„Machbarkeitsstudie“ von Fridays for Future: Können wir den Klimawandel noch stoppen?

Das 1,5 Grad Ziel einhalten – das ist eine zentrale Forderung vieler Aktivist*innen, auch von Fridays for Future. Ob das noch möglich ist? Die Studie des Wuppertal Instituts sagt: Ja! Foto von Markus Spiske von Pexels

Es ist Mitte Oktober, als die soziale Bewegung Fridays for Future (FFF) in Form eines YouTube-Videos, das den Titel „Die Zerstörung der deutschen Klimapolitik“ trägt, verkündet: Wir können das 1,5 Grad Ziel einhalten. Oder besser gesagt: Deutschland kann einen fairen Beitrag dazu leisten. Das ist machbar. Die Zuversicht, um diese These in die Welt zu stellen, kommt aber nicht von ungefähr. Fridays for Future hat nämlich beim Wuppertal Institut eine Studie in Auftrag gegeben, die genau das untersuchen sollte. Nämlich, ob und unter welchen Bedingungen es uns als Gesellschaft noch machbar ist, einen Beitrag zur Einhaltung des 1,5 Grad Ziels zu leisten. Aus diesem Grund bezeichnet FFF die Studie auch „Machbarkeitsstudie“. Ein Titel, den die Wissenschaftler, welche die Studie durchgeführt haben, weniger passend finden. Warum, das hat Dr. Georg Kobiela im Interview bei EKOLOGISKA verraten. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wuppertal Institut und hat die Studie unter anderem durchgeführt. Wir haben außerdem nachgefragt, was die Ergebnisse der Studie nun ganz konkret für uns und unseren Alltag bedeuten.

EKOLOGISKA: Sie haben mir im Vorhinein schon gesagt, dass sie den Titel „Machbarkeitsstudie“, den Fridays for Future benutzt, für nicht gut gewählt halten. Warum würden Sie Ihre Arbeit denn nicht als „Machbarkeitsstudie“ betiteln?

DR. GEORG KOBIELA: Zu einer Machbarkeitsstudie gehört es auch, Hemmnisse eingehender zu beleuchten und Konsequenzen wie etwa die volkswirtschaftlichen Effekte mit zu berücksichtigen. Auch sind Planungszyklen und gesellschaftliche Akzeptanz bzw. aktive Unterstützung durch z.B. Wirtschaft und zivilgesellschaftliche Akteure von großer Relevanz. Was wir hier präsentieren, kann wenn dann eher als eine „technische Machbarkeitsstudie“ bezeichnet werden; besser wäre aber wohl eher, es als einen vom Notwendigen, also der Einhaltung des abgeleiteten nationalen CO2-Budgets und der entsprechenden notwendigen schnellen Minderung, her gedachten Diskussionsbeitrag zu, vor allem technischen, teilweise aber auch Suffizienz-orientierten, Maßnahmen zu betrachten. 


Ultimativ lässt sich die Machbarkeit dann aber natürlich nur durchs mutige Umsetzen beweisen. Am Ende ist das die einzige „Machbarkeitsstudie“, die hierzulande und anderswo richtig überzeugen wird.

EKOLOGISKA: Die Studie beschäftigt sich – ganz allgemein gesagt – mit der Frage, wie ein fairer Beitrag Deutschlands zur Einhaltung des 1,5 Grad Ziels aussehen kann. Was ist aus ihrer Sicht ein fairer Beitrag?

KOBIELA: Wir haben die Frage von Fairness hier nicht von uns aus beantwortet, sondern beziehen uns auf den Ansatz des Sachverständigenrates für Umweltfragen (SRU). Dieser verfolgt den Ansatz, das global verbleibende „Carbon Budget“ auf die heute lebenden Menschen gleichförmig zu verteilen, und nach der aktuellen Bevölkerungsgröße jedes Landes diesem dann ein nationales Rest-Budget zuzuweisen. Auf diesem Wege kommen wir für Deutschland für die Einhaltung der 1,5-°C-Granze mit zumindest noch 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit auf ein Budget von 4,2 Gigatonnen CO2. Das wäre bei dem derzeitigen Emissionslevel innverhalb von sechs Jahren aufgebraucht. D. h. je schneller wir anfangs mindern, desto länger hält das Restbudget.

