“Narco-cattle ranching”: Warum Kokain alles andere als nachhaltig ist

Kokain ist nicht nur für die Konsument*innen problembehaftet. Foto von Steve Buissinne auf PIxabay.

Triggerwarnung: In diesem Artikel schreiben wir über Drogen und Drogenkonsum. Wenn Du ein Problem mit Drogen hast, dann bekommst du beispielsweise bei der Bundesweiten Sucht- und Drogen-Hotline Hilfe. Du erreichst sie unter der 01806 – 31 30 31. Uns ist bewusst, dass die ökologischen Aspekte der Drogen für Suchtkranke das untergeordnete Problem sind.

Tellus, wie die junge Frau, die hinter der Kampagne “Cocaine Fairtrade?” steckt, sich nennt, kommt aus Kolumbien. Als sie für ihr Studium nach Berlin zieht, wird sie häufig damit konfrontiert, dass ihre Heimat unweigerlich mit Drogen, genauer gesagt mit Kokain in Verbindung gebracht wird. Anfänglich lacht sie noch über die Witze, die ihre Freund*innen machen. Dann aber macht es Klick: Sie selbst litt unter den Konsequenzen, die der Handel mit Kokain in ihrer Heimat nach sich zieht. Sie bekam die Drogenkriege mit, hatte Angst, ist selbst Betroffene. Sie zieht zum ersten Mal die Verbindung zwischen den Berliner Partygänger*innen und den Problemen in ihrer Heimat. Plötzlich sind ihr die Witze ein Dorn im Auge und Tellus beginnt, zu recherchieren.

Ich will diesen Schein von ‚es ist cool trendy, Berlin‘ brechen.

– Tellus, initiatorin cocaine – fairtrade?

In Berlin erlebt sie, was Kokain für viele hier ist: Ein Trend, die Möglichkeit, aus dem Alltag auszubrechen, ein Stimmungsmacher bei Partys. Was die Droge am anderen Ende der Welt anrichtet, daran denken die Konsument*innen nicht. Ein Zustand, den Tellus als Ergebnis ihrer Recherchen ändern will. So konfrontiert sie beispielsweise eine Freundin, die vegan lebt, damit, dass an Kokain auch Tierblut haftet und alles andere als vegan ist.

An Kokain haftet Tierblut

Illustration: Tellus.

Im deutschsprachigen Raum findet man kaum Quellen rund um das “narco-cattle ranching”, was der Grund dafür ist, dass man durchaus in Frage stellen darf, ob Kokain vegan ist. Narco-cattle ranching beschreibt einen Geldwäsche-Mechanismus, der vor allem in Zentralamerika angewandt wird. Eine Studie der Antipode Foundation aus dem Jahr 2018 erklärt beispielhaft an der Maya Biosphäre in Guatemala, wie er funktioniert: Hier gab es aufgrund der Nähe zu Mexiko schon immer illegale Rancher. Also Personen, die ihre Rinder illegalerweise im Regenwald, der eigentlich geschützt ist, grasen lassen. Da sie für ihre Tiere kein Futter kaufen müssen, sie dann aber teuer nach Mexiko verkaufen können, wo die Preise für Rindfleisch höher sind, ist das für sie ein lukratives Geschäft. Die Drogenkartelle nutzen genau diesen Mechanismus aus, um ihr Geld zu waschen: Sie kaufen Rinder, Equipment & Co. mit Drogengeldern in bar ein, lassen die Tiere im Regenwald grasen und verkaufen die Tiere dann nach Mexiko zur Weiterverarbeitung. Dafür bekommen sie vor Ort natürlich einen Beleg – und schon ist das Geld reingewaschen. Die globale Nachfrage nach Rindfleisch und die fehlende Regulierung und Kontrolle in den betroffenen Regionen begünstigen, dass die Masche funktioniert.

1 Gramm Kokain verursacht mehr als 100 kg CO2

Damit die Rinder im Regenwald grasen können, muss dieser natürlich weichen. Denn wo viele Bäume stehen, wächst wenig Gras. Entsprechend groß ist das Wald-Schwinden in den betroffenen Regionen: Zwischen 2000 und 2016 wurden acht Prozent des Regenwaldes in der Maya Biosphäre vernichtet. Deshalb und wegen der langen Transportwege ist Kokain auch nicht besonders klimafreundlich. 1 Gramm Kokain verursacht 107 kg CO2e. Das entspricht in etwa einem Flug von Frankfurt nach München.

Davon abgesehen sterben im Kontext von Drogenkriegen in Süd- und Mittelamerika jedes Jahr viele Menschen, weil sie zwischen die Fronten geraten. So stirbt in Kolumbien beispielsweise jeden dritten Tag ein Indigener aufgrund des Handels mit Kokain. Andere Opfer sind die Süchtigen und auch all diejenigen, die wie Tellus selbst in ständiger Angst leben müssen, weil ihre Nachbarschaft von Drogenbossen ‘regiert’ wird. Deshalb will sie mit ihrem Urban-Kunstprojekt “Cocaine-Fairtrade?” auf die Missstände in ihrer Heimat, aber auch in anderen Ländern Südamerikas hinweisen.

Ihr Ziel ist es nicht, die Konsument*innen zu stigmatisieren, sondern vor allem diejenigen, die Kokain als Partydroge nutzen, auf die Folgen des Konsums hinzuweisen. Dafür hat sie zwei Illustrationen angefertigt, die sie in Form von T-Shirts und Stickern unter die Leute bringt. „Ich will eigentlich die Leute informieren. Es ist wichtig, dass die Leute wissen, was sie konsumieren”, erklärt Tellus, “Was ich nicht okay finde ist, dass Kokain eine Trenddroge ist. Ich will ihnen zeigen, dass das problematisch ist. Das ist nicht cool.“  Für ihr Engagement wurde Tellus im September mit dem Leuchtturm-Projekt-Preis der Initiative Clubtopia ausgezeichnet. Diese setzt sich für mehr Nachhaltigkeit im Nachtleben ein. Über sie haben wir schon einmal bei EKOLOGISKA berichtet. Um noch mehr Menschen außerhalb des Berliner-Clubdschungels zu erreichen, hat Tellus außerdem eine Instagram-Seite eingerichtet, auf der sie Berichte rund um das Thema Kokain sammelt und bündelt. “Die Informationslage dazu ist auf deutsch noch sehr bescheiden”, erzählt sie, “deshalb will ich die Informationen, die es gibt, zusammentragen.”

So will Tellus der Welt von den Problemen mit Kokain erzählen. Foto: Privat.

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