Nachhaltig Reisen: So gelingt es ökologisch & sozial

Besonders Reisen in ferne Länder kann man auf einer sozialen Ebene nachhaltiger gestalten. Kathrin David erklärt, wie es geht. Foto von Andrei Tanase von Pexels.

Ein Gastbeitrag von Kathrin David, Gründerin give&grow

Nachhaltig Reisen – was für die einen Selbstverständlichkeit ist, stellt für andere einen enormen Widerspruch dar. Dabei stellen sich die wenigsten die Frage: Was bedeutet das eigentlich? Wie passen Nachhaltigkeit und Reisen zusammen? Das erste, was einem in den Sinn kommt, sind oft Plastikvermeidung und Flugverzicht. Aber ist das wirklich alles? Was gibt es über den Bambusstrohlam und Flugalternativen hinaus? In diesem Beitrag geben wir dir vier Tipps für ein noch nachhaltigeres Reiseerlebnis, die du wahrscheinlich noch nicht gehört hast.

Die Intention deiner Reise checken: Will ich nachhaltig reisen?

Deine Intention bestimmt dein Reiseerlebnis. Viele von uns denken gar nicht darüber nach warum wir überhaupt reisen oder warum wir es beispielsweise nach einiger Zeit so sehr vermissen. Wenn wir allerdings anfangen uns unserer Intention bewusst zu werden, können wir nicht nur besser, sondern auch selbstbestimmter und nachhaltiger reisen.

Reise-Intentionen sind in der Regel so unterschiedlich, wie wir Menschen es sind. Für die einen ist es Abenteuer und Erholung, für andere Neugierde oder Wissensdurst. Du solltest dir also darüber klar werden, welche Erwartungen du an deine Reise hast und was du dir von ihr erhoffst. Dann kannst du das mit folgenden Punkten abgleichen:

  • Passt das zu der Destination, die ich mir ausgesucht habe?
  • Begleiten mich Menschen, die meine Leidenschaft oder meine Intention teilen?
  • Wie viel Zeit benötige ich für das, was ich vorhabe?

Deine Intention stellt die Grundlage für alle weiteren Entscheidungen dar. Wenn du aus einem normalerweise intuitiven Prozess eine bewusste Handlung machst, kannst du einerseits nachhaltigere Entscheidungen treffen und gleichzeitig das volle Potential deiner Reise entfalten. Darüber hinaus hat deine Intention einen starken Effekt auf deine Wahrnehmung und tatsächlich darauf, wie du deine Reise erlebst. Die Intention, die du bewusst setzt, sickert irgendwann in dein Unterbewusstsein und dein Unterbewusstsein bestimmt oft darüber, was du wahrnimmst.

So hilft dir deine Intention, nachhaltiger zu reisen

In diesen Fällen spricht man vom Baader-Meinhof-Effekt oder der Frequency Illusion. Dein Umfeld beziehungsweise deine Umwelt hat sich nicht verändert, aber deine Sicht auf die Dinge bestimmt, was du tatsächlich wahrnimmst.

Gleiches gilt für deine Reise. Wenn du Angst vor den Zuständen in Südafrika oder Ekel gegenüber den Hygienezuständen in Indien verspürst, werden dir diese Eindrücke begegnen. Egal wie sehr du versuchst, sie zu ignorieren oder wegzudenken.

Wenn du dich allerdings der Erfahrung öffnest, wirst du diese Dinge wahrscheinlich trotzdem, aber darüber hinaus noch viel mehr sehen. Meist sind das die guten, die schönen und die aufregenden Seiten dieser Länder. Die unerwarteten Erfahrungen, die sogar über deine Vorstellung hinaus gehen und darauf warten von dir entdeckt zu werden.

Du kannst quasi sagen, dass deine Intention und damit deine Erwartung wie ein Filter funktioniert. Du entscheidest darüber, welchen Filter du aufsetzen oder ob du vielleicht sogar versuchen möchtest, die Welt ohne Filter zu sehen.

Stell dir also die folgende Frage: Welchen Impact möchte ich als Reisende:r haben? Wenn du diese Frage für dich beantwortest, dann kannst du deine Reise viel einfacher darauf ausrichten, nachhaltig zu sein.

