Interview: So prägt Kolonialismus unsere Gesellschaft

Serge Palasie ist Afrikanist und arbeitet als Fachpromotor für Flucht, Migration und Entwicklung beim Eine Welt Netz NRW. In seiner Arbeit befasst er sich mit der transatlantischen Umverteilungsgeschichte und ihren globalen Folgen. Dazu gehören unter anderem ungleiche Süd-Nordbeziehungen, Klimaungerechtigkeit und Rassismus. Seine These: Die koloniale Geschichte Europas zieht sich heute noch durch unsere Gesellschaft und Wirtschaft. Bei EKOLOGISKA erklärt er, wo wir die Einflüsse des Kolonialismus heute spüren.

Der Kolonialismus ist tief in unserer Gesellschaft verwurzelt

EKOLOGISKA: Wenn man in der Schule überhaupt über deutschen Kolonialismus spricht, dann meistens nur am Rande. Selten werden im Geschichtsunterricht die genauen Strukturen dahinter erläutert oder Einzelheiten verdeutlicht. Zusätzlich ist Kolonialismus in den Köpfen gespeichert als „Irgendwas, das vor langer, langer Zeit passiert ist“. Wie kann man da den Bogen zu heute schlagen? 

SERGE PALASIE: Die Geschichte des alten Ägyptens etwa, können wir letztlich als abgeschlossene Geschichte ohne akute Bedeutung für die Gegenwart betrachten. Im Gegensatz dazu sind die kolonialen Nachwirkungen in ökologischer, politischer und identitätspolitischer Hinsicht noch heute zu spüren. Dennoch versuchen auch politische Entscheidungsträger:innen den Kolonialismus als abgeschlossenes Kapitel der Geschichte darzustellen. Ohne Relevanz für die Gegenwart. Aber nehmen wir unsere „globale Arbeitsteilung“: Der Globale Süden, heute vor allem der afrikanische Kontinent, ist vor allem Rohstofflieferant. Hierzulande findet dann die Produktion oder Veredelung statt, also die Wertschöpfung. Das ist ein unmittelbares koloniales Erbe.

EKOLOGISKA: Wie ist es zu dieser Arbeitsteilung gekommen?

PALASIE: Diese Arbeitsteilung wurde nicht mit den Staaten des heutigen globalen Südens verhandelt. Stattdessen wurde sie in der Kolonialzeit gewaltsam über das „Recht des Stärkeren“ initiiert. Auch unter dem Vorwand, die westliche Zivilisation zu verbreiten. Die politische Dekolonisation ging nicht mit einer ökonomischen Unabhängigkeit einher. Die unfaire Wirtschaftsstruktur wurde bis heute beibehalten. Ein konkretes aktuelles Beispiel: Die Economic Partnership Agreements. Sie versuchen über Zoll- und Handelspraktiken diese Arbeitsteilung, die für uns so von Vorteil ist, aufrecht zu erhalten – trotz gegenteiliger Rhetorik. Das geht so weit, dass Länder, die diese Handelsabkommen nicht unterschreiben möchten, unter Druck gesetzt werden. Dass wir als Europäer diesen Druck ausüben können, ist ohne die koloniale Vorgeschichte undenkbar. 

EKOLOGISKA: Welche weiteren Aspekte unserer Gesellschaft sind noch heute maßgeblich vom Kolonialismus geprägt?

PALASIE: Ganz klar – auch weil es wieder aktueller denn je ist: Rassismus. Es gibt Leute, die sagen mir: „Nein, das Problem ist nicht Kolonialismus, es ist Rassismus“. Diese Menschen blenden aus, dass es den Rassismus heute ohne den Kolonialismus gar nicht geben würde. Er ist ja kein „natürliches Urgefühl“, das der Mensch „in sich trägt“ und für koloniale Expansionen nutzbar gemacht wurde, sondern es ist genau andersrum: Man hat versucht, eine ökonomische Ausbeutungsabsicht, die mit einer transatlantischen Umverteilungsgeschichte begonnen hat, moralisch zu legitimieren. Damit wurde Rassismus im Prinzip als Instrument für die Absicherung von ökonomischen Interessen überhaupt erst kultiviert. 

EKOLOGISKA: Wie ergibt sich daraus die heutige Relevanz?

PALASIE: Ein Beispiel für die heutige Relevanz von Rassismus – neben der klar ökonomischen – stellt der ganze Bereich von Identität und Identitätszuschreibungen, auch in Deutschland, dar. Nehmen wir mal mich als Deutschen. Wie oft muss ich mich erklären, dass ich auch ein Deutscher bin? Im Zuge einer transatlantischen Umverteilungsgeschichte wurden „Farbgefängnisse“ kultiviert, in denen sowohl rassifizierte, als auch nicht rassifizierte Menschen „gefangen sind“. Demografisch ist die Idee eines ethnisch homogenen, weißen Deutschlands eigentlich nicht mehr haltbar. Wenn wir aber etwa auf den Bereich der politischen Repräsentanz von Menschen mit einem sogenannten Migrationshintergrund schauen, scheint unser Land in der Vergangenheit gefangen zu sein. Und das ist langfristig ein gesamtgesellschaftlicher Schuss ins eigene Knie.

