Stoffwindeln: Ökologische Alternative zu Wegwerfwindeln

Stoffwindeln sind eine ökologische Alternative zur Wegwerfwindeln. Photo by The Honest Company on Unsplash

Wickeln mit Stoff: Was früher selbstverständlich war, ist heute eher ein Randphänomen. Schließlich greift immer noch der Großteil der Eltern zu den vermeintlich komfortableren Wegwerfwindeln, um das eigene Kind durch die Wickelzeit zu bringen. Gerade bei Eltern mit einem ausgeprägten Umweltbewusstsein sind Stoffwindeln aber wieder hoch im Kurs. Schließlich spart man so eine Menge Müll und dadurch auch Ressourcen. Oder? Wir haben uns das Einsparpotential von Stoffwindeln genauer angesehen und zeigen Euch auch, wo die Unterschiede zwischen den verschiedenen Systemen liegen.

Der ökologische Fußabdruck von Stoff- und Wegwerf-Windeln im Vergleich

Durchschnittlich 4000 bis 6000 Windeln braucht es, bis ein Baby gelernt hat, die Toilette zu benutzen. Das entspricht rund einer Tonne Müll. Da Windeln in den Restmüll gehören, weil sie mit Fekalien kontaminiert sind, können sie nicht recycelt werden, sondern werden bestenfalls thermisch verwertet. Die Rohstoffe, die für die Produktion der Windeln aufgewendet werden, gehen also größtenteils verloren. Die Außenhülle einer Wegwerfwindel besteht in der Regel aus Polyethylen (PE), einem Kunststoff. Dieser wird aus Ethen hergestellt, einem Stoff, für dessen Gewinnung Erdgas und Erdöl verwendet werden, also nicht-erneuerbare Ressourcen. Auch im inneren der Windel finden sich neben einem Saugkern aus Zellstoff diverse Kunststoffarten, darunter Polypropylen (PP). Auch PP wird aus Erdöl hergestellt. Mit jeder Wegwerfwindel, die im Müll landet, schmeißen wir also nicht-erneuerbare Ressourcen weg, die nicht recycelt werden können.

Auch Stoffwindeln haben keine komplett weiße Weste, schließlich müssen auch sie produziert und dafür Ressourcen aufgewendet werden. Allerdings gehen diese im Gegensatz zu den Ressourcen, die für die Wegwerfwindel genutzt werden, nicht verloren. Es werden Werte geschaffen, weil die Windeln beliebig oft wiederverwendet und weitergegeben werden können. Hinzu kommt, dass Stoffwindeln gewaschen werden müssen, was ebenfalls ressourcenintensiv sein kann. Die Betonung liegt hier auf dem ‚kann‘, denn im Fall von Stoffwindeln haben die Verwender*innen durch ihr eigenes Waschverhalten in der Hand, wie nachhaltig die Stoffwindeln wirklich sind.

Wer ökologisches Waschmittel verwendet, nur in Ausnahmefällen über 60 Grad Celsius wäscht, eine energieeffiziente Waschmaschine besitzt und keinen Trockner nutzt, der kann guten Gewissens zu Stoffwindeln greifen. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest eine Studie der Environment Agency aus Großbritannien aus dem Jahr 2004. Außerdem sorgt jedes weitere Kind, für das die gleichen Stoffwindeln verwendet werden, für eine weitere Verbesserung der Ökobilanz. Einen genauen Vergleich anzustellen ist allerdings sehr kompliziert, da unglaublich viele individuelle Faktoren berücksichtigt werden müssen, um eine genaue Aussage treffen zu können. Allerdings gilt: Wenn Ihr folgende Fragen mehrheitlich mit ‚Ja‘ beantworten könnt, dann ist davon auszugehen, dass in Eurem Fall Stoffwindeln eine bessere Ökobilanz als Wegwerfwindeln haben.

  • Verfügt ihr über eine sehr energieeffiziente Waschmaschine?
  • Trocknet ihr eure Wäsche in der Regel auf der Leine statt im Trockner?
  • Benutzt ihr ökologisches Waschmittel?
  • Wird die Waschtemperatur in der Regel auf nicht mehr als 60 Grad Celsius eingestellt?
  • Wird die Maschine jeweils voll beladen?
  • Bezieht ihr Ökostrom?
  • Habt ihr vor, euch für nachhaltig produzierte Stoffwindeln zu entscheiden?

