Adbusting für demokratische Außenwerbung

Außenwerbung
Außenwerbung hat überwältigende Maße angenommen, Adbusting Kollektive versuchen sie zu Demokratisieren. © Jose Francisco Fernandez Saura via pexels

Außenwerbung ist mittlerweile so omnipräsent, dass man sie oft gar nicht mehr richtig wahrnimmt. Womit ein Hochhaus in der Innenstadt tapeziert wird, entscheiden nicht die Anwohner:innen. Stattdessen können riesige Flächen von Unternehmen oder Privatpersonen gemietet werden. Somit entzieht sich die Gestaltung der eigenen Nachbarschaft und auch der Stadt in vielen Teilen den Möglichkeiten der Bürger:innen. Kollektive wie DIES IRAE wehren sich kreativ dagegen: Mit Adbusting für demokratische Außenwerbung.

Was ist Adbusting?

Adbusting ist Englisch und heißt Werbung (“ad”) zerschlagen (“busting“). Damit ist eine kreative Protestform oder auch politische Kunstform gemeint, die Außenwerbung verändert oder ersetzt. Dafür werden bereits existierende Plakate geändert oder eigene Kampagnen aufgesetzt. Das kann in Form von Graffiti, Übermalung oder dem Entwerfen und Aufhängen eigener Plakate passieren. Adbusting wird nicht nur in spezifischen Themenbereichen angewandt, sondern kann sich auf alles beziehen: Unternehmen, Parteien oder staatliche Institutionen.

Der Aufstieg von Ambient Media

Während Außenwerbung früher auf Plakate und Litfaßsäulen beschränkt war, ist sie heute scheinbar überall. Der Wandel vollzog sich vor allem in den 1990er Jahren, als die Idee für Ambient Media bei Unternehmen zunehmend beliebter wurde. Die Idee hinter Ambient Media ist es, in den Alltag von potenziellen Konsumenten einzudringen. Man wollte nicht mehr im klassischen „Out-of-home“-Bereich werben, sondern den Lebensraum von möglichen Käufer:innen einnehmen. Man fing also an, Werbung in U-Bahnstationen zu positionieren, an Bushaltestellen, auf Bierdeckeln und Feuerzeugen und so weiter. So erhoffte man sich mehr Effektivität.

Adbusting Kollektiv DIES IRAE (@nervtjeden)

DIES IRAE sind eine Gruppierung, die in Berlin tätig ist. Ihre Aktionen bestehen häufig aus selbst designten Plakaten, die sie vor allem in Kreuzberg verteilen und aufhängen. Dafür schließen sie Schaukästen auf, für die gibt es im Baumarkt Standardschlüssel, oder überkleben andere Plakate. Die Idee dahinter ist die Wiederaneignung des öffentlichen Raums. Im Gespräch sagen sie:

McDonald’s kann in der ganzen Stadt mit riesigen Plakaten einen neuen Burger bewerben, aber die Anwohner:innen dürfen nicht ihre eigene Nachbarschaft gestalten, das finden wir halt undemokratisch.

– dies irae

Die Themen der Gruppe sind breit gestreut, sowohl das Lieferkettengesetz als auch unnachhaltige Energie und Sexismus werden ausgespielt. Besonders stark richten die Aktionen sich aber gegen Polizei, Bundeswehr und rechte Organisationen oder Parteien. Die Protestform von DIES IRAE ist auch deswegen besonders effektiv, weil sie sich oberflächlich nicht als solche gibt, sondern die parodierten Plakate nachahmt. Das führt dazu, dass man beim ersten Hinsehen erst einmal glaubt, das Unternehmen oder die Institution selbst hätte die Plakate aufgehängt.

Warum ist Adbusting wichtig?

Die Aktionen sollen dazu animieren, sich den öffentlichen Raum wieder anzueignen. Die Stadt soll ihren Bewohner:innen gehören, nicht den Unternehmen mit dem größten Geldbeutel. Adbusting ist nicht nur Kunst, sondern eigentlich demokratische Außenwerbung. Die Idee Werbung durch den freien Markt zu regeln ist zu kurz gedacht. Der Prozess des Verkaufs von Werbeplätzen in U-Bahnen, Innenstädten und Co. macht es für private Bürger:innen fast unmöglich, selbst Flächen zu gestalten. Obwohl sie ja diejenigen sind, die dort wohnen. So können zwar Konzerne ihre Produkte bewerben, Anwohner:innen ist es jedoch verboten über die Themen aufzuklären, die ihnen am Herzen liegen.

Fazit: Demokratische Außenwerbung braucht Adbusting

Obwohl die Grün-Rot-Rot Regierung in Berlin versprach etwas gegen die zunehmende Außenwerbung zu tun, veränderte sich nichts. Zu groß sind wahrscheinlich die Einnahmen, die durch die Vermietung der Werbeflächen generiert werden können. Daraus ergeben sich dann sexistische Kampagnen wie die von Media Markt zu den Männertagen, oder die rassistische „Rückkehrer-Kampagne“ die Horst Seehofer 2018 startete. Menschen muss ein Mitspracherecht über ihren Wohnraum und ihre Städte zugestanden werden, nicht nur den Meistbietenden. Kollektive wie Dies Irae nutzen aus, dass Adbusting nur schwer zu verfolgen ist und in den seltensten Fällen rechtliche Konsequenzen hat – um den öffentlichen Raum zu demokratisieren.


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