Rebound Stuff: Diese Ankauf-App nimmt dir (fast) alles ab

Mit Rebound Stuff ist die Frage danach, was mit aussortierten Dingen passiert, in Zukunft schnell beantwortet. Foto von Ketut Subiyanto von Pexels

Minimalismus, mit weniger auskommen, die Umgebung clean halten, weil dann auch die Gedanken clean sind: All das sind Gedanken, die jede:r von uns wahrscheinlich kennt. Kein Wunder, denn wir alle besitzen eigentlich viel zu viel, weshalb regelmäßiges Ausmisten quasi Standard ist. Aber wohin mit all den aussortierten Sachen, die wir nicht mehr brauchen? Für Kleidung und Bücher gibt es inzwischen einige Anlaufstellen im Netz. Anders sieht es mit Kleinkrams, Dekoration & Co. aus. Bisher blieben hier nur Ebay Kleinanzeigen oder ähnliche Plattformen übrig. Auf jeden Fall solche, bei denen man sich selbst um jeden einzelnen Verkauf kümmern muss. Damit ist jetzt Schluss, denn die Plattform Rebound Stuff hat sich auf den Online-An- und Verkauf von genau solchen Artikeln spezialisiert. Wir haben die Gründerin der Plattform, Doris Schoger getroffen. Im Interview mit EKOLOGISKA erklärt sie, was ihre Plattform einzigartig macht.

“Ich knüpfe mit meinem Konzept bei Marie Kondo an”

EKOLOGISKA: Du sagst, deine Plattform Rebound Stuff fängt da an, wo Marie Kondo aufhört. Wie meinst du das?

DORIS SCHOGER: Marie Kondo rät ihren Follower:innen & Kund:innen in sechs Schritten ihr Zuhause und damit ihr Leben aufzuräumen. Sie nennt das die KonMari Methode und bildet mittlerweile Berater:innen darin aus, die man fast weltweit buchen kann. Richtig bekannt wurde sie mit ihrer Netflix Serie: Aufräumen mit Marie Kondo. So bin auch ich auf sie gestoßen. Ich fand ihre Methode super und total einleuchtend, aber sie schien mir unvollendet. Mir viel auf, bei ihren Schritten fehlte ein ganz wichtiger am Ende. Sie lehrt: 

  1. Entscheide dich aufzuräumen.
  2. Stell dir vor, wie dein ideales Leben aussieht und welche Dinge darin Platz haben.
  3. Sortiere nach Kategorie (Kleidung, Bücher, Kleinkram etc.), gehe alles zügig durch.
  4. Es werden alle Dinge einer Kategorie auf einen Haufen gelegt, um einen Überblick zu erhalten und zusehen, wieviel man eigentlich besitzt. Dann wird aussortiert. Mit der einfachen Frage: Macht es mich glücklich (Does it spark joy)? Brauche ich den Gegenstand, erfüllt er eine Funktion, bedeutet er mir etwas? Wenn die Antwort auf die Fragen nein heißt, kommt er weg.
  5. Anschließend wird jedem Gegenstand, den man behalten will, ein fester Platz im Haus zugewiesen, dort wohnt er jetzt.  

Aber was ist mit den Dingen, gegen die man sich entschieden hat? All die Dinge, die man nicht behalten will, sollen “verworfen” werden. Hier hört Marie Kondo mit ihren Detail-Anweisungen auf und sie geht nicht näher darauf ein, was damit gemeint ist. Genau das macht ihre Methode in meinen Augen unvollständig. Sie beschäftigt sich nur mit den Sachen, die man behält, den Rest sortiert man aus. Aber zum Aussortieren gehört leider auch, dass man letztlich vor einem Haufen von Sachen sitzt, gegen den man sich zwar entschieden hat, aber das Problem damit nicht gelöst ist. Man muss ja noch aktiv etwas machen, damit der Haufen an Sachen verschwindet. Wegwerfen, spenden oder verkaufen – das überlässt sie uns.

