Heizpilze und Corona – Ein ethisches Dilemma

Heizpilze oder Corona?
Foto links von Brett Sayles von Pexels; Foto rechts von CDC von Pexels

Ein Kommentar von Anna Wamsler

Corona hat uns im Griff. Bei allem was wir tun haben wir das Virus im Hinterkopf. Jede*r spricht darüber, jede*r hat eine Meinung dazu und viele Menschen leiden darunter. Nicht nur gesundheitlich und sozial, sondern eben auch wirtschaftlich. Gerade Gastronomen sind stark von den Maßnahmen gegen das Virus betroffen. Der Städte- und Gemdeindebund fordert deshalb, dass das Heizpilz-Verbot, das es in einzelnen Gemeinden Deutschlands gibt, vorübergehend ausgesetzt wird. Das Bundeswirtschaftsministerium hat sogar die sogenannten Überbrückungshilfen für gastronomische Betriebe erweitert. Bisher wurde damit zum Beispiel die Anschaffungen von Desinfektionsmittel gefördert. Jetzt auch von Zelten und eben Heizpilzen. Zumindest von September bis Dezember. Das Ziel ist es, den gastronomischen Betrieb auch im Winter aufrecht erhalten zu können, selbst wenn die Infektionszahlen weiter steigen.

Dabei hat sich mir die Frage gestellt, wie sinnvoll und vor allem auch wie nötig das ist. Und plötzlich war ich in einem ethischen Dilemma.

Die Heizpilz-Debatte

Bei einer durchschnittlichen Betriebsdauer von 36 Stunden in der Woche stößt ein Heizpilz durchschnittlich fast fünf Tonnen Kohlendioxid im Jahr aus. Das ist ungefähr so viel wie ein Auto ausstößt, das etwa 40.000 Kilometer im Jahr fährt (oder zwei Autos mit jeweils 20.000 Kilometern). Das ist auch der Grund, warum viele Gemeinden in den letzten Jahren Heizpilze verboten haben.

Aber was passiert, wenn die Heizpilz-Verbote ausgesetzt werden und die Anschaffung neuer auch noch gefördert wird? In den Regionen mit den ausgesetzten Verboten wahrscheinlich wenig. Denn was nützt es Gastronomen, wenn sie jetzt Geld für etwas ausgeben, das sie bald dann doch nicht mehr nutzen dürfen? In Regionen, in denen es bisher keine Verbort gibt, könnte dagegen die Zahl der Heizpilze steigen. Vielleicht haben die Gastronomen schon vorher geplant welche zu anzuschaffen, vielleicht tun sie es aber auch nur, weil sie finanziell unterstützt werden und es eine Hilfe in der aktuellen Situation ist.


Außerdem stellt sich die Frage, wie viele Menschen dieses Angebot wirklich nutzen werden. Nicht unbedingt, weil sie aufgrund von Corona lieber zu Hause bleiben, sondern eher, weil sie ja vielleicht doch auch drin sitzen können. Ob die Innenräume von Restaurants und Bars bei weiter steigenden Infektionszahlen geschlossen werden sollen und die Außenbereiche aber weiterhin offen bleiben, ist mir irgendwie nicht ganz klar. Den Politiker*innen wahrscheinlich auch nicht. (Was nicht schlimm ist, da diese Pandemie eine verdammt komplizierte Situation ist. Vor allem, wenn man die Entscheidungen treffen muss.) Selbstverständlich wären in dem genannten Fall Heizpilze hilfreich, um Kund*innen anzulocken und das Argument „man muss ja nicht das ganze Jahr draußen sitzen“ zählt dann nicht mehr.

Übrigens: In den kalten Monaten, sagen wir mal von Oktober bis Februar, wären das 1,6 Tonnen CO2 pro Heizpilz. Wenn wir von etwa 4 Heizpilzen pro Restaurant ausgehen, dann sind das 6,4 Tonnen CO2 innerhalb dieser Zeit in nur einem Restaurant. Das wären im gleichen Zeitraum drei Autos die jeweils 18.000 Kilometer fahren – also etwa 17 Mal vom nördlichsten Punkt Deutschlands zum südlichsten.

