Rezension: „Wie wir leben könnten“ von Theresa Mai

Wie wollen wir leben? Diese Frage beantwortet Theresa Mai in ihrem neuen Buch. Foto von Rene Asmussen von Pexels.

Wie wollen wir leben? Oder viel mehr: Wie könnten wir leben? Diese Fragen klingen oft albern, sind aber wichtig, denn so wie bis jetzt, kann es nicht weitergehen. Theresa Mai ist eine Frau, die kurz nach ihrem Universitätsabschluss in Volkswirtschaftslehre eine Firma gegründet hat, die nachhaltige Wohnwagons baut. Ein bisschen wie ein mobiles Tiny House. Der Weg zur Gründung war schwierig und aufwendig, aber es handelte sich nicht um eine herkömmliche Firmengründung. Das Unternehmen finanzierte sich durch Crowdinvesting und einem Vermögenspool und ist auf Qualität nicht auf Gewinn ausgelegt. In ihrem Buch „WIE WIR LEBEN KÖNNTEN – Autark wohnen, Unabhängigkeit spüren, Gemeinschaft entdecken“ beschreibt sie ihren eigenen Werdegang und den ihres Unternehmens. Aber sie stellt auch das Konzept der Autarkie an sich vor und bietet neue Gemeinschaftsentwürfe an. Dazwischen gibt es auch lange Kapitel mit technischen Einschüben und Wissen. „WIE WIR LEBEN KÖNNTEN“ ist also ein umfassendes Buch, das als Sachbuch, Ratgeber und Inspiration zugleich dient.

Definition: Autarkie

die vollständige oder teilweise Selbstversorgung eines Haushalts, einer Region oder eines Staates mit Gütern und Dienstleistungen. Wirtschaftlich autark ist ein Land, das alles selbst besitzt oder erzeugt, was es benötigt, oder das seinen Bedarf auf das beschränkt, was es selbst erzeugt.

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung.

Erster Eindruck

Der erste Eindruck war sehr kritisch: Die klassische Geschichte einer privilegierten Person, die dem Konsumalltag entfliehen will. Man kann nicht „die Welt retten“ also sollte man bei sich selbst ansetzen. Aber Mai passt als Autorin nicht in die vorgefertigte Schublade, in die man sie stecken möchte. „Bei sich selbst ansetzen“ bedeutet für Mai Tatkraft, politisches Engagement und aktive Beteiligung an Gesellschaft und Politik. Grundsätzlich lässt sich über das Buch festhalten: Ihre Ansprechhaltung hat zwar etwas unerschütterlich Optimistisches, ist aber deswegen nicht naiv oder unbedarft. Was überrascht: Die ersten Kapitel lesen sich wie der Anfang einer Biographie, nur um schnell zu merken, dass hier mehr dahinter steckt als Lifestyle-Coaching.

Biographie und Unternehmensgründung von WOHNWAGON

Mai erzählt von sich als 22-jährige Studiumsabsolventin und den holprigen Start von WOHNWAGON. Hier beschreibt sie mit gutem Tempo die Schwierigkeiten, die ihnen bei der Gründung entgegen gekommen sind. Die harte Arbeit und die endlosen Stunden, die das Ganze gekostet hat. Aber auch das soziale Kapital, das sie durch Universität und Bekannte angehäuft hat und aus dem sie schöpfen konnte. Hier ist etwas, das sich durch das ganze Buch zieht: Mai ist sich ihrer eigenen Privilegien durchaus bewusst, umschifft aber deren Bedeutung und Wichtigkeit für die Entstehung der Firma. Zwar betont sie auch, dass Glück mit im Spiel war und sie immer auf die Unterstützung ihrer Familie zählen konnte, geht aber nicht konkret auf die Wichtigkeit dieser Faktoren ein.

Sie bietet auch eine erfrischende Perspektive an: Man muss weder ein Genie à la Bill Gates oder Steve Jobs noch unverschämt reich sein, um ein Unternehmen gründen zu können. Damit entmystifiziert den Prozess der Eigengründung und macht die Umsetzung von Ideen zu einer greifbaren Möglichkeit. Das macht sie sympathisch. Was auch von Anfang an klar ist: Es handelt sich um eine intelligente Frau mit Tatendrang und Vision.

Das Technische Teil
– oder auch: Der unerwartete Physikunterricht

Ab Kapitel vier wird man mit der technischen Realität des Wohnwagons konfrontiert. Alle Wohnwagons, wie Mais Firma sie herstellen, sind autarke Häuser, die selbst Energie und Wärme schöpfen (Photovoltaik-Anlage) und ein funktionierendes Abwassersystem haben. Gerade als das Buch anfängt, sich wie eine lange Werbebroschüre für ihren Wohnwagon zu lesen, schwenkt Mai auf technische Fakten um und – viel wichtiger – wie jeder sie umsetzen könnte. Hier bietet sie endlos viele Ideen an: Eigenständige Energieversorgung, Dämmmaterialien, ‚Wie berechnet man den eigenen Strombedarf?‘ und so weiter, und so fort.