Zu beachten ist dabei auch, dass natürlich auch innerhalb jedes Landes die Verursachung der Treibhausgasemissionen zumeist sehr ungleich verteilt ist. In der Regel lässt sich das recht gut mit dem Lebensstandard von Bevölkerungsgruppen in Verbindung setzen. Ein hoher Konsum und eine große Mobilität, wie auch eine intensiv ausgebaute Infrastruktur verursachen einfach deutlich mehr Emissionen als beispielsweise ein auf Sozialhilfe angewiesener Haushalt.


Es lassen sich natürlich auch andere Verteilungsschlüssel ansetzen, die alle auf ihre Art von mancher Perspektive „fairer“, dafür von anderen Perspektive als weniger fair erachtet werden. So kann derart darangegangen werden, dass überall auf der Welt die relativen Minderungen gleich schnell sein sollen – dann dürfte eine Person, deren aktuelle Pro-Kopf-Emissionen sehr hoch sind (wie z. B. in Europa oder in den USA) insgesamt noch deutlich mehr CO2-Emissionen verursachen als jemand, die bzw. der aktuell weniger emittiert und dafür auch weniger Minderung in Absolutzahlen betreiben müsste. Das ist logischerweise ein Ansatz, der vor allem in den aktuell große Mengen von Treibhausgasen emittierenden Ländern bzw. Bevölkerungsgruppen populär ist. Auf der anderen Seite gibt es auch Ansätze, welche die historischen Emissionen mit berücksichtigen, in solch einer Logik lässt sich auch argumentieren, dass Länder wie Deutschland das ihnen zustehende Budget längst aufgebraucht haben und sich bestenfalls noch Emissionsrechte von anderen Ländern zu einem angemessen hohen Preis abkaufen könnten.


Für die Verteilung und ob diese als fair betrachtet werden kann (und damit auch international akzeptiert werden würde) spielt es aussedem eine Rolle, zu welchen Veränderungen eine jeweilige Volkswirtschaft denn in der Lage ist ohne zu zerbrechen, also eine ganz pragmatisch-realistische Einschätzung. Da sind natürlich reiche, hochtechnologische Länder potenziell zu viel weitreichenderen Veränderungen in der Lage als weniger privilegierte Länder.

EKOLOGISKA: Wieso haben Sie sich für das Modell des Sachverständigenrates für Umweltfragen entschieden?

KOBIELA: Wir haben uns für dieses Modell entschieden, weil wir den Sachverständigenrat zum einen für eine belastbare Institution erachten. Andererseits erschien uns dieses Modell aber auch als ambitionierter, aber vertretbarer Mittelweg.

EKOLOGISKA: Nach dem Modell des Sachverständigenrates für Umweltfragen bleibt also noch ein Restbudget von 4,2 GT CO2 für Deutschland. Das ist eine der entscheidenden Zahlen, mit denen Sie gerechnet haben. Ihre Studie ergab nun, dass wir mit diesem Budget theoretisch haushalten können und es sogar möglich wäre, bis 2035 klimaneutral zu sein. Welche zentralen Ergebnisse ergab Ihre Studie denn außerdem? 

KOBIELA: Wir haben uns nicht so sehr die Frage gestellt, ob es möglich ist, das schätzen wir hinsichtlich der technischen Rahmenbedingungen ab, aber es kommt da ganz massiv auf den gesellschaftlichen und politischen Willen an, und der entscheidet viel stärker darüber, was „machbar“ ist. Klar ist, dass wir enorm dicke Bretter bohren müssen, wenn wir das  Ziel erreichen wollen, innerhalb des Budgets zu blieben. Wenn wir anfangs schnell mindern, haben wir bis circa 2035 Zeit, die CO2-Neutralität zu erreichen – also fünfzehn Jahre.


