Nachhaltiger Konsum und Frauen

„Frauen lieben Shopping“ besagt das Klischee, aber was ist da dran?   ©Andrea Piacquadio

Redaktioneller Hinweis: Uns ist gendersensible Sprache wichtig. Trotzdem schreiben wir in diesem Artikel von Männern und Frauen sowie den Eigenschaften männlich und weiblich. Damit sind all diejenigen gemeint, die sich als Mann oder Frau identifizieren. Das hat den Hintergrund, dass die zitierten Studien Menschen abseits des binären Spektrums nicht berücksichtigen.

Geht es um Konsum, fällt der Blick nicht nur klischeebedingt auf Frauen. Rund 70 Prozent des globalen Konsums ist weiblich. Das steht im starken Kontrast zu der Tatsache, dass nur 40 Prozents des globalen Einkommens an Frauen geht. Wichtig ist, dass man aus diesen Zahlen nicht schließen kann, dass Frauen „konsumsüchtig“ sind und Shopping einfach lieben. Die Gründe für die weibliche Dominanz in Fragen Konsum sind vielschichtig und hängen nicht zuletzt mit Sexismus zusammen. Shoppen ist für Frauen nämlich kein Hobby, sondern oft ein weiterer unbezahlter Job, der an ihnen hängen bleibt. Das rückt auch Nachhaltigkeit und die „Green Economy“ in eine Genderperspektive. Wie hängen nachhaltiger Konsum und Frauen zusammen?

Haushaltsbesorgungen sind weiterhin „Frauensache“

„Hausarbeit ist nicht unbezahlt, weil sie keine richtige Arbeit ist, sondern weil sie von Frauen verrichtet wird“,  schreibt Autorin Laurie Penny in ihrem Buch „Fleischmarkt“. Hausarbeit lastet auch im 21. Jahrhundert primär auf den Schultern von Frauen, dazu zählt auch Einkaufen. In Deutschland wird der Großteil von Supermarktgängen weiterhin von Frauen getätigt. Selbst in Haushalten mit heterosexuellen Paaren, in denen beide Partner gleich viel verdienen, gehen Frauen häufiger zum Supermarkt als Männer. Die Diskrepanz wird größer, wenn es Kinder gibt und/oder die Partnerin weniger Lohnarbeit verrichtet. Das schlägt sich auch in den Nachhaltigkeitsberichten nieder. Die Marktbereiche, die von Frauen dominiert werden, verzeichnen auch ein stärkeres Wachstum vom Konsum nachhaltiger Produkte. Die Eigenschaft Frau sein ist damit, neben der Altersgruppe von 18 – 35 Jahren, einer der größten Faktoren, die nachhaltigen Konsum begünstigen.

Frauen sind weiterhin für die Mehrheit der Haushaltseinkäufe zuständig. ©RF._.studio

Wirtschaftsriese Kosmetikindustrie

Das wirtschaftliche Ausmaß der Kosmetikbranche lässt sich nicht klein reden. Allein in Deutschland hat sie ein Marktvolumen von fast 18 Mrd Euro, davon ergeben sich 2,7 Mrd aus Importprodukten. Das Frauen hier die primären Konsumenten sind, dürfte nicht weiter verwundern. Auch wenn das Marketing der Branche sich in den letzten Jahren zunehmend auf Konzepte wie  „Empowerment“ und „Self-Expression“ gestützt hat, bleibt „Vorzeigbarkeit“ einer der Hauptgründe für Kosmetikkonsum. Nachhaltiger Konsum ist hier nicht im Vordergrund. Der Druck auf vor allem junge Frauen hat sich in den letzten Jahren auch durch Social Media immens erhöht. In seinem Buch „Konsum“ schreibt Carl Tillessen auch von dem Phänomen „instagrammable“ (von Instagram), also dass Dinge primär nicht im realen Leben, sondern im Netz gut aussehen sollen. Das macht auch nicht vor Menschen halt, so Tillessen: Für Frauen unter 35 Jahren ist es wichtiger, dass ihr Make-Up auf Fotos gut aussieht als in echt.

