Warum individuelle Verantwortung allein die Klimakrise nicht lösen wird

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Ist das Aufhalten des Klimawandels unsere individuelle Verantwortung? © Luis del Río

Wer nachhaltiger Leben möchte, dem stellt das Internet eine Vielzahl an Tipps zur Verfügung. Unsere Redaktion legt ihren Schwerpunkt darauf. „Kaufe deine Lebensmittel in Glas statt Plastik“ oder „So verpackst du deine Geschenke nachhaltig!“. Konsum ist der größte Feind der Nachhaltigkeit. Wir versuchen dagegen zu arbeiten. Wir versuchen eingefahrenen Konzepten entgegen zu treten und sie neu zu denken. Geld ist kein Indikator für Wert und „alt“ bedeutet nicht zwangsläufig „Reif für den Müll“. Eigene Entscheidungen und Gewohnheiten dabei zu hinterfragen ist unglaublich wichtig für diese Arbeit. Doch immer mehr stellt sich uns die Frage: Ist es richtig, dass wir im öffentlichen Narrativ für Umweltschutz die individuelle Verantwortung tragen?

Wer kauft, der gewinnt?

Wir leben in einem System, das ökologische wie ökonomische Rücksichtslosigkeit fördert und fordert. Endlos neue Trends in Mode, Make-Up und Co. hinterlassen den Eindruck: Wer mithalten will, der muss kaufen. Am besten alles und von jedem verschiedene Farben, nur für den Fall. Ich schreibe das hier als jemand, der vier verschiedene rote Lippenstifte besitzt. Die Überzeugung, dass das neue Top oder das nächste Gadget zum nächsten Job, einer Beziehung und neuen Freund:innen führt, ist in unserer Gesellschaft Standard. Konsum und Erfolg sind im gesellschaftlichen Verständnis kaum voneinander zu trennen. Wachstum als Nonplusultra.

Widerstand muss individuelle Verantwortung sein

In so einem System, das schamlos alles und jeden ausbeutet, muss es unsere individuelle Verantwortung sein, Widerstand zu leisten. Manchmal bedeutet das zu protestieren oder am Arbeitsplatz für mehr Umweltfreundlichkeit zu plädieren. Der größte Hebel, um Einfluss in einem Konsum orientierten System zu nehmen, ist durch Konsum selbst. Oder eben durch Konsumverweigerung. Aber hier darf keine Vermischung passieren! Nur weil ich die individuelle Verantwortung habe, gegen einen Missstand anzukämpfen, bin ich nicht die tatsächlich Schuldige oder gar die Hauptverantwortliche.

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Widerstand ist unsere individuelle Verantwortung und wir müssen ihr Nachkommen © Vincent M.A. Janssen

Was umfasst unsere individuelle Verantwortung?

Als Bürger:innen sind wir geprägt von Wertvorstellungen und Sozialisation. Als soziale Wesen sind wir unbewusst darauf gedrillt, soziale Hinweise bezüglich des Status einer Person zu werten. Und davon schließen wir dann auf deren Eigenschaften, Fähigkeiten und Charakter. Kinder, die übergewichtig sind und/oder als „nicht deutsch“ empfunden werden, bekommen in der Schule, bei gleicher Leistung, schlechtere Noten. Das bringe ich hier an, weil sowohl Gewicht als auch ethnische Zugehörigkeit als soziale Indikatoren dienen. Durch sie lernen Kinder sehr früh, was Wert hat in der Gesellschaft und was nicht. Ähnliche Effekte haben teure Kleidung und gute technische Ausstattung. Wir müssen aufhören soziale Anerkennung als käufliches Attribut zu behandeln. Stattdessen ist es an uns, diese internalisierten Wertungsmechanismen abzubauen und neu zu definieren. Das ist harte Arbeit. Emotionale Arbeit. Eine Abkehrung von der Konsumgesellschaft ist nicht denkbar, wenn Konsum als Bedingung für soziale Zugehörigkeit und Akzeptanz funktioniert.

