Körper als Feindbild – Fatshaming und Essstörungen

Trigger Warnung: In dem Artikel „Körper als Feindbild“ geht es um Fatshaming und die daraus resultierende strukturelle Gewalt. Hier finden sich Zitate mit diskriminierenden Inhalten und potenziell triggernden Aussagen. Es wird auch von Essstörungen geschrieben.

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Wie findest du deinen eigenen Körper? Die Frage ist für viele, vor allem Frauen, mit Ängsten besetzt. Photo by Polina Tankilevitch on Pexels.com

Wie findest du deinen eigenen Körper? Bist du zufrieden? 60 Prozent in Deutschland würden diese Frage mit Ja beantworten. Fragt man ausschließlich Frauen, dann geht die Zahl auf 19 Prozent runter. Im letzten Jahr überschwemmten dann Konzepte wie „Pandemie Workout“ oder „Post Corona Body“ soziale Medien. Der Körper als Feindbild, es geht immer darum ihn zu bekämpfen, zu trainieren oder zu disziplinieren. Die Beziehung zu unseren Körpern ist disassoziativ. Wir vergessen, dass wir über uns selbst sprechen, wenn wir über unsere Körper reden.

The Kids Ain’t Alright

Insbesondere Kinder leiden unter dem zunehmend negativen Diskurs über Körper und Selbstbild. Die Katapult (Ausgabe Nr. 21) berichtete, dass in den USA 40 Prozent der Befragten Frauen (50 Prozent der Männer) angaben, sich lieber mit dem potenziell tödlichen Covid 19-Virus zu infizieren, als 11 kg zuzunehmen. In der Ausgabe findet sich eine weitere Studie. Laut ihr finden sich mehr als 40 Prozent der 13-jährigen Mädchen in Deutschland zu dick. Diese Art von Äußerungen werden von der Familie oft kaum ernst genommen, wenn nicht sogar begrüßt. Bei Familienfeiern scheint vor allem die Gewichtszu- oder -abnahme im Mittelpunkt zu stehen.

Wie gefährlich das sein kann, fällt einem erst bei einem Blick auf die Zahlen auf. 15,4 Prozent der Frauen entwickeln eine Essstörung im Laufe ihres Lebens (bei Männern sind es 0,7 Prozent). Essstörungen gehören zu den gefährlichsten der psychischen Krankheiten: Anorexia Nervosa (auch Magersucht) gehört mit einer Todesrate von 10 bis 15 Prozent zu den tödlichsten. 

Die Auswirkungen von Crash Diäten

Wenn es um „Blitzdiäten“ oder „Crash Diäten“ geht, wird der sogenannte „Jo-Jo-Effekt“ oft als größter Risiko-Faktor genannt. Er bezeichnet die Gefahr, das verlorene Gewicht sofort wieder zuzunehmen. Laurie Penny schreibt in „Fleischmarkt“ von fataleren Konsequenzen. Mangelernährung und Hunger resultieren oft in psychischem und physischem Stress. Dieser kann anhalten. Sie schreibt von einer US-amerikanischen Studie über den Effekt von Hunger. Die Probanden wurden ein paar Wochen lang unterernährt. Eine signifikante Anzahl der Teilnehmer entwickelte später in ihrem Leben Depressionen und andere psychische Störungen. Auch die Beziehung zu Essen war gestört. Einige ehemalige Proband:innen der Studie fingen im späteren Leben beispielsweise an, Essen zu horten.

Unser liebster Sündenbock: Social Media

Egal ob es um Konsum, Konkurrenzdruck oder psychische Krankheiten geht, Social Media scheint immer ein amplifizierender Faktor zu sein. Auch bei dem zunehmend schlechter werdenden Körperbild ist es nicht anders. Jedoch sind pauschalisierende Aussagen wie: „Von Instagram wird man magersüchtig“ weder zielführend noch richtig. Soziale Medien führen dazu, dass ihre Konsument:innen zunehmend mit idealen Körpern konfrontiert werden, also den selbst empfundenen Mangel häufiger spüren. Früher beschränkte sich der Vergleich auf Kinobesuche oder das Durchblättern eines Magazins. Heute ist es bei vielen mittlerweile der erste oder zweite Gedanke beim morgentlichen Scrollen durch den Feed. 

