Unsichtbare Kinderarbeit: Mica steckt in vielen Produkten

Khushi in der Mica-Mine. Quelle: terre des hommes Deutschland e.V.

Als ich von den schrecklichen Arbeitsbedingungen beim Mica-Schürfen und der Kinderarbeit dort gelesen habe, dachte ich: Davon habe ich noch nie gehört! Was ist das überhaupt? Ist das in Sachen drin, die ich benutze? Die Antwort hat mich wirklich erschreckt: Mica ist ein schimmerndes Mineral, deshalb wird es häufig in Kosmetik benutzt, aber auch in Zahnpasta und Autolacken. Mica ist auch ein isolierendes Mineral, deshalb wird es in elektronischen Geräten verwendet, wie Laptops, Kaffeemaschinen und elektrischen Rasierern. Und Mica ist ein härtendes Mineral, deshalb wird es auch in allen möglichen anderen Produkten verwendet. Dieses Mica ist in unglaublich vielen unserer täglichen Gebrauchsgegenstände -und kann mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit aus Kinderarbeit kommen.

Fast alle nutzen die Produkte, in denen Kinderarbeit steckt

Um darauf aufmerksam zu machen, hat das Kinderhilfswerk terre des hommes Deutschland e.V. die Social Media Kampagne #WhoIsMica gestartet. Sie blicken auf die Leben verschiedener Kinder aus Nordindien, die in Mica-Minen arbeiten müssen und auf die Umstände, die sie dort hingebracht haben. Die Kinderrechtsexpertin Barbara Küppers von terre des hommes Deutschland e.V. spricht bei EKOLOGISKA über die Kinder, die Kampagne, aber auch die Verantwortung deutscher Politik und Unternehmen.

EKOLOGISKA: Ihr möchtet mit eurer Kampagne Schicksale von Kindern zeigen, die in Mica-Minen arbeiten müssen. Kannst du uns ein bisschen was über diese Kinder erzählen?

BARBARA KÜPPERS: Wir haben zum Beispiel ein Mädchen gefunden, die heißt Khushi. Sie ist 12 Jahre alt und geht mit ihrer Oma und ihrem Vater jeden Tag Mica schürfen. Die Mutter von Khushi ist vor zwei Jahren in einer Mica-Mine verschüttet worden. Sie konnten sie nicht mehr bergen, weil die Verschüttung so groß war. Khushi, ihre Oma und ihr Vater schürfen an derselben Stelle weiter. Die Familie ist extrem arm, sie haben überhaupt keine andere Möglichkeit zu überleben. Auch wenn sie alle mithelfen, verdienen sie so wenig , dass sie nicht mal genug zu essen haben. Khushi hat den großen Traum, Ärztin zu werden. Sie ist auch mal zur Schule gegangen für wenige Jahre und weiß, dass es Bildung und Schule gibt. Inzwischen ist sie auch in einer Brückenschule. Das ist über unser Projekt dann realisiert worden.

Die Mine hat meine Mutter verschluckt. Die Decke ist einfach eingestürzt. Nur mein Vater und ich haben uns befreien können.

– Khushi über den Tod ihrer Mutter in einer Mica-Mine

Die Arbeitsbedingungen sind extrem hart

EKOLOGISKA: Ihr habt euch ja mit einigen Kindern in Nordindien unterhalten. Was haben die denn so über die Arbeit berichtet?

KÜPPERS: Im Norden Indiens, in den Bundesstaaten Bihar und Jharkhand, gibt es sehr viele illegale Minen. Das heißt: Die werden nicht beaufsichtigt, da gibt es überhaupt keine Standards. Die Arbeitsbedingungen sind sehr hart, weil die Leute sehr lange arbeiten. Das ist natürlich sehr gefährliche Arbeit: Viele Kinder haben uns erzählt, dass sie Angst haben, wenn es regnet. Einmal, weil es nachrutscht, wenn es nass ist. Und zum zweiten, weil ganz viele Schlangen in diese Löcher schwimmen, wenn es regnet und sie Angst haben, von denen gebissen zu werden. Es ist zum Teil lebensgefährlich, wenn so eine Mine einrutscht.
Man muss sich auch einfach vorstellen: Es ist sehr heiß da und die Kinder arbeiten wirklich den ganzen Tag von morgens bis abends, so ungefähr 12 Stunden, unter dieser Hitze mit diesem staubigen Gestein. Und ein weiteres Problem ist: Man verdient sehr sehr wenig Geld damit. Eine Familie, die den ganzen Tag mit zwei Kindern und zwei Erwachsenen Mica sammelt, bekommt am Ende des Tages 100 Rupien, das ist umgerechnet 1,10€. Das reicht nicht mal in Indien, um vernünftig zu essen.

