Kurze Wege für mehr Umweltschutz: Eine Unternehmerin will die Lebensmittelbranche revolutionieren

Hafer kommt oft aus Kannada, obwohl er auch in Deutschland gedeiht. Irrsinn, findet Sabine Bingenheimer-Zimmermann. Mit REGIONIQUE will sie das ändern. Foto von John Lambeth von Pexels.

Hafer aus Kanada, Tomaten-Konserven aus China und Spargel aus Peru: In unseren Supermärkten hat vieles, was wir kaufen können, einen langen Weg hinter sich. Wie lang dieser Weg ist, das ist den wenigsten allerdings bewusst. Der Lebensmittel-Hersteller REGIONIQUE hat eine Modellrechnung aufgestellt, in welcher Früchte-Müsli verglichen wurde. Das Ergebnis ist überraschend, denn in einem vermeintlich lokalen Produkt steckten mehr als 45.000 Transportkilometer, wenn man die Wege aller Zutaten addiert. Mit dieser Rechnung im Hinterkopf hat Sabine Bingenheimer-Zimmermann, die Gründerin von REGIONIQUE, beschlossen, dass das auch anders gehen muss. Sie hat ein Müsli auf den Markt gebracht, das nur 5.000 Transportkilometer auf dem Buckel hat, wenn es auf unseren Tellern landet. Außerdem möchte sie mit ihrer Marke regionale Erzeuger stärken und sich gemeinnützig engagieren. Wie das klappen soll und was sie bewegt, das hat sie EKOLOGISKA MAG im Interview verraten.

Sabine Bingenheimer-Zimmermann hat Regionique gegründet, um die Lebensmittelbranche zu revolutionieren. Foto: Regionique.

EKOLOGISKA: Vor ihrer Gründung haben Sie schon viele Jahre in der Lebensmittelbranche gearbeitet, vor allem in der Produktentwicklung und im Innovationsmanagement. Was hat Sie dazu bewegt, der Branche im alt hergebrachten Sinne den Rücken zuzuwenden und zu gründen?

SABINE BINGENHEIMER-ZIMMERMANN: Die Initialzündung entstand einst am Küchentisch, als ich mir die Frage nach der Herkunft von Lebensmitteln stellte. Warum müssen Zutaten um die halbe Welt gekarrt werden oder künstlich erzeugt und mit tollen Claims dem Verbraucher angepriesen werden? So begann ich, Tagebuch zu führen und versuchte die Kilometerbilanzen ausgewählter Lebensmittel aufzustellen. Bei regionalem Obst und Gemüse kein Problem. Wenige Kilometer. Bei Milch, Eiern und Fleisch auch nicht, sofern die Zutaten aus der Region sind. Wenige Kilometer. Haken dran. Auch die Rückverfolgung war aufgrund geltender gesetzlicher Bestimmungen recht einfach. Doch dann vertiefte ich mich in weitere Produkte, die täglich auf meinem Speiseplan standen und versuchte, jedes Produkt in seine einzelnen Zutaten herunterzubrechen sowie deren Herkunft zu identifizieren. Woher kamen beispielsweise die Haferflocken, die Nüsse und die getrockneten Früchte in meinem Müsli?

Sämtliche Bemühungen lieferten schnell ernüchternde Ergebnisse: Rohstoffe wurden an der Börse gehandelt und dementsprechend ge- und verkauft, Zutaten, die man um die Ecke auf den Feldern vermutet, werden durch die Welt geschickt, als wären Tausende Kilometer ein Gütesiegel, Transport spielt dabei keine Rolle, weil er so günstig ist. Nur auf wessen Kosten? Verärgert von der Augenwischerei vieler Lebensmittelhersteller, war mein Entschluss gefasst ein Unternehmen zu gründen und es besser zu machen. So wurde die Produktfabrik geboren. Heute versuchen wir mit REGIONIQUE als „First Mover“ im Bereich Zutatentracking einen Angriff auf die etablierten Platzhirsche im Müsli- und Nudelsegment. Denn Transparenz ist dort bislang nicht angekommen.

