Alles Öko? Das steckt in Wegwerfwindeln

Wie öko sind eigentlich “nachhaltige” Wegwerfwindeln? Foto von Polina Tankilevitch von Pexels

Wer sein Kind nachhaltig wickeln will, der greift in der Regel zu Stoffwindeln. Egal, wie viel Idealismus man an den Tag legt: Es ist sehr wahrscheinlich und vollkommen in Ordnung, dass man in manchen Situationen trotzdem zu Wegwerfwindeln greift. Zum Beispiel für die Kindertagesstätte oder aber in der Nacht. Vermeintlich “grüne” Wegwerfwindeln scheinen da eine gute Alternative zu den klassischen Pampers zu sein. Aber stimmt das wirklich? Wir haben uns die bekanntesten grünen Wegwerfwindeln einmal genauer angesehen.

Basiswissen: Der Aufbau einer Wegwerfwindel

Eine Windel muss vor allem eins: Urin und Stuhl (von Säuglingen und Kleinkindern) auffangen. Damit sie diesen Job erledigen kann, sind zwei Komponenten essentiell: die wasserdichte Hülle und der Saugkern, oft getrennt von einem Vlies aus Polypropylen. Die Hülle der meisten Wegwerfwindeln besteht aus Polyethylen (PE), also Plastik. Der Saugkern besteht aus Zellstoff und in der Regel auch Superabsorber. Dieser nimmt extrem viel Flüssigkeit auf, besteht aber aus Polymersalzen, also auch aus Plastik. 12 Gramm stecken im Schnitt in einer modernen Windel, 5 Gramm Erdöl werden für die Herstellung dieser Menge benötigt. Das ist fast die Hälfte und einer der Gründe, warum Wegwerfwindeln ein Problem für die Umwelt sind.

Wegwerfwindeln dürfen übrigens nicht in die Bio-Tonne, sondern gehören in den Restmüll. Ganz egal, wie vermeintlich grün sie sind. Der Grund: Die Windeln verrotten nicht schnell genug, sodass sie vom Entsorger ohnehin wieder rausgefischt würden. Außerdem sind sie voller Fäkalien. Und die gehören nicht in den Bio-Müll. Wenn wir uns also die Frage stellen, wie grün eine Wegwerfwindel ist, dann lohnt es sich vor allem, die Produktion zu betrachten, weil das Afterlife bei allen gleich aussieht.

Diese Hersteller bieten grünere Wegwerfwindeln an

Für unseren Vergleich haben wir die Hersteller angefragt, die einem in Deutschland am wahrscheinlichsten einmal über den Weg laufen: LILLYDOO, babylove nature, Eco by Naty und Fairwindel. Wir wollten von den Herstellern wissen, woraus ihre Windeln im Detail bestehen, wo sie produziert werden und wie sie sich sonst für den Umweltschutz bemühen. Einen tabellarischen Vergleich findet ihr am Ende des Artikels.

LILLYDOO green: Ohne Plastik geht’s noch nicht

LILLYDOO hat gerade erst seine grüne Linie gelauncht. Sie heißt “LILLYDOO green” und das Unternehmen hat sich auf die Fahne geschrieben, so viel Plastik wie möglich einzusparen. Aber ganz ohne geht es aus Sicht des Unternehmens nicht: “Um eine maximale Saugleistung zu gewährleisten, greifen wir bei den LILLYDOO green Windeln teilweise auf Stoffe zurück, für die es bisher keine ökologischere oder biologisch abbaubare Alternative gibt bei vergleichbarer Leistungsfähigkeit”, erklärt Valerie Heck, die Unternehmenssprecherin. “Dabei handelt es sich insbesondere um sogenannte Superabsorber (SAP), also mikrofeine Saugperlen, die dafür sorgen, dass Dein kleiner Entdecker stets rundum trocken bleibt.”

