Plastikmüll aus Deutschland: Das Märchen vom Recycling

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6, 3 Millionen Tonnen – Was passiert mit dem Plastikmüll aus Deutschland? Photo by Magda Ehlers on Pexels.com

Irgendetwas stimmt nicht mit den Zahlen, die zu unserem Plastikkonsum und vor allem dem Afterlife des Plastiks rausgegeben werden. 6,3 Millionen Tonnen Plastikmüll werden in Deutschland jedes Jahr produziert. Pro Kopf sind das 76 kg. Das Umweltbundesamt schreibt auf seiner Webseite, das 99,6 Prozent davon im Jahr 2019 wiederverwertet wurden. Also bleiben nur 0,4 Prozent übrig, mit denen irgendetwas anderes passiert. Seit Anfang des Jahres gibt es ein EU-weites Verbot für den Export von Plastikmüll, das auch Deutschland betrifft. Aber weshalb, wenn hierzulande angeblich alles recycelt wird? Und was bedeutet Wiederverwertung für die deutschen Behörden überhaupt? Denn die Heinrich-Böll-Stiftung behauptet, es wären gerade einmal 15,6 Prozent, die wirklich recycelt werden. Wie kommt es zu diesen Diskrepanzen? Wir haben uns das einmal genauer angesehen.

Trockene Zahlen zu Plastikmüll aus Deutschland

Die erste Unterscheidung wird beim Verbraucher gemacht. Hier differenziert man zunächst zwischen Industriemüll und privaten sowie gewerblichen Endverbrauchern. Die Industrie ist für 15 Prozent und private und gewerbliche Endverbraucher für die restlichen 85 Prozent des Plastikmülls verantwortlich, schreibt der NABU auf seiner Webseite. 59 Prozent der Abfälle sind Verpackungen. Die restlichen 41 Prozent verteilen sich auf den Bau (zehn Prozent), Elektronik (sechs Prozent), Landwirtschaft (sechs Prozent), Fahrzeuge (vier Prozent), Haushalt (drei Prozent) und „Sonstiges“ (zwölf Prozent). Von diesen Verpackungsabfällen werden 55,2 Prozent recycelt und 44,4 Prozent verbrannt (das nennt sich „Thermische Verwertung“, ein schöner Euphemismus). Wie kommt das Umweltbundesamt in seiner Rechnung auf 99,6 Prozent?

Das passiert laut Umweltbundesamt mit unserem Plastikmüll

Im Jahr 2019 wurden 99,4 % aller gesammelten Kunststoffabfälle nach Daten des Umweltbundesamtes wie folgt verwertet:

  • Von den 6,28 Millionen Tonnen (Mio. t) Gesamt-Kunststoffabfällen wurden 2,93 Mio. t, oder 46,6 % werk- und rohstofflich genutzt.
  • 3,31 Mio. t oder 52,8 % wurden energetisch verwertet – 2,15 Mio. t davon in Müllverbrennungsanlagen, 1,16 Mio. t ersetzten als Ersatzbrennstoff fossile Brennstoffe etwa in Zementwerken oder Kraftwerken.
  • 40.000 t, etwa 0,6 %, wurden beseitigt. Diese Kunststoffabfälle wurden also deponiert oder in Anlagen ohne hinreichende Auskopplung von Energie verbrannt.

…und die Realität?

Deutschland exportiert jährlich ein Sechstel seines Plastikmülls. Das kostet die Regierung 254 Million Euro. Die Exporte gingen lange Zeit nach China, bis das Land seine Grenzen für ausländische Abfälle schloss. Mit dem Exportieren hat man deswegen nicht aufgehört, stattdessen schafft man den Müll jetzt einfach in andere Länder. Außerhalb der EU versteht sich. Malaysia ist dabei der Hauptzielort, aber auch Indien, Indonesien und Vietnam. Aber auch die dortigen Regierungen werden immer restriktiver bezüglich des Müllimports. Der größte Teil des Plastikmülls (der zur Verwertung gedacht ist) wird dort illegal entsorgt. Trotzdem wird dieser Müll in der offiziellen Statistik als „wiederverwertet“ registriert. Gut für die Statistik, schlecht für die Umwelt.

