Faire Unterwäsche in großen Größen – Warum machst du dich so rar?

Bild von Foundry Co auf Pixabay

Vierundvierzig – das ist die durchschnittliche Größe, die eine Frau in Deutschland trägt. Das bedeutet, dass ungefähr die Hälfte eine kleinere Größe trägt und die andere Hälfte eine größere Größe. Und trotzdem: Es scheint, als würden die meisten Hersteller ausschließlich für Size Zero-Frauen produzieren. Eigentlich faszinierend, dass die Hersteller sich auf eine so kleine Nische fokussieren, oder? Währenddessen fangen die „Große Größen“-Geschäfte bei Größe 42 an, wie das Beispiel Ulla Popken zeigt. Will heißen, dass sogar Frauen, die unter dem deutschen Durchschnitt liegen, in Sondergeschäfte gehen müssen, um passende Kleidung zu finden. In diesen bekommen sie dann Kleidung vorgesetzt, die von stinknormalen Models präsentiert werden – hier kann also nicht einmal argumentiert werden, dass man auf die unter Umständen besonderen Bedürfnisse von sehr kurvigen Frauen eingehen würde.

Ausschnitt aus dem Angebot von Ulla Popken. Die Shirts sind ab Größe 42 erhältlich – die hat aber keines der Models. Screenshot: http://www.ullapopken.de

Das größte Hindernis: Faire Unterwäsche

Es ist also ohnehin schon schwer, Kleidung zu finden, die auf die Bedürfnisse von durchschnittlichen Frauen zugeschnitten ist. Noch schwieriger wird es dann, wenn man Wert auf Fairness und Nachhaltigkeit legt. Hier kann man in der Regel Second Hand noch passable Kleidung ergattern. So richtig schwierig wird es dann bei Unterwäsche. Gebraucht will die eigentlich – verständlicherweise – niemand kaufen. Und der Schnitt muss gerade bei einem größeren Körbchen auch anders sein, als bei einem Bralet in Größe 34. Für die Bedürfnisse von Frauen mit einem kleinen Busen gibt es mit AIKYOU bereits ein Label, das sich spezialisiert hat. So etwas steht für große Busen noch aus. Die Frage ist: Warum?

Warum gibt es kein Label für Frauen mit einem großen Busen?

Wir haben dafür bei drei großen, fairen Unterwäsche-Herstellern angefragt, nämlich bei Comazo, erlich Textil und Organic Basics. Bei ehrlich geht das Angebot der meisten BHs bis Größe 42. Sprich: Sogar der Durchschnitt wird hier ausgegrenzt. Das Bustier Edith ist aber bis Größe 46 erhältlich. Bei Comazo bekommt man Bustiers bis immerhin 44, BHs leider in der Regel nur bis zu einem C-Körbchen. Bei Organic Basics wird mal bis XL fündig – das entspricht laut Größentabelle 85D, 85E, 90A, 90B und 90C. Bis auf Comazo haben die Hersteller leider keine verstärkten Bügel-BHs im Sortiment. Das scheint im fairen Bereichen eher die Regel als die Ausnahme zu sein. Und das, obwohl große Brüste ein Mehr an Halt einfach brauchen. Wir wollten deshalb von den Herstellern wissen, warum es bislang keine wirklich großen Größen in ihrem Sortiment gibt und ob in dem Bereich vielleicht etwas geplant ist. Außerdem haben wir sie darum gebeten, das bei der nächsten Kollektion zu berücksichtigen – wir sind gespannt, ob sich etwas tut!

Pleite: erlich Textil scheint sich (noch) nicht zu interessieren

Knapp vier Wochen ist es her, dass die Anfragen raus gegangen sind. Comazo und Organic Basics haben schnell geantwortet und auch sehr ausführlich, von erlich haben wir bis heute nichts gehört. Das ist schade, denn gerade erlich geht momentan durch die Decke und hat sogar eine eigene „Große Größen“-Kategorie im Onlineshop. Da wäre es sehr interessant gewesen zu wissen, ob und was da noch kommt. Denn Momentan ist das Angebot im Vergleich zum restlichen Sortiment eher klein und langweilig.