Wir haben uns die vier für den Großteil der CO2-Emissionen verantwortlichen Sektoren Energiewirtschaft, Industrie, Verkehr und Gebäudewärme angesehen. Die für Klimaneutralität und auch für die Einhaltung weiterer kritischer planetarer Grenzen auch sehr bedeutende Landwirtschaft haben wir nicht mit betrachtet, das hätte den Rahmen der Studie gesprengt. Diese Lücke muss natürlich von weiteren Arbeiten geschlossen werden, die aber nicht von uns kommen brauchen, da gibt es auch andere sehr kompetente Forschungseinrichtungen.
In den drei betrachteten aus Energie-Perspektive als „Nachfrage-Sektoren“ betrachtbaren Sektoren Industrie, Verkehr und Gebäude kommt es jeweils darauf an, durch Veränderung der Gesamtsysteme den Bedarf an Energie zu reduzieren, und den verbleibenden Energiebedarf dann erneuerbar und klimaneutral zur Verfügung zu stellen, zumeist in Form von Elektrizität, aber auch als Wärme und in synthetischer Form, was vorwiegend Wasserstoff bedeutet. Diese Herausforderung muss dann entsprechend der Energiesektor stemmen, der dann nicht nur den heutigen Strombedarf vollständig aus Erneuerbaren bereitstellen muss – wobei das eben auch bedeutet, sehr schnell aus der fossilen Stromerzeugung auszusteigen – sondern auch den Mehrbedarf an Elektrizität, Wasserstoff und Wärme bereitzustellen, der in den Nachfrage-Sektoren dadurch entsteht, dass dort keine fossilen Energieträger wie Kohle, Erdgas oder Benzin mehr eingesetzt werden können.  

Also: Vermeidung, Effizienz und anschließend Umstellung aller fossilen Bedarfe auf erneuerbare Energie. Das heißt auch, dass möglichst bald keinerlei fossile Technologie mehr neu zum Einsatz gebracht werden darf.

EKOLOGISKA: Waren Sie von dem Ergebnis überrascht?

KOBIELA: Also es sind schon beeindruckend große Erfordernisse, die dabei rauskommen. Das war im Grunde genommen zu erwarten, aber es erstaunt einen doch trotzdem, wie groß die Veränderungen sein müssen. Das liegt natürlich auch daran, dass wir lange nichts getan haben. Da kommen eben solche Brocken raus.

Wenn man mich vor einem Jahr gefragt hätte, was machbar ist, da hätte ich zu viel mehr Punkten gesagt, dass das undenkbar ist. Aber in diesem Jahr wurden einige Punkte angegangen, bei denen man das vorher auch nicht vermutet hätte. Insofern denke ich, dass viel mehr machbar ist.

– dr. georg kobiela

EKOLOGISKA: Wie sind Sie denn methodisch vorgegangen? Haben Sie sich an einem Modell entlang gehangelt?

KOBIELA: Methodisch sind wir so vorgegangen, dass wir bestehende – gut durchgerechnete – Szenarien, die ein Zieljahr 2050 ansetzen, als Grundlage genommen haben und daraus Erkenntnisse abgeleitet haben, wie CO2-Neutralität schon bis 2035 erreichbar sein könnte. Also in der Hälfte der verbleibenden Zeit. Dazu haben wir dann für jeden der vier betrachteten Sektoren Strategien und Maßnahmen entwickelt, die natürlich von denen der 2050er-Szenarien abweichen. 

EKOLOGISKA: Sie schreiben in ihrer Studie, dass das Erreichen der Klimaneutralität bis 2035 mit einer großen Transformationen einhergehen würde. Wie sieht diese Transformation aus?

KOBIELA: Im Industriesektor, wo die Branchen Eisen und Stahl, Chemie sowie Zement den Hauptteil der CO2-Emissionen ausmachen, kann durch den konsequenten Aufbau einer Kreislaufwirtschaft  – Reparatur, Umnutzung und Recycling von Produkten – der Bedarf an Primär-Grundstoffen und damit der große Energiebedarf stark abgesenkt werden, was die Transformation deutlich erleichtert. Dazu sind dann gut gesetzte Anreize, Standards und Normen erforderlich.

