Care-Arbeit im Kapitalismus

Care Arbeit bezeichnet Fürsorge und Pflegearbeit und wird kaum wertgeschätzt. Warum?
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In unserem letzten Gespräch hat mich meine Mutter darauf aufmerksam gemacht, dass ich sie in einem meiner früheren Artikel als „Hausfrau“ bezeichnet habe. Sie hat sich daran gestört, weil es schlichtweg falsch ist. Sie hat eine ganze Reihe an Jobs gemacht. Während ich klein war und das Medizinstudium meines Vaters noch nicht anerkannt war, war sie sogar Hauptverdienerin. Später war sie in der Berufsschule, hat einen Hort geleitet und in der Aufnahmestelle für Geflüchtete der Stadt gearbeitet. All das bin ich einfach übergangen und habe es als nicht nennenswert betrachtet. Rückblickend ist für mich nicht nachvollziehbar, wie ich das einfach „vergessen“ konnte. Zwei Sachen sind mir doch klar: Erstens ist es kein Zufall, dass all diese Tätigkeiten Care-Arbeit waren und zweitens, dass es alles Jobs waren, die im Kapitalismus kaum Wertschätzung erfahren.

DEFINITION: CARE-ARBEIT
Care-Arbeit oder Sorgearbeit beschreibt die Tätigkeiten des Sorgens und Sichkümmerns. Darunter fällt Kinderbetreuung oder Altenpflege, aber auch familiäre Unterstützung, häusliche Pflege oder Hilfe unter Freunden.
(Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung)

Hausfrau = Arbeitslos?

Zunächst möchte ich etwas klarstellen. Die Herabsetzung der sogenannten „Hausfrau“ ist untragbar. Es gibt einen albanischen Sketch. Da wird ein fiktives Interview mit einem Mann geführt, der über seine Frau spricht und sagt, dass sie nicht arbeitet. Also, sie steht vor ihm auf, um Frühstück zu machen, die Kinder für die Schule vorzubereiten, später macht sie den Haushalt, holt die Kinder von der Schule ab, bereitet das Mittagessen vor, hilft den Kindern bei den Hausaufgaben, räumt auf, erledigt die Einkäufe, bereitet das Abendessen vor und wenn der Mann nach Hause kommt, „bedient“ sie ihn. Er ist auch erschöpft und hat den ganzen Tag gearbeitet, sie nicht.

Der Gag ist klar. Nachdem der Ehemann 5 Minuten gebraucht hat, um alle Tätigkeiten seiner Frau nur aufzulisten, ist das Resümee trotzdem: Sie arbeitet nicht. Der Witz ist international anwendbar. Er bezieht sich darauf, dass Hausarbeit und Reproduktionsarbeit nicht als Arbeit honoriert werden, weil sie nicht bezahlt werden.  

smiling woman with daughter in kitchen
Hausarbeit wird nachwievor weder honoriert noch respektiert, obwohl unsere Gesellschaft ohne sie nicht bestehen kann.
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Wer Schweine erzieht ist ein produktives (…), wer Menschen erzieht, ein unproduktives Mitglied der Gesellschaft

Friedrich List – Ökonom und Wissenschaftler

„Bullshit Jobs“

Ich habe etwas Ähnliches gemacht, als ich meine Mutter als Hausfrau beschrieben habe. Nicht weil ich ihre Arbeit im Haushalt abgewertet habe, sondern die enorm wichtige Arbeit außerhalb des Haushalts. Sie hat nicht nur uns, sondern andere Kinder im Hort unterstützt und bei den Hausaufgaben geholfen, Lösungen gesucht für Kinder, deren Eltern sich die Nachmittagsbetreuung nicht leisten konnten. Später hat sie eine Lehre gemacht und danach mit Geflüchteten gearbeitet. Alles Aufgaben, die für den Erhalt einer Gesellschaft notwendig sind. Anders als zum Beispiel Firmenanwälte, die der Anthropologe David Graeber als sogenannte „Bullshit Jobs“ bezeichnet. „Bullshit Jobs“ sind Berufe, die faktisch nichts dafür tun die Gesellschaft voranzubringen oder zu erhalten. Also das Gegenteil von „systemrelevant”. Aber weil der Job einer Firmenanwältin durchaus besser bezahlt ist als der einer Kinderhortleiterin, hätte ich meine Mutter bestimmt nicht Hausfrau genannt, wenn sie diesen Job gemacht hätte. 

Care-Arbeit im Kapitalismus

„Wer Schweine erzieht, ist […] ein produktives, wer Menschen erzieht, ein unproduktives Mitglied der Gesellschaft“, schrieb Professor und Ökonom Friedrich List schon 1841 in seiner „Kritik an der herrschenden Geringschätzung des Schulwesens“. Das Problem ist also schon älter. Wenn die Generierung von Kapital als „Wichtigstes Ziel“ einer Gesellschaft formuliert wird und marktwirtschaftliches Wachstum als wichtigster Indikator für ihr Wohlbefinden gilt, dann ergibt das auch Sinn. Kindererziehung macht kein Geld. Ein unnötiges Produkt erfinden, es gut vermarkten und Menschen zu dessen Kauf überzeugen, hingegen schon. Während das eine unabdingbar ist für die Menschheit, ihr Überleben und Weiterleben, kreiert das andere im besten Fall nur Müll. Tragischerweise taucht die Pflege kaum im berechneten Bruttoinlandsprodukt auf, hingegen sind „Bullshitjobs“ und fragliche Produktionsfirmen ihr größter Sektor. Hinzu kommt, dass vom Staat angestellte Kindererzieher:innen höchstens mit einem durchschnittlichen Monatsgehalt von 2400 Euro rechnen können. Unternehmen aber erhalten teilweise Subventionen in Millionenhöhe, ohne jemals Steuern zu zahlen.

