Weißer Feminismus und Islamophobie – Wie Alice Schwarzer und Co. die Marginalisierung muslimischer Frauen vorantreiben

Weißer Feminismus richtet sich mitunter gegen Muslimas. Foto von Anna Shvets von Pexels

Ein Kommentar von Jona Dashurie

Es gab dieses Video, das vor einer Weile in feministischen Kreisen kursierte: Eine Demo vor der Goethe Universität in Frankfurt am Main. Der Anlass war eine Veranstaltung unter dem Namen „Das islamische Kopftuch – Symbol der Würde oder der Unterdrückung?“ Alice Schwarzer gehörte auch zu den geladenen Gästen. Auf dem Video ist eine junge Frau zu sehen, die eindeutig Teil der Demonstration ist. In dieser aufgeladenen Situation fasst Schwarzer die junge Frau an, die sich wehrt. Die Reaktion? Herablassendes Lachen. „Oh, ich dachte, nur ein Mann darf sie nicht anfassen“, stichelt Schwarzer die Situation weiter an.

Das Video sorgte in meinem Umfeld für viel Aufregung. Allen voran der Vorwurf der Islamophobie. Aber ehrlich gesagt: So sehr ich religiöse Diskriminierung auch ablehne, war es nicht das, was mir Bauchschmerzen bereitete.

Ungeachtet des Risikos, dass man mir Identitätspolitik vorwerfen könnte, möchte ich ein wenig von meiner Biografie erzählen. Meine Eltern waren politische Geflüchtete aus dem Kosovo. Sie kamen Anfang der 90er (noch vor Ausbruch des Kosovokriegs), um sich vor der Verfolgung durch die serbische Polizei zu retten. Mein Vater kam zuerst nach Deutschland, meine Mutter und meine große Schwester kamen neun Monate später hinterher. Obwohl beide studiert waren, durften sie jahrelang nicht arbeiten. Bis das Medizinstudium meines Vaters anerkannt wurde dauerte es zehn Jahre, das meiner Mutter wurde erst sechs Jahre später als Bachelor anerkannt, vollständig jedoch nie.

Meine Familie war feministischer, als die vieler Freundinnen

So kam es, dass beide die unterschiedlichsten Jobs annahmen. Papa arbeitete als Krankenpfleger-Assistent und meine Mutter, wie viele migrantische Frauen, als Putzfrau. Kurz darauf kamen erst ich und dann mein kleiner Bruder zur Welt. An Deutschkurse war kaum zu denken. Meine Eltern arbeiteten beide Vollzeit, um nicht nur uns finanzieren zu können, sondern auch die Familie im Ausland. Als mein Vater dann endlich als Arzt arbeiten durfte, wurde meine Mutter erstmal Hausfrau.

Sie besserte ihr Deutsch auf, machte einige Kurse und versuchte Arbeit zu bekommen. Nicht weil sie musste, sondern weil sie wollte. Doch der Arbeitsmarkt wollte sie nicht mehr und nach jahrelanger „Pause“ tat sie sich schwer mit bestimmten Dingen. Vor allem noch eine Fremdsprache lernen fiel ihr schwer. Meine Teenager-Jahre waren also geprägt von einem Vater, der regelmäßig mehr als 50 Stunden die Woche arbeitete, und einer Mutter, die zu Hause war, kochte, aufräumte, uns bei den Hausaufgaben half und Nachmittags, zwischen Wäsche und Mathe-Übungen, mit mir „The Big Bang Theory“ schaute. Und trotzdem würde ich sagen, dass meine Familie bei weitem feministischer war, als die meisten meiner Freunde. Und trotzdem begegnet mir immer wieder der Vorwurf beziehungsweise die Annahme, dass ich unterdrückt war.

