Der Weg zur Kreislaufwirtschaft: Sind Pfandgläser die Lösung?

Die Pfandgläser sind auf dem Vormarsch! Auch Tee gibt es nun in Glas mit Pfand, zum Beispiel von KARMAKOLLEKTIV. Foto von Olenka Sergienko von Pexels

Anzeige, die Tees wurden der Redaktion zum Testen zur Verfügung gestellt

Eckes-Granini Geschäftsführer Kay Fischer investierte letztes Jahr rund 15 Millionen Euro in eine neue Abfüllanlage, die es ermöglichen soll, dass deutlich mehr Glaspfandflaschen abgefüllt werden können. Nachhaltigkeit soll den Kunden immer wichtiger werden, sagte Fischer. Und er hat Recht: 2018 wuchs der Absatz von Glasflaschen um einen Prozentsatz im zweistelligen Bereich, die Welt spricht in einem Artikel von 2019 vom „Comeback der Glasflasche“.

Der Trend in der Getränkeindustrie macht sich auch in anderen Bereichen der Lebensmittelbranche bemerkbar. Darüber hatten wir bei EKOLOGISKA schon im Mai berichtet. Fast alles kann man mittlerweile im Glas kaufen. Vor allem in Bioläden ist das sichtbar: Hier finden sich nicht nur die typischen Vertreter wie Nudelsauce, Pesto und Co. im Glas wieder, sondern auch Nüsse, Eiscreme und auch Tee und Kaffee kann man jetzt im Glas kaufen. 

Während große Unternehmen wie Eckes-Granini Millionen in den Umstieg investieren, tauchen auch vermehrt neue Start-Ups auf.  Dazu gehört auch KARMAKOLLEKTIV aus Berlin. Erst 2019 fing das junge Unternehmen mit zunächst nur drei Teesorten an: Berlin Chai, Mate und Hanf. Mittlerweile bietet das Start-Up auch Kaffee, Espresso und das nötige Zubehör an. Seit Neustem gesellen sich außerdem drei weitere Sorten Tee dazu: Griechischer Bergtee, Fenchel-Anis-Kümmel und — Deutschlands Lieblingstee — Kamille. Statt den typischen Plastik -oder Papier-Verpackungen, kommt der Tee in luftdichten Einmachgläsern, für die es auch 15ct Pfand pro Stück gibt. Zurückbringen kann man diese an nahezu jedem Pfandautomaten.

Die Idee, die dahinter steckt, ist eigentlich schon seit den 1990er Jahren im Deutschen Gesetz verankert: Kreislauf- statt Linearwirtschaft.

Linear- und Kreislaufwirtschaft — Wie funktioniert’s und was bedeutet es?

Unter Kreislaufwirtschaft versteht man Produktionsprozesse, die darauf ausgelegt sind Waren herzustellen, die wiederverwendbar sind. Ganz lange baute unsere Wirtschaft fast ausschließlich auf die lineare Strategie: Auf Produktion folgt die Nutzung und dann die Entsorgung auf der Deponie – Wiederverwendbarkeit, Ökologie und Nachhaltigkeit, werden bei der Produktion nicht berücksichtigt.

In den 1980er Jahren wuchsen die Müllberge in Deutschland aber so extrem, dass die Kommunen der Müllentsorgung nicht mehr nachkommen konnten und so wurden die ersten Gesetze erlassen, die Abfüller und Hersteller von Verpackungswaren dazu verpflichteten, sich nicht nur um die Produktion ihrer Waren, sonder auch um deren Entsorgung zu kümmern. Das Ergebnis dieser Maßnahmen konnte sich sehen lassen: Die Müllproduktion ging um 15% zurück, während die Wiederverwendbarkeit der Verpackungsmaterialen um 60% bis 80% stiegen. Und das, obwohl heute gefühlt immer noch jeder zweite Artikel in nicht-wiederverwertbares Plastik eingepackt ist. 

1996 wurde dann das Kreislaufwirtschaftsgesetz erlassen, das Förderungen für Ressourcenschonende Produktion und Wiederverwertbarkeit vorsieht. Das ist auch der Kern der Kreislaufwirtschaft: Sie ist so ausgelegt, dass bereits im Produktionsstadium der Waren an ihre potenzielle Wiederverwertbarkeit gedacht wird. Abfall soll also ein vernachlässigbares Nebenprodukt sein, nicht das geplante Ziel.

Seit der Einführung des Gesetzes entwickelt sich die Gesellschaft in eine stets bessere Richtung — auch wenn es im Moment nicht so aussehen mag — die Produktion von Abfall hat tatsächlich enorm abgenommen. Zum ganzheitlichen Umstieg braucht es aber noch mehr: Durch Abfallvermeidung, Ökodesign, Wiederverwendung und ähnliche Maßnahmen würden Unternehmen in der EU 600 Milliarden Euro jährlich einsparen und gleichzeitig die Treibhausgasemissionen um zwei bis vier Prozent reduzieren, so das Europäische Parlament. Das entspricht dem Volumen der Rettungsfonds für Großunternehmen, die die Regierung Anfang der Corona-Krise beschlossen hat. Und trotzdem würde es zu einer Zunahme an Arbeitsplätzen führen: Allein 170 000 direkte Stellen für das Management von Abfall würden geschaffen werden. 

