Winterdepression: Das ist dran

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Ist die gedrückte Stimmung im Winter schon eine Depression? Photo by Polina Zimmerman on Pexels.com

Die Tage sind kürzer, man ist weniger draußen, es ist kalt. Dazu kommen noch die eingeschränkten sozialen Kontakte wegen der Pandemie. Viele sprechen gerne von der berüchtigten „Winterdepression“. Aber gibt es die denn wirklich? Wann können wir von Depression sprechen und wann ist es einfach nur die gedrückte Laune? Gerade im Zusammenhang mit der Pandemie wird das Thema psychische Gesundheit und Isolation immer bedeutender für unsere Gesellschaft. EKOLOGISKA MAG-Redakteurin Jona hat sich das genauer angesehen.

Winterdepression – Was ist das eigentlich?

Häufig benutzen wir den Begriff der „Winterdepression“ ohne zu wissen, was eigentlich dahinter steckt. Der medizinische Fachbegriff ist „saisonal abhängige Depression“. Also eine depressive Verstimmung, die abhängig von der Jahreszeit ist. Im Winter tritt sie besonders häufig auf. Die derzeit gängige Erklärung dafür ist der Lichtmangel, dem viele zu dieser Zeit ausgesetzt sind. Lichtmangel erhöht die Ausschüttung des schläfrig machenden Nervenbotenstoffes Melatonin und inaktiviert den Stimmungsaufheller Serotonin.

Viele Symptome der Winterdepression sind deckungsgleich mit denen einer „normalen“ Depression. Dazu gehören: Konzentrationsstörungen, Niedergeschlagenheit, Grübeln und fatalistisches Denken.

Grübeln meint, dass man in ewigen Gedankenschleifen festhängt, ohne jemals der Lösung des Problems nahezukommen. Fatalistisches Denken hingegen beschreibt das, was wir im Alltag oft melodramatisch nennen. Wenn in der Früh beispielsweise die Kaffeetasse auskippt, wird das als Zeichen gesehen, den ganzen Tag im Bett zu bleiben. Oder ein kleiner Rückschlag (wie zum Beispiel den Bus zu verpassen) wird als Reflexion der eigenen Unfähigkeit und Unzulänglichkeit empfunden.

Symptome, die die Winterdepression unterscheiden sind, dass zum einen Heißhunger auftritt, statt Appetitlosigkeit. Und zum anderen, dass die Betroffenen häufiger von dem Bedürfnis vermehrt zu schlafen berichten und weniger an den üblichen Ein- und Durchschlafstörungen leiden.

Social Jetlag – Wenn Leben und innere Uhr nicht zusammenpassen

Scherzhaft ordnen wir Menschen oft die Kategorie „Morgenlerche“ oder „Nachteule“ zu. Studien belegen, dass jeweils 20 Prozent der Bevölkerung diesen Typen entsprechen, 60 Prozent hingegen zeigen keine Präferenz beim Schlafverhalten. Besonders anfällig für Depressionen zeigen sich Menschen, deren innere Uhr nicht zu ihrem Leben passt. Nachteulen, die ständig früh aufstehen müssen oder Morgenlerchen, die oft Abendschichten haben (in der Gastronomie bspw.). Das Phänomen nennt sich Social Jetlag. Die Professorin der Comenius Universität in Bratislava, Iveta Herichova, fand bei ihren Untersuchungen heraus, dass solche Menschen häufig von chronischen Schlafstörungen betroffen sind. Der Zusammenhang zwischen chronischen Schlafstörungen und Depressionen wurde bereits ausgiebig erforscht und belegt.

Nachteulen leiden häufiger an Winterdepression

Im Winter wird der Schlafrythmus der meisten Menschen gestört. Die Tage werden kürzer und es setzt ein erhöhtes Bedürfnis nach Schlaf ein, während die Leistungen, die wir erbringen müssen jedoch gleich bleiben. Besonders betroffen sind die Nachteulen unter uns. Das ist auch einleuchtend. Wer morgens länger schläft oder erst am Nachmittag aktiver wird, verpasst fast das ganze Tageslicht. Ob man eher Morgenlerche oder Nachteule ist, wird bereits von unserem Geburtstag beeinflusst. Wintergeborene sind eher in den Morgenstunden aktiv, während Sommerkinder den Abend bevorzugen.

Bin ich noch traurig oder ist das schon Winterdepression?

Viele scheuen sich Wörter wie „depressiv“ in den Mund zu nehmen. Man sagt lieber, man wäre einfach mies drauf, schiebt es auf die Umstände oder das Wetter. Hauptsache es glaubt niemand man wäre psychisch krank! Eine der besten Indikatoren für den Unterschied zwischen einer einfachen Verstimmung und einer Erkrankung ist wohl die Zeit. Man kann durchaus eine schlechte Woche oder einen schlechten Monat haben. Wer aber reflektiert bekommt, dass man schon länger ständig mies gelaunt, energielos oder bedrückt ist, sollte sich auf jeden Fall Hilfe suchen. Das Stigma ist nach wie vor da und gerade cis-Männer tendieren dazu, jegliche Hilfe sofort abzulehnen. Wer sich klar macht, dass die eigene Abwehr mehr mit Sozialisation als realen Gründen zusammenhängt, tut sich leichter sie zu überwinden. Auch eine Winterdepression kann gravierende Folgen haben, nicht nur für uns, sondern auch unser Umfeld.

