Sollten Gemeinden den Kauf von Stoffwindeln fördern?

Sollten Gemeinden den Kauf von Stoffwindeln unterstützen? Foto: EKOLOGISKA.

Stoffwindeln gelten als umweltfreundliche Alternative zu Pampers & Co. Dass deren reeller Nutzen für die Umwelt von der tatsächlichen Nutzungspraxis abhängt, das haben wir an anderer Stelle bereits ausführlicher erläutert. Fakt ist aber: Wer mit Stoff wickelt, der verursacht weniger Müll, und zwar rund eine Tonne. Denn bis zum Ende der Wickelzeit verbrauchen Eltern pro Kind zwischen 4000 und 6000 Windeln. Das ist eine ganz schöne Menge, die von den Kommunen beziehungsweise deren Entsorgungsbetrieben abgeholt und verbrannt werden muss.

Eltern, die Stoffwindeln verwenden, sollten deshalb finanziell von den Kommunen entlastet werden. Schließlich tragen sie nicht zu dem Müllberg bei, den die Städte beseitigen müssen. Das finden zumindest Oliver und Katharina Salmen. Deshalb hat das Ehepaar aus Berlin eine Initiative gegründet, um den sogenannten Stoffwindel-Zuschuss in noch mehr Gemeinden zu bringen. Auf ihrem Blog schreiben die beiden außerdem zu allen Themen rund um die Stoffwindel. Im Interview mit EKOLOGISKA erzählen sie, was sie antreibt und warum sich das für Kommunen lohnt.

EKOLOGISKA: Auf eurer Website informiert ihr ja nicht nur zum Thema Stoffwindeln, sondern habt auch ein sehr konkretes Anliegen: Den Stoffwindelzuschuss. Was ist das genau?

OLIVER & KATHARINA: Der Stoffwindelzuschuss wird von Städten, Landkreisen beziehungsweise Abfallverbänden gezahlt, die ihre Bürger finanziell unterstützen wollen, um sich Stoffwindeln anzuschaffen. Das nachhaltige Handeln wird also seitens der Gesellschaft anerkannt und gefördert. Im aktuellen Abfallvermeidungsprogramm des Bundesumweltministeriums mit dem Titel „Wertschätzen statt Wegwerfen“ wird sehr deutlich darauf aufmerksam gemacht, dass wir zwar im Bereich ‘Recyclen’ sehr gut aufgestellt sind, aber unser Hauptziel trotzdem die Vermeidung jeglichen Abfalls sein muss. So ist die Vermeidung von Abfall auch ein Leitmotiv des deutschen Abfallrechts. Sie bildet daher die erste Stufe der fünfstufigen Abfallhierarchie, gemäß § 6 des Kreislaufwirtschaftsgesetz.

Wir sind es mittlerweile gewohnt, dass wir über Coffee to go Becher, Plastiktüten oder auch Wattestäbchen diskutieren, aber eines der am häufigsten in Deutschland verwendeten Einwegprodukte, die Windel (mit immerhin zehn Prozent Anteil am Restmüll), findet sehr wenig Präsenz in den Diskussionen. 

EKOLOGISKA: Und wie sieht das in den Städten aus, die einen Stoffwindelzuschuss eingeführt haben?

OLIVER & KATHARINA: In den Städten ist das zum Glück anders: Dort hat die Kommune die Müllproblematik rund um die Windel erkannt und versucht die Bürger zu einer Verhaltensänderung zu animieren. Eine Zahlung von Fördergeld macht in diesem Bereich deswegen Sinn, da oftmals die erhöhten einmaligen Anschaffungskosten abschreckend sind für Eltern. Bei Stoffwindeln sollte man damit rechnen, dass je nach System und Marke etwa 350 – 700€ Kosten entstehen. Im Laufe der gesamten Wickelzeit kann man dann noch etwa 150€ für Strom und Wasser fürs Waschen einkalkulieren.

Für Eltern ist diese einmalig höhere Investition teilweise eine Hürde. Schließlich stehen zur Geburt eines Kindes mehrere größere Kostenpunkte auf dem Zettel, wie zum Beispiel der Kinderwagen und das Kinderbett. Aber langfristig gesehen macht die Investition in Stoffwindeln Sinn. Rechnen wir zum Beispiel einen durchschnittlichen Preis von 0,25 Cent für eine Einwegwindel und eine benötigte Stückzahl von 5500 Stück. Dann ergibt sich eine Gesamtinvestition von 1375€. Doch die Kosten fallen immer wieder in kleineren Mengen an, so dass diese erstmal nicht spürbar für den Verbraucher sind. Wenn nun eine Stadt wie beispielsweise Rietberg den Eltern 225€ für Ihre Anschaffung dazu zahlt, dann ist das einmalige Kostenproblem deutlich reduziert. So schaffen Städte einen Anreiz, Stoffwindeln zu kaufen, da der Kostenvorteil gegenüber der Einwegwindel noch deutlicher wird.  