In Deutschland gelten strenge Regeln für die Absicherung von Arbeiter:innen – das gilt nicht für die, die unsere Güter größtenteils produzieren. © Ivan Samkov 

Was entzieht sich der individuellen Verantwortung

Wir haben in Deutschland ein ausführliches Arbeitsschutzgesetz. Arbeitszeiten, Sicherheitsstandards, Krankenversicherung sind vorgeschrieben, genauso Kündigungsschutz, Elternzeit und etliche weitere Punkte werden dadurch abgedeckt. Ich will damit nicht sagen, dass es nicht verbesserungsfähig ist, sondern nur festhalten, was vom Staat vorgeschrieben wird. Verstöße werden mit hohen Geld- bis zu Gefängnisstrafen sanktioniert. Schwere Vergehen werden als Verstoß gegen Artikel 1 des Grundgesetz „die Würde des Menschen ist unantastbar“ behandelt. Weshalb gilt das nicht für Menschen außerhalb deutscher Landesgrenzen? Bei der Diskussion über die Verantwortlichkeit von Großkonzernen im Bezug auf ihre Produktionsstätten, da ist Anrecht auf Menschenwürde auf einmal debattierbar.

Das Lieferkettengesetz als erster Schritt

Das Lieferkettengesetz ist ein erster Schritt, um globale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zu erreichen. Die grundsätzlichen Forderungen waren:

  • Unternehmen verpflichten, proaktiv entlang ihrer gesamten Lieferkette Menschenrechts-Risiken zu analysieren
  • die Rechte von Betroffenen durch eine zivilrechtliche Haftungsregelung zu stärken
  • zum effektiven Schutz der Umwelt beizutragen
  • alle großen Unternehmen ab 250 Mitarbeiter:innen erfassen.

Die tatsächliche Umsetzung ist nicht ganz so radikal. Das Gesetz soll ab 2023 gültig werden und erfasst Unternehmen erst ab einer Anzahl von 1.000 Mitarbeiter:innen. Es würde trotzdem erstmals einen Schritt in die richtige Richtung bedeuten. Die Initiative lieferkettengesetz.de fordert sowohl mehr Haftung der Unternehmen als auch Berücksichtigung des Umweltschutzes in separaten Gesetzen. Auf ihrer Webseite ist es möglich, vorgefertigte Briefe an die zuständigen Regierungsvertreter:innen zu schreiben.

Unternehmen fühlen sich weiterhin nicht verantwortlich

Selbst die zahme Umsetzung des Lieferkettengesetzes stieß aber auf enormen Widerstand. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft klagte, das Gesetz träfe „die Falschen“. Viel mehr sollten die Unternehmen vor Ort zur Verantwortung gezogen werden. Als ob Unternehmen, die bis zu Milliarden von Euros durch Ausbeutung verdienen, besonders schutzbedürftig wären. Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes BDA, schrieb einen persönlichen Brief an Peter Altmaier (CDU), er sei “sehr besorgt” über die aktuellen Entwicklungen, die dazu führen könnten, dass die Bundesregierung “ein für die Wirtschaft derart schädliches Gesetz einführt“. Die Reaktion der deutschen Wirtschaftslobbyisten ist bezeichnend für das Ausmaß der Anspruchshaltung, die hierzulande herrscht. Die Abwehr gegenüber einem Gesetz, das im Prinzip nur verlangt, man solle keine Menschen ausbeuten.

Es wird Zeit Abschied vom Wohlstand zu nehmen

An einem Punkt kann ich mir mit den Lobbyisten jedoch einig werden: Das Gesetz wird der Wirtschaft schaden, solange man Wirtschaft mit Kapitalismus gleichsetzt. Exzessiver Konsum, regelmäßige Flüge, Eigenheim…das ist alles nur durch Ausbeutung möglich. Globale Gerechtigkeit ist mit unserem jetzigen Lifestyle nicht zu vereinbaren. Und hier kommt nochmal unsere persönliche, individuelle Verantwortung zum Tragen. Wir müssen für ein gerechteres System kämpfen: Das heißt Demos, Petitionen, wählen gehen und richtiger Konsum. Aber es ist auch wichtig uns unserer Rolle in der systematischen Ausbeutung von Mensch und Natur bewusst zu werden und unseren eigenen Anspruch zu senken.

  • Literaturtipp: Der Jugendrat der Generationen Stiftung, Claudia Langer (Hrsg.): Ihr habt keinen Plan, darum machen wir einen!

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