Wenn ich mir vorstelle, ich würde anfangen all diese Sachen nochmal einzeln durchzugehen und erneut entscheiden müssen, was mit jedem Teil passiert: Das Kleid zu Momox, dieses Buch zu Rebuy, das Tablett auf Vinted oder Ebay und die Vase lieber verschenken – da wird man ja wahnsinnig! Am Ende behält man doch noch das ein oder andere Teil, oder schlimmer, wirft viel weg. Es kostet viel Kraft, Dinge, von denen man sich gerade erst emotional getrennt hat, wieder soviel Aufmerksamkeit schenken zu müssen. Genau da kommt Rebound Stuff ins Spiel. Wir bieten eine simple Lösung: Einfach den ganzen Haufen in eine Box packen, an uns schicken und wir kümmern uns drum. Im Gegenzug gibt es eine faire direkte Auszahlung sofort nachdem man unser Angebot angenommen hat. 

Rebound Stuff-Gründerin Doris. Foto: Christian Mentzel.

EKOLOGISKA: Das klingt spannend. Aber was können deine Kund:innen dir zuschicken? Kaufst du wirklich alles an?

SCHOGER: Alles, was die Kund:innen lange nicht mehr selbst verwendet haben und von dem sie eigentlich wissen, dass sie es wahrscheinlich nicht mehr brauchen und es sie nicht mehr glücklich macht. Also alles was noch einen Wert hat und für jemand anderen verwendbar ist. Man kann sich fragen: Würde ich es noch einem guten Freund:in schenken oder bei Ebay einstellen? Ausgeschlossen sind aber: Dinge, die kaputt oder Müll sind, Nahrungsmittel, Kosmetik und Gefahrstoffe.  

Einen Teil verkauft sie selbst, andere Sachen werden an Upcycler weitergegeben

EKOLOGISKA: Was passiert mit den Sachen, wenn sie bei Rebound Stuff ankommen?

SCHOGER: Wenn die Sachen bei uns ankommen, unterziehen wir sie zunächst einer Qualitätskontrolle. Dann wird sortiert: Dinge die an Leute weiterverkauft werden können, Dinge die eine Überholung oder Reinigung brauchen, Dinge die zum Aufwerter oder Upcycler passen, Dinge die bei unseren Partnern verkauft werden oder auch Dinge die gespendet werden können. 

Oft bekommen wir Dinge, bei denen nur eine Kleinigkeit ersetzt oder repariert werden muss, z.B. eine Armbanduhr, bei der nur die Batterie fehlt, oder eine Bialetti, bei der nur die Dichtung getauscht und die nochmal poliert werden muss. Für manche dieser Dinge braucht man einfach nur etwas Equipment, das nicht jeder Zuhause hat. Oder wir bekommen beispielsweise Pullover aus Wolle, die verwaschen wurden oder Bettwäsche, die nicht mehr modern ist. Das geht zu unseren Upcycling-Partnern. Nicht für alle Artikel gibt es einen Ankaufspreis, wenn gleich klar ist, sie werden gespendet. Andere Sachen, wie zum Beispiel BHs gehen an das Frauenhaus in Berlin. Anderes wiederum geben wir an unsere Partner weiter, die auf bestimmte Produktsparten spezialisiert sind, wie z.B. Bücher und CDs.  

Die Dinge, die ich persönlich schön finde, die gut erhalten sind und die zu einer bestimmten Kategorie passen, verkaufen wir im eigenen Onlineshop. Hier fokussiere ich mich derzeit auf Home & Living und im zweiten Schritt auf Sport-Equipment. Diese Dinge kaufe ich auch einzeln gezielt über meine App an. In diesen Kategorien sehe ich den Fokus meines ReCommerce. Hier möchte ich eine Plattform bieten, auf der die Leute alltägliche Gebrauchsgegenstände Secondhand finden können. Warum immer nur Secondhand Klamotten, warum nicht auch Heimtextilien und Geschirr? 

Ich will aus jedem Teil das Maximum seines Wertes für die Gesellschaft herausholen und weil mein Unternehmen noch so klein ist geht das auch. Die Möglichkeiten sind groß. 

