Montessori- vs. Waldorf-Pädagogik – Wo liegen die Unterschiede?

Montessori oder Waldorf? Wir erklären, wofür die beiden Ansätze stehen. Foto von Tatiana Syrikova von Pexels

Wie viel Pädagogik braucht mein Kind? Diese Fragen stellen sich wahrscheinlich die meisten Eltern mindestens einmal in ihrem Leben. Das ist kein Wunder, wenn man bedenkt, wie viele Erziehungsratgeber uns als Eltern präsentiert werden, die alle unterschiedliche Haltungen als die eine Wahrheit verkaufen wollen. Besonders beliebt scheinen aktuell vor allem reformpädagogische Ansätze zu sein, derer sich Eltern gerne bedienen und von denen sie sich inspirieren lassen. Die bekanntesten Vertreter dieser Ansätze sind dabei wohl Montessori und die Waldorf-Pädagogik. Beide werden gerne in ein und denselben Topf geschmissen. Aber was steckt eigentlich hinter diesen beliebten Ansätzen? Und wo unterscheiden sie sich im Detail? EKOLOGISKA klärt auf.

Die Wurzel der reformpädagogischen Ansätze

Die Kernzeit, in welcher sich die meisten reformpädagogischen Ansätze herausbildeten, liegt zwischen 1890 und 1930. Auch wenn es nicht die eine Reformpädagogik gibt, sondern unter diesem Begriff vielmehr unzählige unterschiedliche Ansätze zusammengefasst werden, haben sie eines gemeinsam: Sie lehnten das damals (wie auch heute) eher elitäre, autoritäre und auf Leistungsdruck basierende Schulsystem ab. Außerdem störten sie sich an den zu dieser Zeit vorherrschenden Erziehungsmethoden: In Schulen wurden Kinder geschlagen und es war gängige Praxis, dass Bildung vor allem privilegierten Schülern vorbehalten war. Wir gendern hier übrigens bewusst nicht, denn es waren vor allem Jungen, die eine Schule besuchen durften.

Die Reformpädagog*innen hingegen forderten Bildung unabhängig von Herkunft, Geschlecht und anderen Merkmalen. Außerdem sollte das Kind im Mittelpunkt stehen, und zwar mit all seinen Bedürfnissen. Individuelle Förderung statt monotoner Frontalunterricht, respektvoller Umgang statt Gewalt – die reformpädagogischen Ansätze wurden sehr schnell sehr beliebt und sind es bis heute. Wenn man bedenkt, dass unser Schulsystem in seinen Grundzügen aus der Zeit Bismarcks stammt, ist das ehrlicherweise wenig verwunderlich. Als im Rahmen der ersten Pisa-Studie offen gelegt wurde, dass das deutsche Bildungssystem nachholen Bedarf hat, hat sich zwar einiges verändert. Die Grundstruktur ist aber erhalten geblieben: Es gibt einen Lehrer, der für alle den gleichen Unterricht macht. Individuelle Förderung ist nicht angedacht und vor dem Hintergrund des wachsenden Lehrermangels scheint diese Option auch in immer weitere Ferne zu rücken.

Das ist ein Grund, weshalb Montessori- und Waldorf-Schulen auch heute noch bei Eltern beliebt sind. Ein anderer ist sicher der steigende Leistungsdruck, mit dem nicht jedes Kind umgehen kann. Reformpädagogische Bildungskonzepte sind da unter Umständen eine gute Lösung. Vor allem Montessori- und Waldorf-Einrichtungen werden gerne in einem Atemzug genannt, wenn es um alternative Einrichtungen geht. Sie gehören zu den bekanntesten Vertretern dieser Richtung der Pädagogik. Trotzdem unterscheiden sie sich in einigen entscheidenden Punkten. Und genau die sollte man kennen, wenn man vor der Frage steht, welcher Ansatz für das eigene Kind der Richtige ist.

