Omas for Future: “Viele Altersgenossen wollen in keinem Fall ihren eigenen Wohlstand im Moment gefährden”

Omas for Future
Die Klimabewegung besteht nicht nur aus Schüler:innen und jungen Menschen. Foto von Markus Spiske von Pexels

Jung, weiblich, gut situiert: So kennen wir die Klimabewegung in Deutschland, die vor allem durch Fridays for Future medial repräsentiert wird. Allerdings wäre es ein Trugschluss anzunehmen, dass nur die Jungen das Klima schützen wollen. Längst haben sich weitere Ableger der “for Future”-Bewegung begründet, darunter Scientists for Future, Parents for Future, aber auch Omas for Future. Gerade letzterer dürfte vor allem vor dem Hintergrund der Wahl am 26. September interessant sein. Denn knapp 60 Prozent der Wahlberechtigten ist älter als 49 Jahre – damit stimmen vor allem die Alten über die Zukunft der Jungen ab. Und viele junge Leute beklagen, dass die Alten sich ihrer Verantwortung nicht ausreichend bewusst seien. Aber stimmt das? Wenn eine es wissen muss, dann Cordula Weimann. Sie ist Gründerin der Omas for Future. Wie Altersgenossen auf ihr Engagement reagieren und wie sie zu einem nachhaltigen Wandel beitragen will, das verrät sie im Interview mit EKOLOGISKA.

Sie wusste schon lange, dass es 5 vor 12 ist

EKOLOGISKA MAG: Frau Weimann, können Sie sich noch an den Moment erinnern, der sie zum Umdenken bewegt hat?  

CORDULA WEIMANN: Durch intensive Gespräche mit Dr. Harry Lehmann, der schon seit fast 40 Jahren im Bereich erneuerbare Energien tätig ist, wusste ich schon lange, dass sich Deutschland in klimafreundlicher Politik eher zurück als vorwärts entwickelte, und es im Grunde 5 nach 12 war. Doch ich fühlte mich ohnmächtig, etwas zu ändern. Ich weiß, dass ich immer antwortete: „Wo ist bloß die Jugend – warum gehen die nicht auf die Straße? Es ist doch Ihre Zukunft. Nur die können den Stein ins Rollen bringen. Eines Freitags war ich in der Stadt und entdeckte einige junge Leute mit einem Schild: „There is no planet B“. Ich war überglücklich: „Sie sind da – jetzt haben wir eine Chance“. Dann dauerte es noch etwas, bis ich selbst aktiv wurde und auch wusste, wie ich aktiv werden wollte.

Dann las ich Zahlen, dass 75 Prozent unserer Fluginsekten vernichtet – weggespritzt – sind. Erst da wurde mir klar, wie akut die Situation ist.

– cordula weimann, gründerin omas for future

EKOLOGISKA: Wie haben sie vorher über die Umwelt und das Klima gedacht? 

WEIMANN: Ich habe schon seit meinem Studium versucht, Bio zu kaufen. Einfach, weil ich keine Chemie in meinem Körper wollte. Und ich wusste, dass es Klimaerwärmung gibt, dass Autofahren und Fliegen nicht gut ist. Doch mir war nicht klar, wie verheerend es ist. Und wie stark die Erwärmung fortgeschritten ist. Das wurde mir bewusst, als ich eine Animation über den Temperaturanstieg der letzten Jahre sah. Ich war geschockt. Dann las ich Zahlen, dass 75 Prozent unserer Fluginsekten vernichtet – weggespritzt – sind. Erst da wurde mir klar, wie akut die Situation ist. Ich las eine wissenschaftliche Untersuchung nach der anderen, und es wurde von Tag zu Tag entmutigender. Die Fakten sprachen für sich. Warum hatte die Politik dies jahrelang ignoriert? Die Erkenntnis, dass wir unsere wunderschöne Erde für Geld opfern, ließ mich einige Tage fast verzweifeln.

Dann dachte ich: So wie mir geht es vielen. Sie wissen es nicht, wie sehr sie im Alltag dazu beitragen, dass unsere Erde zerstört wird. Keiner will bewusst seine Lebensgrundlage vernichten – es bedarf enormer Aufklärung. Jahrzehntelang wurden wir von der Politik, Wirtschaft und Werbung angehalten, dass wir mehr konsumieren sollen, höher und weiter fliegen, noch größer und luxuriöser bauen, und das alles möglichst billig. „Geiz ist geil“ drückte das sehr gut aus. Keiner hatte uns über die Risiken und Nebenwirkungen dieses Verhaltens konkret informiert. Darum beschloss ich, genau da aktiv zu werden.

Omas for Future-Gründerin wurde von Enkeln inspiriert

Cordula Weimann ist die Gründerin von Omas for Future. Foto: © Katrin Schwurack

EKOLOGISKA: Welche Rolle spielt ihr Enkel in ihrer persönlichen Entwicklung hin zur Aktivistin? 

