Zierpflanzen – Wie nachhaltig sind sie?

Zierpflanze
Zierpflanzen gehören heute in fast jeder Wohnung dazu – Aber wie nachhaltig sind sie eigentlich? Foto von Daria Shevtsova von Pexels

Sie gehören zu jedem ‘grünen’ Wohnparadies dazu: Zierpflanzen. Besonders Content Creator, die nachhaltig und naturverbunden leben, posten häufig Bilder von ihren grün dekorierten Wohnungen. Warum auch nicht, schließlich wirken sich Zimmerpflanzen positiv auf das Raumklima aus, weil sie Sauerstoff liefern und Luftfeuchtigkeit spenden. Oder? Leider sind die meisten Zimmerpflanzen alles andere als nachhaltig: Lange Transportwege, Pestizide, intransparente Lieferketten und Erde mit Torf sind nur einige der Punkte, die die Ökobilanz von Zierpflanzen negativ beeinflussen. Und genau die wollen wir uns im folgenden Artikel näher ansehen. Aber keine Sorge: Pflanzenliebhaber:innen müssen nicht auf Zimmerpflanzen verzichten! Im Gegenteil, es gibt einige (teils sogar günstigere Möglichkeiten) an nachhaltiges Grün zu kommen, so viel sei schon einmal verraten.

Der typische Weg einer Zierpflanze aus dem Baumarkt, Gartencenter oder vom Möbelschweden

Pflanzen, die in der EU verkauft werden, brauchen seit ein paar Jahren einen sogenannten Pflanzenpass. Auf dem finden Verbraucher:innen den Namen der Pflanze, die Registriernummer, den Rückverfolgbarkeitscode und das Ursprungsland. Wer sich so einen Pflanzenpass oder besser gleich ein paar mehr angesehen hat, dem ist bestimmt schon aufgefallen, dass ein großer Teil der Pflanzen, die in Deutschland verkauft werden, aus den Niederlanden stammen. Zumindest sagt das der Pflanzenpass. Oder? Nicht ganz. “Alle Zier- und Zimmerpflanzen, die man in Deutschland kaufen kann, haben in der Regel gemein, dass sie schon eine lange Reise hinter sich haben”, erklärt Corinna Hölzel, die sich für den BUND schon länger mit dem Thema auseinandersetzt. Dass im Pflanzenpass trotzdem oft europäische Länder angegeben werden, das liege an einer Lücke im System. Denn hier muss das Land eingetragen werden, aus welchem die Pflanzen nach Deutschland importiert wurden. Nicht das, aus welchem die Pflanze ursprünglich einmal kam.

Der Pflanzenpass erzählt nur die halbe Wahrheit

Tatsächlich ist es so, dass die meisten Jungpflanzen aus Ländern mit anderen klimatischen Bedingungen kommen, oft aus Ländern des globalen Südens. Als große Exporteure benennt Hölzel Länder wie El Salvador, Kenia oder Kolumbien. “Die Arbeitsbedingungen und die ökologischen Bedingungen vor Ort sind oft dramatisch”, weiß Hölzel. Ein Hauptgrund für ihre Einschätzung sind die eingesetzten Pestizide. Denn in Kenia dürfen ganz andere Stoffe verwendet werden, als bei uns.

Die Arbeiterinnen auf den Feldern, ja, es sind meist Frauen, die sind diesen Stoffen schutzlos ausgeliefert. Die haben meist keinen Zugang zu Schutzkleidung oder zu wenig. Und auch zu wenig Information über die Gefahren, die von den Pestiziden ausgehen.

– Corinna Hölzel, pestizid-expertin BUND

Es ist bekannt, dass Pestizide bei uns Menschen krebserregend, neurotoxisch oder hormonaktiv wirken können, je nach Art des Pestizids. Während in europäischen Ländern über die (glücklicherweise) niedrigen Konzentrationen im Trinkwasser und deren Auswirkungen diskutiert wird, sind die Arbeiter:innen auf den Zierpflanzen-Feldern den Pestiziden oftmals schutzlos ausgesetzt. Die Folge: Gesundheitliche Probleme und höhere Krebs-Raten im Vergleich zu Plantagenarbeiter:innen, die auf Bio-Plantagen arbeiten. Das haben wohl die wenigsten auf dem Schirm, wenn sie sich in Gartencentern mit Blumen für den Garten oder die Wohnung eindecken. Aus Corinna Hölzels Sicht wird es Zeit, dass sich genau das ändert. “Wenn sich das Bewusstsein ändert und die Menschen verstärkt bio nachfragen, dann wird das Angebot auch wachsen”, erklärt sie. Der Marktanteil der biologisch erzeugten Zierpflanzen liegt aktuell bei unter zwei Prozent.

Biologisch erzeugte Zierpflanzen sind eine absolute Nische

Für Bio-Zierpflanzen gibt es die schon aus dem Lebensmittelbereich bekannten Siegel wie das Biosiegel der EU, aber auch die Anbauverbände demeter, Naturland oder Bioland zertifizieren Zierpflanzen. Eine Übersicht darüber, welche Gärtnereien in eurer Nähe Bio-Zierpflanzen verkaufen, haben wir euch hier verlinkt. Klar ist: Bio-Zierpflanzen sind eine absolute Nische, ihr Marktanteil nicht nennenswert. Und das, obwohl sie um einiges besser für die Umwelt sind, da keine Pestizide im Anbau eingesetzt werden.