Leider ist das Einzige, was sich wirklich im Kreis dreht: Nämlich die Diskussion und nicht die Wirtschaft selbst. 

Und wie spielt jetzt Tee mit rein?

Tee gehört zu den Lieblingsgetränken der Deutschen und wird größtenteils importiert — hier sind nicht wir, sondern Kenia Exportweltmeister mit 493 Tausend Tonnen allein im Jahr 2018. Pro Kopf werden in Deutschland circa 28 Liter jährlich getrunken, Tendenz steigend. Viele greifen gern zu Beuteln statt zu losem Tee. Bei KARMAKOLLEKTIV wird der Müll durch die Teebeutel vermieden und stattdessen auf lose Teeblätter gesetzt, was weitere Vorteile hat: Einmal entgeht man so dem großen Mülltrennungs-Rätsel, weil man sich keine Gedanken drum machen muss, wo man die Teebeutel entsorgt. Papier und Schnur gehören übrigens ins Altpapier, die Klammer am Beutel in den gelben Sack und der Beutel mit Inhalt in die Biotonne. Hinzu kommt, dass der Geschmack des Tees im Glas auch länger erhalten bleibt, als in den Beuteln. So lässt sich der Weihnachtstee vom Vorjahr immer noch genießen, was unter Umständen Lebensmittelabfall spart. Ein weiterer Faktor, der einem durch losen Tee erspart bleibt: Mikroplastik, welches beispielsweise in den Teebeuteln von bekannten Marken enthalten ist. So landen rund 16 Mikrogramm Kunststoff in einer Tasse Tee, wie Forscher aus Kanada herausfanden. Durch Tee im Pfandglas leistet man also nicht nur einen Schritt auf dem Weg zur Kreislaufwirtschaft, sondern tut mitunter auch der eigenen Gesundheit etwas Gutes.

Das alles hat aber auch seinen Preis: 5,92€ pro 100g  zahlt man bei KARMAKOLLEKTIV. Zum Vergleich: Teekanne verkauft den Tee in Beutelform für 2,31€ pro 100 Gramm. Das ist natürlich mehreren Faktoren geschuldet. KARMAKOLLEKTIV achtet auf fairen Handel, Nachhaltigkeit und Inklusion. Und auch die Produktionszahlen sind wichtige Einflussfaktoren auf den Preis: Massenproduktion ist nunmal billiger als die Produktion kleiner Mengen. Es wird wohl einige Zeit dauern, bis biologisch angebaute und nachhaltig verarbeitete Produkte jeder Einkommensklasse zugänglich sind. Das gehört auch zur Wahrheit dazu. 

Geschmacklich haben die Tees von KARMAKOLLEKTIV die Redaktion übrigens überzeugt. Obwohl Redakteurin Jona bei Kamille keinen Unterschied zu ihrem üblichen Tee feststellen konnte, war sie von dem Fenchel-Anis-Kümmel und dem Griechischen Bergtee ziemlich begeistert. Anis kommt bei dem Beutel-Tee oft nicht gut zur Geltung und griechischer Bergtee gehört in den meisten Läden nicht zum Standardsortiment.  Die Gläser wird Jona wahrscheinlich vorerst nicht zurückgeben, sondern ihrem Freund bzw. seinem Kefir, Kombucha und Sauerteig überlassen. Wenn sie hier ihren Dienst getan haben, kann sie sie aber immer noch zurückgeben – ein großer Vorteil des Pfandsystems.

Unser Fazit: Es lohnt sich, in Startups wie KARMAKOLLEKTIV zu investieren, und zwar aus verschiedenen Gründen. Neben Nachhaltigkeit ist auch Gleichstellung ein Thema des Kollektivs. Sie arbeiten mit den Berliner Werkstätten für Menschen mit Behinderung zusammen und suchen auch nach ökologischen Anbaumöglichkeiten, die regional funktionieren. Das Unternehmen besteht noch aus elf Mitarbeitern. Unter ihnen sind neben Social Media Managerin und der Buchhaltung aber auch eine Kräuterexpertin und ein Feelgood Manager.  Die einzigen Unternehmen, die in der Wirtschaft wirklich Zukunft haben, sind eben solche: Die bei Ressourcen und Menschen auf Nachhaltigkeit setzen. Unbegrenztes Wachstum ist auf einer begrenzten Erde nun mal nicht möglich. Außerdem ist es essenziell, das wir uns auf eine Gesellschaft hinbewegen, die einander auf gegenseitigen Respekt Wert legt und der ist nicht gegeben, wenn Unternehmen den Gewinn und nicht ihre Mitarbeiter*innen an erste Stelle setzen. Aus dieser Tradition brechen KARMAKOLLEKTIV heraus und schaffen sich einen Platz in der Zukunft – we like!


Dir gefällt, was wir machen? Dann zeig uns das gerne, indem du unser kleines, unabhängiges Redaktionsteam bei Steady unterstützt. Das kostet nicht die Welt – für uns bedeutet das aber ganz viel!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s