Einen Überblick über die Gemeinden, die schon heute einen Zuschuss für Stoffwindeln zahlen, findet ihr hier.

EKOLOGISKA: Warum sollten die Gemeinden denn eurer Forderung nachkommen – also was haben sie davon?

OLIVER & KATHARINA: Viele Menschen machen sich keine Gedanken darüber, wenn Sie Müll in die Tonne werfen, dass dieser auch Geld kostet. Wir beschäftigen in der Gesellschaft viele Menschen mit der Abfallbeseitigung, bauen dafür Müllverbrennungsanlagen, stellen jedem Haushalt Mülltonnen bereit und regelmäßig kommt die Müllabfuhr, um diese zu leeren. Alle diese Punkte verursachen Kosten. Wir geben als Gesellschaft also sehr viel Geld aus, um ein entstandenes Problem zu beseitigen, aber wäre es nicht sinnvoller Geld zu investieren, um dieses Problem erst gar nicht entstehen zu lassen? Hier ein Beispiel: Selbst kleine Städte wie Bayreuth (100.000 Einwohner, davon viele Studenten) beziffern die Kosten der Entsorgung allein von Wegwerfwindeln mit 250.000€.

Im Abfallvermeidungsprogramm des Bundesumweltministeriums steht darüber hinaus dazu: ‘Abfälle zu vermeiden spart Geld. Allein aus wirtschaftlichen Gründen ist es vernünftig, über die Kosten nachzudenken, die Abfall verursacht. Es schont außerdem natürliche Ressourcen und schützt Menschen und Umwelt’.

EKOLOGISKA: Einige Gemeinden haben den Zuschuss bereits eingeführt. Habt ihr von denen ein Feedback bekommen, wie es angenommen wird?

OLIVER & KATHARINA: Wir erleben sehr unterschiedliche Erfahrungen, da es viel mit den Menschen vor Ort zu tun hat, welche Wirkung ein Stoffwindelzuschuss erzeugen kann. Während es in einigen Regionen sehr engagierte Hebammen und Stoffwindelberaterinnen gibt, welche die Eltern über die Fördermöglichkeiten informieren, haben wir in anderen Städten niemanden, der sich aktiv einbringt. Dann findet man nur einen kleinen Hinweis im Abfallkalender der Stadt. Entsprechend sind auch die Antragsstellungen sehr verschieden. Während es Städte gibt, wo nur für zwei Prozent der geborenen Kinder Zuschuss beantragt wird, gibt es andere Gebiete wo für zehn Prozent der geborenen Kinder ein Zuschuss beantragt wird. Auf ganz Deutschland schätzen wir, dass circa vier Prozent der Kinder mit Stoff gewickelt werden. Auch hier gibt es natürlich deutliche Unterschiede, so sind die Bundesländer in Ostdeutschland viel stärker vertreten als Westdeutsche Bundesländer. 

EKOLOGISKA: Was kann ich als Elternteil denn tun, wenn meine Stadt noch keinen Zuschuss für Stoffwindeln zahlt?

OLIVER & KATHARINA: Es ist wichtig zu wissen, dass der Zuschuss immer politisch über einen Mehrheitsbeschluss des Stadtrats eingeführt werden muss. Um die politischen Entscheidungsträger in der Heimatregion zu kontaktieren, haben wir ein Musteranschreiben erstellt, welches wir gerne via Mail senden. Infos dazu findet ihr hier.

Für uns ist es wichtig, dass wir Menschen vor Ort haben, die sich stark machen wollen. Unsere eigenen Erfahrungen in der Politik haben gezeigt:  Ein Vorschlag oder Wunsch, der von den Bürgern vor Ort geäußert wird, findet viel mehr Beachtung. Im Hintergrund unterstützen wir natürlich! Wenn Rückfragen kommen, unterstützen wir, die Fragen sachlich fundiert zu beantworten oder teilen unsere Erfahrungen, die wir bei anderen Städten gesammelt haben. Für Menschen, die sich einbringen wollen, sind wir jederzeit erreichbar und machen Mut, es einfach zu probieren. Denn mehr als Nein sagen kann die Stadt nicht. Als wir 2018 begonnen haben, gab es in Deutschland 36 Regionen mit Zuschüssen. Nach zwei Jahren Arbeit sind wir bei 62!


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