Corona und die Gastronomie

Mitarbeiter werden entlassen, Restaurants und Bars schließen, weil sie den Betrieb nicht mehr finanzieren können oder weil sich Kund*innen nicht an die Regeln halten. Und jetzt kommt langsam aber sicher der Winter. Es wird kalt und Gäste wollen eher drin sitzen. Und auch die Hygieneregeln müssen weiterhin befolgt werden. Also wo sollen die Gäste hin?


Bei steigenden Infektionszahlen, wie aktuell der Fall, werden natürlich wieder weitere Maßnahmen durchdacht, um das einzudämmen. Schon im Frühjahr waren gastronomische Betriebe zeitweise geschlossen. Ob die Betriebe das wirtschaftlich erneut durchhalten ist fraglich. Dabei geht es bei Wirtschaft ja immer auch um Menschen. Die Betreiber*innen eines Restaurants oder einer Bar, die Mitarbeiter*innen, die Lieferant*innen, die Handwerker*innen. Alle sind sie darauf angewiesen, dass Kund*innen kommen. Aber was, wenn das zu gefährlich ist? Es geht dabei um Existenzen, Familien, Einzelpersonen. Es könnten unsere Verwandten sein unsere Nachbarn*innen, Freund*innen. Trotzdem sind alle gemeinsam dafür verantwortlich, die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Und Orte, an denen viele unterschiedliche Menschen sind, bergen einfach eine höhere Gefahr einer Infektion.

Das Dilemma: Klimawandel oder Pandemie?

Der Politik wird häufig vorgeworfen, nicht langfristig zu denken. Wie zum Beispiel bei allen Entscheidungen zum Thema Klimawandel. Aber was ist, wenn eine weitere, aktuellere Gefahr besteht? Welchen Kampf führen wir? Und müssen wir uns entscheiden?

Eine Pandemie ist keine Kleinigkeit. Sie kann schwerwiegende Folgen haben, wie wir zurzeit in vielen anderen Ländern sehen können. Diese direkt mit Deutschland zu vergleichen ist nicht unbedingt sinnvoll, da viele Faktoren mit reinspielen, aber auch in Deutschland gibt es die Aussicht auf schwerwiegende Folgen. Eine davon ist ein vollkommen überlastetes Gesundheitssystem. Aufgrund dieser Überlastung müssten Ärzte in Zukunft entscheiden, bei welchen Menschen es sich am meisten lohnt zur helfen und wem nicht geholfen wird.
Zusätzlich gibt es die wirtschaftlichen Folgen, die nicht nur, aber eben auch die Gastronomie betreffen. Daran hängt nicht nur Geld, sondern Existenzen, von Menschen, die alles verlieren können.

Und dann haben wir den Klimawandel. Eine Bedrohung, die nichts Neues ist, aber trotzdem aktuell und die uns vor allem auch in der Zukunft begleiten wird. Es ist klar: Es muss jetzt was getan werden und nicht gerade wenig. Passt die Förderung und zeitweise Freigabe von Heizpilzen da rein? Eher nicht. Machen Heizpilze den größten Schaden aus? Eher nicht. Dennoch wäre es ein Rückschritt und weitere Massen an CO2, die emittiert würden.

Also. Ist die Lösung mit den Heizpilzen richtig oder falsch? Keine Ahnung. Ich weiß es nicht. Mir fällt aber auch keine wirkliche Alternative ein. Was ich aber weiß, ist dass in Notfällen nicht auf alles Rücksicht genommen werden kann. An irgendeiner Stelle müssen immer Abstriche gemacht werden. Das ethische Dilemma ist dabei nur: Werden die Abstriche beim Kampf gegen den Klimawandel gemacht? Oder beim Kampf gegen die Pandemie?


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