Progressiv, mutig und schön: Die Kinderbücher aus dem Zuckersüß Verlag

Bücher formen unsere Vorstellung von der Welt. Deshalb sind Kinderbuch-Verlage, die progressive Bücher wie der Zuckersüß Verlag auf den Markt bringen, so wertvoll. Foto von cottonbro von Pexels.

Als Eltern wollen wir unseren Kindern von Anfang an die richtigen Werte vermitteln, sie zu toleranten und fairen Menschen erziehen. Leider ist das – trotz aller Mühen – manchmal gar nicht so einfach, weil man gegen internalisierte Rollen- und Weltordnungsbilder, Vorurteile und Gewohnheiten ankämpfen muss. Diese manifestieren sich unter anderem in den Medien, die wir konsumieren: Medien sind immer ein Zeugnis der Wertvorstellungen ihrer Zeit und spiegeln die Ideen ihrer Autor*innen wider. Manchmal unbewusst, und manchmal ganz bewusst. So reproduzieren wir mitunter veraltete Vorstellungen, die Generationen überdauern. Einfach nur, weil wir bestimmte Medien konsumieren und das gewonnene Wissen internalisieren.

Medien üben also Macht auf uns und unseren Alltag aus, indem sie unsere Vorstellungen von der Welt(-ordnung) prägen. Beim Lesen, besonders beim sogenannten deep reading, setzen wir uns mit uns selbst auseinander, üben Selbstreflexion und bilden Meinungen aus. Das passiert natürlich nicht nur als Erwachsener, sondern auch schon bei den Kleinsten. Und das, was Kindern vorgesetzt wird, ist oft sehr klischeebeladen: Eine Recherche der SZ ergab, dass besonders Bücher für Mädchen sehr einseitig sind. Gleichberechtigung wird in den Büchern nicht gezeigt, im Gegenteil, es werden bestehende Geschlechterstereotype reproduziert.

Und das ist ein Problem, denn Kinderbücher bilden, prägen, sozialisieren, erziehen mit.

– „Blaue Bücher, rosa bücher“, projekte.sueddeutsche.de

Die Untersuchung ergab, dass Abenteuer zumeist von männlichen Protagonisten erlebt werden, während die weiblichen Protagonistinnen sich primär in der Alltagswelt bewegten. Buchtitel wie „Conni hilft Mama“ fassen die Welt, in der Bücher für Mädchen spielen, treffend zusammen. Natürlich gibt es Ausnahmen – aber es sind und bleiben eben Ausnahmen.

Der Verlag mit dem etwas anderen Kinderbuch-Programm

Ein Programm an Kinderbüchern, das so gar nicht typisch ist, bietet der Zuckersüß Verlag aus Berlin an. Gegründet wurde er vor rund einem Jahr, und zwar am Küchentisch von Anna und Lukas. Sie ist Übersetzerin, er war in seinem vorherigen Leben für verschiedene Technologie-Unternehmen in Berlin tätig. Gemeinsam sind sie Eltern von Zwillingen und als solche viel in Buchläden unterwegs gewesen. „Da ist uns aufgefallen, dass es ganz viele Kinderbücher, die wir toll fanden, entweder auf Deutsch oder Englisch oder Polnisch gab. Das sind nämlich die drei Sprachen, mit denen unsere Kinder aufwachsen. Aber eben nicht in den jeweils anderen Sprachen“, erinnert sich Lukas, „und da haben wir kurzerhand entschieden, dass wir das gern ändern möchten.“

Wir wollten einen Verlag starten, der junge Familien wie uns anspricht, der wirklich modern und zeitgemäß ist und – so unser Credo – „die schönsten Kinderbücher der Welt“ nach Deutschland bringt.

– lukas, gründer zuckersüß verlag
Anna und Lukas mit ihren Zwillingen. Gemeinsam sind die der Zuckersüß Verlag. Foto: Privat.

Das erste Buch, welches die beiden auf den deutschen Markt bringen, ist „Häschen tröstet“ von Cori Doerrfeld. Das Buch handelt von Charlie, einem kleinen Jungen, der einen Turm aus Bauklötzen baut, welcher einstürzt. Nacheinander versuchen verschiedene Freunde, ihn aufzumuntern. Im Endeffekt hilft ihm der Hase, der sich einfach zu ihm setzt, seine Gedanken und Gefühle zu ordnen und den Schmerz zu verarbeiten. „Häschen tröstet“ war ein absoluter Welterfolg und wurde in 23 Sprachen übersetzt, aber unerklärlicherweise nicht ins Deutsche. Erst Anna und Lukas ändern das. „Wir hatten Gänsehaut, als wir das Buch das erste Mal gelesen haben, und da war uns einfach klar: Wir müssen probieren, das nach Deutschland zu bringen. Und wir sind wahnsinnig froh, dass das dann auch geklappt hat und „Häschen tröstet“ wirklich unser erstes Buch wurde – und sich dann auch hier unglaublich gut verkauft hat“, erzählt Lukas.

Auch die sieben weiteren Bücher, die die beiden bisher auf den Markt gebracht haben, werden ihrem eigenen Anspruch gerecht: Sie sind sowohl für Kinder als auch Erwachsene ansprechend, kunstvoll illustriert und vermitteln eine klare Botschaft: „Wir wollen, dass unsere Bücher moderne, zeitgemäße Werte vertreten, dass sie möglichst divers und inklusiv sind“, benennt Lukas die Ziele des Verlags. Mit Titeln wie „Männer weinen“ oder „Liebe deinen Körper“ sorgt der Zuckersüß Verlag für Abwechslung im Kinderbuch-Regal. Die Bücher sind progressiv, brechen mit Geschlechterstereotypen und stellen auch nicht-weiße Menschen in alltäglichen Kontexten dar, was man in vielen anderen Kinderbüchern vergebens sucht.