Wie Kolonialismus den Klimawandel und seine Folgen beeinflusst

EKOLOGISKA: An Universitäten und Hochschulen werden oft „Postkolonial Studies“  angeboten. Der Name wird kritisiert und diskutiert. „Post“-kolonial impliziert ja, eine vergangene Form des Kolonialismus. Deswegen wird stattdessen der Begriff Neo”-Kolonialismus verlangt. Würden Sie da mitgehen?

PALASIE: Also Begrifflichkeiten sind ja etwas, wo man sich dran aufhängen kann. Begriffe sind nicht unwichtig. Wichtiger ist aber der Sachverhalt. Dass unsere Gegenwart von kolonialen Kontinuitäten geprägt ist, steht außer Frage. (…) Das ganze Wording, das auch globale Süd-Nordbeziehungen etwa als „Partnerschaft auf Augenhöhe“ verstanden wissen will, verschleiert doch, dass unsere ökonomischen und sicherheitspolitischen Interessen weiterhin tonangebend sind. Da sag ich immer: Lesen Sie sich mal ein paar Texte durch, wie Kolonialakteure damals den Kolonialismus gerechtfertigt haben. Die haben auch nicht immer unverblümt ihre ökonomischen Ausbeutungsinteressen propagiert. Ihre Argumentation klang eher so: „Wir wollen denen was Gutes tun, die Zivilisation bringen, die entwickeln und so weiter“. Und heute sagen wir mit 100 Jahren Distanz: „Ne, aber das war nicht so! Damals war das schlimm. Heute ist das grundsätzlich anders“. Das ist unehrlich. Mal schauen, was man zum heutigen Süd-Nordverhältnis in 100 Jahren sagen wird…

(Geflüchtete) werden dann ganz schnell als sogenannte Umwelt- oder Wirtschaftsgeflüchtete deklassiert dargestellt und stigmatisiert. Das ignoriert natürlich die historischen Zusammenhänge. 

– SERGE PALASIE

EKOLOGISKA: Wir haben über globale Arbeitsteilung, ökonomische Zwänge und Rassismus gesprochen. Ein weiterer Faktor ist der Klimawandel. Der ist natürlich auch eine Konsequenz ökonomischer Prozesse. Aber wie wirkt er sich genau auf den afrikanischen Kontinent aus oder auf die Geflüchtetenlage? 

PALASIE: Der menschengemachte Klimawandel setzte mit der Industrialisierung ein. Und die Industrialisierung fand in kolonialen Zeiten statt. Das ist die Zeit, in der die globale Arbeitsteilung gewaltsam etabliert worden ist. Bezogen auf Afrika: 1884/85 mit der „Berliner Afrika Konferenz“, die diese Arbeitsteilung maßgeblich ermöglicht hat, also auf Rechtsebene. Seitdem haben wir einen immer stärker emittierenden globalen Norden. Der menschengemachte Klimawandel wird immer mehr vorangetrieben.  Während wir aber als Nutznießer dieser historisch gewachsenen Weltwirtschaft auch das Geld haben, um Anpassungsmöglichkeiten an den menschengemachten Klimawandel zu bezahlen, verhält sich dies im Globalen Süden oft gegenteilig: Obwohl man kaum verantwortlich ist für die ökologischen Folgen einer emittierenden Weltökonomie, ist man vielfach besonders davon betroffen. Die Mittel zur Anpassung daran fehlen in der Regel. Wer diese Zusammenhänge bzw. die damit verbundene historische Verantwortung ausblendet, hat es leicht, dennoch pauschal von „Wirtschafts“- und „Klimaflüchtlingen“ zu reden, um eine restriktive Migrationspolitik zu rechtfertigen.

Klimawandel ist nicht gleich Klimawandel

EKOLOGISKA: Was wäre ein Beispiel für diese Anpassungsmöglichkeiten in Europa?

PALASIE: Die EU zahlt Spanien Geld. Spanien, das genauso von Wüstenbildung betroffen ist wie die Region auf der anderen Seite des Meeres, profitiert, weil es großflächig bewässern kann und dann den europäischen Obst- und Gemüsemarkt versorgen kann. Paradoxerweise auch oft unter Einsatz von Geflüchteten, die teilweise genau vor der gleichen Umweltdegradierung geflohen sind, aber eben nicht die Möglichkeit haben, sich mit Geld und Technologie an den Klimawandel anzupassen. Wenn sie zum Beispiel ihre Felder nicht mehr bewirtschaften können, bleibt ihnen am Schluss nichts anderes übrig, als ihre Heimat zu verlassen.