Hier gelingt Mai ein Kunststück: Es ist ein technischer Ratgeber, anhand dessen man zwar nicht sein eigenes Haus bauen könnte, der aber viele Alternativen und Abwägemöglichkeiten aufbereitet, die man sonst selbst sehr mühsam finden müsste. Außerdem gibt sie Tipps, wie man Autarkie in der Wohnung, dem Campingbus oder im Eigenheim umsetzen könnte. Wer auch sehr von diesen technischem Know-How profitieren könnte: Pächter von Schrebergärten. Es geht Mai also nicht darum, ihr eigenes Unternehmen „schmackhaft“ zu machen, sondern sie liefert vielmehr Ideen, wie man sein eigenes Leben umgestalten könnte.

Die technischen Kapitel liefern aber nicht nur Antworten auf die Frage „Wie?“ sondern auch auf das „Warum?“. Am Beispiel der Kanalisation wird das gut sichtbar: Mai plädiert für Trockentoiletten. Also Toiletten, in denen Urin und Fäkalien voneinander getrennt aufgefangen werden. Weshalb erklärt sie auch ausführlich: Sogenanntes „Braunwasser“ also das Abwasser der Toilette, ist durch die Mischung schwer zu reinigen. Außerdem gelangen durch den Urin viele Chemikalien, Hormone und Drogen ins Wasser, was z.B. Kokainabhängigen Aalen führt.

Jeder, der also überlegt sich einen Campingbus anzuschaffen, die Gartenhütte aufpeppen möchte oder sonst ein wenig autarker werden möchte, ist mit diesem Buch gut beraten.

Unternehmen und Gesellschaft

Ein weiterer großer Aspekt des Buches ist die kontinuierliche Kapitalismus- und Gesellschaftskritik, die Mai immer wieder einbettet. Jedoch nie, ohne für jedes Problem eine Lösung anzubieten. Zum Beispiel ist WOHNWAGON keine klassische GmbH, sondern eine Genossenschaft. Zudem wurde das Unternehmen in ein Dorf in Österreich „eingebettet“. Das bedeutet, dass die Mitarbeiter:innen gemeinsam im Dorf wohnen, dort in die Stiftung von Kunst und Kultur, Gemeinschaftswerkstätten etc. investieren. Das Unternehmen bezieht auch seine Materialien fast ausschließlich regional. Ebenso sind alle nötigen Handwerker vor Ort vertreten, anstatt das Einzelteile aus vielen verschiedenen Orten bestellt werden. Mai schreibt von einer Gemeinschaft mit gemeinsamen Ziel und Sinn. Sie liefert dazu auch Kommunikationshelfer und erörtert die Wichtigkeit von Dingen wie gemeinsamen Kochen und Lebensmittelversorgung.

Während Mai jedoch durchaus gute Tipps gibt, wie man eine solche Gemeinschaft aufbauen kann, fällt aber auch auf, dass sie von einer homogenen Gemeinschaft ausgeht. Reale gesellschaftliche Probleme wie Rassismus, Antisemitismus und Sexismus werden ausgeklammert. Auch liefern ihre Konzepte keine Rollen für Menschen mit z.B. psychischen Krankheiten oder physischen Behinderungen. Was passiert wenn jemanden Gewalt angetan wird? Natürlich ist von ihrem Buch nicht zu erwarten, dass sie eine komplette Gesellschaftsanalyse bereitstellt und dass sie alle ihre Probleme löst. Aber bei der kompletten Ausklammerung dieser realen gesellschaftlichen Bedingungen passiert – gewollt oder ungewollt – die Zeichnung einen homogenen Gesellschaftsbildes, das solche Konzepte ja gerade nicht anstreben wollen.

Fazit – „WIE WIR LEBEN KÖNNTEN“

Wie wir leben könnten von Theresa Mai; Buchcover

Das Buch ist sehr umfassend, möchte aber zu viel. Es versucht alles zu sein und kommt an manchen Stellen dafür zu kurz. Hätte es sich zum Beispiel nur auf die Realisierung von einem einzelnen autarken Haus oder Wohnwagon fokussiert, hätte es ausführlicher auf Finanzierungsmöglichkeiten und Umsetzungen im urbanen Raum eingehen können. Hätte es sich auf eine neue Unternehmenskultur und Lebensweise beschränkt, hätte man wichtige Probleme ansprechen können oder vielleicht auf die Umwandlung einer bereits bestehenden Firma. Das soll nicht bedeuten, dass das Buch nicht lesenswert wäre. Die Aufteilung eignet sich unglaublich gut zum Nachschlagen und die Kapitel müssen auch nicht chronologisch gelesen werden. In dem Buch finden sich viele Ideen, die definitiv weiter verfolgt werden müssen, aber einen nötigen Grundstein für ein neues Konzept liefern. Eine Anschaffung lohnt sich auf jeden Fall. Auch Theresa Mai weiter zu beobachten, dürfte interessant sein: Wer mit 22 im Prinzip ein Unternehmen, ein Dorf und ein ganzes Kollektiv gründet, der wird in der Zukunft noch einige Überraschungen parat haben.


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