Das Bruttoinlandsprodukt — Indikator für gesellschaftlichen Wohlstand?

Das Bruttoinlandsprodukt (kurz: BIP) ist die gängiste Rechtfertigung der Politik, das Wohlergehen der Wirtschaft dem der Menschen vorzuziehen. Auffallend dabei ist, wie unangetastet das BIP an sich bleibt. Es wird viel über Wachstum und Negativwachstum gesprochen und wie wichtig es sei. Als wäre es eine Naturgegebenheit oder Gottheit. Nicht eine von Menschen errechnete Zahl, die erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts mehr als hochtrabende Ökonomische Theorie war. Ökonomen und Ökonominnen warnten damals vor der Einführung des BIPs, schreiben Matthias Schmelzer und Andrea Vetter in „Degrowth/Postwachstum“. Der Gund sei, dass es a) in verschiedenen Ländern nicht kongruent berechnet wird und b) nicht genug Konkretes über die Wirtschaft aussagt. Das BIP war also bei seiner Einführung nicht repräsentativ. Trotzdem ist es seit dessen Einführung ein Leitziel von politischen Handlungsträger:innen.

Die Kommerzialisierung von Care-Arbeit

Etwas Unabdingbares wie Care-Arbeit dem freien Markt zu unterwerfen ist auf vielen Ebenen problematisch, manchmal auch fatal. Bei der Berechnung für Investitionen ins Gesundheitswesen beispielsweise gibt es verschiedene Methoden zur Berechnung von Kosten und Nutzen. Kenianische und südafrikanische Forscher:innen haben „den Wert“ einer oder eines Corona-Toten anhand deren Beitrag zum BIP gemessen. Mit ihrem Ansatz von „Humankapital“ statt bloßem Einkommen, galten sie noch als fortschrittlich. Julia Harcke schreibt im „Katapult“, dass es keinen freien Markt für Gesundheit gibt, man kann sie sich ja schließlich nicht für ein paar Euro kaufen. Mit der fortschreitenden Kommerzialisierung von Care Arbeit geschieht aber genau das. Jedes zweite Krankenhaus in Deutschland steckt in den roten Zahlen. Als wären Krankenhäuser Unternehmen und keine notwendigen Einrichtungen, die mit an allererster Stelle stehen sollten.  

Care Arbeit und Verantwortung

Das Lieblingsargument der enormen Gehaltsunterschiede in der angeblichen Meritokratie ist: Verantwortung. Es heißt, dass ein Manager nun mal mehr verdient als eine einfache Erzieherin, weil er für hunderte Arbeitsplätze und Gehälter verantwortlich sei und eine Erzieherin nun mal nicht. Verlag und Schnerring stellen in ihrem Buch „Equal Care“ sehr gerechtfertigt die Frage: Warum sind Manager dann mit teils sechsstelligen Abfindungen aus den vergangenen Krisen hervorgegangen, während die Arbeitnehmer:innen, für die sie „verantwortlich“ seien , fristlos gekündigt wurden? Viel mehr stellt sich dann auch die Frage in was für einer Gesellschaft wir leben, wenn wir nicht glauben, dass die Menschen, die den lieben langen Tag Kinder erziehen, bilden und versorgen, keinerlei Verantwortung haben. 

Der Faktor Frau – Care-Arbeit als feministisches Thema

Care-Arbeit wird immer noch primär von Frauen oder FLINT Personen verrichtet. Sie macht, laut Schmelzer und Vetter, je nach Berechnung, 30 bis 70 Prozent der tatsächlichen Wirtschaft aus. Deswegen forderte das International Feminist Collective (IFC), ein internationales Netzwerk feministischer Gruppen, bereits 1972 einen sogenannten „Hausfrauenlohn“. Der Premier von Kosovo kündigte für seine jetzige Amtszeit eine Art „Lohn für Mütter“ nach finnischem Vorbild an. Das sind wichtige Maßnahmen für die Unabhängigkeit von Frauen und auch die Würdigung ihrer Arbeit. Denn eine Gesellschaft kann nur dann nachhaltig sein, wenn sie Reproduktions- und Sorgearbeit in ihren Mittelpunkt stellt. Denn wenn Lebenserhaltung nicht das Fundament von unserer Wirtschaft und unserem Leben ist, dann kann es auf Dauer nicht funktionieren. Der Kapitalismus ist darauf angwiesen sich immer wieder neue kostenlose Ressourcen anzueignen, das erfasste die linke Theoretikerin Rosa Luxemburg bereits im frühen 20. Jahrhundert. Wir können nicht weiterhin zulassen, dass FLINT Personen eine von ihnen bleiben. 

Fazit

Meine Mutter ist mir nicht böse, hat mich aber gebeten ihre Arbeit mehr zu würdigen. Und das möchte ich hiermit auch tun: Meine Mutter hat enorm viel gearbeitet. Innerhalb des Hauses und außerhalb des Hauses. Bezahlt, unbezahlt oder schlecht bezahlt. Viel mehr ist sie der Hauptfaktor warum ich mein Abitur machen konnte und heute studiere und arbeite. Ihre Arbeit war das Fundament für meine ehrenamtlichen und für das BIP relevanten Tätigkeiten. Auch mein Verpflichtungsgefühl meinen Mitmenschen zu helfen und beizustehen, hat sie mir eingepflanzt. Jede Form und Art der Arbeit, die ich leiste, hätte nicht ohne die ihre passieren können. Und eine Gesellschaft, die das nicht anerkennt, muss nicht nur verändert werden, sondern verdammt sich am Ende selbst. 


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