EKOLOGISKA: Abgesehen von den schrecklichen Arbeitsbedingungen hat Kinderarbeit natürlich noch viel mehr Auswirkungen auf das Leben der Kinder. Ergibt sich dadurch dann eine Art Teufelskreis?

KÜPPERS: Ja, das ist tatsächlich ein Teufelskreis aus Ausbeutung und Armut. Die Familien sind extrem arm. Es gibt in dieser Region auch kaum eine andere Möglichkeit, Geld zu verdienen. Die Landwirtschaft funktioniert nicht wirklich, weil es da sehr trocken ist. Das heißt, sie sind da gefangen, sie müssen Mica schürfen. Und wenn die Kinder in so jungem Alter schon so hart schuften müssen, dann ist das natürlich gesundheitsschädlich. Sie verpassen die Schule, das heißt die lernen auch nichts. Deshalb können sie dann auch keine anderen Berufe ergreifen, in denen sie vielleicht ein bisschen mehr Geld verdienen würden. Und Kinder, sie so früh schon so schwer schuften, entwickeln überhaupt kein Selbstbewusstsein. Sie haben immer das Gefühl: Das ist schon richtig, dass ich hier so ausgebeutet werde. Das heißt, Armut ist eine Ursache für Kinderarbeit, aber andersrum verursacht Kinderarbeit auch immer neue Armut.

Kinderarbeit verursacht Armut: Ein Teufelskreis

Ich will so gerne zur Schule gehen und später Ärztin werden.

– Khushi über ihren großen Traum

EKOLOGISKA: Wie kam es jetzt zu der #WhoIsMica-Kampagne, die sich speziell auf die Mica-Kinderarbeiter:innen fokussiert?

KÜPPERS: Wir haben festgestellt, dass wenn man sagt: ‚Beim Mica-Abbau herrschen ganz schlimme Verhältnisse.‘, sagen die Leute immer: ‚Hä, Mica? Was ist das denn?‘. Niemand weiß, was das ist, obwohl es in unglaublich vielen Produkten drin ist. Und dann haben wir gesagt: Wir müssen mal für Aufklärung sorgen, dass die Leute einfach wissen was Mica ist und dass es da Probleme gibt. Wir wollen einfach auf die Problematik aufmerksam machen.

EKOLOGISKA: Und was kommt da in den nächsten Tagen von euch? Und kann man sich da irgendwie beteiligen?

KÜPPERS: Also zunächst mal machen wir in Social Media auf die Problematik aufmerksam. Und es wäre wunderbar, wenn Leute das teilen, wenn man einfach drüber redet, sich informiert und vielleicht auch mal nachguckt auf seinen Kosmetika: Ist da Mica drin? Und dann wollen wir mal sehen, wie es funktioniert, ob wir vielleicht auch dazu aufrufen, sich mal bei Unternehmen zu melden und nachzufragen: Wie haltet ihr das denn? Wisst ihr das überhaupt? Und so weiter. Wenn man direkt was tun will, kann man gerne unsere Projekte unterstützen. Aber der wichtigste Punkt im Moment ist, einfach mal die Nachricht zu verbreiten und ein bisschen Bewusstsein zu schaffen.

Das Ziel: Kinderarbeit beenden, Mica fair beschaffen

EKOLOGISKA: Ihr setzt euch jetzt schon ziemlich lange für die Kinderarbeiter*innen in Nordindien ein. Was genau macht ihr denn, was könnt ihr überhaupt machen und was habt ihr schon erreicht?

