Warum nachhaltige Politik nicht klassistisch sein kann

Dass wir bei der Rettung des Klimas auf E-Autos setzen, das ist klassistisch. Foto von Vlad Fonsark von Pexels

Ab Januar dieses Jahres sollen höhere Steuern für Kraftfahrzeuge gelten. Zwei bis vier Euro je Kilogramm CO2 pro Kilometer ist dafür angesetzt. Das wirkt sich auch auf die Spritpreise aus: Benzin ist seitdem rund sieben Cent und Diesel acht Cent teurer geworden. Elektroautos hingegen sollen stärker gefördert werden. Das sind ein paar der Gesetzesänderungen in diesem Jahr, die dem Klimaschutz dienen, also nachhaltige Politik sein sollen. Die Umsetzung der Klimaziele auf diese Weise ist aber höchst problematisch.

Elektroautos als Säule für nachhaltige Politik?

Elektroautos werden gerne als die Autos der Zukunft gesehen. Sie sollen uns ermöglichen, unseren CO2 Ausstoß massiv zu verringern ohne dass der Status Quo darunter leidet. Der Traum der Klimapolitik also. Um 65 Prozent weniger Emissionen stoßen Elektroautos im Vergleich zu vergleichbaren Modellen mit Brennstoffmotoren aus. Das ändert jedoch nichts an den 12 bis 15 Tonnen CO2, die bei der Produktion der Batterien ausgestoßen werden. Es ist eine Verbesserung, aber es ist deswegen noch nicht nachhaltig. Ein weiterer Faktor sind auch die Kosten eines solchen Autos. Die billigsten Modelle fangen bei 11.000 Euro an. Das ist für gut gesetzte Individuen zwar machbar, aber nicht für die gesamte Bevölkerung. 2016 betrug das Medianeinkommen in Deutschland knapp 1600 € pro privatem Haushalt. Für viele ist das nicht zu leisten. Gerade seit der Corona-Krise haben sich soziale Missstände verschärft. Nachhaltige Politik kann nicht bedeuten, dass erst ab einem bestimmten Einkommen Mobilität möglich ist.

Elektro-Autos und globale Ungleichheit

Hierzulande gibt es pro 1.000 Einwohner 569 PkWs. Wenn die ganze Welt sich diesen Standards angleichen wollen würde, hätten wir 448 Mio Autos weltweit. In Debatten wird gerne angebracht, dass es nichts bringt, wenn wir in Deutschland oder der EU nachhaltige Politik betreiben, wenn China und Co. nicht mitziehen. Die Realität ist jedoch: Gerade in Deutschland haben wir uns auf „nachhaltige Politik“ spezialisiert, die davon ausgeht, dass bitte alle anderen Länder weiterhin weit unter unseren Standards leben sollten. Der Hype um das Elektroauto im globalen Norden ist ein Paradebeispiel für diese Mentalität. Elektroautos können nur nachhaltig sein, wenn wir sie ausschließlich in wohlhabenden Staaten wie USA, Deutschland, Schweden usw. gebrauchen. Dass selbst dort sich nur ein Teil der Bevölkerung Elektroautos leisten kann, verdeutlicht die Absurdität der Behauptung Elektroautos seien die Zukunft.

Eine unendliche Geschichte: Die Deutsche Autobahn

“Das Auto ist das Symbol eines Lebensstils, der untragbar ressourcenintensiv ist“, schreibt Solomon Schaffenberg in seinem Buch „No Car“. Und es scheint, dass er Recht behalten wird. Die Planung von Städten richtet sich nach dem Ziel eines fließenden Verkehrs, der sich durch die ganze Stadt zieht. Auch Autobahnen sind fast schon Wahrzeichen Deutschlands. Dabei ist ihr Erhalt nicht zu bezahlen. Bis 2030 werden für Sanierung und Instandhaltung von Autobahnen mit Investitionen in Höhe von 67 Mrd. Euro gerechnet. Das sind keine Summen, die der Staat einfach so übrig hat. Währenddessen sind Erweiterungen und Ausbau nicht einmal Teil der Schätzungen, auch wenn etliche von ihnen geplant sind. 900 Kilometer neue Bahnen sind bis 2030 geplant. Das heißt natürlich nicht, dass das auch wirklich umgesetzt wird. Aber man wird sich bemühen. Man wird sich bemühen eine Struktur zu erweitern, deren Erhalt jetzt schon nicht mehr möglich ist.

Teilen muss Teil Nachhaltiger Politik sein

Weil der Besitz von (auch gewöhnlichen) Autos für viele nicht mehr finanzierbar oder lohnenswert ist, gab es Raum für Carsharing-Dienste wie teilAuto oder Cityflitzer. Als diese Konzepte erstmals auf den Markt kamen wurden sie belächelt. Aber Carsharing gehört zu den wenigen Branchen, die auch während des letzten Jahres, trotz eines holprigen Starts, wachsen konnten. Auch Firmen machen Gebrauch von diversen Diensten. Obwohl Firmenwagen lange unglaublich wichtige Statussymbole waren, verzichten jetzt viele darauf. Das ist nachhaltiger und vor allem sehr viel günstiger für die Unternehmen. Carsharing ist damit eine der wenigen Branchen, die einen der grundlegenden Kerngedanken von tatsächlicher Nachhaltigkeit umsetzt: Ausleihen statt Neukaufen. Punkto Auto, ist das die einzige Variante, die wirklich globales Zukunftspotenzial hat.