Um das eingesetzte Plastik zu “kompensieren” arbeitet LILLYDOO mit der Plastic Bank zusammen. Das ist ein Unternehmen, welches Plastik aus der Umwelt sammelt. LILLYDOO geht davon aus, dass sie rund zehn Prozent mehr Plastik aus der Umwelt nehmen, als sie für ihre Windeln einsetzen. Die Windeln werden in Tschechien produziert und mit mineralölfreien Farben bedruckt. Was die Windeln außerdem besonders macht, ist die Tatsache, dass die Verpackung plastikfrei ist. Denn sie besteht vollständig aus FSC-zertifiziertem Papier.

LILLYDOO im Überblick

  • Material Saugkern: Superabsorber Natriumpolyacrylat & FSC-zertifizierter Zellstoff
  • Vlies: Polypropylenfasern
  • Außenlage: PE-Folie, die mit einem Spinnvlies (Polypropylenfasern) laminiert ist

Fazit: Neben dem “unverzichtbaren” Superabsorber ist auch sonst noch ziemlich viel Plastik enthalten. Das merkt man, wenn man sich die genaue Zusammensetzung der Windel ansieht: In fast jeder Schicht kommt Kunststoff zum Einsatz. Unter “wir haben das verwendete Plastik minimiert” verstehen wir etwas anderes – denn hier besteht jede Schicht aus Kunststoff. Kostenpunkt: 13,00 Euro pro 29 Windeln.

Die einzige Windel ohne Superabsorber: Fairwindel

Das Team von Fairwindel ist einen mutigen Schritt gegangen: Als erster Hersteller von Wegwerfwindeln haben sie sich an den Holy Grail der Wegwerfwindeln gewagt, den Superabsorber. “Der Saugkern besteht aus unserem Sauggranulat auf Stärkebasis und Zellulose, welcher in kürzester Zeit zu 100 Prozent biologisch abbaubar ist”, erklärt Dominic, der Gründer von Fairwindel. Insgesamt haben sie es geschafft, 85 Prozent der Windel plastikfrei und aus biologisch abbaubaren Stoffen zu produzieren. Aber ganz ohne geht es auch bei ihnen nicht, erklärt Dominic: “Der Klettverschluss und die Gummibänder bestehen zum Beispiel noch aus Plastik, da ein Ersatz mit nachhaltigem Material die Funktion der Windel einschränkt. Der Klettverschluss oder das Gummiband würden brüchig werden, weil sich das Material über die Zeit abbaut.”

Das erklärte Ziel des Unternehmens ist es trotzdem weiterhin, eine komplett plastikfreie Windel zu produzieren. Bis das möglich ist geben sie ihr Bestes und unterstützen unter anderem jedes Jahr eine andere Organisation durch Spenden. Dieses Jahr ist ein Aufforstungs-Projekt an der Reihe. Produziert wird die Fairwindel in Deutschland und der Schweiz.

Fairwindel im Überblick

  • Material Saugkern: Ausschließlich nachwachsende Rohstoffe und biologisch abbaubar, Sauggranulat auf Stärkebasis, Zellstoff aus nachhaltiger Waldwirtschaft
  • Außenlage: Bio-Folie aus nicht genmanipuliertem Mais

Fazit: Eine authentisch-nachhaltige Windelalternative von einem Produzenten, der wirklich etwas bewegen will. We like! Kostenpunkt: 19,90 Euro pro 32 Windeln.

babylove nature: Die günstigen Öko-Wegwerfwindeln aus der Drogerie

babylove ist die Eigenmarke von dm. Neben den regulären Wegwerfwindeln gibt es auch eine Nature-Linie, für die laut Unternehmen “überwiegend natürliche und nachwachsende Rohstoffe” verwendet werden. Plastik befindet sich allerdings trotzdem in ziemlich vielen Komponenten: Sowohl die Windelverschlüsse, als auch die bedruckten Klett-Streifen, die Seitenbündchen bzw. Beinabschlüsse aus Vlies, die Aufsaugschicht, der Superabsorber, die Innenseite aus Vlies und die beschichtete Außenseite zur Vermeidung des Auslaufens enthalten Kunststoffe. Ab April 2021 kommt eine Neuauflage der Windeln in den Handel. Diese unterscheidet sich vor allem in zwei Punkten von der aktuellen Auflage. Einerseits wird das Außenvlies neu aufgelegt, mit einem Bio-Baumwolle-Anteil von 15 Prozent. Die zweite Neuerung betrifft den Superabsorber. Der besteht in Zukunft zur Hälfte aus nachwachsenden Rohstoffen.