KÜPPERS: Wir erreichen im Moment ungefähr 5.000 Kinder in Nordindien. Zuerst müssen die Kinder so schnell wie möglich aus dieser Arbeit raus. Deshalb haben wir Brückenschulen errichtet, wo die Kinder hingehen können, bis sie so viel gelernt haben, dass sie in normale Schulen integriert werden können. Damit die Familien sich das auch leisten können, gibt es dort zum Beispiel kostenloses Mittagessen, damit die Kinder wenigstens einmal am Tag was Ordentliches, Vernünftiges, Gesundes zu essen bekommen. Als zweiten Punkt haben wir angefangen, vor allem mit Müttern kleine Fortbildungen zu machen. Also zum Beispiel, dass sie was schneidern können oder dass sie Hühner züchten, um nicht mehr so abhängig von Mica zu sein. Und als dritten, ganz wichtigen Punkt versuchen wir natürlich den Behörden und den Unternehmen vor Ort Beine zu machen. Die müssen zum Beispiel dafür sorgen, dass da Gesundheitsversorgung hinkommt, dass arme Familien Zuschüsse für Grundnahrungsmittel bekommen. Das gibt es alles in Indien, bloß in diesen ganz abgelegenen, ganz armen Gegenden wird es nicht umgesetzt. Das machen unsere Partner vor Ort.

Und wir hier in Europa haben Unternehmen angesprochen und sie auf das Problem aufmerksam gemacht. Und terre des hommes hat vor einigen Jahren die Responsible Mica Initiative mitgegründet. Das ist eine Initiative von großen Unternehmen, die Mica verarbeiten und sich gemeinsam das Ziel gesetzt haben, diese Kinderarbeit zu beenden. Da sind so große Unternehmen drin wie BASF und L’ORÉALE, aber auch viele kleinere. Und das ist natürlich sehr wichtig, weil sie Druck ausüben auf ihre Zuliefer:innen, dass die ihre Lieferketten in Ordnung bringen. Und das ist sehr wichtig, damit sich das nachhaltig ändert.

Alle müssen Verantwortung übernehmen

EKOLOGISKA: Du hast schon gesagt, dass Unternehmen Verantwortung übernehmen ist wichtig, um nachhaltig etwas gegen Kinderarbeit zu tun. Inwiefern hat denn deiner Meinung nach auch die Politik eine Verantwortung?

KÜPPERS: Man hat als Verbraucher:in überhaupt keine Chance, dem zu entgehen. In der Kosmetik steht das wenigstens im Inhaltsstoffverzeichnis drin, wenn da Mica drin ist, aber bei vielen Produkten kann man das gar nicht sehen. Und die Politik kann es nicht den Verbraucher:innen alleine überlassen, damit umzugehen.
Wir haben das Lieferkettengesetz sehr unterstützt, das in diesem Sommer verabschiedet worden ist. Das tritt 2023 in Kraft und verpflichtet zunächst große Unternehmen, ihre Lieferkette in den Griff zu kriegen und menschenrechtliche Risiken zu analysieren und dann auch Abhilfe zu schaffen. Dazu gehört natürlich auch das Verbot von Kinderarbeit. Und das ist der Weg, auf dem man weitergehen muss. Wir setzen uns im Moment sehr stark mit der Initiative Lieferkettengesetz dafür ein, dass es auch eine EU-weite Regelung gibt, weil Deutschland ist halt nur ein Markt unter vielen.
Den Kindern, die da jetzt Mica schürfen müssen, hilft das jetzt nicht. Mit Projektarbeit erzeugen wir eine direktere Wirkung. Aber nachhaltig geht es nur, wenn dann tatsächlich sich die Politik mal entscheidet, Menschenrechte wirklich umzusetzen.

Lieferkettengesetz nicht effektiv genug

EKOLOGISKA: Wird das Lieferkettengesetz deiner Meinung nach zumindest auf den deutschen Markt den gewünschten Effekt haben? Also, dass ich als Verbraucher:in in ein Geschäft gehen kann und zum Beispiel Kosmetik kaufen kann, ohne befürchten zu müssen, dass da Mica aus Kinderarbeit drinsteckt?

