„Klima-Angst“: Was sie ist und wie wir mit ihr umgehen können

Klima-Angst plagt immer mehr Menschen. Photo by Markus Spiske temporausch.com from Pexels

Greta Thunberg soll ihren Eltern zufolge jahrelang unter schweren Depressionen und einer Essstörung gelitten haben. Der Grund: Der drohende Klimawandel und die damit verbundenen Konsequenzen. Auch immer mehr Blogger*innen bekennen sich dazu, große Angst vor den Folgen des Klimawandels zu haben und sich in diesem Atemzug gelähmt zu fühlen. Wir bekommen inzwischen auch von unseren Leser*innen Zuschriften, in denen diese beschreiben, wie ihre Angst vor der Zukunft aussieht und die in diesem Atemzug nach Rat fragen. 41 Prozent der Deutschen gaben in einer Studie der R+V aus dem letzten Jahr an, Angst vor den Folgen des Klimawandels zu haben. Das Leiden scheint also groß zu sein, genau wie der Bedarf nach Linderung. 

Was also steckt hinter der „Klima-Angst“, wie die Furcht vor einem Kollaps der Umwelt gemeinhin bezeichnet wird? Und was kann man tun, um den eigenen Schmerz zu lindern? 

„A chronic fear of environmental doom” 

Die Klima-Angst oder Eco Anxiety, wie sie im englischsprachigen Raum bezeichnet wird, ist ein relativ junger Forschungsgegenstand. Deshalb mangelt es aktuell noch an eindeutigen Definitionen und Studien zu diesem Thema. Bisher widmeten sich Studien nämlich eher den physischen Folgen des Klimawandels für den menschlichen Körper, während die mentalen Folgen ausgeklammert wurden. Eine Ausnahme bildeten lediglich Extremwettereignisse, die einen direkten Einfluss auf das Leben der Menschen haben, wie beispielsweise Hurricanes. Hier wurde bereits bewiesen, dass sie einen Einfluss auf die mentale Gesundheit haben. So fasst die American Psychological Association (APA) den bisherigen Forschungsstand in ihrem Report „Mental health and our changing climate: impacts, implications and guidance” aus dem Jahr 2017 zusammen. 

Die APA definiert Eco Anxiety dort als „a chronic fear of environmental doom”, also als ständige Angst vor dem Untergang der Umwelt. Sie beschreiben in ihrem Report, dass unter anderem die Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten und Entscheidungen zu treffen, vom Klimawandel bedroht wird. Die Wissenschaftler*innen schreiben weiter, dass die Veränderung des Klimas dafür sorgen kann, dass Menschen sich in ihrem Alltag zu einem unterschiedlichen Grad bedroht fühlen und dadurch einem bestimmten Stresslevel ausgesetzt sind. Dieses, so die Wissenschaftler*innen der APA, kann auf Dauer zu einer Einschränkung der mentalen Gesundheit führen, bis hin zur Ausbildung von Depressionen und Angstzuständen. 

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Inzwischen häufen sich Berichte, die generell in Frage stellen, ob wir den Klimawandel überhaupt aufhalten können. Einige Studien sind da pessimistisch. Diese Nachrichten werden dir nun öfter begegnen. Darauf müssen wir vorbereitet sein, egal ob wir denken, dass das richtig ist oder nicht. Ein Fazit, das viele Menschen daraus ziehen, und was ja auch durchaus logisch klingt, ist, dass es dann sinnlos ist, sich noch zu engagieren. Dem ist nicht so. Im Gegenteil. Verstehe einen möglichen Kollaps nicht als diesen einen Tag, an dem plötzlich alles vorbei ist. So dramatisch die Aussichten auch sein mögen, die Erde und auch unsere Gesellschaft sind ein behäbiges System.  Psychologisch ist Aufgeben ein Problem: Wenn wir uns nicht mehr engagieren, werden wir den Rest unseres Lebens als gescheiterte Menschen verbringen, die irgendwie verloren haben. Und auch praktisch ist das ein Problem: Ohne Aktivismus wird alles schneller viel schlimmer als es sein müsste. Selbst wenn wir den Klimawandel nicht in seiner Ganzheit aufhalten können, dass wir ihn hinauszögern und abschwächen können ist logisch. Das ist zwar nicht unser eigentliches Ziel, denn wir wollen ihn ja komplett verhindern, aber es ist trotzdem ein Ziel. Eins an das man realistische Hoffnung knüpfen kann. Falls ein Kollaps bevorsteht macht das jeden Baum, jeden Liter sauberes Wasser und jeden Käfer sogar wertvoller. Jedes Stück Land, das wir nun schützen, kann in einigen Jahren dann noch fruchtbar sein. Jedes Gramm Abgas, das wir jetzt einsparen, kann uns den frischen Atemzug ermöglichen, den wir in ein paar Jahren dann benötigen. Je schlimmer die Situation wird, umso wertvoller wird dein Einsatz. Das gilt auch rückwirkend: Alles, was du schon fürs Klima getan hast, gewinnt so nachträglich an Wert. Dafür darfst du dich sehr gern bei dir bedanken. Je trüber die Aussicht, umso klarer sollte also deine Motivation sein. Auch wenn das im Alltag schwer scheint. Es ist leicht, enttäuscht und frustriert aufzugeben. Aber das ist psychologisch als auch ganz praktisch gesehen kein guter Weg und nicht nötig. Du hast schon jetzt einen wertvolleren Beitrag geleistet, als du denkst und dieser Wert steigt konstant. Danke dafür!

