Lasst uns endlich über Tabak reden

Knapp 15 Millionen Deutsche tun es regelmäßig: Rauchen. Eigentlich erschreckend, denn jeder weiß, dass Rauchen ungesund ist und zum Tod führen kann. Es soll in diesem Beitrag aber um etwas ganz anderes gehen. Denn ob jemand sich selbst Schaden zufügt, das ist die eine Sache. Und es gibt genug Kampagnen, die sich dem Thema Rauchen und den gesundheitlichen Folgen des Tabakkonsums auseinander setzen. Ich möchte in diesem Beitrag ein Thema auf die Agenda setzen, das in der Vergangenheit zu wenig Aufmerksamkeit bekommen hat. Eigentlich sind es sogar zwei: Nämlich die Folgen des Tabakkonsums für unsere Umwelt und die Bedingungen, unter denen Tabak angebaut wird.

Zigarettenstummel überall

Ob Bushaltestellen, Parks, Wälder oder einfach nur ein stinknormaler Bürgersteig: Sie alle haben eins gemeinsam, denn sie dienen der rauchenden Bevölkerung als Aschenbecher. Und hierzulande wird viel geraucht: Rund 204 Millionen Zigaretten sind es pro Tag. Zigarettenstummel sind mengenmäßig betrachtet Platz 1 der Wegwerfprodukte. Und leider werden immer noch drei Viertel der Zigaretten nicht im Aschenbecher, sondern auf der Straße entsorgt. Was die wenigsten wissen oder zumindest extrem gekonnt ignorieren: Es ist verdammt scheiße, seine Zigarettenstummel einfach auf den Boden zu werfen. Und zwar nicht nur, weil es doof aussieht. Sondern weil unser Grundwasser und andere Lebewesen darunter leiden.

Rund 4000 Chemikalien sind in Tabak(-rauch) enthalten, zum Beispiel Arsen und Schwermetalle. Die bleiben natürlich zum Teil im Filter hängen. Darunter auch Nikotin, das Nervengift, welches den Suchtfaktor von Zigaretten für den Menschen aus macht. Für Fische und kleinere Lebewesen ist Nikotin aber das, was der Name schon sagt: Nämlich ein Gift. Eine Studie an der Universität in San Diego hat genau das bewiesen. Die Wissenschaftler haben einen Zigarettenstummel in einen Liter Wasser gegeben. In dem Wasser lebten junge Forellen, welche unmittelbar nach dem Hinzugeben der Zigarette einen Nervenschock erlitten. Vier Tage später starben die Tiere. Nur weil Nikotin einen Menschen nicht (direkt) umbringt, heißt das noch lange nicht, dass das für alle Lebewesen gilt. Und das muss man berücksichtigen, wenn man seinen Kippenstummel auf den Boden schmeißt. Es handelt sich um toxischen Sondermüll. Nichts anderes. Und gehört deshalb auf keinen Fall auf Gehwege oder in die Natur, sondern in den Restmüll. Man ganz abgesehen davon, dass Zigarettenstummel nur extrem langsam verrotten (rund 15 Jahre dauert es) und auch von Tieren ggf. mit Futter verwechselt werden können.

Nun zu einem anderen Thema: Unserem Grundwasser. Das leidet nämlich auch unter den Zigaretten, die einfach in der Natur bzw. auf der Straße entsorgt werden. Ein einziger Kippenstummel verseucht nämlich rund 40 Liter Grundwasser. Wie? Indem sich beispielsweise Nikotin im Wasser löst. Und auch andere toxische und krebserregende Stoffe sickern so in unseren Boden und reichern sich an. In Kläranlagen können zwar rund 90% der Nikotinrückstände gefiltert werden, das hilft den Lebewesen in unseren Gewässern aber nicht. Deshalb: Zigarettenstummel auf gar keinen Fall in der Natur entsorgen. Es gibt schließlich Taschenaschenbecher. Dort können die Stummel gesammelt und letztendlich im Restmüll entsorgt werden. Dort, wo sie hingehören.

Der Anbau von Tabak: Ein dreckiges Geschäft

south-carolina-4066442_1920

Über die Folgen von Tabak für die Umwelt habe ich in letzter Zeit vermehrt Beiträge in den Nachrichten gesehen und auch bei Instagram gab es den ein oder anderen Beitrag zu dem Thema. Viel, wirklich sehr viel zu wenig beachtet scheint mir allerdings die Frage danach, wo unser Tabak eigentlich her kommt.