In diesen Punkten sind sich beide Ansätze einig

Da sowohl die Waldorf- als auch die Montessori-Pädagogik der Reformpädagogik zuzuordnen sind, ist es kein Wunder, dass es einige inhaltliche Überschneidungen gibt: Es handelt sich bei beiden Ansätzen um ganzheitliche Ansätze. Das heißt, dass das Ziel jeweils ist, das ganze Kind zu betrachten. Die Betreuung ist viel individueller. Außerdem wird in beiden Schulen vor allem auf ein „Hands on“-Learning gesetzt, also das wirkliche Machen großgeschrieben. Es werden dafür vor allem natürliche Materialien und wenig Plastik eingesetzt. Auch moderner Technik stehen die Ansätze eher verhalten gegenüber. Dafür wird eine große Wertschätzung für die Natur vermittelt. Das Kind wird in seiner Individualität gefasst, mit tiefem Respekt behandelt und stets bedürfnisorientiert agiert. Das Ziel ist es, das lebenslange Lernen des Kindes anzuregen. Die Grundhaltung ist also sowohl bei Waldorf, als auch bei Montessori ähnlich. Der Teufel liegt hier im Detail.

Hilf mir, es selbst zu tun.

– Leitsatz montessori-pädagogik

Um die Unterschiede der beiden Ansätze zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die Entstehungsgeschichte des jeweiligen Ansatzes. Die Montessori-Pädagogik wurde von Maria Montessori begründet. Montessori stammt gebürtig aus Italien und hat dort schon während ihres akademischen Werdegangs Aufsehen erregt: Sie war nämlich die erste Frau, die in Italien zur Ärztin promovierte. Zu dieser Zeit waren Frauen im wissenschaftlichen Kontext – wenn überhaupt – in den Geisteswissenschaften vertreten. Zunächst widmet sie sich in ihrer Arbeit Kindern mit einer Behinderung, später arbeitet sie auch mit nicht-behinderten Kindern und verfeinert ihre Methoden weiter. Ein Schlüsselerlebnis soll für sie das sogenannte „Montessori-Phänomen“ gewesen sein: Sie beobachtete ein kleines Mädchen dabei, wie es hochkonzentriert einen Klotz in einen Behälter einführen will, ganz unbeirrt von den ablenkenden Kindern um sie herum. Diese Konzentrationsfähigkeit inspirierte Montessori dazu, Lernmaterialien zu entwickeln, die die Entstehung dieser Konzentrationsphasen fördern und zum spielerischen, eigenständigen Lernen anregen.

Das macht Montessori aus

Mit ihren Methoden feierte Maria Montessori schon zu Lebzeiten Erfolge. Ihr Konzept verbreitet sich europaweit wie im Flug. Auch heute sind Montessori-Kindergärten und -Schulen nach wie vor gefragt. Ganz im Sinne des Montessori-Phänomens geht die Begründerin davon aus, dass Kinder einen natürlichen Entdecker-Sinn haben, aber auch Wert auf Ordnung und Ästhetik legen. Deshalb sehen Unterrichtsräume in Montessori-Einrichtungen allgemein sehr aufgeräumt aus. Die Räume sind so vorbereitet, dass die Kinder alles alleine machen und sich bei Problemen selbst helfen können. Wenn die Erziehungspersonen feststellen, dass das nicht der Fall ist und ein Kind Hilfe benötigt, dann werden sie beim nächsten Mal alles so vorbereiten, dass sich das Kind selbst helfen kann, wenn das gleiche Problem nochmal auftritt. Die Erzieher*innen beobachten die Kinder und greifen als Vermittler zwischen Kind und Raum nur dann ein, wenn es notwendig wird. Außerdem sind die Materialien im berühmten „Montessori-Regal“ nach Schwierigkeitsgeraden geordnet.

Ordnung und Ästhetik spielen bei Montessori eine wichtige Rolle. Foto von Tatiana Syrikova von Pexels

Ein wesentlicher Unterschied zur Waldorf-Pädagogik liegt in der Rolle, die der Fantasie zugeschrieben wird. Bei Montessori hat Fantasie nämlich keinen Platz – sie wird als unzureichende Wirklichkeitserfahrung gewertet. Das ist übrigens einer der Kritikpunkte schlechthin an diesem Ansatz. Dementsprechend sollen Materialien auch nicht umfunktioniert, sondern nur wie vorgegeben benutzt werden. Maria Montessori hat außerdem einen sehr detaillierten Plan der „sensiblen Phasen“ der Kindheit aufgestellt. Dieser wird immer wieder kritisiert, weil ihm die Annahme zugrunde liegt, dass sich alle Kinder gleichförmig entwickeln. Zudem passiert bei Montessori viel in Einzel- statt in Gruppenarbeit und die Erzieher*innen spielen keine besonders große Rolle.