Den Mental Backpack loswerden

Wir sind geprägt von Meinungen, Gewohnheiten, Ideen und Idealen, die wir in einem Land und in einer Kultur über Jahre hinweg gelernt und verinnerlicht haben. Selbst, wenn wir los reisen, alles hinter uns lassen und der Welt mit offenen Armen begegnen, nehmen wir dieses mentale Gepäck mit – ohne es zu wissen. Quasi ein blinder Passagier, der uns – wenn wir ihn nicht identifizieren – die Reise hinweg über begleitet und manipuliert. Das kann darin resultieren, dass wir auf Reisen nach Bildern und Vorstellungen suchen, die wir im Katalog, im Fernsehen oder auf Social Media gesehen haben, aber die nicht zwingend was mit der “authentischen Kultur” der Destination zu tun haben. Die Klassiker sind Müll in Indien und arme Waisenkinder in Afrika… aber ist das alles, was diese Länder ausmacht? Ist das wirklich authentisch? Oder anders gefragt: Haben wir erst dann das Land gesehen, wenn wir uns unsere eigenen Stereotypen und Vorurteile bewiesen haben?

Als wir in Neuseeland nach den berühmten Māori-Experiences gefragt haben, wurde uns von Locals erklärt, dass die Māori-Experience definitiv eine Erfahrung ist, aber häufig gar keine Māori daran teilnehmen. Mehr noch, als wir anfingen über Māori zu sprechen, als wüssten wir wovon wir reden, wurde uns erklärt, das Māori weder als eine Kultur noch als eine Ethnie gesehen werden können. Māori sind stolz darauf zu unterschiedlichen Stämmen mit unterschiedlichen Vorfahren und unterschiedlichen Kulturen aus unterschiedlichen Teilen des Landes zu stammen. Das ist eine Perspektive, die wir zu diesem Zeitpunkt nicht sehen und uns auch nicht vorstellen konnten. Unser Bild von Kultur war an Nationen und Ethnien gebunden.

Nicht nur die Reisenden sind Schuld, es verkauft sich auch besser – nachhaltig reisen sieht aber anders aus

Diese festgefahrenen Perspektiven gehen dabei aber nicht nur von Reisenden aus. Teilweise sehen die Locals in uns Touristen und Westlern auch Stereotypen, die sich immer wieder bestätigen. Als Reisende aus wohlhabenden Ländern bringen wir Geld und damit Macht mit. Geld schafft Möglichkeiten und um an Geld zu kommen, wollen die lokalen Tourismusanbieter den Menschen gefallen. Das führt leider in der Regel dazu, dass sich die Kultur zugunsten der Touristen verändert. So geht nachhaltig reisen nicht.

Wie kann man das also besser machen? Wenn du aus einem Land Souvenirs mitbringen möchtest, schaffst du in deinem Rucksack oder Koffer Platz, damit für die Rückreise noch etwas Neues hineinpasst. Ähnlich kannst du mit deinem Mental Backpack vorgehen: Schau’ dir an und werde dir bewusst, wie du über ein Land und über eine Kultur denkst. Was verbindest du damit? Woher hast du deine Informationen? Wer und was hat dich geprägt? Welche Perspektiven kennst du?

Wenn du dann vor Ort bist, kannst du diese Bilder abgleichen und hinterfragen. Du kannst versuchen herauszufinden, wie Locals über Westler denken. Was haben sie für Erfahrungen mit Deutschen gemacht? Welche Erfahrungen waren schön, welche weniger schön? Was könnten Touristen besser machen? Was macht die Kultur vor Ort wirklich aus? Ähnlich, wie wir uns unser Gepäck ansehen müssen, um zu entscheiden, was raus kommt, was rein kommt und wofür wir Platz schaffen wollen, können wir Kulturen nur tiefgründig erkunden, wenn wir uns mit unseren eigenen Hintergründen und unserer Herkunft auseinandersetzen.

Der Geld(ab)fluss – sozialer Impact beim nachhaltig Reisen

Vielleicht hast du schon gemerkt, unsere Tipps für nachhaltiges Reisen beziehen sich gar nicht so sehr darauf, was du vor Ort tust, sondern welchen Eindruck du hinterlässt: Dein Social Impact.

