Warum wir mit Grünem Kolonialismus keine nachhaltige Zukunft schaffen

Sie wirken so grün, die neuen Technologien. Aber was uns als Heilsbringer verkauft wird, ist im Endeffekt Ausbeutung in grün. Foto von cottonbro von Pexels

E-Autos, Windkrafträder, Solaranlagen: Das sind die Namen der Zukunftstechnologien, die uns vermeintlich retten werden. Vor der Klimakrise, der Erderwärmung und Extremwetterereignissen. Uns? Mit uns ist in diesem Fall leider nicht die Menschheit im Sinne aller Menschen gemeint, sondern der globale Norden. Der globale Süden hingegen muss schuften, sich teils fast totarbeiten für das gute Gewissen der Menschen in den Industrienationen. Warum? Das erklärt Ciani-Sophia Hoeder in einem Artikel im RosaMag. Schuld sind die Rohstoffe, die für die Produktion der angeblich fortschrittlichen Technologien gebraucht werden, wie beispielsweise seltene Erden. Was dadurch geschaffen wird, ist nichts als die Fortsetzung eines Systems, das wir schon längst überwunden haben sollten, nur eben in ’nachhaltig‘: Grüner Kolonialismus.

Fast alle Rohstoffe, die für grüne Technologien benötigt werden, sind konfliktbehaftet. Ökonomisch, ökologisch sowie Menschenrechte werden im globalen Süden für einen schnittigen E-Roller, der durch Berlin-Mitte cruist einfach mal aus dem dreifach verglasten Fenster geworfen. Dieses Phänomen wird als Grüner Kolonialismus bezeichnet.

– Ciani-Sophia Hoeder, Rosamag

Unter dem neuen Anstrich passiert genau das Gleiche, was schon vor vielen Jahren in der Kolonialzeit praktiziert wurde: Menschen in anderen Gebieten der Welt werden ausgebeutet. Nur, das die Kolonialzeit inzwischen als beendet gilt und das, was heute passiert, nicht als Form des Kolonialismus anerkannt wird. Schauen wir uns die Bedeutung des Wortes ein bisschen genauer an. Das Gabler Wirtschaftslexikon definiert Kolonialismus wie folgt:

Politik der Inbesitznahme und Ausbeutung fremder, meist überseeischer Gebiete v.a. durch europäische Länder zwischen dem 16. und 20. Jh. Kolonialismus ist durch die territoriale Machtausweitung eines Staates mittels langfristig angelegter militärischer, politischer und/oder wirtschaftlicher Kontrolle über die unterworfene Kolonie gekennzeichnet.

Was in der modernen Wirtschaft passiert, das ist ziemlich genau das, was Kolonialismus charakterisiert. Nur, dass es eben nicht die Regierungen der Staaten sind, die ihre Macht ausweiten, sondern die wirtschaftlich starken Unternehmen. Sie haben die Fertigung ihrer Produkte weitestgehend outgesourced, also an externe Dienstleister vergeben, die ihren Sitz meist in Ländern haben, in denen niedrigere Lohnkosten anfallen. Die Unternehmen selbst entbinden sich auf diese Weise von der Verantwortung für ihre Mitarbeiter, gleichzeitig sitzen sie in Verhandlungen am längeren Hebel und zwingen den Fabrikbesitzer*innen ausbeuterische Konditionen auf. Diese Strukturen sind rassistisch, weil hauptsächlich weiße von der Ausbeutung von BIPoCs profitieren. Und sie haben eine lange Tradition: Schon seit 1500 beuten Europäer*innen Menschen im globalen Süden aus. Während der Wohlstand bei den Ausbeutenden wuchs, wurden diejenigen, die ausgebeutet wurden, daran gehindert, eine eigene, starke Wirtschaft aufzubauen. Dieses System hat bis heute Bestand.

Ausbeutung als Basis unseres Wirtschaftens

Zurück zu den E-Autos. Sie sind ein Paradebeispiel dafür, wie ein völlig unfaires Produkt einen grünen Anstrich verpasst bekommt und just zum Helden des Westens wird. Das Herzstück eines Elektroautos ist bekanntlich die Batterie. Diese enthält oftmals Lithium und Kobalt – Rohstoffe, die in Kombination für eine lange Lebensdauer der Batterien sorgen, aber auch einige Probleme mit sich bringen.

Zwei Drittel des Lithium-Vorkommens weltweit stammen aus drei Südamerikanischen Ländern: Chile, Argentinien und Bolivien. Hier wird Lithium schon als „weißes Gold“ gehandelt. Rund 10 Kilogramm des Rohstoffs werden für eine einzige Autobatterie benötigt. Um Lithium zu gewinnen, wird Natriumhydroxid eingesetzt. Ein Stoff, der die örtlichen Trinkwasserquellen verunreinigt. Das stellt die Menschen vor Ort vor ein riesiges Problem, da sie keinen Zugang zu alternativen Wasserquellen haben.

Kobalt wiederum stammt zu großen Teilen aus dem Kongo. Einem Land, das seit Jahren vom Bürgerkrieg geprägt wird. Rund 20 Prozent des Abbaus findet in kleinen Minen statt. Während sich bei den großen Minen weitestgehend an Arbeitsschutzregularien gehalten wird, sieht das bei den kleinen Minen anders aus. Hier werden Menschen oft schlecht bezahlt und arbeiten unter lebensgefährlichen Bedingungen, weil die Schächte nicht ausreichend gesichert sind und einstürzen können – und das zu einem Preis, der weit unter dem Mindestlohn liegt. Laut einer Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe profitieren vor allem Menschen aus dem Ausland von der Ausbeutung im Kongo: Chinesen, Inder und Libanesen.