KÜPPERS: Also das wird ein sehr langer Prozess sein. Das deutsche Lieferkettengesetz sagt: Die deutschen Unternehmen sind verpflichtet, ihre direkten Zuliefer:innen zu kontrollieren. Und das ist natürlich zu wenig. Das Mica-Schürfen findet ja nicht bei der direkten Zulieferfirma statt, die irgendwelche Fertigprodukte liefert, sondern ganz am Anfang der Lieferkette.
Im Lieferkettengesetz steht aber auch: Wenn die Unternehmen davon Kenntnis haben, dass es weiter vorne in der Lieferkette Probleme gibt, dann müssen sie tätig werden. Und das ist ein Auftrag an uns NGOs, den Finger in die Wunde zu legen und darauf hinzuweisen, wo es diese Probleme gibt, unter anderem beim Mica-Abbau. Und das sind Prozesse, die dauern. Ich würde mal schätzen, wenn das Lieferkettengesetz 2023 in Kraft tritt… Tja… Also, das dauert ein paar Jahre, bis das wirklich greift. Es wird nicht so sein, dass man den Schalter umlegt und 2023 kann man ins Geschäft gehen und sagen: Aha, wo ist alles clean und koscher?

EKOLOGISKA: Was könnte die Politik aus eurer Sicht noch machen?

KÜPPERS: Wir würden uns natürlich wünschen, dass bei Staatsbesuchen und G20-Treffen solche ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse eine größere Rolle spielen und da stärker drauf eingegangen wird. Wir wissen alle, dass das ein bisschen Zukunftsmusik ist. Ein großer Auftrag ist bei der Entwicklungspolitik, die aus unserer Sicht zu wenig auf die Situation von Kindern guckt. Also in dem konkreten Fall, Mica, kriegen wir Unterstützung vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Da kann Entwicklungspolitik aber sicher auch noch viel mehr tun, zum Beispiel in Dialogen mit den Partnerregierungen. Weil es einfach darum geht, dass die Regierungen vor Ort ihre Arbeit machen.

Jede:r kann etwas tun!

EKOLOGISKA: Du hast schon gesagt, es ist für Verbraucher:innen quasi unmöglich, sich von Mica fernzuhalten, geschweige denn herauszufinden, ob das Mica in einem Produkt aus Kinderarbeit stammt oder nicht. Vielleicht hast du trotzdem ein paar Tipps, was man machen kann, um möglichst keine Produkte mit Mica aus Kinderarbeit zu kaufen?

KÜPPERS: Wir wollen ja eigentlich nicht irgendetwas boykottieren. Und in komplexen Produkten wie Haushaltsgeräten, Laptops und so ist Mica natürlich nicht der einzige problematische Inhaltsstoff. Wir empfehlen Verbraucher*innen nachhaltig und fair einzukaufen. Es gibt ja inzwischen sogar in Discountern Textilien und Lebensmittel aus fairem Handel. Nachhaltig heißt für uns weniger und besser. Und besser heißt für uns auch fair und langlebig. Das ist das Einzige. Ich meine, man kann jetzt auf Glitzernagellack verzichten, aber das hilft keinen Kinderarbeiter*innen.
Zusammengefasst: Man kann fair und nachhaltig konsumieren, zum Beispiel unsere Projekte unterstützen, den Kindern direkt helfen und man kann sich politisch einmischen für eine vernünftige EU-Lieferketten-Richtlinie und das ist schon sehr sehr viel.

Die #WhoIsMica-Kampagne von terre des hommes Deutschland e.V. findet vom 22.11. bis 24.11.2021 auf Instagram statt.

Zu Barbara Küppers:

Sie ist seit 2018 Public Affairs Officer beim Kinderhilfswerk terre des hommes Deutschland e.V.
Dort setzt sie sich derzeit vor allem mit Kinderarbeiter*innen in Nordindien auseinander und leitet ein Projekt, um die Familien zu unterstützen und den Kindern Zugang zu Bildung zu ermöglichen.


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