Öffentliche Verkehrsmittel

Der Öffentliche Nahverkehr bleibt die einzige wirklich sinnvolle Zukunft der Mobilität. Es ist theoretisch und praktisch gesehen die einfachste Art, um eine große Menge von Menschen regelmäßig von A nach B zu befördern. Bahnen, Trams, Busse hätten schon seit Jahrzehnten im Fokus der Verkehrspolitik stehen sollen. Stattdessen gibt es selbst in Großstädten nach wie vor Probleme mit Taktungen, ungünstigen Linien und nicht bezahlbaren Preisen. In „Unsichtbare Frauen“ stellt Caroline Criado-Perez die These auf, dass die grobe Vernachlässigung von den öffentlichen Verkehrsmitteln daran läge, dass es primär Frauen sind, die sie nutzen. Tatsächlich gehört die Verwaltung von Verkehr zu den „männlichsten“ Sparten der Behörden. Zusätzlich ist auch zu beachten, dass es einfach unwahrscheinlich ist, dass sich unter den Entscheidungsträger:innen in der Politik viele Menschen befinden, die auf einen zugänglichen, effektiven und günstigen öffentlichen Nahverkehr angewiesen sind. Dass die Preise seit 2000 um 79 Prozent gestiegen sind, sollte vor diesem Hintergrund niemanden wundern.

Die Verwaltung des Verkehrs obliegt vor allem Männern. Foto von Maria Orlova von Pexels

Nachhaltige Politik ist auch eine soziale Frage

Nachhaltige Mobilität ist komplex und beinhaltet viel mehr als nur Technik und ein paar Zahlen. Frauen nutzen beispielsweise weiterhin nachts seltener öffentliche Verkehrsmittel als tagsüber, aus Angst vor Übergriffen. Das gilt insbesondere für nicht weiß-gelesene und/oder nicht cis-gelesene Frauen. Hinzu kommt die Zugänglichkeit für Menschen mit Behinderung. Menschen, die sehbehindert sind oder im Rollstuhl sitzen haben oft eingeschränktere Möglichkeiten, den ÖPNV überhaupt zu nutzen. Dass all diese Dinge als unlösbare Hindernisse dargestellt werden, ist auch ein Produkt dessen, wer sich ihnen widmet. Sichere öffentliche Räume sind schon seit jeher feministische Forderungen. Das gilt auch für den ÖPNV. Hier ist nämlich der Knackpunkt: Solange die Belange von den weniger privilegierten Bevölkerungsgruppen nicht angegangen werden, wird auch keine nachhaltige Politik möglich sein. Teuerungen und Sanktionen treffen die größten Profiteure vom Klimawandel nämlich kaum bis gar nicht. Während die, denen der Staat keine Alternativen bietet vor neuen Hindernissen stehen.

Fazit: Eine nachhaltige Zukunft kann nur geschaffen werden, wenn alle eingeladen sind

Ich bin leidenschaftliche Autofahrerin. Früher knackte ich, mit Benzinmotor, gerne auch mal die 200 km/h-Marke. Mittlerweile bin ich umsichtiger geworden. Nicht nur wegen der Umwelt, auch wegen meinen Mitmenschen. Autofahren war für mich oft ein Symbol für Unabhängigkeit und Freiheit. Aber auch Sicherheit. Ich musste mich nicht den Blicken fremder Männer in Nachtzügen aussetzen. Meine Entscheidungen waren dadurch selbstbestimmter. Aber es ist nicht nachhaltig. Und nicht nachhaltig bedeutet nicht tragbar. In der Einleitung zu seinem Buch „Konsum“ schreibt Carl Tillessen, es würde immer vom unpersönlichen „man“ gesprochen. Dass „man“ nicht so weitermachen dürfe. Als ginge es um eine fremde Gesellschaft, die dieses Problem hätte. Eine von der man kein Teil ist. Aber es ist nicht so. Und wie Tillessen möchte auch ich für ein „ich“ plädieren, für ein verantwortliches „wir“. Das nicht nur weiß, dass es so nicht weitergehen kann, sondern sich dem auch bewusst ist und dagegen ankämpft.


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3 thoughts

  1. Vielen Dank für diesen Artikel. Im Gegensatz zu dir fahre ich sehr ungern (und entsprechend äußerst selten) Auto. Mein Mann hingegen fährt gerne. Wir haben das Auto meines Opas übernommen, weil er aufgrund seiner Demenz nicht mehr fahren durfte. Wir haben eine Versicherung abgeschlossen, die für alle Fahrer über 25 Jahre gilt, sodass wir das Auto gut an Familie und Freunde verleihen können – wie ein privates CarSharing. Sicherlich auch nicht optimal, aber das beste, was wir machen können, solange wir das Auto haben und mein Mann es für die Arbeit außerhalb Leipzigs nutzt.

    1. Privates Carsharing ist, finde ich, schon der „erste“ richtige Schritt. Also, wenn man sagen würde, man hätte pro „Großfamilie und Friends“ ein Auto, statt das jeder sein eigenes hat, würden wir ja bereits auf ein Drittel(?) der Autos kommen.

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