Fünf Materialien, die die Modewelt revolutionieren werden

Von diesen fünf Materialien könnten wir in Zukunft einiges hören. Foto: Pixabay auf Pixels.

Wie lange können wir uns die Modeindustrie, wie wir sie kennen, noch leisten? Diese Frage scheint mehr als berechtigt vor dem Hintergrund, dass viele Textilien heute aus Fasern bestehen, für deren Herstellung mit Erdöl eine endliche Ressource benötigt wird, und zahlreiche Materialien, wie zum Beispiel Pelz und Leder, durch die Ausbeutung und Tötung von Tieren gewonnen werden. Das alles wäre nur halb so schlimm, wenn wir anders mit unserer Kleidung umgehen würden. Eine Studie von Greenpeace hat ergeben, dass alleine in Deutschland rund zwei Milliarden Kleidungsstücke ungenutzt in Kleiderschränken liegen. Die meisten Kleidungsstücke behalten wir aber ohnehin nur bis zu drei Jahre. Danach landen sie meistens im Müll oder im Altkleidercontainer.

Kleidung hat ihren Wert verloren, und das ist ein riesiges Problem: Für die Arbeiter*innen, die unter furchtbaren Bedingungen arbeiten müssen, damit der Preis niedrig gehalten werden kann, aber auch für die Umwelt, da umweltschonende Praktiken kostenintensiver sind. Denn in einem System, dass nur auf Gewinnmaximierung ausgelegt ist, spielen Ethik und Moral eine untergeordnete Rolle. Hier geht es darum, Kosten einzusparen – unabhängig davon, ob wir den Preis dafür an anderer Stelle zahlen.

Die Crux: Den Preis zahlen nicht wir, die die Kleidung tragen, sondern diejenigen, die in den Fertigungsländern leben und seit jeher ausgebeutet werden. Die Flüsse, ihre Trinkwasserquelle, werden beispielsweise durch den Vorgang des Färbens mit Schwermetallen verunreinigt. Die Arbeitenden auf Baumwollfeldern erkranken mitunter daran, dass Pestizide während ihrer Arbeitszeit mit Flugzeugen auf den Feldern aufgebracht werden, zu sehen unter anderem in THE TRUE COST. Der Film von Andrew Morgan aus dem Jahr 2015 nimmt die Modeindustrie und die ‚Kosten‘, die die billige Mode an anderer Stelle als unserem Geldbeutel verursacht, unter die Lupe. Eine große Empfehlung, falls ihr mehr über dieses Thema erfahren wollt.

Pointiert ausgedrückt heißt das, dass es viele Gründe gibt, die Zukunftsfähigkeit der Modeindustrie, wie sie heute existiert, anzuzweifeln. Deshalb suchen viele kluge Köpfe schon heute nach Lösungen, wie ein Wandel in der Modeindustrie gelingen kann. Ein Weg, das Fashion Business nachhaltiger und fairer zu gestalten, kann der Einsatz neuartiger Materialien sein. Die Gründe dafür sehen unterschiedlich aus: Einige Materialien können den Einsatz tierischer Rohstoffe stoppen, andere wiederum sorgen dafür, dass kein neues Rohöl für die Produktion von Fasern angewandt wird. Eines haben alle fünf gemeinsam, nämlich, dass wir in Zukunft sicher einiges von ihnen hören werden.

ECONYL: Regeneriertes Nylon

Ein Paradebeispiel dafür, wie ein geschlossener Produktkreislauf aussehen kann, ist ECONYL. Die Faser wurde 2011 von Aquafil entwickelt und wird heute schon in vielen Bereichen, wie zum Beispiel nachhaltiger Bademode, eingesetzt. ECONYL ist regeneriertes Nylon, das aus Abfällen gefertigt wird, die beispielsweise von Deponien oder aus den Weltmeeren stammen, wie alte Fischernetze. Diese Abfälle werden im ersten Schritt gereinigt und sortiert. In einem umfassenden Regenerationsprozess wird das Nylon dann wieder in seine ursprüngliche Form zurückgeführt. ECONYL und Nylon sind absolut gleichwertig – deshalb ist das Produkt auch ein großer Gewinn für die Modewelt. Es kann immer wieder und wieder recycelt werden, sodass es theoretisch nicht nötig ist, neues Nylon zu produzieren.

Hier findet man es: Beispielsweise in der Bademode von erlich Textil.