Social Media – Es ist nicht alles schlecht

Jedoch gaben auch verschiedene Frauen an, Social Media als Bewältigungsstragtegie mit der Krankheit zu nutzen. Nicht normschöne Personen, also Menschen, die aufgrund ihrer Körper struktureller Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt sind, finden auf Social Media mehr Repräsentation. Die herkömmlichen Medien blenden ihre Körper meistens aus. Auch die Möglichkeit zu Netzwerken ist auf Social Media einzigartig. Zu Fatshaming gehört auch die soziale Ausgrenzung. Für viele davon Betroffene sind die sozialen Medien eine der wenigen Möglichkeiten, dem entgegenzuwirken und Anschluss an eine Community zu finden. Außerdem sind soziale Medien meistens die einzigen Medien, wo nicht normschöne Personen Repräsentation erfahren. 

Hier lohnt es sich, bewusst die abonnierten Seiten und Accounts durchzugehen. Muss ich wirklich Up to Date mit den Fotoshoots von Models sein, wie die ich sowieso nie aussehen werde? Was ist mit Influencer:in XY, der/die zwischen ein zwei informativen Posts immer noch drei Bilder von dem guttrainierten Bauch postet? Was tut mir gut und welche Bilder lösen ein Unwohlgefühl bei mir aus? Den Feed kann man mit weniger unerreichbaren Idealen füllen und mehr mit Menschen, die aussehen wie man selbst. Nicht ausschließlich, aber man muss sich auch nicht selbst quälen. 

Körper als Feindbild – Was steckt noch dahinter?

Hinter der steigenden Zahl von an Esstörungen Erkrankten verbirgt sich ein komplexes Geflecht von Ursprüngen. Ein naheliegender Grund ist die Wandlung des Schönheitsideals. Der ideale Frauenkörper ist seit den 1970er Jahren immer schlanker geworden. Jedoch nahm der durchnittliche Body Mass Index (BMI) parallel zu. Die Diskrepanz zwischen Schönheitsideal und Realität ist also größer geworden, das beeinträchtigt das eigene Körperbild. Menschen werden den idealisierten Vorstellungen also nicht nur häufiger ausgesetzt, sondern diese werden auch immer unerreichbarer. 

Fatshaming – Eine strukturelle Diskriminierung

Das schlechte und kritische Selbstbild ist auch eine Reaktion auf reale gesellschaftliche Gefahr. Als „zu dick“ wahrgenommen zu werden, hat nämlich reale soziale Konsequenzen.

Fatshaming bezeichnet die Diskriminierung von Menschen, die von Adipositas betroffen sind oder einfach laut unserer Gesellschaft „zu viel“ wiegen. Das kann sich auf viele Arten und Weisen ausdrücken: Übergewichtige Kinder werden bei gleichen Leistungen in der Schule schlechter bewertet (Katapult Nr. 19). Bei Erwachsenen führt es zu schlechteren Chancen am Arbeitsmarkt. Altersunabhängig sind sie häufiger von physischen Übergriffen betroffen oder werden beim Arzt nicht angemessen behandelt (manchmal mit tödlichen Folgen). Auch soziale Ausgrenzung ist ein Problem, dazu werden sie anfälliger für psychische Krankheiten wie Depressionen, Suchtprobleme oder eben Essstörungen. Die US-Amerikanische Poetin Blythe Bard schreibt über ihre Erfahrung mit Magersucht: „Wenn du dünn bist und magersüchtig wirst, bist du krank. Aber wenn du magersüchtig wirst und am Anfang nicht dünn warst, bist du eine Erfolgsstory“. 

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Die Schönheit von Frauen jenseits von Größe 44 wird oft geleugnet. Statt Anerkennung erfahren sie zu häufig Gewalt. Photo by Laura Tancredi on Pexels.com

Der Körper als Statussymbol

Statussymbole verweisen auf die Gruppenzugehörigkeit und deuten darauf hin, dass ihr Besitzer zumindest ein gesellschaftlich erwünschtes Merkmal (z.B. hohes Einkommen) aufweist und dadurch Anerkennung von seinen Mitmenschen erwarten kann. Traditionell sind damit materielle Gegenstände gemeint (z.B. ein Auto), aber spätestens seit Pierre Bourdieu meinen wir damit auch bestimmte Verhaltensweisen und Fähigkeiten (z.B. Klavier spielen). Auch der Körper ist davon nicht ausgeschlossen. Paula-Irene Villa schreibt in ihrem Artikel „Der Körper als kulturelle Inszenierung und Statussymbol“:  „(…) dass wir am Körper unserer Mitmenschen deren Zugehörigkeit zu den verschiedenen sozialen Gruppen erkennen“. Wir beurteilen also andere Menschen nicht nur nach ihrem Verhalten, ihrer Sprechart und Kleidung, sondern auch „nur“ anhand ihres Körpers.