Man muss wissen, dass Pestizide gemacht werden, um zu töten. Dazu werden sie hergestellt. Und sie töten eben nicht nur die sogenannten Ziel-Organismen, also das Beikraut oder das Insekt, das der Pflanze Schaden zufügt, sondern auch jede Menge Nützlinge. Und dieser Kollateralschaden ist das, was für die Umwelt problematisch ist.

– Corinna Hölzel, BUND

Für uns als Endverbraucher:innen gehe aber in der Regel keine Gefahr mehr von den Pflanzen aus. Es sei zwar prinzipiell nicht auszuschließen, dass Pestizide aus Zimmerpflanzen ausdünsten, so Hölzel, aber eine akute Gesundheitsgefahr bestehe in der Regel nicht für die Menschen, die die Zimmerpflanze kaufen.

Torf in Blumenerde ist ein großes Problem für die Umwelt

Ein anderes Problem im Zierpflanzen-Bereich stellt die Erde dar, in welcher die Pflanzen leben. Denn die enthält oft Torf. „Torf kommt aus Mooren – und das sind sehr wertvolle Lebensräume. Torf ist praktisch Kohlenstoff, Jahrmillionen alter Kohlenstoff”, erklärt Corinna Hölzel, “und wenn der gestochen wird, dann heißt das, dass das Moor entwässert und zu Blumenerde verarbeitet wird.“ Das ist in zweierlei Hinsicht ein Problem: Einmal gehen so Lebensräume verloren – und zwar solche, in denen vor allem seltene Tiere Zuhause sind. Das ist ein herber Schlag für die Biodiversität. Das zweite Problem, das damit einher geht ist, dass die Moore bzw. der Torf eine Kohlenstoffsenke ist. Durch die Entwässerung kommt diese in Kontakt mit Sauerstoff und setzt den gespeicherten Kohlenstoff in Form von CO2 wieder frei. In Konsequenz wird so also der Klimawandel angeheizt.

Torfabbau ist klimapolitisch dramatisch. Wir sollten die Moore schützen, die noch da sind.

– Corinna Hölzel, bund

“Leider muss man davon ausgehen, dass jede Blumenerde, die nicht explizit als torffrei markiert ist, Torf enthält”, bestätigt Corinna Hölzel. Der Torf wird vor allem deshalb eingesetzt, weil er nährstoffarm ist und keine Samen enthält, aus welchen Beikraut wachsen könnte. Glücklicherweise gibt es schon heute Alternativen zu Erde mit Torf, wie zum Beispiel Rindenhummus, Kompost oder Holzfasern.

Nachhaltige Alternativen: Bio-Zierpflanzen oder Pflanzentausch

Aber wie kommt man jetzt an nachhaltige Zierpflanzen ran? Eine Option sind, wie weiter oben schon beschrieben, Bio-Zierpflanzen. Das Problem ist, dass diese nicht nur selten sind, sondern auch längst nicht alle Pflanzen in bio erhältlich sind. Während es relativ einfach ist, Pflanzen für den Garten in Bio-Qualität zu ergattern, wird es bei der beliebten Monstera schon deutlich schwieriger. Hier empfiehlt Corinna Hölzel vom BUND auf den Tausch von Pflanzen zu setzen. Eine Plattform, die das vereinfachen will, heißt Pflanzenkreisel und wurde von Mike, Julian und Bastian gegründet – drei Freunden aus dem Rheinland. Wir haben bei Gründer Mike nachgefragt, was die drei mit ihrer Plattform erreichen wollen und was sie motiviert.

EKOLOGISKA: Wie funktioniert eure Plattform “Pflanzenkreisel”?

MIKE: Pflanzenkreisel funktioniert ganz einfach – der Name ist ja bereits aus anderen Branchen geläufig. Jede Privatperson kann bei uns eine Pflanzen inserieren und sie entweder an andere Pflanzenliebhaber:innen verkaufen oder untereinander tauschen. Um eine lokale Community zu bilden und die Transportwege möglichst kurz zu halten, fördern wir vor allem den Tausch bzw. Verkauf innerhalb einer Stadt. Hierfür ist besonders unsere Umkreissuche hilfreich. Sie ermöglicht es, ohne Registrierung, schnell und einfach alle Inserate in der Nähe zu finden.

Ein Konzept, das schon von anderen Sparten bekannt ist

Für das Inserieren muss man sich einfach bei pflanzenkreisel.de registrieren und kann anschließend bis zu drei Fotos pro Inserat hochladen. Möchte man mehr als drei Fotos hochladen oder seine Inserate besonders hervorheben, gibt es die Möglichkeit verschiedene Anzeigenpakete zu kaufen. Trifft das Inserat auf einen Interessenten:in, können beide Parteien in Kontakt treten und sich via Chat über die Bezahlung und Übergabe austauschen.