Nicht nur Ressourcen, sondern auch Geld mit Stoffwindeln sparen

Die Verwendung von Stoffwindeln ist aber nicht nur aus ökologischen Gesichtspunkten eine gute Alternative zu Wegwerf-Windeln, sondern auch aus finanziellen Gründen eine Überlegung wert. Dabei liegt das Einsparpotential im Vergleich zu Markenwindeln bei über 1900 Euro und selbst bei Windeln der gängigen Drogerie-Eigenmarken lassen sich um die 800 Euro einsparen. Zu diesem Ergebnis kommt eine sehr ausführliche Rechnung, die die Stoffwindelmanufaktur aus Dresden vor einigen Jahren veröffentlicht hat. Dabei wurden sehr viele Faktoren bis hin zu aktuellen Zinssätzen berücksichtigt und die gesamte Rechnung transparent und überzeugend dargestellt, inklusive einer Tabelle, die man selbst befüllen kann, um die eigene Ersparnis genau zu berechnen. Weil wir die Rechnung sehr überzeugend finden, können wir jedem, den das Einsparpotential von Stoffwindeln interessiert nur ans Herz legen, sich den ausführlichen Blogbeitrag genauer anzusehen.

How to: Das richtige Windelsystem finden

Falls für Euch nun feststeht, dass ihr auf jeden Fall mit Stoff wickeln wollt, steht nun die Entscheidung über das richtige System bevor. Zugegeben, diese Entscheidung ist gar nicht so einfach, schließlich gibt es unzählige Systeme von unterschiedlichen Herstellern, zwischen denen man sich entscheiden muss und die sich mitunter nur in Nuancen voneinander unterscheiden. Wir empfehlen deshalb, für die Feinentscheidung eine Stoffwindelberatung zu buchen, um sich die Modelle unterschiedlicher Hersteller ansehen zu können. Dabei ist es nicht schlecht, vorab schon eine Idee davon zu haben, welches System einen grundsätzlich interessiert. Aus diesem Grund stellen wir Euch jetzt die gängigen Stoffwindelsysteme im Kurzüberblick vor.

Das richtige Stoffwindel-System zu finden ist gar nicht so einfach. Deshalb versuchen wir, einen vereinfachten Überblick zu geben. Bild von Pamela Kiefer auf Pixabay

Wir haben uns dafür entschieden, den Überblick sehr einfach zu halten und nicht zu tief ins Detail zu gehen. Vielmehr wollen wir einen ersten Überblick über den Markt schaffen, um Euch eine Orientierung zu bieten. Deshalb unterscheiden wir lediglich zwischen der Anzahl der Bausteine, aus denen eine Windel besteht, also ob es ein, zwei oder drei Teile sind.

All-in-Ones oder die ‚faule‘ Variante

All-in-Ones sind Windeln, die aus nur einem Teil bestehen. Das heißt, der Saugkern ist fest mit der wasserdichten Müller vernäht. Damit ist diese Variante von der Anwendung her betrachtet am nächsten an Wegwerfwindeln dran. Nach jedem Wickeln wird die gesamte Windel in die Wäsche gegeben. Das ist simpel und man muss die Windeln auch nicht vorbereiten, weshalb wir die All-in-Ones als ‚faule‘ Variante betitelt haben. Sie eignet sich auch besonders gut für Babysitter oder die Großeltern, weil das Umdenken von Wegwerf-Windeln leicht fällt, da es kaum von Nöten ist. Allerdings hat man einen ganz schönen Berg Wäsche und läuft Gefahr, dass die Außenwindeln schneller ihre Wasserdichte verlieren, weil sie viel häufiger mitgewaschen werden, als bei anderen Systemen.

All-in-Two: Überhosen-Einlagen-Kombis

All-in-Two Windeln bestehen aus zwei Teilen: Einer saugfähigen Einlage (oft Innenwindel) und einer wasserdichten Überhose. Das hat den Vorteil, dass man die Überhose nicht nach jedem Wickeln waschen muss, weil man die Einlage herausnehmen kann. Die Überhose landet nur dann in der Wäsche, wenn sie wirklich auch verschmutzt wurde. Zu dieser Gruppe zählen ganz viele unterschiedliche Windelsysteme, zum Beispiel Höschen- oder Bindewindeln. Die bekanntesten sind:

  • Höschenwindeln: Die saugfähige Innenwindel sieht selbst aus wie eine „richtige“ Windel. Über sie wird eine Überhose gezogen, die sowohl aus Wolle, als auch aus Kunststoff bestehen kann.
  • Bindewindeln: Windeln zum Binden bestehen in der Regel aus Baumwolle und werden auf spezielle Art und Weise um den Körper des Babys gebunden. Auch hier kommt eine Überhose zum Einsatz.
  • Mullwindeln: Funktioniert wie die Bindewindel, nur eben, dass die Innenwindel aus einer Mullwindel besteht.
  • Pocketwindeln: Bestehen aus einer Außenwindel, die wasserdicht ist, und einer Einlage, die in eine dafür vorgesehene Tasche („Pocket“) geschoben wird.
  • All-in-Twos: Umfasst als Überbegriff alle Windeln, die aus einer Überhose und einer Einlage bestehen, die in ihr befestigt werden

Der Vorteil dieser Windelsysteme liegt vor allem am verminderten Wäscheberg. Möglicher Nachteil: Die Handhabung ist nicht ganz so einfach wie bei den All-in-Ones, weil man die Einlagen bzw. Innenwindeln auf spezielle Weise binden bzw. vorbereiten muss.