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Der Müllexport von Deutschland hat verheerende Folgen für andere Länder Photo by Leonid Danilov on Pexels.com

Folgen des Exports von Plastikmüll aus Deutschland

Malaysa betreibt einen enormen Plastikmüll-Import. Neben Deutschland exportieren auch die USA, Großbrittannien und Japan riesige Mengen Müll in das Land. Die Bilder sind erschütternd. Müllberge auf Straßen, am Meer und Freiflächen. Die dortigen Entsorgungsstätten verbrennen den meisten Müll. Für die lokale Bevölkerung hat das verheerende gesundheitliche Folgen. Von Ausschlägen bis zu der Veränderung der DNA. Mit der Müllverbrennung vergiftet man auch das Meer- und Grundwasser. Dadurch können die lokalen Fischereien ihre Ware teilweise nicht mehr verkaufen, denn die Meerestiere sind vergiftet. Also bedroht der Plastikimport nicht nur die Gesundheit der Menschen, sondern auch ihre Einkommensquellen.

Globale Ausbeutung mit Plastikmüll

Solange die deutsche Bevölkerung nicht die Konsequenz des Plastikmüll tragen muss, sieht sich die Regierung auch nicht in der Pflicht, etwas an den durch sie verursachten Umständen zu ändern. Es ist beispielhaft für die soziale Ungleichheit auf dem Planeten: Deutschland produziert woanders massenhaft billige Waren. Die lokale Bevölkerung muss die gesundheitlichen und umweltlichen Konsequenzen tragen und wird für den Konsum der Deutschen ausgebeutet. Später schafft man den übrig gebliebenen Abfall einfach wieder weg. Auch auf Kosten der Einwohner anderer Länder, die auf die Einnahmen angewiesen sind und deren Bevölkerung nicht die Möglichkeit hat sich zu wehren. Es ist ein bösartiger, geschlossener Kreislauf globaler Ausbeutung. 

Ist ein Verbot des Plastikmüllexports die Lösung? 

Die Bundesumweltumweltministerin Svenja Schulze (SPD) forderte bereits 2019 ein Verbot des Müllexports. Ab Januar diesen Jahres beschloss die EU eine Beschränkung des Exports von Plastikmüll. Bundesumweltministerin Svenja Schulze sagte dazu: „Kein Plastik aus Europa soll mehr die Umwelt von Entwicklungsländern belasten oder ewig in den Weltmeeren schwimmen“. Dass Schulze ein Land als „Entwicklungsland“ bezeichnet, während sie selbst in der Regierung eines Landes sitzt, das alle Ressourcen hat die Umweltbelastung zu vermeiden, sich aber komplett unfähig anstellt, sei dahingestellt. Das Export-Verbot für unsortierten und verschmutzten Plastikmüll ist trotzdem ein wichtiger erster Schritt. Sogenannter „leicht recycelbarer“ Plastikmüll wird jedoch weiterhin als „kostbarer Rohstoff“ gehandelt. Die Importländer zahlen auch Geld für ihn, deswegen gäbe es keine Anreize für eine unsachgemäße Entsorgung. Wiedervertung von Plastikmüll, die deutsche Definition lässt hier zu Wünschen übrig.

Und du?

59 Prozent ist der Anteil des Verpackungsmülls in Deutschland. Da kommen 3,2 Millionen Tonnen zusammen, auf die man in großen Teilen auch verzichten könnte. Ende 2018 beschloss die EU ein Einwegplastik Verbot und auch sogenannte Unverpackt Läden und plastikfreie Online-Shops werden immer beliebter. Das zeigt, dass diese Massenproduktion definitiv kein Muss ist. Gerade beim Thema Plastik zeigt sich, dass wir als Einzelpersonen doch einen erheblichen Einfluss auf das System haben können.

Hier findest du mehr Infos zum Thema:

Unverpackt einkaufen ohne Unverpackt Laden

Sieben plastikfreie Online-Shops, die man kennen muss

Einweg-Plastik Verbot – Und jetzt?


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