20 Mrd Euro Marktvolumen hat die Kosmetikindustrie in Deutschland.   © Engin Akyur

Kosmetik und Nachhaltigkeit

Doch auch hier zeichnen sich starke Trends ab. Naturkosmetik und nachhaltige Marken weisen starken Zuwachs auf. Auch etablierte Marken wie L’Oréal und Maybelline verzeichnen zunehmend Wachstumseinbußen. Besonders innovative und gut verträgliche Produkte mit gesundheitlichem Mehrwert sind gefragt. Durch Social Media kam es auch zu mehr „Awareness“ im Bezug auf vegane Produkte und Experimenten an Tieren. So rufen immer mehr Beautyinfluencer:innen zum Boykott nicht tierfreundlicher Marken auf. Nicht nur nachhaltige Inhaltsstoffe, sondern auch nachhaltige Verpackungen sind den Konsument:innen der Beautyindustrie immer wichtiger. Pappe und Glas statt Plastik, sowohl bei der Verpackung der Produkte an sich, als auch beim Versand.

Mode – Nachhaltiger Konsum, nein danke?

Ein Bereich, in dem der Faktor Nachhaltigkeit noch keine allzu große Rolle zu spielen scheint, ist Kleidung. Zwar gibt es mittlerweile in gefühlt jedem Online Shop (von Asos bis H&M) eine „ökologisch nachhaltige“ Linie, der:die durchschnittliche Arbeiter:in in den Produktionsstätten verdient trotzdem weniger als das Existenzminimum. Ebenso wenig haben sie die Möglichkeit zur Aushandlung von sicheren und  nicht gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen. Zusätzlich werden die Arbeiter:innen nicht nur Opfer von Ausbeutung sondern auch von Gewalt. Gerade Frauen und weiblich gelesene Personen sind besonders von sexualisierter Gewalt betroffen. Tillessen macht in „Konsum“ die Bemerkung, dass „unfair“ ein Euphemismus sei, es handle sich viel mehr um moderne Sklaverei. Das alles scheint den:die durchschnittliche:n Konsument:in kaum zu stören. Eine Studie ergab, dass Menschen unethische Hintergründe von Produkten bewusst vergessen, nicht nur verdrängen. Die Devise „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ wurde von dem:der durchschnittlichen Konsument:in um „Was ich weiß, kann ich vergessen“ ergänzt.

Wegwerfware Kleidung

2009 waren Frauen für den Konsum von 65 Prozent der Kleidung verantwortlich, ergab die Studie von Cotton Inc. Dabei kaufen sie nicht nur für sich selbst, sondern auch für Partner:innen und Familienmitglieder (v.a. Kinder) ein. Dennoch ist Preis der stärkste Einflussfaktor der Kaufentscheidungen. Das liegt nicht nur daran, dass Frauen ein geringeres Einkommen haben als Männer. Stattdessen erscheint es als unumgänglich, dass man immer das billigste einkauft. Die Mehrheit der Käufer:innen behält neue Kleidungsstücke nämlich nicht länger als ein Jahr. Wenn man Klamotten als Einwegprodukte behandelt, dann fehlt es definitiv an Budget, um mehr dafür auszugeben. Es gibt zwar Labels, die sich auf Upcycling-Mode spezialisiert haben, doch so unterstützenswert sie auch sein mögen, Marktführer sind sie nicht. Unter diesen Umständen ist nachhaltiger Konsum von Frauen nicht mehr als eine Wunschvorstellung.

Ist für Frauen nachhaltiger Konsum auch bei Technik wichtig?

45 Prozent der Technik-Einkäufe gehen auf das Konto von Frauen, schreibt Bridget Brennan in „Why She Buys“. Die Tendenz geht zu einem gleichmäßigen Verhältnis (Fun Fact: Frauen kaufen mehr Handys als Männer). Nachhaltiger Konsum ist für Frauen bei Technik noch weniger Thema als in der Fashionindustrie. Es gibt Konzepte wie die der Firma refurbed, die gebrauchte Geräte neu aufbereiten. Auch haben Unternehmen wie HP und Apple angefangen, ihre Geräte zum Teil aus recycelten Materialien herzustellen. Ob es hier einen großen Unterschied zwischen Männern und Frauen gibt, das ist allerdings unklar. Bei der Elektronik muss jedoch angemerkt werden, dass viele Konzepte zwar fortschrittlich sind, aber eben nicht nachhaltig. Bluetooth-Kopfhörer mit Miniakku sind zwar praktischer, aber halten nicht solange wie solche mit Kabel. Genauso ist wirklich nachhaltiger Konsum nicht damit vereinbar, sich alle zwei Jahre ein neues Handy zu kaufen oder immer das neuste Gadget zu benutzen. Der Überfluss von dem wir abhängig geworden sind, ist auf gesellschaftlicher Ebene genauso toxisch, wie regelmäßiger Konsum von harten Drogen für das Individuum.