Das Kind in Ehrfurcht aufnehmen, in Liebe erziehen und in Freiheit entlassen.

– Leitsatz Rudolf Steiner, begründer Waldorf-pädagogik

Die Waldorf-Pädagogik wurde von Rudolf Steiner begründet und basiert maßgeblich auf der von ihm entwickelten Anthroposophie. Dabei handelt es sich um eine spirituelle Weltanschauung. In ihr, so die Annahme, findet der Mensch einen Weg, sein Bedürfnis nach Kontakt zur übersinnlichen Welt aufzunehmen. Es handelt sich um einen Schulungs- und Meditationsweg, auf dem der Mensch seinen Wahrnehmungshorizont erweitern kann. Die erste Waldorfschule, an welcher sein Ansatz praktiziert wurde, gründete Steiner 1919 für die Kinder der Mitarbeiter*innen der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria. Daher stammt übrigens auch der Name. Die Schule unterschied sich von anderen gängigen Schulmodellen dieser Zeit vor allem dadurch, dass Kinder unabhängig von ihrer Herkunft gemeinsam unterrichtet wurden. Aber auch das hinter dem Lehrplan stehende Menschen- und Gesellschaftsbild ist ein Besonderes.

Zu viel Esoterik bei Waldorf?

Steiner war Anhänger der Theorie der Dreigliederung des Menschen in Geist, Seele und Leib und der davon abgeleiteten Seelenfähigkeiten Denken, Fühlen und Wollen. Aus diesem Grund ist ein erklärtes Ziel der Waldorf-Pädagogik, diese drei Fähigkeiten gleichberechtigt zu fördern. Kinder sollen zu selbstbestimmten, kreativen Erwachsenen werden. Rudolf Steiner glaubte darüber hinaus an die Viergliederung des Menschen. Neben dem Körper des Menschen gibt es in dieser Theorie drei weitere Teile, darunter Äther- und Astralleib sowie das Ich. Alle sieben Jahre, so seine Annahme, verlässt eines der Glieder seine übersinnliche Hülle. Deshalb wird die Entwicklung der Kinder in der Waldorf-Pädagogik in Jahrsiebte eingeteilt.

Auch wenn Waldorfschulen beispielsweise in Pisa-Studien (sofern separat erhoben) mitunter sogar besser abschneiden als ’normale‘ Schulen, wird die Schulform häufig belächelt. Das hängt nicht zuletzt mit dem anthroposophischen Hintergrund der Pädagogik zusammen, weshalb beispielsweise Eurythmie (das „Namen tanzen“) zum Lehrplan gehört. Durch den esoterisch anmutenden Hintergrund macht die Waldorf-Pädagogik auf einige außerdem einen sehr sektenartigen Eindruck, was in der Vergangenheit immer wieder Ansatzpunkt für Kritik war. Schuld ist nicht zuletzt der Kult um Rudolf Steiner, der an einigen Schulen Berichten von ehemaligen Lehrern zufolge gar religiös gefeiert wird.

Ob man das für sein Kind will oder nicht, das muss jede Familie für sich selbst entscheiden. Klar ist, dass an beiden Schulen der Notendruck geringer ausfällt, als es an normalen staatlichen Schulen der Fall ist, weil diese Ansätze auf eine ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung nach Interesse abzielen, statt nur das Abarbeiten eines strikten Lehrplans anhand von Noten. Die Kritiker*innen, die zeitweise anmahnten, man würde seinen Kindern durch die Wahl einer solchen Schule die Berufswahl verbauen, verstummen jedenfalls langsam. Schließlich haben alternative Schulmodelle schon viele kluge Köpfe hervor gebracht haben. So sind beispielsweise Larry Page, Jeff Bezos und Prinz William bekennende Montessori-Anhänger.


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