Ich selbst würde mich als muslimisch beschreiben. Ich glaube an Gott und Prophezeiungen und Dschinns und an die Verpflichtung der Menschen, gut und füreinander da zu sein. Dass es in der migrantischen Community Gewalt und Sexismus zu genüge gab, entging mir natürlich nicht, aber ich leugnete es trotzdem. Ich leugnete es sogar vehement, weil einem kaum etwas Anderes übrig bleibt, als die eigenen Probleme zu leugnen, wenn einem vorgeworfen wird, dass sie untrennbar verwoben sind mit etwas, das so persönlich ist wie der Glaube. Später leugnete ich dann meine Herkunft. Ich leugnete den Glauben, die persönliche Prägung, alles. Ich schämte mich ein bisschen dafür. Ich bin in einem Land aufgewachsen, das mir nur einen Platz einräumen wollte, wenn ich vergaß wer ich war und wurde, was von mir erwartet wurde. Der Islam wurde zum Symbolbild der Frauenunterdrückung und migrantische Männer böse. Es hat Jahre gedauert, das Trauma, dass ich durch den Pseudo-Femnismus der heutigen Vertreter*innen des sogenannten „zweite Welle Feminismus“ erlitten habe, aufzuarbeiten. Es waren lange Gespräche mit Freund*innen, weiße wie migrantische, die mir halfen, zu mir selbst zurück zu finden. Und alle Teile, die ich über die Jahre verteilt hatte, wieder aufzusammeln.

Feminismus hat viele Gesichter: Kopftuch wie auch Sexparty

Der Feminismus sollte ein Weg zur Selbstbestimmung der Frau sein. Doch Selbstbestimmung ist nun mal individuell. Die kann vieles bedeuten. Kopftuch oder Sexparty. Vielleicht auch beides. Aber das ist nicht was sogenannte „radikale Feminist*innen“ wollen. Sie wollen keine Selbstbestimmung aller Frauen. Viel mehr wollen sie – die „radikalen Feminist:innen“ – über alle Frauen bestimmen.  Gegen Prostitution wird nicht argumentiert mit Forderungen von Abschiebeschutzgesetzen (die meisten Zwangsprostituierten sind Migrant*innen und haben kein gesichertes Aufenthaltsrecht) oder zunehmenden Aufklärungen über Selbstschutz, sondern mit Verboten und Aussagen wie „man muss vergewaltigt worden sein oder anders traumatisiert, um das machen zu wollen.“ Das erinnert an Freud, der 1930 anbrachte, dass sexuell aktive Frauen nicht zu verurteilen seien, sondern zu bemitleiden, denn sie wären psychisch krank. Dasselbe spielt sich auch in Bezug zu migrantischen Frauen ab, vor allem den muslimischen. Es soll von Alice Schwarzer bestimmt werden, ob ich das Kopftuch tragen darf oder nicht. Dasselbe gilt für die Vereinbarkeit meiner Sexualität und Spiritualität.

Tatsächlich haben Alice Schwarzer und der fundamentalistische Iman meiner verstorbenen Großmutter erstaunlich deckungsgleiche Ansichten gegenüber mir und meinem Glauben. Und beide argumentieren gleich: Sie wollen mich vermeintlich von meinem Zwang befreien.

– Redakteurin Jona

Die Sache ist so: Muslimische Communitys sind durchzogen von Problemen wie Gewalt, Sexismus, Homophobie etc. Das hat viele Gründe, aber die kulturelle Prägung des „Ursprungslandes“  oder der Religion ist nur einer von ihnen. Der Pseudo-Feminismus von Frauen wie Schwarzer ist oft geprägt durch die Anforderung, man müsse alles genau so tun, wie sie es sich vorstellen. Selbstbestimmung ist, was sie bestimmen. Den Frauen wird jegliche Hilfe verwehrt – außer sie spalten sich von ihrer eigenen Community ab und unterwerfen sich einer neuen Community: der der meist weißen und meist cis „Feminist*innen“. Alle anderen bleiben auf der Strecke. Alle anderen haben kein Recht auf Hilfe, weil die Kultur von migrantischen Communitys als solche abgelehnt wird. Sie muss eliminiert werden. Ihre Probleme sind nicht von ihr zu trennen. Nein, denn sie hat keine Probleme – sie ist das Problem. Denn nur die weiße cis-Frau darf festlegen, was freie Weiblichkeit ist und wie diese auszusehen hat. Der Rest von uns darf nur schweigend folgen.

