Alles Greenwashing? So nachhaltig sind die grünen Kollektionen der großen Kaufhäuser wirklich

Greenwashing
Bis zu 24 Kollektionen pro Jahr und trotzdem nachhaltig? Klingt nach Greenwashing. Aber ist es das auch? Foto von cottonbro von Pexels

Viele Modehäuser haben inzwischen begriffen, dass es die Konsument:innen zumindest oberflächlich interessiert, woher ihre Kleidung kommt. Kein Wunder also, dass es bei H&M (“Conscious Collection”), C&A (“WearTheChange”) und Tchibo inzwischen nachhaltigere Kollektionen gibt. Aber wurde diese Kleidung wirklich unter besseren Bedingungen und nachhaltig produziert? Oder ist das alles nur Greenwashing und dient dem guten Ruf? Genau das wollen wir uns in diesem Artikel genauer ansehen und dafür die Kollektionen einzeln beleuchten, denn die Unterschiede sind teils gewaltig. Wir schauen darauf, was die Unternehmen ihren Kund:innen versprechen, ob das auch so eingehalten wird und ob man deshalb von “Fair Fashion” sprechen kann.

Vorweg ein kleiner Disclaimer: All diese Unternehmen sind Teil des Fast Fashion-Apparates, der darauf ausgelegt ist, kurzlebige Trends zu produzieren. Das Ziel: Möglichst viele Teile verkaufen, maximalen Gewinn machen. Qualität und Langlebigkeit spielen in diesem System eine untergeordnete Rolle, schließlich will man seine 12+ Kollektionen pro Jahr an den Mann*die Frau bringen. Spitzenreiter in diesem System ist Zara. Das Unternehmen produziert rund 24 Kollektionen pro Jahr – aller zwei Wochen hängen also neue Teile im Geschäft. H&M kommt auf 12 bis 16 Kollektionen. Ob Unternehmen, die dieses System aktiv aufrechterhalten und von dessen Erhalt profitieren, überhaupt faire Mode im eigentlichen Sinn produzieren können, ist fragwürdig. Schließlich wird so das Lohndumping vorangetrieben, die Leidtragenden sind die Arbeitnehmer:innen in den Fabriken.

Die Conscious Collection von H&M

H&M schreibt auf seiner Seite, dass die Teile der Conscious Collection zu mindestens 50 Prozent aus nachhaltigen Materialien bestehen. Dazu zählen für das Unternehmen zum Beispiel Bio-Baumwolle oder auch recyceltes Polyester. An konkrete Versprechen hinsichtlich fairer Arbeitsbedingungen ist die Kollektion hingegen nicht geknüpft. Das einzige Versprechen, das H&M seinen Kund:innen mit der Conscious Collection gibt, ist also ein Anteil an nachhaltigeren Materialien von 50 Prozent.

H&M kooperiert für die Kollektion nicht mit anerkannten Standards wie zum Beispiel dem GOTS. Deshalb garantiert der Einsatz von Bio-Baumwolle alleine noch lange nicht, dass beispielsweise keine gesundheitlich bedenklichen Chemikalien zum Färben eingesetzt wurden. Die Schweden setzen hier also einen vergleichsweise geringen Standard an. Außerdem bleibt offen, unter welchen Bedingungen die Baumwolle angebaut wurde.

Hinzu kommt, dass die Kleidung aus Mischgeweben besteht. Ein Beispiel: 61 Prozent Polyester, 34 Prozent Viskose und 5 % Elasten sind keine Seltenheit. Das wirkt sich auf die Recyclingfähigkeit der Kleidung aus. Und wie steht es um die Fairness der Kollektion?

Unter welchen Bedingungen wird produziert?

Das Unternehmen aus Schweden stand in der Vergangenheit oft wegen ausbeuterischen Arbeitsbedingungen in der Kritik. Deshalb setzte H&M sich bis Ende 2018 die Frist, in allen Gold- und Platin-Fabriken existenzsichernde Vergütungsstrukturen zu schaffen. Das sind rund 60 Prozent der Arbeiter:innen, die in den Zulieferbetrieben für H&M nähen. Grund genug für die Kampagne für Saubere Kleidung, sich den damaligen Status Quo genauer anzusehen. Das Ergebnis: H&M hat das Ziel verfehlt. Nur neun Prozent der 2018 befragten Arbeiter:innen in Bulgarien erhielten einen existenzsichernden Lohn. In der Türkei lag der Anteil bei 29 Prozent, in Kambodscha bei 46 Prozent. Auch der Firmencheck 2019 kommt zu diesem Schluss. Das Unternehmen werbe zwar aggressiv mit Mindestlöhnen, aber die seien weit entfernt von einem existenzsichernden Niveau, heißt es.