Was tun, wenn es uns trifft? – Hilfe bei Winterdepression

An dieser Stelle muss gesagt werden: Wir bei EKOLOGISKA MAG sind keine psychologisch ausgebildeten Ansprechpersonen. Die im Folgenden genannt Tipps sind deshalb auf Basis der Vorschläge der deutschen Depressionshilfe entstanden.

Rausgehen hilft wirklich

Es gibt eine ultimative Möglichkeit die Abhilfe schafft: Raus! Die meisten Menschen sollten ein bis zwei Stunden im Tageslicht (auch bei schlechtem Wetter!) an der frischen Luft verbringen. Gerade im Homeoffice fallen viele Wege, die wir sonst zurücklegen würden, weg und wir verbringen viel mehr Zeit weit weg von der Sonne und vor dem Computer. Natürlich ist es für die meisten von uns komplett unrealistisch zwei Stunden am Tag spazieren zu gehen. Deswegen lohnt es sich so viel wie möglich zu Fuß zurück zu legen und auch, wenn es denn geht, sich zwischendurch für 15 bis 30 Minuten die Beine zu vertreten. Wir empfehlen Wecker, die man über den Tag verteilt einstellt, um sich daran zu erinnern.

Lichttherapie – Wie die richtige Lampe uns helfen kann

In den vergangen Jahren wurde die Lichttherapie bei der Behandlung von Depressionen eingeführt. Das Therapieverfahren gilt als effektiv, vor allem in Zusammenhang mit therapeutischer und pharmazeutischer Behandlung. Den Patient:innen wird dazu empfohlen sich täglich für 30 bis 40 Minuten einer starken Lichtquelle auszusetzen (2.500 bis 10.000 Lux Beleuchtungsstärke). Die Behandlung dauert mehrere Tage bis zu einer Woche. Nach einer Woche erleben 60 % der Patienten mit jahreszeitlich bedingter Depression eine Verbesserung ihres Befindens.

Zugesetzten Zucker vermeiden

Das zugesetzter Zucker uns nicht gut tut, davor warnen seit Jahren etliche Fachjournale, Zeitungsartikel und Expert:innen. Auch bei Depressionen spielt er eine Rolle. Fehl- oder Unterernährung begünstigen die Ausprägung einer Depression. Sowohl kurz- als auch langfristig. Nachdem wir vor allem zugesetzten Zucker aufnehmen erwartet uns nach einer Zeit ein mehr oder weniger ausgeprägter Zuckercrash, Kinder macht er vollem müde, bei Erwachsenen fühlt es sich mehr wie eine Verstimmung an. Diese können sich vor allem bei Winterdepressionen, die oft mit erhöhten Heißhunger einher gehen, häufen.

Auch langfristig wirkt sich Zucker auf depressive Verstimmungen aus. Anika Knüppel vom Institute of Epidemiology and Public Health am University College London und ihr Team führten eine Studie durch, um den Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und Depressionen zu erforschen. Die Ergebnisse waren einprägsam. Man verglich zwei Gruppen von Männern gleichen Alters miteinander. Gruppe A aß mehr als 67 Gramm und Gruppe B weniger als 39,5 Gramm Zucker pro Tag. Gruppe A hatte ein um 23 Prozent höheres Risiko bereits in den nächsten 5 Jahren eine psychische Erkrankung zu erleiden.

Dass die Betroffenen nur deshalb soviel Zucker aßen, weil sie bereits depressiv waren, konnte man ausschließen, da man bewusst gesunde Probanden auswählte.

Weitere Anlaufstellen: Die Deutsche Depressionshilfe

Wer sich in einem Ausnahmezustand oder Notfall wiederfindet, sollte niemals zögern den Notdienst unter 112 zu rufen. Es ist völlig in Ordnung den Krankenwagen zu holen, wenn man merkt, dass es nicht mehr geht.

Die Deutsche Depressionshilfe hat ein Info-Telefon Depression unter der Tel.: 0800 / 33 44 533 eingerichtet, woran sich alle wenden können.

Bitte beachten Sie, dass im Fall einer Erkrankung oder des Verdachts auf eine Depression das Gespräch mit einem Arzt oder Psychotherapeuten unverzichtbar ist.

Grundsätzlich ist Ihr Hausarzt der erste Ansprechpartner für die Diagnostik und Behandlung von Depression. Bei Bedarf überweist er an einen Facharzt (Psychiater, Nervenarzt) bzw. psychologischen Psychotherapeuten. Die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen (Tel.: 116 117) vermitteln einen Termin für die Sprechstunde.

Fazit

Die Winterdepression, oder eben saisonal abhängige Depression ist ein reales Phänomen, das nicht unterschätzt werden sollte. Oft sind wir zu sturköpfig oder stolz um einzusehen, dass uns was hilft. Auch das Umfeld ist oft keine Hilfe: Wir lernen, das negative Emotionen, geschweige denn sowas wie Depression, etwas ganz Schlimmes ist, deswegen leugnen wir es, selbst wenn es unsere Liebsten trifft. Aber Depressionen, gerade solche, die sich vor allem auf die Wintermonate beschränken, lassen sich gut in Angriff nehmen, und sollten nicht geleugnet werden. Ins andere Extrem sollte man natürlich auch nicht fallen. Wer eine schlechte Woche hatte, hat keine depressive Episode überstanden, sondern hatte einfach eine schlechte Woche. Depressionen sind echt Krankheiten und deren Bewältigung ist kein Wettkampf. Nur weil bei uns Sport und eine Grapefruit zum Frühstück geholfen hat, heißt das nicht, dass jemand anderes sich einfach nur „anstellt“.


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