Maximal lokal emissionsfrei

Das nächste Märchen im Kontext der E-Autos ist, dass sie null Emissionen verursachen. Im Gegenteil, davon sind die Autos weit entfernt. Wie der Journalist Salomon Scharffenberg in seinem Buch „No Car“ feststellt, sind die E-Autos maximal lokal emissionsfrei. Die Emissionen entstehen statt auf unseren Straßen im Rahmen der Produktion der Autos beziehungsweise Batterien, der Ort der Verschmutzung verschiebt sich also bloß. Hier versteckt sich die nächste Ungerechtigkeit: Dafür, dass wir sauberere Luft haben, verlagern wir unsere Emissionen – und zwar zu den Menschen, die ohnehin unter dem menschengemachten Klimawandel zu leiden haben. Wobei man den Begriff „menschengemacht“ eigentlich revidieren sollte. Denn nicht alle Menschen haben den Klimawandel in diesem Tempo vorangetrieben. Es sind vor allem die Industrienationen im globalen Norden, die einen unheimlich hohen CO2-Verbrauch pro Kopf haben. Zum Vergleich: In den USA liegt der jährliche CO2-Ausstoß pro Kopf bei rund 16 Tonnen – in Burundi, einem Staat in Ostafrika, liegt er bei 30kg pro Kopf und Jahr.

Den Klimawandel zu spüren bekommen trotzdem vor allem die Menschen im globalen Süden. Die Hauptlast tragen also nicht die Verursacher*innen des Wandels, sondern diejenigen, die am wenigsten dazu beigetragen haben. Und genau diese Menschen sind es auch, die nun die Last der Problemlösung für den globalen Norden tragen.

Die Folgen des Klimawandels bekommen aber vor allem die armen und ärmsten Bevölkerungsschichten im Süden zu spüren. Ihre Lebensräume werden zerstört, das Recht auf Wasser und Nahrung, auf Wohnen und auf Bildung droht unter den Bedingungen des Klimawandels in noch weitere Ferne zu rücken.

– Barbara unmüßig und Jost pachaly, Studie klimawandel verletzt menschenrechte

Die Bestrebung, diese Ungerechtigkeit auszugleichen, werden gemeinhin unter dem Begriff der „Klimagerechtigkeit“ gebündelt. So fordern beispielsweise Gruppen wie Fridays for Future, dass Klimagerechtigkeit geschaffen werden muss. Die Autoren der Studie „Klimawandel verletzt Menschenrechte“, die unter anderem von der Heinrich-Böll-Stiftung durchgeführt wurde, argumentieren, dass der Klimawandel zwar ein gemeinsames Problem aller Länder wäre, aber die Verantwortlichkeiten unterschiedlich verteilt seien. „Gerechtigkeit im Bereich Klimapolitik bedeutet, dass von Armut, sozialer und politischer Randständigkeit betroffene Bevölkerungsgruppen und Länder im Vergleich zu den wesentlichen Verursachern der Erderwärmung in ihren Beiträgen zum Klimaschutz nicht nur anders behandelt, sondern in ihren Entwicklungsbemühungen zusätzlich gefördert werden müssen“, so die Autoren der Studie, „dies erfordert technisches Know-how, aber ebenso ein grundsätzliches Umdenken beim zukünftigen Ordnen der Welt.“

Wie kann eine Lösung des Problems aussehen?

Das UN-Menschenrechtssystem gibt den Staaten zwar Instrumente an die Hand, um ihre Rechte einzufordern, aber das wird langfristig nicht reichen. Wie es die Autoren der Studie schon festhalten: Es muss ein Umdenken beim Ordnen der Welt erfolgen. Ciani-Sophia Holder schreibt in diesem Kontext von der Dekolonisation der Welt. Es kann nicht sein, dass die vermeintlichen „Lösungen“ der Klimakrise die Ungerechtigkeit in der Welt weiter verstärken. Auf diese Weise entfernen wir uns immer weiter von dem Ziel der Klimagerechtigkeit. Klassischerweise wird angenommen, dass Dekolonisation auf drei Ebenen stattfindet: sozial, wirtschaftlich und kulturell. Der globale Norden muss für die Schäden aufkommen, die im Laufe der Jahrhunderte verursacht wurden und effektive Aufbauarbeit leisten. Denn die Entwicklung des Nordens ist nur auf Kosten des Südens möglich gewesen – durch Ausbeutung, Raubbau und Sklaverei. Die lokalen Wirtschaften wurden zerstört, um dem Norden gewissermaßen zu dienen. Nur, wenn wir unseren Beitrag dazu leisten, dass die Länder im globalen Süden zu Handelspartnern auf Augenhöhe werden, kann richtige Gerechtigkeit herrschen.

Was kannst Du tun, um zu einem Wandel beizutragen?

  • Mach dich stark für diese Themen: Durch Petitionen, Demonstrationen & Co. Zeig Gesicht!
  • Kläre Menschen in deinem Umfeld darüber auf
  • Werde dir deinen Privilegien bewusst
  • Im Falle kultureller Aneignung: Kaufe gezielt Produkte von den Menschen, deren kulturellem Erbe das Produkt entspringt
  • Vermeide den Kauf unfairer und ausbeuterischer Produkte

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