Selbstbestimmung bei Alice Schwarzer ist, was sie bestimmt

Die Realität sieht anders aus. Die Realität verwebt tausend Widersprüche in die Wirklichkeiten von queeren und hetero Frauen unserer Communitys. Aus diesen Widersprüchen entstehen queere und reine Frauenmoscheen wie in Paris oder Hamburg. Aus ihnen kommen cis-Männer wie mein Vater, die mir nach der Wahl von Angela Merkel ins Ohr flüstern: „Du kannst auch mal Bundeskanzlerin werden, aber bitte nicht für die CDU!“ und mich regelmäßig darüber aufklären, dass mir kein Mann zu sagen hat, was ich mit meinem Körper zu tun oder zu lassen habe. Es kommen Frauen wie ich, die versuchen den Antisemitismus der muslimischen Communitys zu bekämpfen und sich mit ihren eigenen Vorbehalten auseinanderzusetzen.

Frauen wie Alice Schwarzer nehmen uns diese Freiheit. Sie wollen, dass wir das eine Dogma gegen ein anderes tauschen. Sie machen uns mundtot. Sie sehen uns nicht als Gleichberechtigte, geschweige denn potenzielle Verbündete. Sie sehen uns als Haustiere. Die brav Sitz machen sollen und wenn nicht, einfach nur ganz schlimm abgerichtet wurden. Sie begegnen uns mit so wenig Respekt, dass sie uns auslachen, wenn wir schreien, sie sollen uns nicht berühren.

Denn das war der Ursprung meiner Bauchschmerzen, als ich das Video sah, von dieser Demonstrantin, die sich vor der Goethe Universität wehrte. Dieses Lachen. Ich hatte es schon mal gehört. Erst neulich. Als mir ein Mann am Arsch griff und als ich aufschrie meinte, ich solle mich nicht so zieren. Es ist ein Lachen, das vor allem eines deutlich macht: Die eigene Minderwertigkeit, die man in den Augen des Lachenden hat.


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5 thoughts

  1. ich empfinde das genauso – ich mag diesen besserwisserischen Feminismus nicht, der mir sagen will, wie meine Selbstbestimmung auszusehen hat. Toller Text, Danke für die Einblicke

    Gefällt 1 Person

    1. Das ist ein toller Text, ich kann Deine Situation voll nachvollziehen!
      Trotzdem frage ich mich wieso wir Feministen uns gegenseitig so sehr bekämpfen.
      Hast du das ganze Video mit voriger Diskussion gesehen? Da geht sehr viel Aggression von der jungen Frau aus.
      Und die Kulturkritik, daß ein Kopftuch als Symbol für ein faschistoide politische Auslegung der Islamischen Kultur steht, ist legitim, auch wenn ich sie nicht teile.
      Das Kopftuch ist für mich auch ein Symbol gegen eine nexistische menschenverachtende nihillistische westliche Kapitalismuskultur.

      Gefällt 2 Personen

      1. Ich denke das liegt an einem Grundproblem. Das wir diese „Feminist:innen“ nicht als solche wahr nehmen. Wenn Frauen Rechte abgesprochen werden, weil sie trans, muslimisch oder sonst was sind, dann ist das ja kein Feminismus. Dann ist das ja auch eine diskriminierende Haltung nur gegen über anderen Frauen. Mehrfachmarginalisierte Frauen erleben Diskriminierung nun mal nicht nur von Männern diskriminiert sondern auch von anderen Feauen, die sich auch noch als „Feminist:innen“ bezeichnen. Und das Ding ist, wenn man selbst kein Kopftuch trägt ist es vielleicht Kulturkritik, aber wenn es zu der eigenen Kultur gehört, die einem sowieso die ganze Zeit abgesprochen wird, dann ist das ein sehr persönlicher Angriff. Und zu dem Video: wenn jemand dir seit Jahren deine Rechte absprechen will und dann auch noch die Frechheit hat dich ohne deine Zustimmung zu berühren (eigentlich gegen deine zustimmung) dann ist das eine natürliche, nein eine gesunde Reaktion aggressiv zu reagieren. Wir tendieren nur dazu marginalisierten Frauen so ein Verhalten abzusprechen, weil wir ihre Realität nicht teilen.

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      2. Aber danke für deine Kritik, ich werde versuchen meine Position weniger aus persönlicher Sicht sondern erklärender rüber zu bringen !

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      3. Persönlich finde ich so ein Kopftuch bescheuert. Aber wer bin ich, das einer anderen Frau vorzuwerfen. Ich treffe durchaus ziemlich starke, selbstbewusste und eigenständug scheinende Frauen mit Kopftuch.
        Eben, bekämpfen wir uns nicht. Seien wir nicht ideologisch verhärtet. Jede so, wie sie es kann. 🙂

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