EKOLOGISKA: Was heißt das? Wie würden Sie Ihre Vision beschreiben?

BINGENHEIMER-ZIMMERMANN: Unsere Vision ist, im Supermarkt und in der Gastronomie Grundnahrungsmittel anzubieten, die auf unnötige Transportkilometer verzichten. REGIONIQUE ist somit die erste Lebensmittelmarke, die das Ziel Nachhaltigkeit in Zusammenhang mit Transportkilometern verbindet und diese bis auf Zutatenebene transparent offenlegt. Damit ist die Marke aktuell Pionier im Segment „Geerntet in Deutschland“.

EKOLOGISKA: Das ist ein ambitioniertes Ziel. Wie wollen Sie das erreichen?

BINGENHEIMER-ZIMMERMANN: Wir möchten das Bewusstsein für die Herkunft von Lebensmitteln ändern – sowohl bei den Händlern als auch bei den Verbrauchern – und die Welt damit ein bisschen besser machen. Denn weniger Transportkilometer bedeuten automatisch: Weniger Schiffe, weniger Flugzeuge und damit weniger CO2 in der Luft und somit eine bessere Zukunft. Da alle unsere Zutaten aus Deutschland stammen, sind wir auf dem besten Weg, eine neue Kategorie zu etablieren: Die Kategorie „Geerntet in Deutschland“. Nicht nur „Made in“, sondern auch „Sourced in“.  So schaffen wir auch eine deutliche Abgrenzung zu Regionalprodukten. Um diese neue Kategorie zu festigen, planen wir gemeinsam mit ausgewählten Händlern und Gastronomen Programme zu entwickeln, wie wir das Thema „Transportkilometer“ als Verkaufsargument integrieren können, beispielsweise spezielle Angebote, die neue oder erweiterte Anwendungsmöglichkeiten für den Konsum zuhause fokussieren.

EKOLOGISKA: Inwiefern schaffen Sie eine deutliche Abgrenzung zu Regionalprodukten?

BINGENHEIMER-ZIMMERMANN: REGIONIQUE setzt sich aus den drei Kernwerten „echt, nachhaltig und transparent“ zusammen. Das bedeutet, dass ausschließlich Zutaten verwendet werden, die auf naheliegenden Feldern wachsen und gänzlich auf Aromen oder andere künstliche Zusatzstoffe verzichtet wird. Zudem möchten wir den Verbraucher vom Wert der Lebensmittel überzeugen. Hochwertige Lebensmittel sind das neue Statussymbol. Dabei gestaltet REGIONIQUE alle Geschäftsprozesse so nachhaltig wie möglich. Das beginnt mit dem Verzicht auf Importe bei der Zutatenzusammenstellung und wird weitergeführt bei der Verwendung von Verpackungen aus nachwachsenden Rohstoffen genauso wie Produktionen und Server, die mit Sonnenstrom arbeiten. REGIONIQUE gibt dem Verbraucher die größtmögliche Transparenz über die Herkunft der einzelnen Zutaten, deren Wege zu den Produktionen und alle damit in Zusammenhang stehenden Transporte. Diese Informationen werden unter anderem mit einem Transparenzcode auf dem jeweiligen Produkt offengelegt. In dieser Kombination kann das keine andere Marke im Lebensmitteleinzelhandel leisten.

Die Produkte von REGIONIQUE haben einen besonderen Hinweis auf der Packung: Die Transportkilometer. Foto: Regionique.

EKOLOGISKA: Regional ist ja auch Definitionssache. Für uns in Sachsen sind Produkte aus Polen beispielsweise auch sehr regional. Wie wollen Sie das denn abgrenzen? Ist in Flensburg geernteter Hafer denn für Menschen in Bayern noch als Regional anzusehen?

BINGENHEIMER-ZIMMERMANN: Da stimmen wir Ihnen absolut zu, dass „regional“ eine Definitionssache ist. Regional ist für die einen aus einem Umkreis von einigen Kilometern, für die anderen sind es 100km. Aus diesem Grund vermeiden wir das Wort „regional“ weitestgehend in unserer Kommunikation. Wir legen den Fokus auf das Vermeiden von unnötigen Transporten aus aller Welt und beziehen dabei unsere Zutaten aus den verschiedensten Regionen Deutschlands. Deshalb sind wir auch kein Regionalanbieter.