Die babylove nature Wegwerfwindeln sind mit dem Blauen Engel ausgezeichnet. In Bezug auf Wegwerfwindeln garantiert das Siegel hier keine “perfekt nachhaltigen Produkte”, sondern solche, die besser sind als die Norm. Konkret heißt das, dass nur Zellstoff aus nachhaltiger Forstwirtschaft eingesetzt wird, keine kosmetischen Zusätze enthalten sind und die Windeln auf Schadstoffe geprüft wurden.

babylove im Überblick (ab April)

  • Material Saugkern: FSC-zertifizierter Zellstoff, 50 Prozent Bio-Superabsorber aus nachwachsenden Rohstoffen, andere Hälfte aus Erdöl
  • Vlies: Polypropylen Film mit 15 Prozent Bio-Baumwolle
  • Außenlage: Vlies mit Polyethylen Film und 15 Prozent Bio-Baumwolle

Fazit: Es ist immer noch mehr Plastik enthalten, als man bei einem Produkt, das den Beinamen “nature” trägt, erwarten würde. Trotzdem ist der Ansatz, Bio-Absorber einzusetzen, wirklich gut und vielleicht kann in Zukunft gänzlich auf Superabsorber auf Erdöl-Basis verzichtet werden.

Eco by Naty: Hier wird auf Bio-Plastik gesetzt

Die schwedische Firma Eco by Naty findet man inzwischen in vielen Drogeriemärkten. Das Credo lautet hier: Kein Erdöl-basiertes Plastik an Babys Haut. Um das zu vermeiden, setzen sie auf Pflanzen-basiertes Plastik. Lediglich im Inneren der Windel kommt Erdöl-basiertes Plastik zum Einsatz. So kommt zum Beispiel im Saugkern SAP Superabsorber zum Einsatz.

Eco by Naty im Überblick

  • Material Saugkern: FSC-zertifizierter Zellstoff, SAP Superabsorber
  • Vlies: Pflanzen-basiertes PE
  • Außenlage: Pflanzen-basiertes PE

Fazit: Es ist definitiv positiv, dass hier weniger nicht-erneuerbare Ressourcen eingesetzt werden. Allerdings ist Bio-Plastik bekanntlich keine wirklich gute Alternative. Deshalb wäre es besser, wenn der Einsatz von Kunststoff minimiert würde, vor allem auch im Bereich des Saugkerns.

Wirklich grüne Wegwerfwindeln gibt es nicht

Der Vergleich der unterschiedlichen Hersteller zeigt vor allem eins: Einhundert Prozent grüne Wegwerfwindeln gibt es schlichtweg nicht. In allen Windeln ist ein Plastikanteil enthalten, für den es bisher noch keine gute Alternative gibt. Bis dahin können Eltern nur versuchen, so wenig Wegwerfwindeln wie möglich zu verwenden und stattdessen beispielsweise auf Stoffwindeln setzen und Wegwerfwindeln als Back Up sehen. Wenn es ausschließlich Wegwerfwindeln sein sollen, dann sind die vorgestellten Windeln aber auf jeden Fall eine nachhaltigere Alternative.

Mehr Infos zum Thema Stoffwindeln gibt es in unserem Guide hier.


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One thought

  1. Als mein erstes Kind zu Welt kam, wollte ich völlig windelfrei vorgehen und kaufte mir ein Ratgeberbuch. Dabei war ich so damit befasst, mich ins Mamasein einzufinden und von den ersten Seiten Lesen so abgeschreckt, dass ich dachte, das schaff ich nie.
    Habe beide Kinder dann mit Wegwerfwindeln durchs Babyalter gebracht und das betrieben, bis sie in den Kindergarten kamen.
    Ich bin nicht stolz darauf.
    Am Besten wäre, es blieben junge mamas nicht so alleine. Dann ließe sich vieles ganz anders gestalten.
    https://www.rottweil-ist-ueberall.de/magazin/topthema.php?conid=97&p=1

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