Organic Basics scheint sich dem Problem bewusst zu sein, stellt aber in Aussicht, dass es noch Jahre dauern wird, bis man ein Design für große Busen entwickelt hat.

Take for example the Triangle Bra, it’s a bralette without wires or padding which means that there is a limit to how much support it can offer (at the moment these are the biggest cup sizes it can hold: 38D, 38DD, 40A, 40B, 40C. So what we need to do is develop a new style which can take months or even years (because that requires research and testing). But know that we are working on it everyday 🙂

Maria Di Luna, Affiliate & Influencer Partnerships at Organic Basics

Interessant ist, dass genau dieser BH inzwischen bis maximal 85E erhältlich ist. Ob unsere Anfrage was damit zu tun hat? Wahrscheinlich nicht, aber schön wärs!

Keine fairen Pads, Nachfrage zu gering

Comazo hat uns einen detaillierteren Einblick in die Diskussionen innerhalb des Betriebs gegeben. Das Thema große Größen scheint schon länger ein Thema im Unternehmen zu sein. Umgesetzt wurde aber bislang noch nichts, die Gründe dafür sind vielseitig.

Ich bin, wie du, der Meinung, dass wir auch in D,E,F produzieren sollten, die Experten bezüglich der Produkte und Vertrieb sind da anderer Meinung.

Die Argumente sind im Wesentlichen:

– bei großen Cups müssen wir mit Bügeln arbeiten, da sonst der Halt nicht mehr gegeben ist – es schaut sonst nicht ästhetisch aus (so die Designerin).

– ohne Bügel müssen die Träger mehr Gewicht aufnehmen, dies kann Rückenschmerzen verursachen, da dann zu viel Gewicht auf den Schultern lastet.

– der feine Bio-Stoff bricht leichter, oder es sollte also mit Spacern/Pads gearbeitet werden, diese sind bislang auf dem Markt noch nicht aus Bio-Baumwolle verfügbar bzw. noch nicht GOTS oder Fairtrade zertifiziert.

– das Vertriebsteam hatte zudem Verkaufsstatistiken vorgelegt die deutlich zeigen, dass wir in den bislang konventionell produzierten BHs in Größe D,E,F sehr wenig verkaufen.

– Carloline Hoermann, eComazo

Comazo hat versprochen, nochmal die aktuellen Statistiken zu Cup-Größen zu analysieren, um den Bedarf beziffern zu können und dann ggf. Anpassungen vorzunehmen. Außerdem wird geprüft, ob es inzwischen Einlagen/Verstärkungen aus Bio-Baumwolle gibt. Ingesamt räumt das Unternehmen ein, eventuell einfach noch nicht mutig genug gewesen zu sein – mit Verweis auf die geringen Margen innerhalb der Textilbranche. Lagerhüter kann man sich einfach nicht leisten. Das kann man so natürlich erst einmal nachvollziehen, eine weitere Analyse wäre allerdings trotzdem wünschenswert. Was cool ist: Das Unternehmen arbeitet nur mit Mitarbeiter*innen als Models, denn sie finden, dass ihre Unterwäsche für jeden Körpertyp da sein sollte. Der Weg, den Comazo so einschlägt, scheint auf jeden Fall gesund zu sein.

Sich mit Crowdfunding was Neues trauen?

Vielleicht sollten sie das Thema auch einfach einmal öffentlich im Dialog mit ihren (potentiellen) Kund*innen thematisieren oder ein Crowdfunding für eine einzelne „Plus“-BH-Collection starten. Das wäre doch mal eine innovative Idee, oder? So bliebe nichts im Laden liegen, aber es würde einmal ein Zeichen gesetzt für große Größen! Und: Man könnte direkt und ohne Zweifel feststellen, ob eine solche Erweiterung des Sortiments gewünscht ist.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s