Retten wir mit E-Autos das Klima?

E-Auto
Sind E-Autos die Rettung für das Klima? Foto von Orau von Pexels

Wir als Weltgemeinschaft stehen aktuell vor der Wahl größten Herausforderung der Menschheitsgeschichte: Welt retten oder lassen? Auf dem Papier haben sich die Regierungschefs dieser Welt (oder zumindest ein wichtiger Teil von ihnen) 2015 dazu entschieden, die Welt zu retten. Und zwar im Rahmen des Pariser Klimaabkommens. Das erklärte Ziel: Die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad Celsius begrenzen. Die 1,5 Grad Celsius gelten als Ziel. Aktuell stehen wir bei rund 1,1 Grad Celsius Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter. Höchste Zeit also, zu handeln. Als zentrale Maßnahme, um das Ziel zu erreichen, gilt die Dekarbonisierung über alle Sektoren hinweg. Verkehr, Energie, Bauen, Industrie – die Sektoren sollen klimaneutral bzw. CO2-neutral werden. Damit ist gemeint, dass nur noch so viel CO2 ausgestoßen werden darf, wie an anderer Stelle durch Kompensationsmaßnahmen wieder gebunden oder eingespart werden kann.

Besonders heftig diskutiert wird in Deutschland über den Verkehrssektor. Wahrscheinlich auch, weil Mobilität ein sehr persönliches Thema ist, das die eigene Freiheit berührt. Die einen fordern eine Verkehrswende, die anderen möglichst viel Handlungsfreiheit. Die Politik schlägt aktuell einen Mittelweg ein: Statt einer Verkehrswende plant die Politik eine Antriebswende. Die Dominanz des Individualverkehrs in Frage zu stellen, das scheint unter den Regierenden verpönt zu sein. E-Autos sollen deshalb den Verkehrssektor maßgeblich dekarbonisieren. Aber können wir so wirklich das Klima schützen?

Bedeuten E-Autos wirklich mehr Klimaschutz?

Die Frage, ob E-Mobilität wirklich ein Segen für das Klima ist, wurde in der Vergangenheit häufig diskutiert. Unstrittig ist, dass die Herstellung eines Elektroautos energieintensiver ist als die eines vergleichbaren Verbrenners. Die Frage ist, wann und ob sich ein E-Auto für die Umwelt rentiert. Eine viel diskutierte (und kritisierte!) Studie des ifo-Instituts aus dem Jahr 2019 kam gar zu dem Schluss, dass Elektroautos im Moment aufgrund des Strommixes und der energieintensiven Herstellung im günstigsten Fall mit einem Dieselfahrzeug mithalten könnten. Dass diese Rechnung das E-Auto schlecht rechnet, haben die Kolleg:innen vom SPIEGEL überzeugend vorgerechnet – die Autor:innen der ifo-Studie gingen von pessimistischen Rahmenbedingungen aus und auch die Modelle, die vergleichen wurden, waren nur schwer vergleichbar. Das stellt die Ergebnisse der Studie in ein anderes Licht.

Viel fundierter dagegen scheint eine Meta-Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI). Den Autor:innen ging es darum die Frage zu beantworten, ob Elektroautos mit Batterien der Schlüssel zu einer nachhaltigen Mobilität sind. Sie kommen zu dem Schluss, dass heute gekaufte E-Autos über ihre gesamte Lebensdauer hinweg deutlich positiver abschneiden als vergleichbare Verbrenner. Vorausgesetzt, die Energiewende schreitet wie geplant voran. Außerdem kommen die Wissenschaftler:innen zu dem Schluss, dass die Rohstoffe für Batterien global gesehen ausreichen werden. Auch, wenn temporäre Engpässe nicht auszuschließen sind. Vor allem das Recycling und die damit verbundene Rückgewinnung von Rohstoffen wird dafür eine wichtige Rolle spielen. E-Autos sind also erst einmal eine Verbesserung im Vergleich zu Verbrennern. Aber reicht es aus, alle Verbrenner durch E-Autos zu ersetzen, um das Klima zu schützen?

Reicht es aus, alle Verbrenner durch E-Autos zu ersetzen?

Der Journalist und Blogger Salomon Scharffenberg sagt: Nein. Der Autor von “No Car” stellt in seiner Streitschrift die These auf, dass weder das elektrische noch das autonome Fahren eine Zukunft haben. Wie er zu diesem Schluss kommt? Scharffenberg argumentiert, dass Autos eine sehr ineffiziente Form der Mobilität sind. Ein Mensch wiegt rund 70 Kilogramm. Ein Auto das 20-fache. “Das heißt, bei einem Verbrauch von zehn Litern Kraftstoff pro 100 Kilometer dienen allein 9,5 Liter dazu, das Transportmittel zu bewegen, und nur ein halber Liter dazu, den Fahrer voranzubringen”, rechnet er vor. Aber das ist nur eines von vielen Argumente, die aus seiner Sicht gegen die Auto-Gesellschaft sprechen. “Das Auto ist das Symbol eines Lebensstils, der untragbar ressourcenintensiv ist”, resümiert er und plädiert für eine Fahrrad-Eisenbahn-Gesellschaft. Die Politik, so Scharffenberg, müsse die Abschaffung des Autos – mit ganz wenigen Ausnahmen – beschließen.

