Rezension: ‚No Car‘ von Salomon Scharffenberg

Eine Gesellschaft ohne Autos? Für Autor Salomon Scharffenberg ein guter Gedanke. Foto von Kaique Rocha von Pexels

Das Auto ist das Symbol eines Lebensstils, der untragbar ressourcenintensiv ist.

– Salomon Scharffenberg, Einleitung

‚No Car‘ von Salomon Scharffenberg will, wie der Autor es selbst beschreibt, ein provokanter Beitrag zu der Frage sein, wie zukunftsfähige und verantwortliche Mobilität aussehen kann. Getreu des Titels des Buches lautet die Antwort für Scharffenberg: Ohne Auto. Auf rund 200 Seiten widmet er sich verschiedensten Aspekten der Mobilität von morgen, darunter autonomes Fahren, Elektromobilität, Flächenverbrauch und Abgase. Am Ende jedes kleinen Kapitels kommt er dabei immer zum gleichen Schluss, nämlich, dass wir ohne Auto langfristig besser dran sind.

Das Auto ist ineffizient

An Argumenten, die seine These stützen, mangelt es Salomon Scharffenberg bei weitem nicht. Angefangen damit, dass das Auto ein ziemlich ineffizientes Fortbewegungsmittel ist – schließlich wird ein Großteil des Kraftstoffs darauf verwendet, bloß das Verkehrsmittel von A nach B zu bringen, nicht den Fahrer – diskutiert er in ‚No Car‘ verschiedene (Negativ-)Aspekte der individuellen Automobilität. Denn, so Scharffenberg, in der westlichen Welt können wir uns diesen Lebensstil nur leisten, weil vor allem im globalen Süden ein deutlich niedriger Wohlstandsstandard herrscht. Würden die gesamte Menschheit so viele Autos pro Kopf besitzen, wie wir Deutschen, dann würden unsere Ressourcen an Aluminium, Öl & Co., die wir jährlich fördern, schlichtweg nicht ausreichen, um den Bedarf zu decken, den es global gesehen gebe. Er legt eindrucksvoll dar, warum sich die Automobilindustrie selbst abschafft, unter anderem nämlich durch das autonome Fahren. Schließlich, so der Autor, sei Autofahren eine sehr emotionale Geschichte – und das falle durch Assistenzsysteme weg. Diese und viele weitere Argumente lassen für Scharffenberg nur eine Schlussfolgerung zu, nämlich, dass die Gesellschaft der Zukunft ohne Autos funktionieren wird und muss.

Schön, könnte man denken, dann regelt sich das ‚Problem‘ von selbst. Mit der schrittweisen Verteuerung der Autos gehen aber viele soziale Probleme einher. „Am Ende führen nur noch Porsche“, schreibt Scharffenberg im Kapitel ‚Ungerechtigkeiten‘ dazu. Deshalb plädiert er für eine schrittweise Abschaffung der Autos von staatlicher Seite. Das wäre planbar, und zwar für alle Beteiligten.

Würden tatsächlich im Jahr 2050, dem Jahr der CO2-Wende, 40 Millionen Autos mit Elektromotor auf deutschen Straßen unterwegs sein, brächte das in Sachen Klimaschutz gar nichts.

Salomon Scharffenberg, ‚Elektromobilität‘

Wie aber sieht es mit Alternativen zu Benziner und Diesel aus, wie dem hoch gelobten Elektroauto? Auch hier öffnet Scharffenberg seinen Leser*innen die Augen: Elektroautos sind nicht die Zukunft. Dazu verbrauchen sie selbst in der Herstellung viel zu viele Ressourcen und auch die CO2-Bilanz sieht nicht unbedingt so berauschend aus, wie man es vielleicht vermutet hätte. „Lokal emissionsfrei“ nennt der Autor E-Autos hämisch. Denn das, was durch den Batterieantrieb an Emissionen gespart wird, fällt an anderer Stelle in der Produktion an. 20 Gramm CO2 pro Kilometer – das spart ein E-Auto im Durchschnitt ein. Nicht gerade das, was sich Verfechter*innen erhofft hatten. Das liegt aber laut Scharffenberg nicht zuletzt daran, dass E-Autos nicht anders gedacht werden, als klassische Fahrzeuge. Als Positivbeispiel nennt der den Renault Twizy.

Sein Wunsch: Die ‚Fahrrad-Eisenbahn-Gesellschaft‘

Statt weiter an E-Autos zu tüfteln und die Infrastruktur für den motorisierten Individualverkehr weiter auszubauen, was jedes Jahr unheimlich viel Fläche vernichtet, schlägt Salomon Scharffenberg vor, die Gelder in die Infrastruktur für Fahrrad und Eisenbahn zu stecken. Die Alternativen zum Auto existierten nämlich schon, man müsse sie nur nutzbar und alltagstauglich machen. In der Vergangenheit ist aber das Gegenteil der Fall gewesen: Bahnstrecken wurden still gelegt, lokale Logistikzentren für den Güterverkehr per Schiene still gelegt. Was wir davon gewinnen können? Einiges, von Raum für Natur und Erholung bis hin zu Gesundheit ist die Bandbreite an positiven Effekten groß. Was dem im Weg steht, das scheint ganz relativ klar die Politik zu sein. Zumindest bekommt man diesen Eindruck, wenn man liest, was Verkehrsminister Scheuer von einem Tempolimit hält: Nämlich, dass die Vorschläge „gegen den gesunden Menschenverstand gerichtet“ seien. Paradox, bei 3000 Verkehrstoten jährlich, von denen ein nicht unbeträchtlicher Teil auf das Konto von Rasern geht.

Fazit: Die Bereitschaft, aufs Auto zu verzichten, wächst mit jeder Seite

Cover: oekom Verlag.

Während man am Anfang der Lektüre noch verhältnismäßig skeptisch bei dem Gedanken an eine Welt ohne Autos ist, hat man am Ende des Buches den Eindruck, dass es möglich, wichtig und gut ist, wenn die motorisierten Blechbündel von den Straßen verschwinden und Platz für die nachhaltige Mobilität der Zukunft machen. Auch, wenn einige offene Fragen bleiben, wie zum Beispiel, wie Leute mit Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit sich fortbewegen sollen (beispielsweise ältere Menschen), scheint die zunächst als Utopie wahrgenommene Forderung Scharffenbergs plötzlich realistisch umsetzbar. Lösungen für die kleinen Probleme, die wir als Gesellschaft in Sachen Mobilität in einer Zukunft ohne Autos noch haben werden, werden sich finden – so viel Zuversicht darf und muss sein. Denn ohne wird eine Verkehrswende nicht gelingen. Vor allem, wenn man sich nicht die bloße Ersetzung eines Autos durch ein andere vor nimmt, sondern eine ganze Gesellschaft zum Umdenken bewegen will.

‚No Car‘ von Salomon Scharffenberg ist eine Leseempfehlung für alle, die bereit sind, sich gemeinsam Richtung Zukunftsfähigkeit zu bewegen – und vielleicht gerade auch für die, die es noch nicht sind. Denn das Buch liefert genug Gründe, es zu tun.


‚No Car‘ von Salomon Scharffenberg ist im oekom Verlag erschienen. Mehr Rezensionen findet ihr hier.

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