Insgesamt ist die Conscious Collection also alles andere als nachhaltig und fair. Auch, wenn H&M in den letzten Jahren transparenter geworden ist, hat sich für die Arbeiter:innen wenig verändert und am System Fast Fashion wird festgehalten. Mit klassischer Fair Fashion hat das wenig zu tun.

Und wie sieht es bei C&As “WearTheChange” aus?

C&A legt im Vergleich zu H&M noch einen drauf und hat “WearTheChange” (deutsch: Trag den Wandel) zu seinem Markenslogan gemacht. “Nachhaltigkeit ist und bleibt im Zentrum unseres Handelns. Daher ist es uns ein Anliegen, dass unser Markenslogan diese Einstellung repräsentiert”, schreibt das Unternehmen auf seiner Website. Das impliziert, dass die Kleidung von C&A grundsätzlich fair und nachhaltig ist. Dem ist aber nicht so. Besucht man den Online Shop des Unternehmens, so kann man die knapp 3600 Teile der Damen-Abteilung nach “Nachhaltigkeit-Kriterien” filtern. Wenn man alle nachhaltigen Kriterien anwählt, dann stellt man fest, dass nur rund die Hälfte des Sortiments mindestens eines dieser Kriterien erfüllt. Insofern löst das Unternehmen sein größtes Versprechen an dieser Stelle nicht ein.

Der Konzern hatte ursprünglich das (ambitionierte!) Ziel formuliert, bis 2020 nur noch nachhaltige Baumwolle einzusetzen. Dieses Ziel hat das Unternehmen knapp verpasst, der Anteil liegt bei 96 Prozent. Aber was heißt nachhaltig in diesem Kontext? Auf Nachfrage sagt C&A uns, dass sie neben Bio-Baumwolle (GOTS & OCS) auch Baumwolle der Better Cotton Initiative (BCI), recycelte Baumwolle sowie Transition Baumwolle (von Feldern, die gerade auf bio umstellen) zählen. BCI wird vom Labelchecker der Christlichen Initiative Romero als mittelmäßig glaubwürdig eingestuft: Diese Baumwolle sei nicht mit bio gleichzusetzen, außerdem werden keine Standards für existenzsichernde Löhne abgedeckt. Auch OCS schneidet nicht gut ab: Das Siegel garantiert nur, dass überhaupt Bio-Baumwolle enthalten ist. Aber der Anteil kann auch bei 5 Prozent liegen. Insofern ist die Aussage, dass 96 Prozent “nachhaltigere” Baumwolle im Sortiment enthalten sind, kritisch zu betrachten.

Fair zu seinen Mitarbeitenden? Das Verhalten in der Corona-Krise zeigte etwas anderes

Obwohl C&A sich bemüht, sein grünes Image zu pflegen, zeigte das Unternehmen jüngst in der Corona-Krise eine andere Seite. Als Corona im März 2020 dafür sorgte, dass die Bekleidungsgeschäfte schließen mussten, lagerten viele Firmen die Risiken genauso aus, wie die Produktion ihrer Waren: Nämlich in Länder, die ohnehin von Armut betroffen sind. Sie stornierten die bestehenden Aufträge bei ihren Lieferant:innen. “Das bedeutete, dass Fabriken auf bereits bestellten Stoffen oder bereits gefertigten Kleidungsstücken sitzen blieben, in einigen Fällen sogar verschifft wurden, aber ohne, dass die Bezahlung ihrer Aufträge getätigt und damit die Löhne ihrer Arbeiter*innen gezahlt wurden”, fasst die Kampagne für Saubere Kleidung zusammen. Die Kosten der Pandemie sollten also von den Ärmsten getragen werden.

Daraufhin wurde die #PayUp Kampagne ins Leben gerufen, die massiven öffentlichen Druck auf die Unternehmen ausübte, die versuchten, sich mit dieser Praxis zu retten. Darunter auch C&A. “Einige Marken, wie z.B. C&A, versuchten, aus dem Radar der Kampagne zu fallen, indem sie sich verpflichteten, für einen höheren Prozentsatz der Bestellungen zu zahlen, dann aber die Zahlungen um bis zu einem Jahr zu verzögern. Doch in einer Zeit der weltweiten Krise ist es nicht viel besser, mit einer solchen Verzögerung bezahlt zu werden, als gar nicht bezahlt zu werden”, so die Initiator:innen der Kampagne. Im November veröffentliche C&A, dass sie doch zahlen wollen – ohne zu erwähnen, dass sie die Aufträge vorher storniert hatten.

