Erasmus-Programm: Die Kopplung an einen Interrail-Pass könnte viele Emissionen sparen

Zug statt Flugzeug: Das fordert jetzt ein Verein für das Erasmus-Programm. Foto von Gratisography bei Pexels.

Mehr als 300.000 Buchungen werden bei Ryanair, Europas größter Airline, über das Buchungsportal vom European Student Network (ESN) jedes Jahr getätigt. Damit rühmt die Studierendenorganisation sich auf seiner Website mit Verweis auf die Millionen von Euros, die die Teilnehmenden des Erasmus-Programms durch diese Kooperation sparen. Denn bei der ohnehin schon Billig-Airline erhalten die Studierenden nochmal 15 Prozent Rabatt auf ihren Flug. Ein Ticket von Frankfurt nach London also für weniger als 30 Euro. Bei dieser Rechnung werden die Kosten für die Umwelt nicht bedacht: Laut dem CO2-Rechner myclimate entstehen dabei 0.168 Tonnen CO2. Vier Euro würde es kosten, diese zu kompensieren. Viel teurer würde es, wenn man den CO2-Preis zugrunde legt, den zum Beispiel das Umweltbundesamt fordert. Demnach seien es nämlich 180 Euro pro Tonne CO2, die man bezahlen müsste, damit es ‘fair’ für die Umwelt ist. Bei unserem Rechenbeispiel müsste man so mehr als 30 Euro zahlen, um den Flug von Frankfurt nach London zu kompensieren.

Bisher sind umweltfreundliche Alternativen einfach zu teuer

Das Problem: Selbst damit wäre man noch deutlich günstiger unterwegs, als mit dem Zug. 130 Euro kostet das günstigste Ticket, das wir für die Strecke Frankfurt – London per Zug ausfindig machen konnten. Dass Studierende bei diesem gravierenden Kostenunterschied eher ein Flugticket wählen, ist nachvollziehbar. Schließlich Verfügungen sie in der Regel nicht über große finanzielle Mittel. Damit die Wahl des ökologischeren Verkehrsmittels nicht eine Frage des Geldes bleibt, engagiert sich der Verein “Erasmus by Train” dafür, dass das Erasmus automatisch an einen Interrail-Pass gekoppelt wird. Schließlich gehört Ryanair neben unzähligen Kohlekraftwerken zu den Top 10 der Luftverschmutzer in Europa. Dass diese Rolle vor dem Hintergrund des drohenden Klimawandels durch ein europäisches Austauschprogramm gefördert wird, das ist aus Sicht der Vereinsmitglieder nicht mehr zeitgemäß.

Den Wandel politisch befördern

Wir sind besorgt, dass der der hohe CO2-Ausstoß des Erasmus+ Programms dem positiven Beitrag zur persönlichen Entwicklung und dem Europa-Verständnis der Teilnehmenden vermehrt zuwiderläuft

– Erasmus by train e.v.

Und weil das nicht mehr tragbar ist, engagiert sich der Verein Erasmus by Train dafür, dass die Teilnehmenden das Erasmus-Programms einen Interrail-Pass für die An- und Abreise zum und vom Austauschort bekommen. Entstanden ist die Idee im Herbst 2019 am Rande einer Akademie im UK. Hier lernte sich das Gründer:innen-Team kennen. “Carl war einige Wochen zuvor mit dem Fahrrad von meiner Erasmusstadt Granada nach Deutschland zurückgereist, um die Vielfalt Europas zu erfahren und ein Zeichen für nachhaltige Studierendenmobilität zu setzen. Oliver berichtete von seinen Erfahrungen während seines Erasmus-Aufenthaltes in Griechenland wo er beobachtet hatte, dass durch Begünstigungen von ESN bei Billigfluganbietern wie Ryanair systematisch Erasmus-Teilnehmer zum CO2-lastigen Fliegen zwischen Heim- und Partneruni motiviert wurden”, erinnert sich das Team, “und zusammen mit dem Scharfblick und Idealismus von Bea fügte sich an einem Nachmittag in einem kleinen Café alles zusammen – die Idee von Erasmus by Train war geboren.” Am Ende der Akademie steht das Orga-Team, es gibt ein Konzept und sie haben ein paar Unterschriften für einen ersten Newsletter gesammelt. Seitdem wächst das Projekt jeden Tag – anfangs vor allem durch Freund:innen, die von der Idee überzeugt werden, jetzt kommen Mitglieder aus allen Ecken und Enden Deutschlands und auch Fachrichtungen hinzu.  “Was uns aber alle vereint ist unsere Liebe für das Reisen, besonders per Zug. Und die Freude, unsere unzählbaren eigenen Zug-Geschichten auszutauschen”, so die Mitglieder.

Die Mitglieder des Vereins bewerten die Entwicklung, dass Teilnehmer:innen des Erasmus-Programms zunehmend mit dem Flugzeug anreisen, als kritisch. Für ihre Begriffe droht das ganze Programm dadurch auf vier Ebenen in Kritik zu geraten: Einerseits könnte der Austausch insbesondere bei der jüngeren, umweltbewussten Generation unbeliebt werden, außerdem gerate die vom Programm angestrebte Chancengleichheit ins Wanken, wenn das nachhaltige Reisen nicht explizit gefördert würde. Schließlich gebe es noch einen preislichen Unterschied zwischen Zug- und Flugreisen. Die Wahl des Verkehrsmittels aus Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit aber sollte nicht Frage des Geldes sein. So würden Klimaschutz und der europäische Gedanke langfristig zu Gegensätzen. Letztendlich stehe das Programm durch die Kopplung an Flugreisen auch in Konflikt mit Bestrebungen wie dem “New Green Deal” der EU.