WEIMANN: Es gab die Schlüsselsituation, als ich mit dem zweiten Enkel Radfahren übte. Plötzlich wurde mir klar, dass ich ihn auf der einen Seite förderte, ihm Freude auf seine Zukunft machte und gleichzeitig mit meinem ganz normalen Lebensalltag dazu beitrug, dass seine Zukunft mehr als gefährdet war, von Krisen und Katastrophen gerüttelt werden würde, und er nicht das harmonische Leben haben würde, dass ich die vergangenen Jahrzehnte erleben durfte. Ich fand es grotesk – ich kam mir fast verlogen vor. Und gleichzeitig wusste ich, dass es mir gar nicht möglich war, 100% CO2 neutral zu leben. Ich liebte meine Kinder und Enkel und trug mit meinem Verhalten dazu bei, ihre Zukunft zu gefährden. Da wurde mir klar: Meine Kinder lieben heißt für mich ab sofort, mich mit voller Kraft einzusetzen, die Erde lebenswert zu erhalten. So entstand auch das Motto der Omas: Handeln! Aus Liebe zu unserer Erde und unseren Kindern.

EKOLOGISKA: Wofür genau wollen Sie einstehen? 

WEIMANN: Wir haben den Bezug zu dem verloren, was uns das Leben erst ermöglicht. Und was uns glücklich macht. Das ist nicht Geld. Ohne unsere Natur geht nichts. Gar nichts! Kein Produkt – kein Atemzug. Wir brauchen ein anderes Bewusstsein im Umgang mit der Natur, ein Zurückbesinnen, dass es uns Menschen nur so gut gehen kann, wie es der Natur geht. Wir können ohne Natur nicht leben – wir sind Natur. Sie macht uns glücklich, ist unsere Lebensgrundlage. Wir sollten sie beachten, achten und schützen. Im Einklang – auf Augenhöhe – mit ihr leben. Wir benutzen sie, beuten sie aus, vergiften sie soviel es nur geht. Wir opfern unsere Erde für Geld – für kurzfristigen Wohlstand. Mit der Einstellung werden wir nicht überleben. 

Altersgenossen haben Angst vor Neuem, so Omas for Future-Gründerin Weimann

EKOLOGISKA: Dieses Jahr ist sehr besonders, denn es stehen Wahlen an. Und zwar die wahrscheinlich wichtigsten Wahlen seit jeher. Gerade in der Altersgruppe der “Älteren” wird immer noch sehr konservativ gewählt. Wie erklären Sie sich das? Ist diesen Menschen die Zukunft ihrer Enkel egal? 

WEIMANN: Nein – nicht egal. Viele haben den Ernst der Lage nicht erkannt, manche resignieren: Da kann man eh nichts mehr ändern. Viele fühlen sich ohnmächtig – verunsichert, was auf sie zukommt. Haben Angst vor dem Neuen, was auf sie zukommen kann. Gerade Menschen, die ihre Informationen aus den Social Media Kanälen beziehen, kommen mit Fake News und Verschwörungstheorien in Kontakt – das ist sehr nachteilig. Viele denken: Ob ich nun was ändere oder nicht… Und viele denken auch, dass die Politiker es die letzten Jahrzehnte richtig gemacht haben und schon wissen, was gut ist. Sie wollen in keinem Fall ihren eigenen Wohlstand im Moment gefährden.

EKOLOGISKA: Welche Reaktionen begegnen Ihnen unter Gleichaltrigen, wenn Sie von Ihrem Engagement erzählen?  

WEIMANN: Die meisten hören interessiert zu, wenn ich erzähle, dass wir informieren, wie der Einzelne mit oft wenig Aufwand sehr aktiv zur Erhaltung unserer Erde beitragen kann, wie wir niedrigschwellig und unterhaltsam die Fakten auf den Lebensalltag umsetzen.

Mit Klimabändern für mehr Awareness

EKOLOGISKA: Ihre Gruppe heißt Omas for Future. Was ist mit den Opas? 

WEIMANN: Die gehören bei uns auch dazu. Von Anfang an. Einige Regionalgruppenleiter sind Opas.
Der Name entstand in Anlehnung an eine Frau, die bei einer der ersten Fridays Demos in Aachen ein Schild in die Höhe hielt: Omas for Future. Das Bild ist bei mir hängen geblieben und war der Impuls. Da gehören die Männer genauso dazu.

EKOLOGISKA: Wie wollen Sie ganz konkret in diesem Jahr dazu beitragen, mehr Aufmerksamkeit für den Klimaschutz zu generieren?

WEIMANN: Mit der Aktion Klimabänder bringen wir das Klimathema seit einigen Wochen sichtbar auf die Straße. Die Klimabänder werden von den Bürgern individuell mit ihrem Klimawunsch beschriftet. So wehen nun schon in weit über 100 Städten die Klimabänder als Klimabotschafter. Neben den Parents machen auch Kirchen, Schulen, andere Umweltbewegungen aktiv mit und sammeln Bänder. Die Klimabänder erinnern uns daran, dass es bei allen Entscheidungen nun vorrangig darum gehen muss, dass sie unsere Erde nicht weiter belasten und gefährden. Vor allem sollen die Klimabänder auch die große Gemeinschaft derer zeigen, die sich schon für den Erhalt unserer Erde einsetzen. Wir sind viele. Wir können es schaffen – wir müssen es nur alle wollen. Mehr als Worte sagt das kurze Video zu Beginn der Webseite. 

Mehr Artikel zur Wahl findet ihr in unserer Rubrik “Politik”.


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