„Das hatte nichts mit mangelnden Kapazitäten zu tun, es war Komplizentum zu einer rechten Demonstration“ – Ein Bericht zu #le0711

Symbolbild: Eng an eng und ohne Masken demonstrierten die Gegner:innen der Corona-Maßnahmen. Foto von Ahmad akacha von Pexels

Ein Kommentar von Jona Dashurie

Obwohl ich seit Dienstagabend — dem Beginn der Präsidentschaftswahlen in den USA — keine Nacht mehr durchschlafen konnte, ohne alle zwei Stunden aufzuwachen, um die Ergebnisse zu checken, bekam ich den Sieg von Joe Biden erst gar nicht mit. Zu dem Zeitpunkt, als Pennsylvania die Ergebnisse bekannt machte und online der große Jubel ausbrach, stand ich fröstelnd am Leipziger Hauptbahnhof und überlegte, wie ich wohl zurück nach Hause kommen sollte. 

16.000 Menschen, die eine Gefahr für die Demokratie darstellen

Der Grund? Die große Querdenker Demo, die Samstagabend selbst Joe Bidens Sieg aus den Twitter Tweets verdrängte. 16.000 Menschen aus ganz Deutschland, aber auch Österreich und der Schweiz waren angereist, um in Leipzig zu demonstrieren, und zwar gegen die Hygienemaßnahmen. Auf dem Augustusplatz der Leipziger Innenstadt sammelten sich abertausende Leute, die sich gegenseitig dafür feierten, den großen Schwindel des Staats durchschaut zu haben. Das Corona Virus. Als ich 14 Uhr dort ankomme und mir die Leute ansehe, macht mir vor allem Angst, wie normal alle aussehen. In meinem Kopf hing ich noch immer an der Illusion, dass man Verschwörungstheoretiker:innen und Neonazis irgendwie an ihrem Aussehen erkennen müsste. Dass sie irgendwie anders seien. Nichts von alldem war der Fall. Auch, wenn vor allem die berüchtigten Babyboomer vertreten waren, gab es auch etliche Jüngere, die, ohne Masken oder Sicherheitsabstand, dicht gedrängt zusammen standen.

Im Vorbeigehen wurde ich argwöhnisch betrachtet, teilweise angeschnauzt, erst nach einer Weile merkte ich, woran es lag: Meine Maske. Die hatte auch keinen coolen Spruch wie: „Mundschutz oder Mundtot?“ drauf und bedeckte obendrein auch noch meine Nase! Ich wünschte ich könnte die Leute, die ich dort sah, als homogene Masse beschreiben, aber es war die Vielfalt, die so erschreckend war. Schilder von Pegida und Trump-Banner wurden hochgehalten, aber auch: „Mütter gegen Mundschutz“ und „Mütter gegen die Impf-Mafia“ (Im Stillen dachte ich mir, wie viel treffender „Mütter gegen Verstand“ gewesen wäre), oder die Leute Ende Mitte/Ende 50, in weiten Klamotten und bunten Flaggen mit Herzen drauf — es wirkte wie ein schlechter Witz.

Diese Versammlung verstoß schon lange bevor die ersten Eskalationen gemeldet wurden gegen jede Auflage, die man sich vorstellen konnte. Zu genau diesem Zeitpunkt wurden auf der anderen Seite der Grimmaischen Straße, die den Augustusplatz vom Johannisplatz trennt, Linke Gegendemonstranten von Polizisten bereits verbal angegangen, erste Personalien aufgenommen und Bußgelder verteilt. Das Video von Passanten, das sächsische Polizisten zeigt, die mit dem Wagen durch die Menge fahren und den Demonstranten den nach oben gestreckten Daumen zeigen, sah ich erst am Abend, als ich schon wieder zu Hause war, aber es wunderte mich auch nicht.

Die letzte Stunde hatte sich angefühlt, als hätte ich mich in einer Dystopie verlaufen und nicht zwischen Menschen, die vermutlich in dieselben Geschäfte gehen und in denselben Parks spazieren wie ich.

