Text nicht schreiben, morgens nicht aus dem Bett steigen und keinen Aktivismus betreiben. Dann wäre alles sinnlos.

Aber ich mache weiter, weil ich noch nicht aufgeben will. Und ich gebe die Hoffnung nicht auf, weil ich das Leben liebe, ein positiver Mensch bin und an das Gute glaube. Auch, wenn es manchmal schwer ist. Und vor diesem Hintergrund habe ich ‚Ja‘ zu meinem Kind gesagt. Und ich werde alles dafür geben, dass meine Tochter eine lebenswerte Zukunft hat.

Ich habe mich nicht zuletzt für dieses Kind entschieden, weil ich mich darauf freue zu sehen, wie sie die Welt erkundet, sie zu schätzen und zu schützen lernt und dieses Wissen, diese Wertschätzung an Gleichaltrige weiter gibt. Sie wird Teil der Perspektive sein, die den ein oder anderen vom Wandel überzeugt, da bin ich mir sicher. Und vor allem anderen ist meine Tochter für mich nicht nur ein Posten in meinem persönlichen CO2-Budget, den ich gerne in Kauf nehme, sondern Liebe.

Apropos: Das ist kein Manifest dafür, dass alle Kinder bekommen müssen. Es ist mein persönlicher Weg, den ich in meinen Gedanken gegangen bin und den ich mit Euch teile. Jeder muss eine persönliche Entscheidung treffen, mit der er*sie selbst gut leben kann. Das ist das Wichtigste.


Im letzten Jahr hat sich klimapolitisch einiges getan! Was, das haben wir hier für Dich zusammengefasst.

6 thoughts

  1. Liebe Marisa, ich danke dir für deine Offenheit und Ehrlichkeit. Du findest Worte für Gedanken und Prozesse, die ich für mich noch nicht benennen konnte. Und auch ich habe ja zu meinem Kind gesagt, und auch wenn der Schmerz da ist, und auch groß ist, so ist die Liebe zu meinem Sohn noch größer und sie ist stark und immer präsent.

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  2. Das ist ein toller Text. Finde ich – eine, die auf ein kinderloses Leben eingestellt war, ohne Wehmut, dennoch Kinder bekam, und sie so gerne hat, dass sie jeden Tag missen würde. Die Angst war leichter ohne, der Schemrz auch, aber ich würde jederzeit denselben Deal eingehen. Es ist die Liebe zum Leben als solches. Machen wir das Beste draus! Geben wir alles. Und seien wir keine Memmen, denen es immer nur den eigenen Arsch geht. https://beatekalmbach.home.blog/2019/06/29/knick-es/

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  3. Danke dass du deine Gedanken in Worte gefasst hast und uns zur Verfügung stellst. Das hat mir sehr viel gegeben und meine Sicht klarer gemacht. Ich bin erst 20 Jahre alt und weiss noch nicht so genau wo ich in meinem Leben hin will und ob es da eigene Kinder gibt, aber dein Beitrag hat mich motiviert und ein klareres „so könnte mal sein“ in mir ausgelöst. Ich wünsche dir und deiner kleinen Familie alles Gute für die Zukunft. Wir werden die Veränderung antreiben die es so dringend braucht! 💗

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  4. Vielen Dank, dass du deine Gedanken hier geteilt hast. Du gehörst eindeutig zu den Menschen, die das Kinder bekommen nicht nur gut überlegt, sondern deutlich hinterfragt haben. Genau das fehlt mir bei dem Großteil der Bevölkerung! Denn nur wer das getan hat, kann sich bewusst dafür entscheiden und kennt die Konsequenzen.
    Natürlich können wir nicht alle aufhören, Kinder zu bekommen. Aber in Anbetracht der zu stark wachsenden Erdbevölkerung ist genau dieses Hinterfragen notwendig, um das Wachstum auf ein gesundes Niveau zu senken. Und dahin wirst du sicher auch andere inspirieren – Danke dafür!

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