Ökozid: Ein Verbrechen gegen das Leben

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Im USA der 1960er Jahre wurde ein neuer Begriff in der Anti-Kriegsbewegung geprägt: Der Ökozid. Der Begriff Ökozid entstand in der Diskussion um den Vietnam Krieg und der dort eingesetzten chemischen Waffe „Agent Orange“. Heute, rund 60 Jahre später, gibt es noch immer keine juristisch festgelegte Definition des Begriffs. Trotzdem bemühen sich Jurist:innen und Wissenschaftler:innen darum, denn ihr Ziel ist es, den Ökozid für ein und allemal zu verbieten. Aber was ist Ökozid eigentlich? Und was bedeutet er für die Menschheit?

Agent Orange und die Erfindung des Ökozids

In „Agent Orange and the Invention of Ecocide“ schreibt David Zierler über die Entstehung des Begriffs. Auf der Konferenz „Kriegsverbrechen und das Amerikanische Gewissen“ 1970 wurde er demnach vom Botaniker Arthur W. Galston ins Spiel gebracht. Er beschrieb den „Ökozid“ als Resultat seiner vierjährigen Forschung von Herbiziden und dem Einsatz von „Agent Orange“. „Agent Orange“ war, grob gesagt, ein Gift, dass zur Zerstörung der vietnamesischen Wälder diente, um den verteidigenden Soldaten den Vorteil zu nehmen, in dem sie das unbekannte Terrain schlichtweg vernichteten. Das genaue Ausmaß des Schadens, den „Agent Orange“ angerichtet hat, ist nicht bekannt. Er hinterließ Ödland und Sumpfgebiete, die, wenn überhaupt, nur mit großen Anstrengungen wieder fruchtbar gemacht wurden. Krankheiten wie Diabetes, Krebs und Geburtsdefekte stiegen signifikant an. In sogenannten „Friedensdörfern“ leben heute noch Menschen, die aufgrund von „Agent Orange“ krank zur Welt gekommen sind und jetzt auf Pflege angewiesen sind. Ein direkter Zusammenhang konnte zum großen Teil nachgewiesen werden.

Am Ende Jahrzehnts standen wir vor der Frage, kann die Menschheit überleben?

Rachel Carson in SILENT spring

Das Jahrzehnt des Ökozids

Präsident Nixon rechtfertigte seinen biochemischen Angriff, der „Operation Ranch Hand“ genannt wurde, damit, dass man ja „nur Natur“ angreife und keine Menschen. Dementsprechend würde man nicht gegen die damals schon geltenden Genfer Konventionen verstoßen. Der Einsatz von „Agent Orange“ dauerte ein Jahrzehnt an lang, bis der weitere Einsatz der biochemischen Waffen durch amerikanische Aktivist:innen und Wissenschaftler:innen verhindert wurde. Denn die Zerstörung der Natur, vor allem auch die Art und Weise der Zerstörung, würde zwangsweise eine fatale Auswirkung auf die dortige Bevölkerung haben. Ebenfalls wurde damit argumentiert, dass biochemische Kriegsführung zu ökologischen Dystopien weltweit führen würde. Es war die Zusammenarbeit von Anti-Kriegsaktivist:innen und Wissenschaftler:innen, die diesen Sieg über die Nixon-Regierung ermöglichte. Es war das erste Mal, dass die Bevölkerung der USA auf der Seite des deklarierten Kriegsendes (in dem Fall, der Vietnam) stand und sich durchsetzen konnte.

Der Ökozid – Ein Weckruf für die Menschen

Der Angriff mit „Agent Orange“ erschütterte die Bevölkerung auch auf einer weiteren Ebene. Ähnlich wie nach dem Atombombenangriff auf Hiroshima stand die Menschheit vor der Frage, ob sie sich selbst überleben könnte. In ihrem Buch „Silent Spring“ schreibt Rachel Carson: „Am Ende des Jahrzehnts standen wir vor der Frage: Kann die Menschheit überleben? und nicht mehr: Können die Amerikaner überleben?“. Ein Bewusstsein für die dichte Vernetzung von allen Menschen auf diesem Planeten begann zu entstehen. Und auch ein Bewusstsein dafür, dass die Menschheit auf die Erde angewiesen war und ihre Zerstörung sie nicht zuletzt treffen würde. Das Buch von David Zierler „The Invention Of Ecocide“ ist eine Abhandlung der Bedeutung von Ökozid und internationalen Beziehungen.