EKOLOGISKA: Warum fokussieren Sie sich so sehr auf die Transportkilometer? Es gibt ja auch noch andere Parameter, die über die Ökobilanz eines Lebensmittels entscheiden. Man könnte sich beispielsweise auch ansehen, wie groß der CO2-Fußabdruck ist.

BINGENHEIMER-ZIMMERMANN: Bei Kilometern gibt es keine Schönrechnerei. Wenn ich in Studien lese, dass der Schiffstransport das CO2-ärmste Transportmittel ist, also das Transportmittel, das auf ein Kilogramm Lebensmittel bezogen am wenigsten CO2 ausstößt, finde ich das zu einfach gedacht. Was ist denn mit den restlichen Faktoren? Dem NO2, dem SO2, dem Kraftstoffverbrauch, der Erhöhung der Bewölkung, der Zunahme der Aerosole und den damit verbundenen Auswirkungen auf die Erderwärmung? Die CO2-Messung ist nur eine eindimensionale Betrachtungsweise, die lediglich einen Bruchteil der Umweltauswirkungen widerspiegelt. Bei unserer Rechenweise ist es dagegen ganz einfach: Kilometer sind Kilometer und bleiben Kilometer. Während ein herkömmliches Früchte-Müsli ca. 45.000 Kilometer zurücklegt, sind es bei REGIONIQUE nur knapp 5.000 km. Dass eine kürzere Strecke weniger Auswirkungen auf die Umwelt hat, sollte mittlerweile jedem klar sein.

EKOLOGISKA: Es spielt aber auch eine Rolle, wie die Lebensmittel produziert wurden. Bio-zertifiziert sind die Produkte von REGIONIQUE nicht. Warum ist das nicht Teil ihres Konzepts?

BINGENHEIMER-ZIMMERMANN: Auch hier geht uns die biologische Betrachtungsweise nicht weit genug. Sie bezieht sich auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. In der biologischen Weinlandwirtschaft beispielsweise darf mit Kupfer gedüngt werden, der häufig im Boden und nicht in der Pflanze landet. Ist das gut für Umwelt und Natur? Mittlerweile verschwimmen die Grenzen zwischen konventioneller Landwirtschaft und biologischer Landwirtschaft doch zunehmend. Die meisten der Landwirte, mit denen wir zusammenarbeiten, bewirtschaften ihre Felder bereits seit Jahren in einer Drei-Felder-Landwirtschaft, viele arbeiten mit Nützlingen und kümmern sich intensiv um ihre eigenen Felder und um die Natur. Außerdem entwickelt sich die Technik stetig weiter, was sich in der Folge in einem dezimierten und pointierten Einsatz von Düngemitteln zeigt. Viele arbeiten also heute bereits nahezu biologisch, aber ohne Geld für ein aufwendiges und teures Siegel in die Hand zu nehmen. Wir sind davon überzeugt, dass Zutaten mit weniger Transportkilometern eine nachhaltigere Basis sind als Zutaten mit einem Biosiegel, die in der Welt herumgekarrt werden.

EKOLOGISKA: Welche konkreten Anforderungen formulieren Sie denn an Ihre Landwirte, wenn Sie sagen, dass sie “nahezu biologisch” produzieren?

BINGENHEIMER-ZIMMERMANN: Konkret stellen wir die Anforderung, dass unsere Landwirte ihre Felder verschiedenartig bestellen, damit sich die Erde und der gesamte Boden erholen können. Zum Beispiel kommt nach dem Weizen der Senf in die Erde, der dem Boden die Nährstoffe zurückgibt, die der Weizen ihm entzogen hat.

Auch haben wir manche zukünftigen Strategien mit den Bauern bereits vordiskutiert: In naher Zukunft wird man mithilfe unseres Transparenzcodes auch nachvollziehen können, wann welche Pflanze mit was gedüngt wurde.


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