All-in-Three aka die große Freiheit

All-in-Three-Windeln bestehen aus insgesamt drei Teilen, die man selbst zusammenstellen kann: Einer Außenwindel, einer wasserdichten Innenwindel und einer saugfähigen Einlage. Das klingt erst einmal komplizierter, als die anderen beiden, bereits vorgestellten Varianten, bietet aber die größten Gestaltungsmöglichkeiten. Man hat so nämlich mehrere Rädchen, an denen man drehen kann, um beispielsweise die passende Größe für das eigene Kind einzustellen. Gleichzeitig ist die anfallende Wäsche minimal, weil man in der Regel wirklich nur die Saugeinlagen wäscht. Die Vorbereitung ist allerdings etwas aufwändiger als bei den anderen Systemen. Die Anwendung hingegen ist mit All-in-Twos vergleichbar und wahrscheinlich sogar simpler, als bei Mull- oder Bindewindeln.

Im Blickpunkt: Die dreiteilige Manufaktur-Windel aus Dresden

Die Gründerin der Windel Manufaktur: Stephanie Oppitz. Foto: Windel Manufaktur

Ein System, das unserer Autorin von Anfang an gefallen hat, ist das der Windel Manufaktur aus Dresden. Gegründet wurde die Stoffwindel-Werkstatt von Stephanie Oppitz, die selbst dreifache Mama ist und versucht, gemeinsam mit ihrem Mann und der Familie möglichst nachhaltig zu leben. Als sie dann nach einem Familienurlaub mit ihren damals noch kleinen Kindern feststellte, wie viel Müll durch das Wickeln entstand, entschied die Architektin sich, das Problem selbst anzugehen. Sie entwarf ihre Stoffwindeln, die schon bald im ganzen Freundeskreis getestet und für gut befunden wurden. Die Windel Manufaktur war geboren.

Oppitz‘ Windeln bestehen aus drei Teilen: Einer tragenden Außenwindel, einer wasserdichten Innenwindel und verschiedenen, saugfähigen Einlagen. Letztere kann man je nach Bedarf einsetzen und so sehr genau auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen. In der Wäsche landet in der Regel nur die Einlage, während Innen- und Außenwindel nur gereinigt werden, wenn sie wirklich verschmutzt worden sind. So spart man sich eine ganz schöne Menge Wäsche und auch Platz, weil man nur eine verhältnismäßig geringe Anzahl an Außenwindeln benötigt. Hinzu kommt, dass die Windeln einfach unheimlich schön anzusehen sind – aber das ist nur ein schöner (wirklich sehr schöner) Nebeneffekt.

Mit viel Liebe in Dresden genäht: Die Windeln der Windel Manufaktur aus Dresden. Foto: EKOLOGISKA MAG

Toll ist auch, dass man zwischen vielen verschiedenen Materialien wählen kann, und zwar nicht nur bei der Saugeinlage. Auch bei der Innenwindel hat man die Wahl, ob man PUL (Kunststoff), Tencel oder Wolle benutzen möchte. Die Außenwindeln gibt es ebenfalls komplett aus Wolle, sodass man, wenn man Wert darauf legt, abgesehen von den Druckknöpfen plastikfrei wickeln kann. Zudem lassen sich die Innenwindeln individuell einstellen, falls ein Kind sehr schmale Beine hat – so geht garantiert nichts daneben! Alle Produkte der Windel Manufaktur werden in Stephanie Oppitz‘ Atelier in Dresden liebevoll per Hand entworfen und gefertigt. Auch das gibt ein wirklich gutes Gefühl. Inzwischen gibt es neben Windeln auch eine Reihe an Zubehör-Produkten, wie Wetbags, wiederverwendbare Feuchttücher oder auch Bodyverlängerungen. Auch für diese Produkte gilt: Fairly made in Dresden! Apropos: Auf der Website der Manufaktur gibt es einen sehr großen Informations-Teil rund um Stoffwindeln im Allgemeinen, aber natürlich auch zu den Produkten der Firma im Speziellen – ein Besuch lohnt sich also auf alle Fälle.


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