– doris schoger, gründerin rebound stuff

Nie war Upcycling so gehypt

EKOLOGISKA: Wie sieht dein Netzwerk aus Bastler:innen aus, die die Sachen upcyclen, die du für deinen Shop nicht gebrauchen kannst? 

SCHOGER: Das Netzwerk sind Menschen, die weniger einen Bastel-Ansatz verfolgen, sondern einen wiederholbar-Ansatz. Das heißt sie arbeiten daran, eine effiziente Wiederholbarkeit in den Prozess der Herstellung zu bringen, woraus ein Produkt entsteht, das sich im Alltag bewährt. Derzeit ist mein Netzwerk noch sehr textillastig. Klar, Textilien geben derzeit überall den Ton an. Leute aus meinem Netzwerk machen also beispielsweise aus Tischdecken oder Bettwäsche, die sich nicht mehr verkaufen lassen, Kleidung. Oder aus etwas verfilzten Pullovern Kinderkleidung und Accessoires. Jeansstoffe werden zu Taschen umgenäht und alte Vorhänge zu Obst- und Gemüsebeuteln, solche Dinge. Allerdings arbeiten wir an vielen weiteren Produktideen, wie z.B. das Aufwerten von altem Geschirr. Auch hier denke ich, stehen wir erst am Anfang einer spannenden Entwicklung. Nie war Upcycling so gehyped und lösungsorientiert gedacht wie heute. Zwar steht auch hier Fashion im Vordergrund – sogar die Vogue hat Upcycling zum Trend 2021 ausgerufen – aber “…the rest will follow”.  

EKOLOGISKA: Wie bist du denn dazu gekommen, Rebound Stuff zu gründen?

SCHOGER: Das ist ein lange Geschichte, bei der viele Dinge zusammen kamen. Aber der Schlüsselmoment war als ich zeitweise bei meiner Schwester lebte, die ihr erstes Kind erwartete und ich gerade einen Beratervertrag für ein ReCommerce Unternehmen beendet hatte.

Ich hatte 10 Jahre Fast Fashion und meine Schwester hatte 10 Jahre im Bereich Entwicklungszusammenarbeit hinter sich. Wir haben viel über unser Konsumverhalten diskutiert und wurden den Gedanken nicht los, wie anmaßend es ist, dass wir den Anspruch haben immer alles Neu kaufen zu wollen. Und wie privilegiert wir sind, dass wir uns auch immer alles neu kaufen können. Im Gegenzug dazu machten wir uns bewusst, wie viele Ressourcen dabei zerstört werden, weil sich die meisten nicht die Zeit nehmen, verantwortungsvoll mit ihren Sachen umzugehen, also sie zu reinigen, zu pflegen und zu reparieren, damit sie lange halten. In unserer momentanen Gesellschaft verachten wir regelrecht Dinge mit Gebrauchsspuren, als wären sie nicht gut genug für uns und gleichzeitig horten wir viel zu viel. Wir benutzen einen Großteil unserer Sachen gar nicht und werden sie, auch in der Zukunft, nicht aufbrauchen können. Dafür haben wir schlicht zu viel. Zusätzlich gehen Dinge von ganz allein kaputt wenn man sie nicht nutzt. Vor allem Dinge mit Kunstoffanteilen. Jeder hat wahrscheinlich schon mal eine alte Hose mit Gummiband auseinandergezogen, das daraufhin zerbröselt ist.

Mit diesem Gedanken gründete ich zunächst Anfang 2020 meinen Blog und wollte nur über Alternativen zu Neuwaren informieren und aufklären. Ich wollte etwas Transparenz in die Sache bringen. Irgendwann Anfang diesen Jahres  war ich mutig genug selbst Teil der Branche werden und mitgestalten zu wollen. Ich begann mit meinem eigenen Geld Leuten Dinge abzukaufen um ihnen zu zeigen, dass Dinge immer einen Wert haben und es sich lohnt, damit achtsam umzugehen und auch Dinge loszulassen. Darauf stütze ich jetzt mein Business. 

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