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Keine Krankheit, sondern eine gesunde Reaktion

Kein Wunder also, dass das Phänomen „Klima-Angst“ immer größer auf den Agenden der Psycholog*innen wird. Im Oktober erst traf sich eine Gruppe von Therapeuten rund um die UK Council for Psychotherapy (UKCP) in London, um über den Umgang mit der Klima-Angst zu sprechen. In ihrer Eröffnungsrede stellte Geschäftsführerin Sarah Niblock klar, dass man den Begriff Eco Anxiety nicht falsch verstehen dürfe – es handele sich nicht um eine Krankheit, sondern um eine gesunde Reaktion.

Diese Auffassung vertritt auch Autor Jan Lenarz. „Die potentielle Bedrohung ist ja auch enorm. Sogar Grundbedürfnisse wie Sicherheit, Nahrung und Wasser sind konkret bedroht. Da man der Thematik nicht entgehen kann ist auch die Angst omnipräsent“, erklärt Lenarz. Er hat sich die letzten Monate sehr intensiv mit dem Thema Klima-Angst auseinandergesetzt, da er gerade an einem Buch zu diesem Thema arbeitet. Erscheinen soll es im Frühjahr. 

Unter Klima-Angst leidet jede*r, die*der sich konstant um das Klima sorgt, sich diese Gedanken ständig wiederholen ohne einen richtigen Abschluss zu finden, sie schon durch kleine, alltägliche Begebenheiten aktiviert werden können (wie die Freundin, die eine Einwegbecher benutzt) und dadurch ein hoher Leidensdruck bis zur Handlungsunfähigkeit entsteht. Sobald das Funktionieren im Alltag dadurch massiv eingeschränkt wird müsste man von einem pathologischen Zustand sprechen. Aber Klima-Angst ist erst mal keine offizielle Diagnose oder Erkrankung per se.

– Jan Lenarz, Autor

Worauf genau sich die Angst beziehe, das sei individuell, so Lenarz. „Manche haben ganz einfach Angst um ihr eigenes Leben oder das ihrer Familie, andere verzweifeln an der Untätigkeit von Politik und Wirtschaft, wiederum andere prägt die Wut auf ihre Mitmenschen, denen das Thema scheinbar egal ist. Dazu kommt die Scham, das ja jeder selbst durch Konsum Teil des Problems ist. Die Problematik ist so komplex und allgegenwärtig, dass ein Gefühl der konstanten Überforderung nicht unüblich ist“, erklärt er. Das Ergebnis seien Menschen, die sich machtlos und handlungsunfähig fühlen – und das münde in einen Zustand der dauerhaften, emotionalen Erregung.

Mit der Angst vor dem, was kommt, umgehen lernen

Aktuell gibt es keine Therapieform, die sich speziell an Menschen, die unter Klima-Angst leiden, richtet. Ob sich so etwas in Zukunft entwickeln wird, ist schwer zu sagen. Vor allem, da es sich nicht um eine Krankheit, sondern eine gesunde, mentale Reaktion handelt. Im UK bietet Extinction Rebellion bereits heute sogenannte „Grief Tending Workshops“ an, um die Ängste in der Gruppe zu verarbeiten. Sowas ist sicher auch bei uns denkbar. Bis dahin kann man sich aber anders behelfen. 

Jan Lenarz rät, zunächst das konkrete Problem zu betrachten: Was macht mir eigentlich Angst? Oft helfe es schon zu verstehen, dass es sich nicht um eine Krankheit, sondern um eine nachvollziehbare, logische Reaktion auf eine echte Bedrohung handelt. „Als zweiter Schritt ist es wichtig, den riesigen Brei an negativen Emotionen auseinander zu nehmen und jedes Gefühl getrennt zu analysieren. Wer keine Hoffnung mehr hat sollte sich zum Beispiel fragen, worauf sie*er denn überhaupt hofft“, so Lenarz weiter. Hier sei es wichtig, konkrete Hoffnungen statt Traumbilder zu formulieren. Sonst hätten die eigenen Hoffnungen keine Chance, sich zu erfüllen. 

Wenn wir jede positive Entwicklung sofort als komplett nichtig abtun, tun wir uns keinen Gefallen. Das Mindset dahinter ist ehrenvoll, nämlich dass so große Probleme radikale Maßnahmen erfordern. Aber es geht in meiner Arbeit eben um die mentale Gesundheit, nicht um die wirkungsvollsten Maßnahmen für Umweltschutz.

– Jan Lenarz, Autor

Wichtig sei es außerdem, positiv zu bleiben. „Wir werden uns noch viele Jahre mit dem Klima beschäftigen. Alles was unserer psychischen Widerstandsfähigkeit hilft, hilft uns auch, langfristig aktiv zu bleiben. Eine verbitterte Klimaschutzbewegung ist kontraproduktiv“, konstatiert Jan Lenarz. Dazu gehöre es auch, sich von einem negativen Weltbild zu verabschieden und davon abzusehen, Menschen als grundsätzlich böse einzuordnen. Das verhelfe nämlich weder zu mehr Umweltschutz, noch sei es gut für die eigene, mentale Gesundheit. Förderlich sei es hingegen, auch mal abzuschalten und Abstand zu den ganzen schlechten Nachrichten zu nehmen. „Sich nur zu bestimmten Zeiten nüchtern über den aktuellen Stand zu informieren ist kein ‚Verrat an der Sache‘, wie viele Aktivist*innen oft glauben, sondern einfacher Selbstschutz“, so Lenarz abschließend.

Eine gesunde Einstellung, wie wir finden. 


Ihr habt Lust, euch noch tiefgehender mit dem Thema Klima-Angst auseinander zu setzen? Im Frühjahr erscheint Jan Lenarz‘ Buch zu diesem Thema. Mehr Informationen dazu findet ihr hier. Der newscientist hat außerdem acht weitere Tipps zum Umgang mit Klima-Angst gesammelt.

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