“Wir dürfen systematische Innovationen nicht vergessen” – Über die Zukunft des Mode-Konsums

Mode
Johannes Schramm ist Gründer von again, einem Fair Fashion Concept Store in Leipzig. Foto: Josia Elias Schramm.

An diesem Nachmittag im Juli zeigt sich der Sommer von seiner schönsten Seite: Die Sonne scheint, es ist warm, aber nicht zu heiß, und ein warmes Licht dringt durch die Schaufenster in den Laden von Johannes Schramm. Der Boden ist grau und rough, die Wände weiß gestrichen. Durchdrungen wird das eher kühle Raumkonzept von Naturholz-Elementen, an denen Johannes sorgfältig die Kleidungsstücke präsentiert, die man in seinem Concept Store “again” mieten und kaufen kann. So entsteht eine angenehme Atmosphäre, die zum Stöbern einlädt. Und das kann man bei again mit gutem Gewissen, denn in dem Laden auf der Merseburger Straße in Leipzig gibt es nur Mode, die unter fairen Bedingungen produziert wurde.

Vom Lehrer zum Treiber der Bewegung für faire Mode

Ich kann doch nicht länger vor Kindern stehen und Ihnen Wissen und Werte vermitteln, wenn diese selbst von uns Erwachsenen überhaupt nicht geachtet und gelebt werden.

– Johannes schramm, gründer von again, arbeitete als lehrer

Johannes Schramm ist eigentlich Lehrer. Zur fairen Mode kam er, nachdem er vor einigen Jahren “The True Cost” gesehen hat. Ein Film, der schon viele zum Umdenken gebracht hat. “Danach bin ich in das Thema eingetaucht und musste entsetzt feststellen, wie normal die Ausbeutung von Mensch und Natur in der Modeindustrie ist. Ohne, dass ich davon wusste war ich Teil des Problems”, erklärt er. Für ihn ist es danach nicht einfach, seinen Schüler:innen Werte zu vermitteln, die Erwachsene regelmäßig missachten. Irgendwann ist ihn das zu scheinheilig und er beschließt, selbst anzupacken. Johannes eröffnet im April 2020 seinen Concept Store again in Leipzig-Lindenau. Seit August gibt es auch einen Online-Shop für faire Mode. Im Interview mit EKOLOGISKA erklärt er, warum Verbote aus seiner Sicht keinen Sinn machen. Außerdem erklärt er, wie er damit umgeht, Neuware zu verkaufen, die wir eigentlich gar nicht bräuchten.

Die Masse an Mode ist das Problem

EKOLOGISKA: Bei again bietest du auch Kleidung zum Mieten an. Warum war es dir wichtig, nicht nur Kleidung zum Kaufen anzubieten?

JOHANNES: Fangen wir mal so an. Wenn wir eine nachhaltige Wirtschaft wollen, dann geht das nicht, indem alle Produkte von nun an „grün“ oder „nachhaltig“ sind oder wir hoffen, dass technische Innovationen in Zukunft alles besser werden lassen. Wir wissen ja wie gut das funktioniert, wir kennen den Rebound-Effekt, wir wissen um das Greenwashing vieler Unternehmen. In Wahrheit ist die Masse an Konsum das Problem.

Wir müssen eben auch darüber reden, unseren Konsum zu begrenzen, bewusster zu konsumieren. Viele Menschen sprechen dann von Verboten. Sie beziehen dabei allerdings systemische Innovationen nicht in ihr Denken ein. Wir denken zu selten darüber nach, was wir wirklich brauchen, was einen Mehrwert für uns bietet und worauf wir vielleicht auch verzichten könnten. Besitz sollte gut gewählt werden denn ein zu-viel-davon schränkt ein, macht definitiv nicht glücklich und ist natürlich auch nicht nachhaltig. Viel besser ist es doch ausgewählte Produkte zu kaufen, vielleicht Produkte von höherer Qualität, sie wertzuschätzen und sich im Alltag an ihnen zu erfreuen. Denn was wir lieben, schätzen wir und was wir schätzen, hält gefühlt ewig. Wir brauchen keine 17 Paar Schuhe, wenn wir im Grunde nur 3 Paar davon gern und oft tragen. Et voila – Ressourcen gespart.

“Natürlich wird bei uns mehr eingekauft als gemietet”

EKOLOGISKA: Wie wird das Angebot angenommen?

JOHANNES: Zuerst einmal – natürlich wird auch bei uns mehr eingekauft als gemietet. Die Miete soll die Kaufentscheidung erleichtern, sie bewusster erleben lassen. Und das sehen wir bei den vielen Kund:innen, die nach der Miete kaufen. Sie erleben ganz intensiv die Vorteile des Mietens.

Deswegen kann ich sagen, dass das Angebot sehr gut angenommen wird. Schließlich sind wir ja weiterhin ein ganz normaler Shop und verkaufen ganz regulär. Die Mietoption beschert uns aber überaus positive Rückmeldungen, viele Kund:innen sind wirklich begeistert davon! Und in Zukunft wird die Miete noch einfacher, transparenter und vielfältiger möglich sein, da wir ab August dafür unseren Online-Shop nutzen. Es wird dann definitiv noch mehr Spaß machen, auch von zu Hause aus nachhaltig shoppen zu können.

“Auch ich weiß, dass es (momentan) wahrscheinlich am nachhaltigsten ist, so wenig wie möglich neu einzukaufen.”