Wir sind davon überzeugt, dass es allerhöchste Eisenbahn ist, jetzt auf den systematischen CO2-Ausstoß des Programms aufmerksam zu machen. 

– Erasmus by train e.v.

Viele gute Gründe also für die EU, die Kopplung des Erasmus-Programms an Flugreisen zu beenden. Verantwortlich für das Erasmus-Programm auf europäischer Ebene ist die Generaldirektion für Kultur, Jugend und Sport der Europäischen Kommission. Die teilt auf Nachfrage mit, dass man mit dem Erasmus auch einen Bezugspunkt und Inspiration sowohl für Einzelpersonen als auch Organisationen in Hinblick auf nachhaltige Mobilität sein möchte. “Wir wollen die Treibhausgasemissionen im Zusammenhang mit Erasmus-Lernmobilitäten verringern und die Nutzung kohlenstoffarmer Verkehrsmittel fördern”, sagt Susanne Conze, Sprecherin der Generaldirektion, “dazu gehört natürlich auch die Nutzung von Zügen, die 2021, dem Europäischen Jahr der Schiene, eine besondere Rolle spielen werden.” Die Generaldirektion verweist in diesem Zusammenhang auf DiscoverEU. Diese Initiative ermöglicht es jungen Menschen, Zugreisen innerhalb der Europäischen Union anzutreten. Das Projekt laufe zwar Ende des Jahres aus, so Conze, man habe aber einen Vorschlag für die nächste Erasmus-Periode von 2021 bis 2027 erarbeitet, in der eine Verbindung der beiden Programme geplant sei. Dieser werde aktuell vom Rat und der Europäischen Parlament verhandelt.

Im Hinblick auf den Verein “Erasmus by Train” zeigte sich die Kommission offen. Auch, wenn sich der Verein bisher nicht direkt mit der Kommission in Verbindung gesetzt habe. “Wir würden gerne über diese Initiative diskutieren, die zu einem nachhaltigeren Erasmus-Programm beitragen kann”, erklärt Susanne Conze, “das neue Erasmus-Programm wurde von Anfang an als gemeinsamer Gestaltungsprozess konzipiert, der in enger Zusammenarbeit mit seinen wichtigsten Interessenträgern und Teilnehmern, einschließlich Organisationen der Zivilgesellschaft, durchgeführt wurde.” Auch Eurail bekundet auf Nachfrage seine Unterstützung für die Initiative. Die Organisation verkauft Pauschaltickets an Bürgerinnen und Bürger, die ihren Wohnsitz außerhalb der EU haben, Europa aber mit dem Zug bereisen wollen. Der General Manager von Eurail, Carlo Boselli, betont, dass Eurail wie die anderen teilnehmenden Bahngesellschaften die Initiative kennen und bereit sind, diese zu unterstützen. “The foundations of Eurail are linked to youth, as an Interrail trip has been one of the many ways in which the European Union values have been determined by a younger generation”, so Boselli weiter.

An initiative in this sense would also contribute to support the goal of reducing the harmful impact of the transport sector on our environment and societies, in which rail is called to play a major role in the years to come – and with 2021 set to be the European Year of Rail.

– Carlo Boselli, General manager eurail

Diese Verbindung mache das Erasmus-Programm auch offener für Teilnehmende aus einkommensschwachen Familien, so die These

Nicht nur aus Gründen des Umweltschutzes hält die Studierendeninitiative Erasmus by Train e.V. die Kopplung des Erasmus-Programms an einen Interrail-Pass für sinnvoll. Auch sozial würden die Teilnehmenden davon profitieren. “Bisher müssen die An- und Abreisekosten im Erasmus-Austausch von den Teilnehmenden selbst getragen werden. Diese finanzielle Hürde fiele bei kostenlosen Tickets weg, sodass noch mehr junge Europäer*innen am Erasmus-Programm teilnehmen können”, argumentiert Erasmus by Train, “ein win also für zukünftige Erasmus-Generationen, der insbesondere auch sozioökonomisch benachteiligten Europäer:innen die Tür zu Europa öffnen wird.” Langfristig würde so außerdem eine Generation an Bahnern heranwachsen, für die es normal ist, die Bahn dem Flugzeug vorzuziehen.  

Ein weiterer Vorteil ist aus Sicht der Initiative, dass so Europa viel greifbarer würde. “Im Gegensatz zu Flugreisen von Metropole zu Metropole, machen kostenlose Interrail-Tickets zum und vom Austauschort den Reiseweg zu einem Teil des europäischen Austausches”, erklären die Mitglieder von Erasmus by Train. Schließlich lebe Europa von den Landschaften, Menschen und Sprachen – und denen begegne man im Zug viel aktiver.

Die Mitglieder von Erasmus by Train sind überzeugt von ihrem Vorschlag: Durch die Verbindung von zwei etablierten Programmen wie Erasmus+ und Interrail würde man bereits bestehende Infrastrukturen nutzen und Zeit sparen. “Der Lösungsvorschlag entspricht sowohl den Zielen des European Green Deal als auch des European Year of Rail 2021”, so die Initiative. Dass selbst die Europäische Kommission diesen Zusammenhang sieht, darf der Initiative durchaus Hoffnung darauf machen, dass ihre Ideen gehört werden. Vielleicht werden schon die ab 2021 reisenden Erasmus+-Studierenden ein Interrail-Ticket nutzen können. Zumindest, wenn Corona den Austausch in andere Länder erlaubt.

Das ESN hat sich leider auf unsere Anfrage hin nicht zurückgemeldet.


Dir gefällt, was wir machen? Dann unterstütze unser kleines, unabhängiges Redaktionsteam doch mit einem Kaffee pro Monat! Wir würden uns auf jeden Fall sehr freuen.

Kommentar verfassen