Frankfurter Buchmesse: Wo endet Meinungsfreiheit?

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Meinungsfreiheit gilt in der Literaturbranche als höchstes Gut – doch wo endet sie? Photo by Pixabay on Pexels.com

Letzte Woche hat die Frankfurter Buchmesse wieder stattgefunden, nachdem sie – Covid-19 bedingt – zwei Jahre in Folge ausfallen musste. Das Motto war „re:connect“. Ein Aufruf zum Zusammenfinden, nach diesen zwei Jahren von Separation und Isolation. Jedoch überschattete eine Diskussion das Event dieses Jahr im Voraus. Was ein freudiges Ereignis sein sollte, wurde zu einer Auseinandersetzung über das Thema „Meinungsfreiheit“. Wo sie anfängt und wo sie endet. Ein Kommentar von Jona Zhitia.

Der Boykott von Jasmina Kuhnke

Die Debatte wurde angestoßen von Journalistin Hami Nguyen, die mit einem Instagram-Beitrag darauf aufmerksam machte, dass auch dieses Jahr wieder neurrechte Verlage, also Verlage, die menschenfeindliches und faschistisches Gedankengut verbreiten, geladen waren. Der Verlag, um den es dieses Jahr ging, heißt Jungeuropa. Ein Verlag, der Bücher wie „Europapowerbrutal“, „Waffenbrüder“ und „Kulturrevolution von Rechts“ veröffentlicht und sich selbst politisch rechts verordnet. Besonders interessant wird es wenn man den Verleger von Jungeuropa unter die Lupe nimmt. Philipp Stein. Er ist nicht nur der AfD nahe und in der Neuen Rechten bekannt. Er wird auch vom Verfassungsschutz beobachtet und hat gefordert, die Autorin und Comedian Jasmina Kuhnke (auf Twitter @quattromilf) abschieben zu lassen. Der Verlag wurde nicht in eine stille Ecke der Buchmesse verbannt, sondern bekam Spitzenplätze neben dem ZDF – Faschismus front and center also.

Der Post machte Kuhnke selbst auf diesen Umstand aufmerksam, die darauf hin ein Statement veröffentlichte, in dem sie ihren Auftritt auf der Buchmesse absagte. Wer das jetzt überzogen findet, sollte kurz nachdenken. Kuhnke sagte den Auftritt nicht nur aus Überzeugung ab, sondern aus Angst um ihr Wohlbefinden. Durch ihre Arbeit ist sie bereits in das Blickfeld vieler Neonazis gerückt, bekommt regelmäßig Morddrohungen und musste bereits umziehen, weil auf rechten Webseiten ihre Adresse veröffentlicht wurde mit dem Aufruf „Jasmina zu massakrieren“. Jetzt soll sie auf eine Messe gehen, wo sich viele von genau diesen Menschen tummeln werden. Sie entzieht sich mit ihrem Boykott nicht nur verbalen Angriffen, sondern auch möglichen physischen Attacken, die der Autorin das Leben kosten könnten.

Wo hört Meinungsfreiheit auf?

Die Frankfurter Buchmesse reagierte auf Kuhnkes Absage mit einem ausführlichen Statement in dem sie die Bedeutung der Publikations- und Meinungsfreiheit betonten. Die Frankfurter Buchmesse und der Börsenverein setzen sich weltweit für die Freiheit des Wortes und Publikationsfreiheit ein. Deshalb steht für uns auch fest, dass Verlage, die sich im Rahmen der Rechtsordnung bewegen, auf der Buchmesse ausstellen können, auch wenn wir ihre Ansichten nicht teilen“, so ein Auszug aus dem Statement. Meinungsfreiheit also. Meinungsfreiheit ist auch nicht ohne Grund in der deutschen bzw. in der Verfassung aller freiheitlichen demokratischen Staaten verankert.