Abschließend ist es möglich, dass sich sowohl Verkäufer:innen als auch Käufer:innen gegenseitig bewerten. Die Bewertung hilft neuen Nutzer:innen sein Gegenüber besser einschätzen zu können, um sich so in der virtuellen Kaufsituation wohler zu fühlen. 

EKOLOGISKA: Warum ist das Tauschen von Jungpflanzen eine nachhaltige Alternative zu gekauften Zimmerpflanzen? 

MIKE: Die Pflanzenindustrie ist zwar (noch) nicht als Umweltsünder bekannt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen allerdings als Wolf im Schafspelz. Folgende Faktoren sorgen u.A. für eine negative Umweltbilanz unserer so „grün scheinenden“ Pflanzen: Lange Transportwege, Einsatz von Pestiziden, widrige Arbeitsbedingungen für Plantagenmitarbeiter:innen in anderen Ländern, sowie Unmengen an Einwegverpackungen und die Waldrodung zur Gewinnung von Zuchtflächen.

Die häufig kritisierte Konsum- oder Wegwerfgesellschaft lässt sich auch auf den Umgang mit Pflanzen übertragen. Geht eine Pflanze ein, führt der nächste Weg meist in den nächsten Baumarkt. Hier erwarten einen unzählige hochgezüchtete Exemplare, die meist bereits eine lange Reise hinter sich haben. Laut der deutschen Umwelthilfe fielen allein in den Monaten von März bis Mai 39 Millionen Einweg-Plastikpaletten, durch den Transport von Beet- und Balkonpflanzen vom Erzeuger zum Händler, an.

Kein Wunder, dass die Pflanzen eingehen

 EKOLOGISKA: Gilt das auch für “Trendpflanzen” wie die Monstera?

MIKE: Vor allem die Trendpflanzen wie Monstera und Co. werden oft mit dem Einsatz von Pestiziden in Rekordzeit großgezogen – dieses Vorgehen entspricht ganz und gar nicht dem natürlichen Lebenszyklus einer Pflanze. Die Pflanzen kommen oft bereits geschwächt in den Handel und gehen schnell ein. Für den Pflanzengroßhandel ist das natürlich klasse – denn der Kunde kauft sich anschließend meistens wieder ein neues Exemplar. Mit Nachhaltigkeit hat das nicht viel zu tun – ganz abgesehen von den bereits oben angesprochenen Umweltfaktoren.

EKOLOGISKA: Kann man eigentlich jede Pflanze selbst vermehren?

MIKE: Die meisten Pflanzen lassen sich vermehren. Wie so oft gibt es auch hier bestimmte Kandidaten, die es einem schwieriger als andere machen. Bei der Vermehrung gibt es allerdings unzählige Dinge zu beachten. Eine erste Einführung in das Thema kann man in unserem Blog auf pflanzenkreisel.de/blog nachlesen. 

EKOLOGISKA: Was sollte ich beim Kauf von Jungpflanzen beachten?

MIKE: Gebrauchte Pflanzen gibt es nicht – bei guter Pflege sieht schließlich jede Pflanze aus wie neu. 


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One thought

  1. Liebe Marisa, Mike und Corinna, vielen Dank für diesen überaus informativen Artikel.
    Als Werkstattleiter habe ich die wundervolle Erfahrung gemacht das Schüler große Freude daran finden aus Fruchtsamen Zierpflanzen zu ziehen, aus Pitahaya, Datteln oder Kaktusfeigen. Wenn diese dann noch aus fairem Handel stammen und wir mit dieser Praxis der Pflanze danken, indem wir ihre Verbeitung sichern, können wir uns mit sehr nachhaltigen Zimmerpflanzen umgeben und auch heimische Gewächse wie Sanddornbeeren wachsen zu wunderschönen Bäumen. Selbst die Enden einer Süßkartoffel ziehen in Wasser gesetzt schnell Wurzel und bilden üppiges Laub das sogar essbar ist.
    Es gibt eine überwältigende Vielfalt an essbaren Zierpflanzen die man als lebenslange Freunde auf Fensterbank und Balkon halten kann. Seit vielen Jahren wächst bei mir die Indianerkartoffel, deren bohnenartige Triebe alljährlich mit ihren lila Schmetterlingsblüten alle möglichen Fluginsekten nährt und auch das Auge erfreut. Und alljährlich im Herbst, wenn die ausdauernde Pflanze in die Winterruhe geht, leere ich ihre Kübel um einige der eigroßen Knollen zu ernten und als Delikatesse zuzubereiten oder ich verschenke sie an Interessierte Gärtner. Auch die tropische Taroknolle lässt sich leicht bewurzeln und wächst zur bekannten Zierpflanze “Elefantenohr”. Darüber hinaus sind die Knollen sehr gesund und heilsam bei Magen-Darm Beschwerden und leider gibt es immer noch keinen fairen Handel mit dieser tropischen Kartoffelart obwohl es für viele Schwellenländer einen zusätzlichen Markt eröffnen würde, die Überschüsse ihrer Selbstversorgung zu gerechten Preisen handeln zu können.

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