EKOLOGISKA: Was sind weitere Konsequenzen des Klimawandels, auf die Europa wegen seines historisch bedingten Vorteils besser reagieren kann?

PALASIE: Der steigende Meeresspiegel zum Beispiel. Nehmen wir die Niederlande, unser Nachbarland. Sie bauen einfach immer höhere Deiche. Das sind zum Teil gigantische Bauwerke. Auch an vielen Küstenabschnitten Afrikas existiert das Problem.  Laut Schätzungen soll etwa Lagos in Nigeria bis zum Ende des Jahrhunderts die größte Stadt weltweit sein. Und sie ist stark vom steigenden Meeresspiegel betroffen.

EKOLOGISKA: Von welcher Dimension sprechen wir hier?

PALASIE: Es gibt Schätzungen, die sagen, Lagos hat bis zum Ende des Jahrhunderts möglicherweise 80 bis 90 Millionen Einwohner. Eine Stadt. So viel wie ganz Deutschland Einwohner hat. Da kann man sich vorstellen, dass auch der Migrationsdruck zunimmt, wenn die Anpassungsmöglichkeiten vor Ort nicht generiert werden. Natürlich kommen nicht alle sofort ohne Umwege in den Globalen Norden. Aber langfristig ist es natürlich trotzdem so, dass das, was einige Politiker:innen oder Medien jetzt schon als „Welle“ von Geflüchteten bezeichnen, auf jeden Fall nicht weniger wird, wenn wir als Globaler Norden historische Verantwortlichkeiten nicht wirklich wahrhaben wollen und Akteure vor Ort nicht in die Lage versetzen, genauso wie wir auf die Umweltveränderungen zu reagieren. 

Wer ist Schuld am Fortbestehen des Kolonialismus?

EKOLOGISKA: Also haben wir als Globaler Norden nicht nur eine historische Verantwortlichkeit, sondern sind auch aktuell die Schuldträger:innen von diesen Veränderungen?

PALASIE: Schuld ist immer ein schwieriges Wort. Eher Verantwortung. Aber nicht alle Menschen im Globalen Norden sind gleichermaßen verantwortlich für die heutige Situation. Und: Auch gibt es Eliten im Globalen Süden, die als nutznießende Verantwortliche zu betrachten sind. Es ist also komplizierter.

EKOLOGISKA: Aber müssen wir dann nicht trotzdem von Schuld sprechen, wenn wir die „Urheber“  des Problems sind?

PALASIE: Auf der historisch gewachsenen Makroebene sind wir auf jeden Fall die Hauptverantwortlichen. Kleine Eliten im Globalen Süden tragen wie gesagt aber auch Verantwortung. Damit möchte ich nichts relativieren. Das ist ganz wichtig.  Sätze wie: „Ja, wenn sie da mitmachen, sind sie selber schuld“ ignorieren, dass kleine Eliten, die vielleicht ein bis zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen, nicht die restlichen 98 Prozent repräsentieren, die unter erwähnter Makrostruktur leiden. 

EKOLOGISKA: Würden Sie sagen, dass wir eine grundsätzliche Reform des Wirtschaftssystems an sich brauchen, um unsere Wirtschaft zu dekolonisieren?

PALASIE: Was mein Wunschdenken betrifft, wäre das am besten. Aber dies scheitert wohl, um realistisch zu bleiben, am Menschen selbst. Wenn ich da irre: Gerne. Es gibt Leute, die was ändern wollen. Die gibt’s immer und die gab’s immer, die Frage ist nur: Setzen die sich am Ende des Tages auf der obersten Ebene durch? Können wir wirklich davon ausgehen, dass sich ein komplett anderes Wirtschaftsmodell — also wirklich neu, nicht nur so pseudo-grün – das vom Konsum weggeht und sich zum Wiederverwenden, zur Kreislaufwirtschaft entwickelt? Ich würde das begrüßen und setze es im Kleinen, also privat möglichst um. Zunächst erst einmal unabhängig davon, ob ich glaube, dass sich das auf der Makroebene durchsetzt.

EKOLOGISKA: Heißt das dann, das politisches Engagement vergeblich ist?

PALASIE: Nein, nichts ist vergeblich. Aber: Wenn ich Politiker:innen etwa sinngemäß sagen höre: “Wir würden es ja grüner und nachhaltiger machen, aber wenn China und andere nicht mitmachen, dann bringt es ja sowieso nichts”, kommen schon mal Zweifel auf. Hehre Absichten werden noch viel zu oft ökonomischen Interessen untergeordnet. Soziale und ökologische Konsequenzen werden heruntergespielt. Wenn es uns gelingt, Politik und Wirtschaft an ihre hehren Absichtserklärungen zu erinnern und dadurch punktuelle Erfolge erzielt werden, war unser Engagement nicht umsonst.

Das Interview wurde im Dezember 2020 geführt und an einigen Stellen gekürzt.


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