Jedoch geht es hier nicht um den bloßen Inhalt oder der Ideologie des Verlags. Es geht darum, dass die Anwesenheit dieses Verlags eine konkrete Bedrohung für das Wohlergehen einer Autorin bedroht. Und Freiheit? Freiheit hört bekanntlich da auf, wo die der Anderen anfängt. Und diese Grenze haben Philipp Stein und seine Leser:innen, Freund:innen und Autor:innen nun mal übertreten. Das Statement der Buchmesse ist feige und eine Weigerung, sich mit den Opfern von rassistischer und rechter Gewalt zu solidarisieren. Stattdessen versteckt man sich hinter hochtrabenden Floskeln, statt die eigenen Strukturen in Frage zu stellen.

Meinungsfreiheit als Deckmantel?

Doch dieses Jahr ist der Streit um rechte Verlage bei der Buchmesse nicht zum ersten Mal aufgekommen. Seit Jahren wird immer wieder um Gäst:innen und Verlage auf der Messe diskutiert. Wie in Deutschland allgemein ist es auch in Frankfurt ein ewiges Wiederkäuen, wenn es um die konkrete Positionierung gegen Rechts geht. Kubitscheks Antaios Verlag, der mittlerweile vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft wurde, löste 2017 bereits eine Debatte um die Legitimation der Anwesenheit von Rechten auf der Buchmesse aus. 2018 wurde um Rechtsextremist Björn Höcke, der als Gast geladen war, gestritten. Dieses Jahr war insofern anders, alsdass es jemanden gab, der sich gewehrt hat, um es mit den Worten von Journalistin und Autorin Khuê Pham auszudrücken.

Kuhnke stand übrigens nicht alleine da. Schauspielerinnen wie  Annabelle Mandeng und Nikeata Thompson und auch Influencer Riccardo Simonetti haben ihre Absagen auf Instagram bekannt gegeben. Auch die Bildungsstätte Anne Frank solidarisierte sich öffentlich mit der Autorin. Es gab Kritik gegen Kuhnke, durch ihr Statement habe sie dem rechten Verlag sehr viel mehr Publicity gegeben, als der sich hätte je erträumen können. Opfer von Rassismus sind ja bekanntlich Schuld an Rassist:innen. Nicht etwa die Institutionen, die Menschenfeindlichkeit schützen.

Was können wir erwarten?

Es bleibt zu hoffen, dass ein Umdenken stattfindet. Dass auch Institutionen wie die Frankfurter Buchmesse ihre Verantwortung für den aktiven Kampf gegen Rechtsextremismus und Faschismus anerkennt. Dass wir schwarze Frauen mit demselben Anstand behandeln wie weiße Männer: Sie zu schützen, wenn ihr Leben bedroht wird und sie nicht im Stich lassen. Es bleibt zu hoffen, dass eine neue Generation heranwächst in Deutschland, für die die Positionierung gegen Rechts etwas Selbstverständliches wird. Deswegen ist der Diskurs so wichtig. Weil dieser rechte Verlag so viel Aufmerksamkeit bekommen hat, wollen wir noch ein bisschen gegen halten und Jasmina Kuhnkes Buch „Schwarzes Herz“ kurz vorstellen.

“Schwarzes Herz” von Jasmina Kuhnke

Das Buch ist eine mitreißende Erzählung über das Leben einer schwarzen Frau, ihr Heranwachsen und Überleben. Die scheinbar endlose Gewalt und Angst, der sie ausgeliefert ist, weil sie schwarz ist. Es ist eine Art Coming-Of-Age Roman und das hässliche Spiegelbild einer Gesellschaft, die sich weigert ihre eigenen rassistischen Strukturen zu bekämpfen und die Opfer, die diese Weigerung mit sich zieht. Kuhnkes Roman spielt in den 1990er Jahren, in denen Gewaltausbrüche wie in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenberg Migrant:innen und nicht-weiße Personen im ganzen Land erschütterten.


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