So richtig fair geht es hier nicht zu

Das, was bei C&A passiert, ist alles andere als fair. Laut Firmencheck 2019 haben rund 36 Prozent der Beschäftigten in den Zulieferbetrieben von C&A Tarifverträge, die existenzsichernde Löhne garantieren. Das ist nicht einmal die Hälfte. Die ökologischen Kriterien, die C&A anlegt, sind lascher, als man es von klassischen Eco Fashion-Vorreitern wie Jan’n’June & Co. kennt. C&A ist zwar der weltweit größte Abnehmer von Bio-Baumwolle, aber das alleine reicht nicht, um sich als Pionier im Nachhaltigkeits-Bereich zu stilisieren. Schließlich ist ein Grund für die großen Abnahme-Mengen das System Fast Fashion. Und das ist alles andere als nachhaltig.

Anders als C&A und H&M setzen Tchibo, Aldi & Lidl auf die Kooperation mit anerkannten Siegel wie dem GOTS-Standard und dem Grünen Knopf. Letzterer ist zwar auch viel diskutiert, aber garantiert zumindest die Einhaltung von sozialen und ökologischen Kriterien. Sein Standard ist als Meta-Siegel von renommierten Siegeln abgeleitet. Ist die Mode hier fairer und nachhaltiger?

Mode von Tchibo, Aldi & Lidl: Fair & nachhaltig?

Tchibo, Aldi und Lidl sind zwar für sich genommen eigenständige Unternehmen, haben aber eines gemeinsam: Nämlich, dass sie zu den Unternehmen gehören, die von Anfang an beim staatlichen Textilsiegel Grüner Knopf dabei waren (wie auch Bonprix, Kaufland, REWE Group). Damit begann gewissermaßen die Reise dieser Unternehmen zu mehr Fairness und Nachhaltigkeit im Textilbereich. Der Großteil der Kleidung dieser Unternehmen trägt seitdem das staatliche Textilsiegel, bei dem es sich um ein Meta-Siegel handelt. Meta deshalb, weil der Grüne Knopf selbst das Produkt nicht prüft. Dass das Produkt einwandfrei ist, das müssen die Hersteller durch renommierte Siegel wie Fairtrade oder GOTS nachweisen. Der Grüne Knopf führt lediglich eine Unternehmensprüfung durch. Dabei handelt es sich um ein Audit, in welchem das Unternehmen anhand von 20 Kriterien nachweisen muss, dass es als Ganzes seine “seine menschenrechtliche, soziale und ökologische Verantwortung” wahrnimmt.

Der Grüne Knopf ist nicht unumstritten, denn besonders Aktivist:innen hätten sich von einem staatlichen Siegel mehr erhofft als ein Siegel, das nur andere Siegel zur Grundlage nimmt, da das einen wirklichen Wandel in der Textilindustrie nicht vorantreibt. Auch, dass sich das Siegel bisher nur auf die Arbeitsschritte „Zuschneiden und Nähen“ sowie „Bleichen und Färben“ bezieht, ist ein Kritikpunkt. Nun ist er aber da und die Frage, wie man (vermeintliche) Fair Fashion bei Discountern bewerten soll, steht damit im Raum.

Die Siegel sind die gleichen, wie bei den meisten Fair Fashion Brands

Da es sich bei dem Grünen Knopf um ein Meta-Siegel handelt, tragen die Kleidungsstücke von Lidl, Aldi & Co. nicht nur den Grünen Knopf, sondern auch in der Green Bubble durchaus angesehene Siegel wie beispielsweise den Global Organic Textile Standard (GOTS). Da diese Siegel unabhängig vergeben werden, ist erst einmal davon auszugehen, dass die Kleidung, die unter diesen Siegeln verkauft wird, auch wirklich die Kriterien erfüllt. Damit sind die Kleidungsstücke für sich genommen denen von Fair Fashion Brands, die sich ebenfalls auf das GOTS Siegel stützen, gleichzustellen.

Trotzdem kann man Lidl, Aldi & Tchibo nicht eins zu eins mit echten Fair Fashion Brands gleichsetzen. Die Discounter (wir fassen an dieser Stelle der Einfachheit halber zusammen) sind nach wie vor im Fast Fashion Bereich anzusiedeln, der vor allem auf Masse geht. Es geht ihnen nicht um einen wirklich nachhaltigen Umgang mit Kleidung und weniger Konsum, wie das bei den meisten Fair Fashion Brands der Fall ist, die deshalb schon beim Design auf Langlebigkeit achten. Insofern ist es zwar gut und wichtig, dass die Mode unter besseren Bedingungen produziert wird, aber wirklich nachhaltig im eigentlichen Sinne ist die Mode nicht. Außerdem muss man bedenken, dass diese Unternehmen nicht nur Kleidung machen, sondern auch viele andere Konsumgüter produzieren. Der Grüne Knopf umfasst nur die Textil-Politik, was in anderen Bereichen passiert, das spielt keine Rolle. Und so finanziert man natürlich mit seinem Geld auch die nicht-nachhaltigen Unternehmensbereiche mit.