Sozialer Impact – manchmal auch ökologischer Handabdruck genannt (als Pendant zum Fußabdruck) – klingt vielleicht erst einmal ein wenig abstrakt. Anhand von Beispielen wird das Prinzip schnell greifbar: Wenn ich nach Thailand in eine massentouristische Region reise, in einer internationalen Hotelkette unterkomme und hauptsächlich in Restaurants esse, die auf meinen Geschmack abgestimmt und nach meinem kulturellen Empfinden eingerichtet sind, bleibt von dem Geld, dass ich ausgebe nur ein Bruchteil bei den Locals und der lokalen Wirtschaft. Der Rest fließt ab, an die Teilhaber im Ausland.

Das nennt sich Tourism Leakage. Das Geld fließt aus dem lokalen Tourismus ab, in die Hände von ausländischen Investoren und Eigentümern und statt das Reiseland zu stärken, profitieren die Nationen davon, die das Geld eigentlich in das Reiseland bringen sollen – Ein Nullsummenspiel.

So nachhaltig reisen, dass es den Einheimischen zugute kommt

Die Alternative? Reise in eine seltener frequentierte Region. Wir haben häufig tolle Orte und echte Geheimtipps gefunden, indem wir Locals gefragt haben. Das erfordert manchmal ein wenig Geduld. Häufig kommen im ersten Anlauf nämlich die Standard-Tipps für Touris. Wir haben dann gefragt: “Was findest du gut? Was magst du? Welchen Ort besuchst du am liebsten?” Statt in einem Hotel-Bunker zu übernachten, kannst du nach Homestays, lokalen Hostels, Guesthouses oder lokalen Hotels Ausschau halten oder im Zweifelsfalle wieder die Locals fragen. Vor Ort wissen die Menschen in der Regel, wo das Geld hingeht und wer davon profitiert.

Gleiches gilt für die Essensauswahl. Auf Reisen haben wir viele kleine Läden entdeckt, die wir jedem pompösen Restaurant vorziehen würden. Kleine Buden, die nicht nur günstiger sind, sondern auch mit natürlichen und frischen Zutaten kochen, flexibel ein vegetarisches oder veganes Gericht zubereiten und sich von Herzen freuen mal ein paar andere Gesichter in ihrer Stube begrüßen zu dürfen. Häufig sind diese Entscheidungen auch mit mehr Spaß und Spannung auf Reisen verbunden. Statt zu kaufen, was du auch zuhause kennst, kannst du was neues ausprobieren und statt dich mit der Speisekarte herumzuplagen, kannst du dich überraschen lassen. 

Dein Gewinn beim nachhaltig reisen: Neue Perspektiven

Selbst, wenn du nicht mit Worten artikulieren oder alles verstehen kannst, ermöglicht diese Art von Begegnungen neue Perspektiven. Sie fordern dich ein wenig heraus und schulen interkulturelle Empfindlichkeit –  etwas was in der Theorie schwer zu erlernen ist aber in der Realität sehr eindrucksvoll erfahren werden kann. Du kannst natürlich nicht immer alle Fragen vor Ort klären. Für diesen und für den Fall, dass du einige Entscheidungen aber schon vor der Abreise treffen musst, kannst du hier lokale Unterkünfte finden: Ecobnb, bookitgreen, Goodtravel und airbnb (am besten in den Bewertungen prüfen, ob wirklich lokal).

Übrigens: Alles gesagte, gilt auch für Touren, Kultur-Shows und Tiererlebnisse, stelle vor Ort (kritische) Fragen und höre im Zweifelsfalle auf dein Bauchgefühl.

Die Ethik deiner Fotos 

Fotos halten Momente fest. Ein kurzer Blick und schon steigen all die Erinnerungen und Emotionen an längst vergessene Erlebnisse wieder auf. So gesehen halten Fotos nicht nur Momente fest. Sie erzählen eine Geschichte. Bei Reisefotos stellt sich daher die Frage: Welche Geschichte erzählst du?