Die Motivation für ihre Arbeit schöpfen die beiden primär aus ihrer Rolle als Eltern. „Alle Eltern schauen sich die Welt an und stellen sich die Frage, wie sie morgen und übermorgen für die eigenen Kinder aussehen wird. Eltern fragen sich, welche Werte sie den Kleinen mitgeben, um sie zum einen auf diese Welt vorzubereiten und ihnen zum anderen Werkzeuge an die Hand zu geben, um die Welt besser zu machen“, so Lukas. Auf diese Weise käme man automatisch dazu, sich mit Themen wie Selbstliebe, Geschlechterrollen und Feminismus auseinander zu setzen.

Kinder sind kleine Schwämme, die saugen jeden Input aus ihrer Umgebung sofort auf und konstruieren daraus ihre Welt und ihre Identität.

– Lukas, zuckersüß verlag

Eine Welt abbilden, die divers und inklusiv ist

Für Anna und Lukas spielen Bücher eine große Rolle, wenn es darum geht, Kindern Diversität als etwas Normales zu vermitteln. „Kinder sind kleine Schwämme, die saugen jeden Input aus ihrer Umgebung sofort auf und konstruieren daraus ihre Welt und ihre Identität. Und deshalb ist Repräsentation so wichtig. Es geht darum, dass Kinder sich in Büchern wiederfinden und darum, unsere Welt genauso bunt und vielfältig darzustellen, wie sie es ja auch ist. Wenn diese Repräsentation oft genug und divers genug gegeben ist, dann haben es Selbstzweifel und Vorurteile deutlich schwerer“, erklärt Lukas den gemeinsamen Ansatz. Das erklärte Ziel der beiden: Ihre Kinder und auch alle anderen Kinder sollen in einer Welt aufwachsen, in der es weniger Selbstzweifel und Vorurteile gibt, dafür aber mehr Diversität und Inklusion.

Und dazu leisten sie definitiv ihren Beitrag. „Anleitung zur Selbstliebe: Alle Körper sind schön“ richtet sich beispielsweise an Mädchen zwischen acht und 14 Jahren. In dieser Zeit verändert sich der weibliche Körper sehr stark und viele Mädchen haben mit den Veränderungen, die ihr Körper durchmacht, zu kämpfen. Das Buch von Jessica Sanders zeigt diverse Körpertypen und Hautfarben und gibt praktische Tipps dazu, wie man die Liebe zum eigenen Körper fördern kann. Die Message, die das Buch sendet, ist eindeutig: Jeder Körper ist schön. Schätze ihn für das, was er kann. Liebevoll durch Carol Rossetti illustriert, werden quasi alle erdenklichen Körperformen, Farben und „Makel“ dargestellt, die man sich nur vorstellen kann, sodass jede*r eine Identifikationsfigur finden kann. Das Buch liefert wertvolle Beispiele für all die schönen Dinge, die unsere Körper leisten, die wir aber als Selbstverständlichkeiten ansehen. In der Redaktion wuchs beim Lesen des Buches der Wunsch danach, so ein Buch selbst als Kind respektive Teenager gehabt zu haben – denn genau diese Lektionen sind es, die selbst so schwer zu begreifen sind.

Auch „Ein Mädchen wie Du“ richtet sich primär an Mädchen*, allerdings gibt es dazu das männliche Pendant. Frank und Carla Murphy machen in ihrem Buch jungen Menschen Mut, mutig zu sein und sich Dinge zu trauen. Die Alltagswelt, die in vielen anderen Kinderbüchern die Grenze des weiblichen Handlungsspielraums bildet, existiert hier nicht. Auch Mädchen können Abenteuer erleben, so die Message des Buches. Und es braucht genau Mädchen wie DICH auf dieser Welt. Die Autor*innen regen an, das Wort zu ergreifen, zur eigenen Meinung zu stehen und Fehler zuzulassen. Auch hier spielt Selbstliebe neben Empathie eine wichtige Rolle. Diese Werte werden altersgerecht und sehr liebevoll vermittelt.

Auch „Männer weinen“ von Jonty Howley ist ein sehr emphatisches, wunderschönes Buch für Kinder. Es handelt von Levi, einem kleinen Jungen, dem sein erster Schultag an einer neuen Schule bevorsteht. Levi hat Angst, in die Schule zu gehen. Sein Vater, etwas hilflos und überfordert, versucht ihn durch die Floskel „Männer weinen nicht“ zu stärken. Auf seinem Schulweg trifft Levi dann aber auf viele Männer, die weinen. Und auch er weint. Als er von seinem gar nicht so schlimmen Schultag nach Hause kommt, trifft er schließlich auf seinen weinenden Vater. Autor und Illustrator Howley setzt hier ein klares Zeichen dafür, dass es in Ordnung ist, zu weinen – egal, welchem Geschlecht man sich zugehörig fühlt oder wie alt man ist.

Der Zuckersüß Verlag schafft es durch Bücher wie diese, schon den Kleinsten auf charmante Art und Weise eine moderne, zeitgemäße und offene Werte-Welt zu vermitteln, mit der sie bestens dafür gewappnet sind, anderen mit Toleranz zu begegnen, und gleichzeitig Selbstfürsorge zu betreiben. Deshalb, und weil die Bücher wunderschön illustriert sind, dürfen sie in keinem Kinderzimmer fehlen.


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