Die wichtigsten Anbaugebiete für Tabak liegen in Europa, Nord-, Mittel- und Südamerika, Afrika sowie China. Ja, Deutschland ist auch dabei. Dazu komme ich aber später. Denn der Großteil des Tabaks kommt aus Ländern mit niedrigen Arbeitslöhnen, weil der Anbau sehr arbeitsintensiv ist (und man so die Kosten gering halten kann, ja, es gibt einige Parallelen zur Textilindustrie). Hier sind Ausbeutung und Kinderarbeit Alltag, weil die zusätzliche Arbeit der Kinder das Essen für die Familie sichert. Ein Schulbesuch ist unmöglich. Hinzu kommt, dass die Tabakbauern in Knebelverträge gedrängt werden. Sie bekommen Kredite, die sie realistisch gesehen niemals zurückzahlen werden können, weil die Tabakpreise so niedrig sind. Das heißt lebenslange Abhängigkeit.

Mit der Arbeit auf den Tabakplantagen gehen für die Arbeiter*innen aber auch gesundheitliche Risiken einher: Oft wird nämlich ohne Handschuhe gearbeitet. Die Pflanzen enthalten aber natürlicherweise Nikotin, welches dann von den Arbeiter*innen über die Haut aufgenommen wird (Memo: Nikotin ist ein Nervengift). Das führt dann zur sogenannten „Green Tobacco Sickness“, einer Art Nikotinvergiftung. Symptome sind Übelkeit, Schwindel, Veränderungen in der Herzfrequenz und im Blutdruck.  Vor allem für die Kinder, die auf den Plantagen arbeiten, ist eine solche Nikotinvergiftung eine Gefahr. Außerdem kommen Pestizide zum Einsatz. Der direkte Hautkontakt mit den enthaltenen Giftstoffen ist ebenfalls ein Problem.

Wie bereits gesagt gibt es auch in Deutschland einige Tabakplantagen, allerdings schrumpfen diese, seit sie nicht mehr staatlich subventioniert werden. Es ist schlichtweg nicht mehr rentabel. Auch, weil der Preis durch die billigen Arbeiter*innen im Ausland gedrückt wird. Diejenigen, die überlebt haben, produzieren hauptsächlich Tabak für Zigarren und Wasserpfeifen. Ich habe dann mal beim Bundesverband Deutscher Tabakpflanzer angerufen, um nachzufragen, ob es überhaupt Firmen gibt, die Zigaretten aus deutschem Tabak herstellen. Am Telefon sagte man mir, es gebe keine Filterzigarette, die nur deutschen Tabak enthält, es handele sich immer um eine Mischung. Allerdings sei bei „American Spirit“ Tabak aus der Pfalz enthalten. Mehr Informationen konnte ich dazu leider nicht bekommen.

Warum wird gegen diese Arbeitsbedingungen nichts getan?

Die Bedingungen des Tabak-Anbaus sind bekannt. Aber warum wird dagegen nichts getan? Schließlich haben wir doch Initiativen, die fairen Handel fördern wollen. Beispielsweise Fairtrade Deutschland. Und Fairtrade hat bei anderen Produkten wie Kaffee, Wein etc. schließlich bereits bewiesen, dass fairer Handel die Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter*innen deutlich verbessern kann. Denn wenn der Bauer mehr Geld für seine Produkte bekommt, kann er seine Angestellten besser entlohnen und für bessere Anbaubedingungen sorgen!

Der Knackpunkt ist: Fairtrade will den Tabak Anbau nicht zertifizieren. Medienberichten zufolge liegt es daran (und ich fasse hier Aussagen verschiedener Akteur*innen zusammen), dass die Verantwortlichen schlichtweg der Meinung sind, dass ein so ungesundes Produkt nicht nachhaltig oder fair sein kann.

Die zentrale Frage, die ich mir da gestellt habe, war: Und deshalb ist es den Organisationen schlichtweg egal, dass Kinderarbeit stattfindet? Dass Menschen ausgebeutet werden und erkranken? Die Menschen, die auf diesen Plantagen arbeiten, werden in den meisten Fällen keine andere Wahl haben. Ich finde es absolut wahnsinnig, dass Organisationen wie Transfair, welche das Fairtrade-Siegel verantworten, diese Menschen im Regen stehen lassen. Deshalb habe ich bei der Pressestelle von Fairtrade Deutschland um einen Stellungnahme zu diesem Thema gebeten. Schließlich ändert die Tatsache, dass es ein ungesundes Produkt ist, welches angebaut wird, nichts daran, dass die Bedingungen des Anbaus grausam sind und gegen die Menschenrechte verstoßen.