Welche Körper welche Gruppenzugehörigkeit symbolisieren ist historisch bedingt, aber auch von der Gesellschaft abhängig. Im barocken Zeitalter in Europa galten Menschen mit hohem Gewicht zum Beispiel als besonders attraktiv, weil sich nur wohlhabende Personen diese Figur überhaupt leisten konnten. Heute, ein paar hundert Jahre später, hat sich das gewandelt. Wir assozieren dünne, trainierte Körper nicht nur mit Attraktivität und Gesundheit, sondern auch Intelligenz, Erfolg und Talent. Dadurch verorten wir sie in einer höheren sozialen Schicht. Im Vergleich dazu schreiben wir Personen mit höherem Gewicht Eigenschaften wie Dummheit, Faulheit oder Ignoranz zu.

Das politische Spektrum ist sich hier übrigens erschreckend einig. Während in der Linken kapitalismuskritische Karrikaturen verbreitet werden, die Unternehmer:innen als fettleibig darstellen, werden auf dem rechten Spektrum oft Migrant:innen, Arbeitslose oder Sozialschwache in dieser Manier dargestellt. 

Die Angst vor Gewichtszunahme oder die psychische Belastung entspringen also nicht nur dem Bedürfnis attraktiv zu sein, sondern auch dem Wissen, dass Gewichtszunahme auch den sozialen Abstieg bedeuten kann. Daraus ergibt sich auch, warum besonders in Familien aus der Mittelschicht viel Wert auf die sichtbar gute Ernährung und physische Betätigung der Kinder gelegt wird. Hier soll sich nach oben angenähert und von unten abgegrenzt werden. So ist es sozial gewollt, den Körper als Feinbild zu betrachten, er könnte einen ja in den sozialen Abstieg drängen.

Body Positivity / Toxic Positivity

Im Zuge der Body Positivity Bewegung hat man versucht eben diese Körper, aber auch generell die angeblichen Makel von Körpern in den Vordergrund zu rücken und Akzeptanz für sie zu erzeugen. Also die Idee vom „Körper als Feindbild“ abzuschaffen. Das führt dazu, dass immer mehr Frauen Bilder von sich in Unterwäsche oder Bikini posten mit Captions wie „Every body is a bikini body“ (Deutsch: Jede Figur ist eine Bikini-Figur) oder „All bodies are beautiful“ (Deutsch: Alle Körper sind schön). Problematisch ist dabei nur, dass man auch hier einen schmalen Grad geht. Denn mittlerweile finden sich unter dem Hashtag hauptsächlich Frauen, die dem Körperideal sehr nahe kommen und sich auf kleine Makel beziehen, gleichzeitig möchte man diesen Frauen natürlich nicht absprechen, die eigene Schönheit zu zelebrieren. 

Auch ein weiterer Faktor kommt erschwerend hinzu, wie eine Freundin von mir mal bemerkte: „Früher habe ich mich zu dick gefühlt und wollte abnehmen. Jetzt will ich das immer noch, darf aber nicht darüber reden, weil ich mir dann anhören darf: EVERY BODY IS BEAUTIFUL. Es ist zum wahnsinnig werden“. Das ist genau das Gegenteil von dem, was die Bewegung eigentlich bezwecken sollte. Sie sollte nicht nur Frauen dabei helfen, ihre Körper zu lieben, sondern auch dabei helfen, Schönheitsideale zu dekonstruieren und ihre kapitalistische Bedeutung bewusst zu machen. Ein Hashtag kann nur Bewusstsein schaffen, aber kein soziales Problem lösen. 