E-Autos sind kein Allheilmittel, so eine Gruppe von Professoren

Das wäre ein ziemlich radikaler Schritt, dem ein radikaler Umbau des ÖPNV vorangehen müsste, wenn das Land nicht im Chaos versinken soll. Nicht ganz so radikal, aber doch mit viel Nachdruck formulierte eine Gruppe emeritierter Verkehrsprofessoren aus Deutschland und Österreich zur IAA 2019 ihre Kritik an der Verkehrspolitik der Bundesregierung. Die Professoren mahnen, “dass wir eine grundsätzliche Umgestaltung der Verkehrssysteme auf der internationalen sowie auch der regionalen und städtischen Ebene benötigen.”

Bei kritischer Analyse der oft als Allheilmittel “gehypten” Handlungsansätze des Einsatzes von Elektroantrieben, der Digitalisierung des Verkehrs und der Automatisierung der Verkehrsmittel zeigt sich, dass die Lösungsvorschläge von den Entscheidungsträgern unter Vernachlässigung zentraler Systemzusammenhänge vorangetrieben werden.

– positionspapier der EMERITIERTEN professoren

Die Gruppe fordert daher, dass Maßnahmen ergriffen werden müssen, die zu wirklichen Verhaltensänderungen bei den Bürger:innen führen. Außerdem müsse sich die Verkehrspolitik auch in der Stadtplanung niederschlagen. Sie sind sich einig, dass durch die aktuelle Verkehrspolitik die Klimaziele verfehlt werden und dass wir einen grundsätzlichen Wandel brauchen. Das schließt auch eine Abkehr vom Paradigma des motorisierten Individualverkehrs ein.

Im Prinzip ein “Weiter so”

Die Idealisierung von E-Autos als Mittel zum Klimaschutz ist im Prinzip nichts anderes als ein “Weiter so” für die Autoindustrie und die bisherige Verkehrspolitik. Nur eben mit Elektroantrieb. Autos werden so auch in Zukunft das zentrale Verkehrsmittel in Deutschland sein. Der Kurs der Politik überrascht erst einmal wenig. Schließlich ist die Infrastruktur vorhanden und wir haben jahrelang verkehrspolitisch darauf hingearbeitet, dass das Auto seinen aktuellen Status quo in der Gesellschaft behält: Der Großteil der Ausgaben für Infrastruktur im Vekehrssektor wird immer noch in Straßen investiert. Das bemängelt die Allianz pro Schiene schon lange und fordert höhere Investitionen in das Schienennetz. Die Ausgaben für die Schiene steigen zwar seit einiger Zeit, allerdings sind wir noch weit entfernt von den Ausgaben für Straßen.

Wer jetzt die Idee entwickelt, dass die Umstellung auf E-Autos ja gar keine schlechte Idee ist, weil die Straßen bei einer echten Verkehrswende ungenutzt blieben, der liegt falsch: Es gibt Ideen dazu, was man mit den ausgedienten Straßen machen könnte. Zum Beispiel Grünstreifen und Solarstraßen einrichten, schlägt Salomon Scharffenberg in “No Car” vor. Alleine durch die Stilllegung der Autobahnen würden 400 Quadratkilometer Fläche nutzbar gemacht, die man nicht für Radfahrer oder Straßenbahnen benötigt. Genug Fläche, um reichlich Strom aus erneuerbaren Energien zu produzieren.

Wenn wir alle Verbrenner durch E-Autos ersetzen, dann retten wir nicht das Klima

Wir brauchen eine Abkehr von der Auto-Gesellschaft, um das Klima zu retten. Lange können wir uns den motorisierten Individualverkehr nicht mehr leisten. Wenn die ganze Welt so viele Autos wie wir Deutschen besitzen würde, dann müsste die globale Menge an Autos verdreifacht werden. Egal, wie diese 4,5 Milliarden Autos angetrieben werden würden: So retten wir nicht das Klima. Auch Agora Verkehrswende kommt in einem Paper zur Elektromobilität zu dem Schluss, dass E-Autos in Zukunft zwar immer nachhaltiger werden würden. “Darüber hinaus ist [aber] eine umfassende Mobilitätswende erforderlich, um den Endenergieverbrauch im Verkehr zu senken, ohne Mobilität an sich einzuschränken”, machen die Autor:innen klar. Für die in Deutschland heiß geliebte Automobilindustrie mag das wie ein Schlag ins Gesicht sein – aber auf einem brennenden Planeten wird man mit Autos in Zukunft auch keine Gewinne machen können. Und darum geht es im Endeffekt: Die Rettung der menschlichen Lebens auf unserem Planeten.


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