Grundsätzlich können wir erst einmal in zwei Kategorien unterschieden. Das eine sind Erinnerungsfotos – die sind nur für dich und deine engsten Verwandten und Freundeskreis gedacht – und das andere sind öffentliche Fotos. Durch Social Media verschwimmt die Grenze zwischen diesen beiden Kategorien. Unsere Eltern hätten früher vermutlich mit sehr viel bedacht die Fotos gewählt, die sie veröffentlichen möchten. Heute wird schnell auch mal ein semi-peinliches Selfie hochgeladen. Durch diese Schnellebigkeit werden aber auch immer mehr Reisefotos online gestellt, die das Bild einer Destination prägen und das wiederum prägt oft unser Weltbild.

Bilder prägen unsere Vorstellung von etwas

Wäre ich beispielsweise selbst nicht dort gewesen, könnte ich auf die Idee kommen, dass Bali ein Paradies für Natur und Tradition voll perfekt aussehender Fitness-Veganer ist, die zwischen Essen, Surfen und Yoga ihr Astralbild im Meditationszustand professionell geframt auf Instagram projizieren. Auf die Idee, dass Kuta voll von australischen Trunkbolden und Canggu voll von westlichen Normalos ist, wäre ich nicht gekommen. Darauf, dass der Großteil der Tourismus-Tätigkeiten auf Menschen von der Nachbarinsel Java zurückzuführen ist und die traditionellen Balinesen und ihre Religion teilweise verdrängt werden auch nicht. Denn diese Fotos gibt es nicht oder sie gehen in der Masse unter. Darüber, was der Algorithmus promotet, können wir nicht entscheiden. Aber wir können entscheiden, welches Weltbild wir prägen und welches Weltbild wir vermitteln wollen. Wir können entscheiden, ob wir ein Weltbild erhalten oder anfangen wollen es zu verändern. Das bedeutet nicht, dass unsere Fotos nicht mehr schön, nicht mehr professionell und nicht mehr spannend sein dürfen. Ganz im Gegenteil: Die Fotos sollten mindestens genauso gut, wenn nicht noch besser sein, als all die Instagram-Banger, die tausend von Likes und damit immense Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Fragen, die du dir stellen kannst:

  • Darüber hinaus können wir dafür sorgen, dass wir mehr Kontext schaffen. Warum wir ein Bild geschossen haben, was genau es zeigt, ob es alleine für sich steht oder Teil einer Serie ist. 
  • Menschen werden würdevoll dargestellt, statt auf ihre Armut zu verweisen (Poverty Porn).
  • Wir können Menschen eine Stimme geben, indem wir uns zurücknehmen und andere sprechen lassen.
  • Mitbestimmung für die Menschen, die wir fotografieren, indem wir das Gespräch suchen und herausfinden, was ihnen wichtig ist und worauf sie stolz sind.

Als Fotograf und Videograf ist mir wichtig zu betonen: Es gibt kein Richtig oder Falsch. Es gibt keine endgültigen Regeln. Was zählt ist die Geschichte und die Menschen dahinter. Wenn du trotzdem gerne ein paar Richtlinien hättest, um dich besser zu orientieren, empfehlen wir den Social Media Guide von SAIH.

Über uns: give & grow – Nachhaltig Reisen

give & grow ist eine Online-Learning-Plattform auf der du von und mit Gleichgesinnten sowie Experten und Influencern mehr über die unterschiedlichen Aspekte des nachhaltigen Reisens lernen kannst.

Unsere Mission ist es Wissen zu komplexen Themen herunterzubrechen, für jeden Menschen zugänglich zu machen und miteinander zu teilen. Wir wollen die Bedeutung des Wortes “Reisen” mit dir gemeinsam neu schreiben. Das Bild einer verständnisvolleren Welt, in der sich Menschen aus aller Welt auf Augenhöhe begegnen und wir frei von Vorurteilen und voll neugieriger Offenheit Kulturen erforschen, treibt uns an.

Nachhaltiges Reisen ist kein Widerspruch. Es ist eine Möglichkeit, eine Chance und es ist ein Privileg. Wir wollen dieses Privileg nutzen, um etwas positives zu bewirken und gemeinsam mit dir die Welt des Reisens zu verändern und ein besseres Morgen zu erschaffen.

Einen Artikel zum nachhaltigen Reisen im ökologischen Sinn findet ihr hier.


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