Rezension: ‘Great Green Thinking’ von Jennifer Hauwehde & Milena Zwerenz

Great Green Thinking ist ein tolles Buch für jeden, der sich mit Nachhaltigkeit tiefergehend auseinander setzen möchte. Foto von Daria Shevtsova von Pexels

‘Great Green Thinking’ ist ein etwas anderes Nachschlagewerk rund um ein nachhaltigeres Leben. Im Gegensatz zu den meisten Einsteiger-Büchern setzen die Autorinnen dieses Buches sich mit den großen Fragen hinter den kleinen Schritten des Alltags auseinander. Jennifer Hauwehde und Milena Zwerenz lassen dabei keinen Zweifel daran, dass soziale und ökologische Nachhaltigkeit konsequent zusammen gedacht werden müssen, um eine gerechte und klimafreundliche Transformation unserer Gesellschaft zu erreichen. Um das nicht nur zu schreiben, sondern auch zu demonstrieren, haben sie mit Essayist:innen wie Ciani Sophia Hoeder zusammengearbeitet. Deren Texte machen die im Buch abgebildeten Perspektiven auf das Geflecht von sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit noch diverser. Ganz so, wie es der Untertitel (“Vielfältige Perspektiven auf ein nachhaltiges Leben”) verspricht.

Great Green Thinking liefert vielseitige Impulse

Genauso vielfältig wie die Essayist:innen und Interviewpartner:innen, die die Autorinnen getroffen haben, sind auch die Themen, die Great Green Thinking behandelt: Von der Frage, ob Konsum und Nachhaltigkeit sich nicht sowieso irgendwie ausschließen, über unterschiedliche Perspektiven auf die Wirtschaft der Zukunft bis hin zu der Rolle von Frauen in der Klimabewegung macht das Buch seinen Leser:innen ein vielfältiges Angebot an Perspektiven, mit denen man sich auseinandersetzen kann. Dabei sind die Autorinnen sehr bemüht darum, die Themen niedrigschwellig anzubieten, damit Great Green Thinking für jede:n etwas ist. Ob das gelingt, ist schwer zu beurteilen aus der Position einer Leserin, die selbst einen Master-Abschluss hat. Die Redaktion hat sich beim Lesen auf jeden Fall bei jedem Thema gut abgeholt gefühlt, auch wenn es sich um Themen handelte, mit denen es vorher weniger Berührungspunkte gab.

Wir können über plastikfreie Zahnbürsten, ökologisch produzierte Mode und #flygskam (Flugscham) diskutieren, bis uns die Köpfe rauchen, und uns des mangelnden Aktionismus bezichtigen – aber wir verfehlen damit das Thema.

– Jennifer Hauwehde, Seite 49

Was das Buch auf jeden Fall schafft: Es nimmt dem Individuum die Last von den Schultern, sich selbst für all die Missstände und deren Auflösung verantwortlich zu fühlen. Die Autorinnen lassen keinen Zweifel daran, dass es einen Systemwechsel braucht, um die Klimakrise wirklich abzuwenden. In zahlreichen Beiträgen machen Hauwehde und Zwerenz klar, dass der Konsum der Mittelschicht nicht das Problem ist. Vielmehr sind es die reichsten 10 Prozent der Weltbevölkerung. Wenn diese ihren Lebensstil beibehalten, dann knacken wir schon 2030 die 1,5 Grad. Ganz egal, ob der Rest der Welt klimaneutral lebt.

Einblicke in andere Lebenswelten

Great Green Thinking ermahnt seine Leser:innen, intersektional zu denken. Ganz getreu des Mottos, dass man nicht nur eine Krise lösen kann – sondern sich das große Ganze ansehen muss. Dieses Verständnis geben die Autor:innen einem ohne Zweifel an die Hand. Besonders eindrucksvoll ist der Beitrag zur indigenen Perspektive. Gerade die lernt man sonst nämlich selten kennen, wenn man nicht explizit danach sucht. Denn die indigene Bevölkerung ist global gesehen immer noch in kolonialen Strukturen gefangen – und das müssen wir als Profiteure dieses ausbeuterischen Systems uns immer wieder vor Augen führen. Die Dekolonisierung der Wirtschaft wird eine Aufgabe sein, der wir uns in (näherer) Zukunft stellen müssen. Und dazu gehört vor allem, dass wir uns vom Paradigma des Konsums als Symptom eines guten Lebens verabschieden müssen.

Im Buch beschäftigt sich Jennifer Hauwehde, die sonst als @mehralsgruenzeug unter anderem bei Instagram ihre Gedanken teilt, schwerpunktmäßig mit den Themen sozialer Gerechtigkeit (sofern man das so pauschalisierend sagen kann). Journalistin Milena Zwerenz hingegen hat ihren Fokus augenscheinlich auf die Wirtschafts-Themen gelegt. Beide Perspektiven fügen sich in ihrem Buch harmonisch zusammen. Es ist eben ein Gemeinschaftsprojekt, wie die beiden Autorinnen im Vorwort betonen.

Fazit: Eine großartige Ergänzung des bisherigen Buch-Marktes

Cover: &Töchter

Great Green Thinking schafft es, unterschiedlichste Perspektiven auf das Thema Nachhaltigkeit unter einem harmonischen Dach zu vereinen. Das ist nicht zuletzt dem ausgeprägten Sprachgefühl der beiden Autorinnen zu verdanken, welches einem als Leser:in stets das Gefühl gibt, ein an einen persönlich adressiertes Werk zu lesen – und nicht ein Buch, das für alle gedacht ist. Vor allem für Menschen, die sich schon ein wenig mit Klima- und Sozialpolitik auseinander gesetzt haben, ist Great Green Thinking eine absolute Herzensempfehlung, da ein gewisses Grundverständnis für bestimmte Begriffe und Grundfesten vorausgesetzt wird. Im Großen und Ganzen können wir Great Green Thinking aber ohne Einschränkungen empfehlen. Das Schöne an einem Buch ist ja, dass jede:r ein Buch in seinem eigenen Tempo durcharbeiten kann.


“Great Green Thinking” von Jennifer Hauwehde und Milena Zwerenz erschien im &Töchter Verlag. Mehr Informationen zum Buch findest du hier.

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