EKOLOGISKA: Eigentlich gibt es schon genug Kleidung auf dieser Welt, wir bräuchten gar nichts Neues mehr produzieren und wären trotzdem alle gut gekleidet. Wie passt der Verkauf von neuer Kleidung mit deinem Nachhaltigkeits-Anspruch zusammen?

JOHANNES: Das ist gar nicht so leicht zu beantworten denn auch ich weiß, dass es (momentan) wahrscheinlich am nachhaltigsten ist, so wenig wie möglich neu einzukaufen. Aber uns geht es nicht darum, Konsum komplett zu vermeiden. Wir alle lieben Kleidung und wir kennen das Gefühl, ein Lieblingsoutfit zu finden. Das ist wunderbar. Also müssen wir eine Lösung finden, die so nachhaltig wie möglich ist.

Meiner Meinung nach ist auch etwas anderes entscheidend. Wir müssen eine Beziehung zu Dingen herstellen, lernen wie ein Produkt entstanden ist und welche Arbeit darin steckt. Dann können wir es auch wertschätzen. Deswegen versuchen wir ein Bewusstsein dafür zu schaffen.

Wir werden also keine Welt erleben, in der keine neue Kleidung gekauft wird. Wir von again versuchen aber den Kaufprozess so nachhaltig wie möglich zu gestalten. Und damit haben wir vielen Händlern etwas voraus. Es geht allerdings auch für uns darum, Kleidung aus den nachhaltigst möglichen Quellen zu beziehen, also den Schritt vor dem Verkauf miteinzubeziehen. Deswegen setzen wir konsequent auf fair und ökologisch produzierte Mode in unserem Shop. Und hier ist die gesamte Modeindustrie gefordert, ein Perfekt gibt es nicht. Der Fair-Fashion-Branche geht konsequent einen sehr positiven Weg. Allerdings wollen wir in Zukunft noch stärker fair produzierte Kleidung, welche aus recycelten Fasern hergestellt wurde, anbieten. Das ist momentan noch nicht immer möglich, stellt aber definitiv unser Ziel dar. Damit könnte der Ressourceneinsatz in der Produktion massiv reduziert werden.

Sind recycelte Fasern die Lösung für unser Mode-Problem?

EKOLOGISKA: Recycling-Fasern sind ein gutes Stichwort. Inzwischen gibt es ja einige davon, wie zum Beispiel ECONYL, das aus recyceltem Nylon besteht. Warum sind recycelte Fasern deiner Meinung nach eine gute Alternative?

JOHANNES: Recycelte Fasern spielen im Moment leider noch keine große Rolle in der Modeindustrie. Das liegt vor allem daran, dass viele Kleidungsstücke aus Fasermischungen bestehen und sich diese eben schwer bis gar nicht für das Recycling eignen. Außerdem ist der Recyclingprozess noch recht energieintensiv. Doch je stärker die notwenigen Verfahren entwickelt werden und je stärker im Produktdesign Wert auf den Einsatz von recyclebarem Material liegt, desto mehr kann mit Recyclingfasern gearbeitet werden.

Und darin liegt die Chance. Es wird in Zukunft weniger Energie benötigen, Kleidung aus Recyclingfasern herzustellen, die Ressourcen werden deutlich effizienter genutzt damit sparen wir am Ende massiv Wasser und CO2. Die Flächennutzung wird reduziert, sodass wiederum mehr Fläche für den Anbau von Lebensmitteln freigegeben wird. Außerdem entsteht weniger Müll. Von daher führt meiner Meinung nach neben einem deutlich bewussteren Konsum kaum ein Weg am Einsatz recycelter Fasern vorbei, wenn wir die Modeindustrie transformieren wollen.

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“Ein System, in dem Profitgier an erster Stelle steht, wird unsere Probleme nicht lösen”

EKOLOGISKA: Müssen wir letztlich nicht einfach auf einen Paradigmen-Wechsel im Umgang mit Kleidung hinarbeiten?

JOHANNES: Definitv! Ich bin ja schon weiter oben darauf eingegangen, dass unser Umgang mit Kleidung momentan wahrscheinlich nicht der nachhaltigste ist. Wir kaufen zu häufig unbedacht ein, tragen Kleidung im Allgemeinen zu kurz und zu selten. Klar muss hier mehr Bewusstsein für den Wert eines Kleidungsstücks geschaffen werden.

Trotzdem halte ich es selbst für schwierig, die Verantwortung auf jede:n Einzelne:n von uns abzuwälzen. Unser Konsum ist immer nur so nachhaltig, wie es das Angebot hergibt. Ich finde es braucht klare Regeln für ein konsequent nachhaltiges Handeln in der Wirtschaft, national und international. Solange es hier nicht voran geht, tragen Millionen von Menschen die Konsequenzen indem sie unterbezahlt arbeiten und das Geld zur Versorgung ihrer Familien nicht reicht. Auch unser Planet kommt zu Schaden. Wir können zwar beim Kauf eines Kleidungsstücks zugunsten eines nachhaltigeren Teils entscheiden – die Welt retten werden wir damit aber nicht. Es braucht einen klaren politischen Willen und eine Wirtschaft, die bereit ist, sich für ein besseres Morgen einzusetzen, die für uns Menschen, unsere Gesellschaft arbeitet. Wir sehen, dass das heutige System, indem Profitgier für viele Unternehmen an oberster Stelle steht, sicher nicht die Probleme unserer Zeit lösen wird.

Vielen Dank für das Interview, Johannes!


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