Nucyl: Garn aus alten Textilien

In unseren Kleiderschränken liegen mit ungenutzten Kleidungsstücken tonnenweise Ressourcen, die im Moment ungenutzt bleiben. Evrnu will das ändern. Dafür sammelt die Firma alte Kleidung und sortiert sie zunächst. Im zweiten Schritt werden diese geschreddert und mithilfe eines Lösungsmittels zu einer neuen Faser verarbeitet. Diese wird dann zu einem Garn gesponnen – Nucyl. Die Faser kann mehrere Male regeneriert werden. „Single-life textiles are a multi-life resource“, heißt es dazu auf der Website von Envru. Ähnlich wie ECONYL ist ein entscheidender Vorteil des Garns also, dass es nicht an Wert verliert, sondern bei gleichbleibender Qualität regeneriert werden kann.

Hier findet man es: Zum Beispiel im Adidas by Stella McCartney Infinite Hoddie

Microsilk: Seide aus dem Labor

Seide ist ein tierisches Produkt. Für die Gewinnung der edlen Faser werden zumeist Tiere, nämlich die Larven der Seidenspinner, getötet. Es gibt zwar auch sogenannte Peace Silk, bei der die Tiere leben dürfen, aber das ist die Ausnahme. Die vom Biotechnologie-Unternehmen Bold Threads entwickelte Spinnseide kommt garantiert ganz ohne Tierleid aus – denn die Faser kommt aus dem Labor. Als Vorbild diente den Wissenschaftlern der Abseilfaden der Goldenen Seidenspinner, da dieser ihrer Meinung nach der stabilste Faden war und die besten Eigenschaften mit sich brachte. Die DNA-Sequenz, die für die Produktion dieses Fadens zuständig ist, wird im Labor von Genetikern nach- und dann in Hefe eingebaut. Die Hefe wird dann mit Zucker und Wasser gefüttert, sodass die Seide wächst. Einige Verarbeitungsschritte später ist die künstliche Seide in Form eines Pulvers einsatzbereit. Wird das Garn benötigt, wird das Pulver zu einer dickflüssigen Masse angerührt und durch eine sogenannte Spinndrüse gepresst. Im wässrigen Bad geronnen, muss sie anschließend noch gefärbt werden. Am Ende steht ein Produkt, das vom Original kaum zu unterscheiden ist – vegan und biologisch abbaubar.

Hier findet man es: Best Made Co. Mützen, Adidas x Stella McCartney Tennis Dress

Autorin Marisa hat für ihren Podcast Fairquatscht schon mit einem Seiden-Experten über die Faser gesprochen.

Mylon: Leder aus Pilzen

Ebenfalls von Bold Threads produziert wird Mylon, eine vegane Alternative zu Leder. Dafür werden Myzel-Zellen von Pilzen eingesetzt. Diese findet man in den unteririschen Wurzeln von bestimmten Pilz-Arten. Die Zellen wachsen auf einer Art Tablett zu einem dreidimensionalen Konstrukt an und werden dann von Bold Threads verarbeitet: Pressen, Färben, Gerben. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Es sieht Leder zum Verwechseln ähnlich, natürlichen Ursprungs, aber frei von Tierleid.

Hier findet man es: Driver Bag aus der Kollektion des Designers Chester Wallace

Zoa: Leder aus dem Labor

Ähnlich wie bei Microsilk spielt auch bei Zoa Hefe eine entscheidende Rolle: In diesem Fall produziert sie aber nicht die Fäden des Seidenspinners, sondern Kollagen. Darauf haben sie die Biochemiker von Modern Meadows sozusagen „programmiert“. Kollagen ist der Stoff, aus dem unsere Haut, und damit auch die von Tieren, besteht. Biofabrikation nennt man das. Nach der Weiterverarbeitung der Kollagen-Hefe-Mischung entsteht ein Material, das echtem Leder biologisch gesehen sehr gleicht, und auch optisch sieht es Leder zum Verwechseln ähnlich. Auch hier findet eine Art Kerbung statt, allerdings frei von Chrom, wie es in der Lederindustrie häufig der Fall ist. Insgesamt dauert die Produktion von Zoa rund zwei Wochen.


Mehr Artikel rund um das Thema Mode findet ihr hier.

One thought

  1. Liebe Marisa, vielen Dank für diesen informativen Beitrag. Das klingt ziemlich spannend und macht Hoffnung! Ich werde mal Ausschau halten nach den Textilien, ich bin neugierig, wie sie sich anfühlen.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s