Definition Ökozid

Als Ökozid verstehen die Aktivisten oft die schwerwiegende Beschädigung oder Zerstörung eines Ökosystems und eine großflächige, schwerwiegende oder systematische Gefährdung der Natur.

Quelle: GEO Online

Aktuelle Konzeption des Ökozids

Der Ökozid stellt eine immer größer werdende Bedrohung für Natur und Menschheit da. Die Rechtsanwältin Polly Higgins schlug deswegen vor, Ökozid ebenfalls als eines der „Verbrechen gegen den Frieden“ zu definieren. Die vier Verbrechen gegen den Frieden wurden von der UN, den Vereinten Nationen, festgelegt. Sie lauten: Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Verbrechen der Aggression. Bereits 2010 forderte Higgins, Ökozid vor dem internationalen Gerichtshof in Den Haag zu stellen.

Es ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, gegen heutige und künftige Generationen, und gegen alles Leben auf der Erde.

– Polly Higgins

Higgins war Mitbegründerin der Stop Ecocide Foundation. Das ist eine internationale NGO bestehend aus Jurist:innen, Wissenschaftler:innen und Aktivist:innen. Ihr Ziel ist die Anerkennung des Ökozids als internationales Verbrechen. Das gestaltet sich vor allem deswegen schwierig, weil es nach wie vor keine rechtlich bindende Definition gibt. Umweltkriminalität wird deswegen immer noch primär nach lokalen und nationalen Recht gehandelt. Hier gibt es große Diskrepanzen und Möglichkeiten der Durchsetzung. Auch ist es deshalb schwierig, weil Unternehmen, die bestimmte Verbrechen begehen, sich in vielen Ländern „frei kaufen“ können. Dadurch können sich viele Kriminelle aus der Verantwortung ziehen.

Begriffskritik an Ökozid

Die Kritik an dem Begriff Ökozid ist simpel. Es gibt Genozid, der Völkermord, und Ethnozid, die Auslöschung einer Ethnie. Der Ökozid würde die Zerstörung von Umwelt mit der Zerstörung von Menschenleben gleich stellen. Ebenso kritisiert wird die Forderung, ihn am Internationalen Gerichtshof zu verhandeln. Jojo Mathes, die derzeitige Vorsitzende der Stop Ecocide Foundation, sagt dazu:  „Mit Ökozid wollen wir die Auslöschung des Lebens auf unserer Erde beschreiben – und das ist keine Übertreibung“. In ihrem Interview mit GEO betont sie auch, dass der Mensch nicht von der Natur entkoppelt ist. Eva Horn und Hannes Bergthaller schreiben: „Der Erfolg des Menschen ist kein eigenständiger, sondern das Resultat verschiedener symbiotischer Beziehungen, die der Mensch mit anderen Spezien eingegangen ist“. Die Zerstörung von Natur darf nicht getrennt von der Zerstörung von Menschenleben betrachtet werden, denn sie ist eine zwangsläufige Konsequenz.

Der Ökozid und die Konsequenzen, die wir ziehen müssen

Wenn wir über Klima- oder Umweltschutz sprechen, dann sprechen wir auch immer über den Schutz von Menschenleben. Die Erde kann auch vermüllt weiter bestehen, der Mensch ist es, der auf einer vermüllten Erde nicht weiterbestehen kann. 1.356.100 Klima-Tote gab es allein im Jahr 2010. Es ist eine verstörende Zahl. Nach wie vor wird Umweltrecht im öffentlichen Diskurs oft als unabhängig von Menschenrechten gesehen. Wir müssen damit aufhören. Es braucht endlich ein Bewusstsein, dass die Ausrottung der Biodiversität im Endeffekt auch die Ausrottung der Menschheit bedeutet. Es braucht die Einsicht der Politik, das wir das nicht ohne Systemwechsel aufhalten können. „Menschen haben die Art, wie die Welt funktioniert verändert. Jetzt müssen sie auch verändern wie sie über die Welt denken.“ (The Economist, 26.05.11). Es ist Zeit zu handeln. Es ist seit einem guten Jahrhundert Zeit zu handeln.


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