Mangelnder nachhaltiger Konsum – Sind Frauen verantwortlich?

In „Equal Care“ schreiben Sascha Verlag und Almut Schnerring: „Weil sie (Frauen) alltäglich einkaufen und auch darüber hinaus viele Konsumentscheidungen treffen, war es in der Logik des kapitalistischen Systems naheliegend, ihnen auch die moralische Zuständigkeit für den Umweltschutz aufzubürden, schließlich könnten sie sich ja für umweltverträglichere Produkte entscheiden, mithin anders konsumieren“. Das Zitat ist deswegen so wichtig, weil es die Absurdität der Moralisierung des persönlichen Konsums zeigt. Wenn von meinem Jeanskauf die Zukunft der Welt abhängen soll, dann können wir zusammenpacken. Frauen und weiblich gelesenen Personen Verantwortlichkeit für die Zukunft der Menschheit aufzuhalsen, während Großunternehmen Milliarden mit Ausbeutung verdienen, klingt wie ein schlechter Scherz.

Rationaler Konsum ist kein nachhaltiger Konsum

Wir müssen mehr Verantwortung für unseren Konsum, vor allem wenn wir die Ressourcen dazu besitzen, übernehmen. Wer als Frau sozialisiert wird, bekommt oft die Bürde der Care-Arbeit aufgelastet. Aber nicht nur das, in einer Welt, in der Frauen immer wieder objektiviert werden, ist es naheliegend, dass Mode, Make-Up und Status Symbole als Instrumente der Verwirklichung angesehen werden. Natürlich kann man hier nicht von Schuld sprechen. Dennoch müssen wir den Balanceakt von eigenständigem Agieren, ohne das ursächliche Problem zu vergessen, wagen. Die Chicagoer Schule der Wirtschaftswissenschaft führte den Begriff des „Homo Oeconomicus“ ein. Das rationale Individuum, dass alle Entscheidungen völlig logisch trifft. Wenn das Individuum rational ist, heißt es, wir brauchen es nicht zu schützen. Psychologe Daniel Kahnemann sagt: „(…)weder vor seinen eigenen Fehlern noch vor der Gewinnsucht der Unternehmen“. Nachhaltigkeit zur Privatsache zu machen, ist für Unternehmen so effektiv, weil es sie von jeglicher Verantwortung ablöst. Dass es so gut gelingt, hat viel mit dem Faktor „Frau“ zu tun. Damit meine ich das soziale Konstrukt und nicht nur ein Geschlecht. Die Person, die in Haushalten verantwortlich gemacht wird für den Konsum.

Der Systemfehler

Während der Corona Pandemie hat sich eindeutig abgezeichnet: Nichts ist der Regierung so wichtig wie die Wirtschaft. Auch nicht das Leben der Menschen, für die sie regieren sollen. Als ob eine nachhaltige Wirtschaft nicht möglich wäre, die das Leben der Menschen nicht genauso als Wegwerfware klassifiziert, wie sie es mit Konsumgütern tut. Ohne eine selbstverantwortliche Gesellschaft, lässt sich kein System ändern. Klar. Aber ohne eine Gesellschaft die versteht, dass das System das ursächliche Problem ist, ändert sich genauso wenig. FLINT (Frauen, Lesben, Intersex, Nonbinary und Trans) – Personen haben die Nachhaltigkeitsbewegung maßgeblich angeführt. Genauso ethnische Minderheiten, die im Diskurs gerne vergessen werden. Die Verantwortung für die Rettung der Welt auf diejenigen abzuwälzen, die ohnehin die größten Lasten tragen, ist nicht tragbar. Abgesehen davon, dass durch Konsum nicht die Welt gerettet wird.


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