Die Gesundheits-Debatte

Bill Maher, ein us-amerikanischer Talkshow-Host, sprach in einer seiner Sendungen davon, dass es kein Problem mit Fatshaming gäbe. Viel mehr sollte Fatshaming ein Comeback machen. Leute wären zu dick und müssten abnehmen. James Corden, selbst Moderator und übergewichtig, griff es wiederum in der eigenen Sendung „The Late Late Show with James Corden“ auf und antwortete: „Wenn Demütigung von dicken Menschen sie dazu bringen würde abzunehmen, gäbe es keine dicken Kinder in Schulen und ich hätte mittlerweile einen Sixpack“ und „Fatshaming war nie weg. Frag jede dicke Person auf diesem Planeten.“

Die Vorstellung, Demütigung und Erniedrigung würden die Gesundheit von irgendwem verbessern, ist nicht nur absurd sondern auch psychologisch schon tausendmal widerlegt worden. Tatsächlich hält sich der Mythos, dass die Body Positivity Bewegung Leute ungesund machen würde, hartnäckig. Body Positivity bedeutet auch: Iss was gesundes und mach Sport, egal was für eine Figur du hast. Denn Fatshaming führt oft dazu, dass sich Menschen, aus Angst ausgelacht oder verurteilt zu werden, gar nicht erst trauen joggen zu gehen oder in der Öffentlichkeit einen Salat zu essen. Dass die Body Positivity Bewegung es ablehnt, Körper als Feindbild zu betrachten, bedeutet nicht, dass sie zu einem ungesunden Lebensstil aufrufen, sondern zur Selbstheilung der Psyche.

In „My Mad Fat Diary“ beschreibt die Hauptfigur Rachel, dass sie in der Öffentlichkeit nicht essen kann. Sie erklärt in einer emotionalen Szene: „Wenn ich einen Salat bestelle, denken die Leute: ‘Als ob sie so fett geworden wäre, wenn sie wirklich Salat essen würde’ und wenn ich eine Pizza bestelle dann sagen sie: ‘Schau was sie isst, deswegen ist sie so fett’“. Body Positivity als Gegenbewegung ist deswegen so wichtig, weil Fatshaming grausam, lähmend und extrem gefährlich ist. 

Selbstkritik führt zu psychischem Stress

Selbstkritik ist für viele von uns so normal, dass wir es gar nicht mehr merken. Das Unterbewusstsein kann den psychischen Stress durch Selbstkritik bzw. Selbsthass oft nicht von einem äußerlichen Angriff differenzieren, schreibt Emily Nagoski in ihrem Buch „Come as You are“. Der Körper schüttet also das Stresshormon Cortisol aus, das von dem natürlichen Flucht-Kampf-Instinkt der Menschen ausgelöst wird. Die gesundheitlichen Folgen von hohem Cortisol sind unter anderem Verdauungsstörungen, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Angstörungen und Depressionen. Wer den eigenen Körper als Feindbild empfindet, leidet darunter wie bei der Aufnahme eines weiteren Jobs oder einem tatsächlichen Angriff.

Der eigene Körper ist zu persönlich

Der Körper ist persönlich. Gerade als FLINTA Person erlebt man oft die Enteignung des eigenen Körpers. Er wird zum Mittelpunkt von öffentlichen Diskussionen. Es gibt gesetzliche Ordnungen, die vorschreiben, was du mit ihm machen darfst und was nicht. Wir stellen unsere Körper beim Arbeiten zur Verfügung. Mit ihnen gehen wir Verbindungen ein. Unsere Körper tragen uns. In ihnen sind wir zu Hause. Dann gibt es die metaphysische Debatte, ob wir überhaupt mehr sind als nur Körper. Es hilft mir manchmal zu denken: „Der Grund warum du deinen Körper nicht magst, ist ein komplexes Geflecht von sexistischen, klassistischen und kapitalistischen Strukturen“. Den eigenen Körper als Feindbild zu sehen, ist sich selbst auf brutalste Art und Weise anzugreifen.

Fazit

Der Körper kann ebenso wenig von unserem „Ich“ losgelöst werden, wie unsere Wahrnehmung von ihm, von der Gesellschaft getrennt werden kann. Es ist wichtig sich den unterliegenden Strukturen bewusst zu werden und unsere Bewertungen auch dahingehend zu überprüfen. Für Selbstliebe empfiehlt Emily Nagoski sich nackt vor den Spiegel zu stellen und sich selbst Komplimente zu geben. Sie warnt vor der ersten Welle an Ekel, Abscheu und Beleidigungen, die einem vielleicht am Anfang in den Sinn kommen, ermutigt jedoch, das durchzustehen und sich selbst zu den Komplimenten zu verpflichten. Vielleicht ist es Selbstliebe, die wir brauchen, um endlich unsere Körper als Verbündete und nicht als Feindbild zu sehen.


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