Sobald ich eine Rückmeldung der Organisation erhalten habe, werde ich sie in diesen Beitrag einbauen und auch nochmal bei Instagram darauf hinweisen. Ich bin sehr gespannt, was als Antwort kommt. Falls euch die gängige Begründung auch seltsam vor kommt, schreibt den Organisationen, dass ihr das nicht okay findet. Denn die Raucher*innen in Deutschland haben die Wahl, ob sie rauchen möchten. Die Arbeiter*innen in den Anbaugebieten nicht.

Update 23. April 2019 Ich habe eine Antwort von Transfair erhalten. Sie lautet:

“ (…) Bevor wir Ressourcen in die Entwicklung eines neuen Produktstandards stecken – der im Fall von Tabak notwendig wäre –, gilt unsere Verantwortung zunächst den bereits zertifizierten Produzentenfamilien und dem Ausbau bestehender Absatzmärkte.

Da Tabak weder aus sozialer noch aus gesundheitlicher oder ökologischer Sicht ein ethisch vertretbares Produkt darstellt, hat sich Fairtrade gegen eine Zertifizierung entschieden. Tabakkonsum ist erwiesenermaßen bereits in kleinsten Mengen gesundheitsschädlich. Er gefährdet nicht nur die Gesundheit von Konsumentinnen und Konsumenten, sondern auch die der Produzenten in den Anbauländern. Zudem verdrängt Tabakanbau in einigen afrikanischen Ländern wie zum Beispiel Malawi oder Simbabwe zunehmend den Nahrungsmittelanbau, sodass die Bevölkerung dort verstärkt auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen ist. Auch die Umweltbilanz des Tabakanbaus ist verheerend: Für die Anbauflächen und das Holz für die Tabaktrocknung werden tropische Regen- und Trockenwälder abgeholzt. Um ein Kilogramm Tabak zu trocken, werden rund 160 kg Holz verbrannt. Als Faustregel gilt: Ein durchschnittlicher deutscher Raucher vernichtet alle drei Monate einen Tropenbaum (www.alles-ueber-tabak.de/links/links.html). Vor diesem Hintergrund werden Sie sicher für unsere Entscheidung Verständnis haben. Denn wir möchten kein Produkt unterstützen, das derart schädlich für Mensch und Umwelt ist.“

Wie gesagt, ich gehe ja dahingehend mit, dass Tabak ungesund ist und furchtbar für die Umwelt. Trotzdem kann ich einfach nicht wahr haben, dass die Arbeiter*innen Transfair scheinbar egal sind. Das habe ich auch so geschrieben und folgende Antwort erhalten:

„Sie haben recht: Dass Tabak-Bäuerinnen und -Bauern unter den genannten Bedingungen arbeiten, ist furchtbar. Natürlich sind uns diese Menschen nicht egal – schließlich stehen Menschen schon immer im Zentrum von Fairtrade. Gleichzeitig sind unsere Ressourcen als Verein begrenzt. Fairtrade hat nicht die Möglichkeiten, überall auf der Welt aktiv zu werden. Wenn wir an zu vielen Stellen ansetzen, werden wir den Kleinbauern und Beschäftigten, die bereits Teil des Fairtrade-Systems sind, schlichtweg nicht gerecht. Hinzu kommt, dass Tabak – abgesehen von den gesundheitlichen Risiken – langfristig den Lebensraum der Menschen zerstört, die wir schützen möchten. Der Tabakanbau steht in einigen Ländern (beispielsweise Bangladesch) in direkter Konkurrenz zum Nahrungsmittelanbau. Auf der weltweiten Tabakanbaufläche könnte Nahrung für weit mehr als zehn Millionen Menschen angebaut werden. Eine Studie von Brot für die Welt und anderen Organisation beschreibt den Tabakanbau als unsozial, unfair und umweltschädlich. Aus diesen Gründen können wir Tabak nicht zertifizieren.“

…und ich finde immer noch: Gerade weil der Tabakanbau unsozial und unfair ist, sollte man diesen Menschen helfen. Und wenn das nicht durch ein Siegel geschieht, dann zumindest durch andere Programme oder Hilfsangebote.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s