Rezension: ‚Unfair Fashion‘ von Dana Thomas

Das, was heutzutage praktiziert wird, ist vor allem eins: Unfair Fashion. Foto: cottonbro von Pexels

Paradoxerweise kann Technologie die Textil- und Bekleidungsindustrie in etwas verwandeln, das persönlicher und ethischer ist.

– Dana Thomas, Kapitel ‚Rightshoring‘

‚Unfair Fashion‘ von Dana Thomas widmet sich detailliert und gut recherchiert den schmutzigen Seiten der Modeindustrie: Vom Baumwollanbau über den Prozess des Färbens bis hin zu den Sweatshops in LA. Dabei lässt sie keinen Zweifel daran aufkommen, dass dieses Geschäftsmodell ausgedient hat. Gleichzeitig erzählt Thomas die Geschichten von Visionären, die etwas in der Modeindustrie verändern wollen und ihren ganzen Mut zusammen genommen haben, um Probleme anzupacken, deren Lösung bis zu diesem Zeitpunkt weit entfernt schien.

Zu viel, zu schnell, zu billig

Warum wird eigentlich ständig über die Zustände der Textilindustrie geschimpft, wenn es doch unzählige andere Branchen gibt, in denen ähnlich prekäre Zustände herrschen? Ganz einfach: Weil jeder 6. Arbeitsplatz weltweit in der Textilbranche angesiedelt und sie damit der größte Arbeitgeber ist, aber nur zwei Prozent der Arbeitenden ein Gehalt oberhalb des Existenzminimums erhalten. Dana Thomas lässt keinen Zweifel daran, warum wir uns mit unfair Fashion auseinandersetzen müssen. Um ihre Forderung zu untermauern portraitiert sie gleich zu Beginn einen, der Fast Fashion auf die Spitze der Perversion getrieben hat: Amancio Ortega. Gründer der Zara-Mutter Inditex und gleichermaßen Erfinder des Geschäftsmodells der „Instant Fashion“, wie er selbst seine für ihn äußerst profitable Geschäftspraktik bezeichnet. So wie Ortega nimmt Thomas einige der wichtigsten Figuren der globalen Textilindustrie in den Blickpunkt, über die man sonst wenig liest. So auch den Inhaber des Rana Plaza Gebäudes, das 2013 kollabierte und damit die bis dato größte Katastrophe innerhalb der Textilindustrie verursachte.

Dabei richtet die Autorin ihren Blick keineswegs nur auf die negativen Seiten der Textilindustrie, sondern widmet sich auch ausführlich denjenigen, die Lösungen anbieten und es anders machen wollen. Dazu gehören auch Unternehmen wie English Fine Cottons, die Rightshoring betreiben. Rightshoring meint das Zurückholen von Industriezweigen ins Inland mithilfe von modernster Technologie. So verarbeitet English Fine Cottons Baumwolle (die aber nicht aus dem Vereinigten Königreich stammt) vor Ort zu Garn oder Jersey, der dann von heimischen Designer*innen genutzt wird. Möglich machen das modernste Maschinen, die die Produktion im Inland wieder effizient und profitabel machen. So werden zwar nicht viele Arbeitsplätze geschaffen – aber die, die entstehen, sind dafür gut bezahlt.

Thomas geht das Thema anders an

Dass Dana Thomas von Haus aus Journalistin ist und unter anderem für das New York Times Style Magazine und die Vogue geschrieben hat, merkt man ihr an: Im Vergleich zu anderen Autor*innen, die sich dem Thema ‚faire Mode‘ widmen, spiegelt sich in ihrer Wortwahl und in ihrer Herangehensweise an das Thema ihr Hintergrund als Kennerin der ‚High Fashion‘-Szene. Sie thematisiert beispielsweise den Hype um Selvedge Jeans in Japan, spricht mit Stella McCartney und Mary Katrantzou (die Luxus-Marken sind in den meisten Büchern rund um dieses Thema eher Nebensache) und besucht die Premiere Version in Paris. Diese Zugänge und Perspektiven bleiben einem als Leser anderer Autor*innen meist verwehrt. Thomas setzt ihre Kontakte und ihr Wissen um die Szene in ‚Unfair Fashion‘ gekonnt ein, um ein (ganzheitliches) Bild der Modewelt zu zeichnen – ihr ganz persönliches Bild. Das zumindest ist der Eindruck, den man als Leserin gewinnt: Dana Thomas‘ Handschrift prägt ‚Unfair Fashion‘. Und zwar ohne, dass sie sich selbst in den Vordergrund stellt.

Die Modebranche schlich sich auf Zehenspitzen in das Reich der Nachhaltigkeit. Doch viele dieser Vorstöße waren nichts anderes als Grünfärberei – die Mogelpackung, die Unternehmen umweltfreundlicher aussehen lässt, als sie in Wirklichkeit sind.

– dana thomas, Kapitel ‚We can work it out‘

Fazit: Sehr empfehlenswert

‚Unfair Fashion‘ von Dana Thomas ist ein gelungenes Gesamtwerk, welches aus zweierlei Gründen für eine*n deutschen Leser*in besonders interessant ist: Einmal wird vor allem die Industrie in den USA in den Blick genommen, was eine eher ungewohnte Perspektive sein kann, je nachdem, wen man vorher gelesen hat. Und zweitens erhält man einen Einblick in die aufregende und irgendwie fremde Welt der Haute Couture, die man sonst nur von Berichten über die Fashion Week kennt. Es macht Mut zu lesen, was Stella McCartney schon forcieren konnte und Hoffnung darauf, dass andere Akteure der Szene ihre Macht ähnlich positiv nutzen, damit diejenigen, die die Basis der textilen Wertschöpfungskette bilden, endlich menschenwürdig behandelt werden. Thomas rechnet ab – mit unserem liebsten Material, der Baumwolle, mit den bisherigen Verbesserungen in punkto Arbeitssicherheit und nicht zuletzt mit der Art und Weise, wie wir mit unseren Altkleidern umgehen. ‚Unfair Fashion‘ liest sich wie eine einzige, große und gut recherchierte Reportage und erzählt Geschichten, die haften bleiben. Aus diesem Grund gibt es für ‚Unfair Fashion‘ eine große Empfehlung von unserer Seite!


‚Unfair Fashion‘ von Dana Thomas erschien im Riva Verlag. Mehr Artikel rund um das Thema Fair Fashion findest Du hier.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s