– Jona dashurie, autorin und augenzeugin

Es war ungefähr 15 Uhr, als ich es endlich schaffte zur anderen Demo — meinem eigentlichen Ziel — durchzudringen. Es war mittlerweile eine Stunde vergangen, die ich zwischen den sogenannten Corona-Leugner:innen verbracht hatte und die Panik hatte begonnen, sich in mir breit zu machen. Nicht nur die Angst mich anzustecken, sondern auch die Feindseligkeit der Leute hatte mich irgendwann erreicht, genau wie ihre Ignoranz gegenüber…allem? Die letzte Stunde hatte sich angefühlt, als hätte ich mich in einer Dystopie verlaufen und nicht zwischen Menschen, die vermutlich in dieselben Geschäfte gehen und in denselben Parks spazieren wie ich. Es fühlte sich entrückt und bedrohlich an. 

Als ich endlich meine Gruppe fand, fiel ich einem guten Freund von mir erstmal erleichtert um den Hals, der mich aber entschuldigend von sich wegschob. „Sicherheitsabstand Jona“, murmelte er. Und als ich hastig ein paar Schritte zurück machte fiel mir auf, dass ich quasi von Polizist:innen eingekesselt war, während ich auf der Demo der Corona-Leugner:innen die Beamten in Uniformen vergebens gesucht hatte. Ich konnte mindesten 20 vollbewaffnete Beamten sehen, die an den Mauern der umliegenden Gebäude posiert waren und in Bereitschaft standen. Als wir später ein Gruppenfoto machen wollten, machten diese Beamten Drama, weil wir dreißig Zentimeter zu nah am Polizeiwagen standen, auf der anderen Seite der Absperrung tummelten sich die Mengen nur so, ohne Maske und ohne Abstand — dass die Feindseligkeit uns galt war absurd. Nicht, weil linke Demonstranten für ihre liebevolle Einstellung gegenüber der Polizei bekannt wären, aber wir taten nichts. Wir waren nicht einmal besonders viele. Trotzdem wurden wir bewacht wie tollwütige Hunde, die jeden Moment zuschlagen könnten. Die Neonazis auf der anderen Seite blieben weiterhin unbehelligt. Später machten Politiker:innen Statements über ‚Planungsdesaster‘ und ‚Organisationsversagen‘, nachdem die Demonstranten der Querdenker gewalttätig wurden und Polizist:innen angriffen.

Falsche Solidarität von Seiten der Polizist:innen

Aber das würde ja bedeuten, dass überhaupt die Intention bestand, irgendwie gegen diese Leute vorzugehen — aber das war nicht der Fall. Schließlich hatte die Polizei auch keine Probleme damit, wenige Stunden später gegen weniger als hundert Demonstranten in Connewitz mit Wasserwerfen vorzugehen. Das hatte nichts mit mangelnden Kapazitäten zu tun, es war Komplizentum zu einer rechten Demonstration. Allein die Tatsache, dass während einer globalen Pandemie eine solche Veranstaltung in dieser Größenordnung überhaupt zugelassen wurde — während wohlgemerkt im ganzen Land antifaschistische Demonstrationen mit einem Bruchteil der angemeldeten Teilnehmer:innenzahlen verweigert werden — ist schon eine klare Positionierung.

Ich stand heute vor den Beamten der Polizei Sachsen und hatte Angst. Mit meiner blauen Mütze und Jack Wolfskin Jacke sah ich nicht bedrohlich aus, wurde aber mit einer Feindseligkeit begegnet, als ob ich die Katzen der gesamten Einheit überfahren hätte. Hinter ihnen: Über zehntausend Menschen, die beschlossen hatten, dass die komplette Welt an einer riesigen Verschwörung teilgenommen hatte mit dem Ziel, alle zum Masken tragen zu zwingen. Und aus irgendeinem Grund war es eine Minderheit, die sich brav an die Regelungen hielt, der erwählte Feind der Polizei. Es war kein Planungsversagen. Es waren keine mangelnden Kapazitäten. Es war die Positionierung der Polizei Sachsen und das Bekenntnis des Richters, der diese Versammlung überhaupt zuließ.


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One thought

  1. Liebe Jona, ich kann deine Beschreibungen so gut nachempfinden! Auch ich war am Samstag in der Innenstadt, um an der Gegendemo teilzunehmen. Trotzdem bin ich immer mal wieder in der Gegenseite gelandet und war erschüttert, wütend, fassungslos. Die Eskalation habe ich nicht mehr mitbekommen, zu dem Zeitpunkt war ich schon wieder weg. Aber die Feindseligkeit und Aggressivität habe ich auch deutlich gespürt.

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