Unsere Meinung ist deshalb: Wer es sich leisten kann, der sollte bevorzugt Fair Fashion von reinen Fair Fashion Brands kaufen. Wer das finanziell nicht leisten kann, für den ist die Kleidung von den Discountern eine gute Variante.

Esprit: Nachhaltige Mode oder Greenwashing?

Esprit hat auf seiner Website seit einiger Zeit den Reiter “I am sustainable”. Damit kann man Kleidung filtern, die aus nachhaltigeren Materialien besteht. Laut Esprit machen nachhaltigere Materialien inzwischen 40 Prozent des Sortiments aus, Tendenz steigend. Als nachhaltig versteht das Unternehmen eine ganze Reihe an Stoffen: Bio-Baumwolle, recycelte Baumwolle, Better Cotton, recyceltes Polester, recycelte Wolle, veganes Leder, TENCEL und viele mehr. Die Bandbreite ist ziemlich beeindruckend, Esprit probiert wirklich viel aus.

Die Frage, die allerdings offen bleibt, ist: Wo und unter welchen Bedingungen werden die Kollektionen gefertigt? Leider kann man hier nicht so viel Positives erwähnen, wie bei der Auswahl der Materialien. Die Kampagne für Saubere Kleidung hat 2020 eine Studie mit dem Titel “Ausbeutung made in Europe: Menschenrechtsverstöße in der Produktion für deutsche Modemarken” veröffentlicht. Für die Studie wurden Zulieferbetriebe in Serbien, der Ukraine, Bulgarien und Kroatien untersucht. Laut den Autor:innen arbeiten rund 120.000 Menschen in diesen Ländern alleine für den deutschen Markt. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass durchweg das Recht auf einen Existenzsichernden Lohn verletzt wird.

Menschenrechtsverletzungen stehen auf der Tagesordnung

In der Ukraine beispielsweise, wo Zulieferer für Esprit befragt wurden, erhielten diese nur 22 Prozent von dem, was als existenzsichernder Lohn definiert wurde. Obwohl Esprit Mitglied in diversen freiwilligen Initiativen ist, konnte das Unternehmen keinen Nachweis darüber erbringen, dass “(…) irgendwelche Beschäftigte in der Bekleidungsherstellung einen Existenzlohn bekommen”, halten die Autor:innen der Studie fest. Eine Fallstudie in einer Fabrik, die unter anderem für Esprit produziert, berichteten die Arbeitenden von:

  •  häufigen Rückständen in den Lohnzahlungen von ein bis zwei Monaten,
  • „ regelmäßigen Überstunden, die sie für die Erfüllung der Produktionsnormen ableisten mussten, aber nicht als Überstunden bezahlt bekamen,
  •  unbezahltem, erzwungenem Urlaub, während dem sie arbeiten mussten,
  • „ Strafen beispielsweise durch Reduzierung von Zuschlägen, die für die Normerfüllung gezahlt werden und die einen signifikanten Anteil am Lohn erreichen können.

So ambitioniert das Engagement des Unternehmens in Hinblick auf die Umstellung der Materialien auch scheint: Nachhaltige Mode produziert Esprit nicht. Denn Nachhaltigkeit hat nicht nur eine ökologische, sondern auch eine soziale Komponente. Das kann auch der Reparaturservice für Kleidung nicht kaschieren.

Fazit: Bei reinen Fair Fashion Firmen ist man auf der sicheren Seite

Es scheint zwar, als würden die großen Firmen langsam verstehen, dass am Ende der Lieferkette Menschen sitzen. Aber dieser Eindruck trügt sehr oft, wenn man genauer hinsieht. Aus einem umfangreichen Nachhaltigkeits-Versprechen wird schnell ein reines Aufrüsten der Website. Die Firmen wappnen sich mit Bio-Baumwolle und recycelten Materialien für die grüne Schlammschlacht. Das ist auch wichtig und richtig, aber echte Nachhaltigkeit schließt nicht nur die Umwelt, sondern auch die Menschen mit ein. Wer bei Esprit & Co. kauft, der nimmt die Menschenrechtsverletzungen, die auch in Europa ganz normal sind, billigend in Kauf. Besser ist es, weniger zu kaufen und dafür vielleicht ein bisschen tiefer in die Tasche zu greifen oder Second Hand zu shoppen. So geht man sicher, dass andere Menschen für unsere Kleidung nicht einen hohen Preis zahlen.


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