Im Verkehrssektor stehen wir vor der Herausforderung, dass dieser einen sehr hohen Energiebedarf aufweist und bislang keine rückläufigen Treibhausgas-Emissionen. Das ist der Sektor mit der schlechtesten Minderungbilanz. Verantwortlich sind vor allem der Auto- und Lkw-Verkehr sowie Flugreisen. Den gesamten Verkehr betreffende zentrale Schritte sind: Verkehr vermeiden, Verkehr verlagern, und eine Antriebswende. Die vielen klimaschädlichen Subventionen im Verkehr sind nicht mit dem Ziel der CO2-Neutralität vereinbar. Stattdessen brauchen wir sozialverträgliche klimafreundliche Alternativen. Straßenneubau ist ein veraltetes Paradigma – jede neue Infrastruktur muss klimaverträglich sein.

EKOLOGISKA: Meinen Sie mit Antriebswende die Elektromobilität? Hier werden kritische Stimmen, die meinen, es käme vor allem zu einer örtlichen Verschiebung der Emissionen, immer lauter.

KOBIELA: Da muss man sehr darauf gucken, wie diese Batterien und das dafür benötigte Kupfer produziert wird. Auch diese Produktion muss mit Erneuerbaren Energien gespeist werden. Es gibt auch spannende Betrachtungen dazu, dass man hierzulande mehr Lithium gewinnen könnte. Es gibt also auch andere Ansätze, wie man an das Zeug rankommen könnte. Generell ist es aber so, dass auch ein Elektroauto eine schlechte Lösung ist im Vergleich zu keinem Auto. Deshalb schreiben wir auch, dass wir mit der Zahl der Autos allgemein runter kommen müssen.

EKOLOGISKA: Wie sieht es im Gebäudesektor und beim Verkehr aus?

KOBIELA: Für eine CO2-neutrale Transformation des Gebäudesektors bis 2035 wird eine Dreifach-Strategie erforderlich sein: Der Trend zu immer mehr Wohnfläche müsste verlangsamt oder bestenfalls sogar umgekehrt werden. Die Energieeffizienz der Gebäude sehr deutlich verbessert werden, um den Wärmebedarf zu senken. Und wir müssen die Wärmebereitstellung flächendeckend auf erneuerbare Energien umstellen.

Eine besondere Herausforderung liegt in der energetischen Sanierung der Gebäude. Um bis 2035 CO2-neutral zu sein wäre es notwendig, die energetische Sanierungsrate auf etwa 4% pro Jahr zu steigern. Diese Höhe ist bisher beispiellos. In den vergangenen Jahren wurden nur etwa 1% erreicht. Das aktuelle Ziel der Bundesregierung liegt bei 2%. Neben der Sanierungsrate muss auch die Sanierungstiefe weiter erhöht werden und deutlich über dem heute vorgeschriebenen Mindeststandard liegen.

Die Energiewirtschaft ist sozusagen der Schlüsselsektor zur Klimaneutralität. Wir werden in Deutschland zukünftig immer mehr Strom benötigen, insbesondere auch in Bereichen, in denen er bisher nur eine geringe Rolle spielt. Zum Beispiel in der energieintensiven Industrie, im Verkehr und in der Gebäudewärme. 

Auch bei einem entsprechend erhöhten Strombedarf ist eine Erzeugung aus 100% Erneuerbaren technisch machbar und ökonomisch sinnvoll. Um bis 2035 CO2-Neutralität zu erreichen, wäre es notwendig den Ausbau von Windenergie und Photovoltaik massiv zu beschleunigen. Der jährliche Zubau müsste etwa viermal so hoch sein wie es die Ziele der Bundesregierung momentan vorsehen. Insbesondere muss die Windenergie an Land wieder angekurbelt werden, deren Ausbau in den letzten Jahren ins Stocken geraten ist. Hier ist eine Verfünffachung des jährlichen Zubau notwendig. 100 % Erneuerbare heißt im Umkehrschluss natürlich 0 % Fossile – Die Verstromung von Kohle und anderen fossilen Energieträgern müsste schon in den nächsten Jahren stark zurückgehen und deutlich vor 2035 vollständig beendet sein.

EKOLOGISKA: Ist eine einhundertprozentige Versorgung mit Elektrostrom in dieser kurzen Zeit zu erreichen denn möglich? Stichwort: Versorgungs-Sicherheit.

KOBIELA: Wenn wir einzelne Erzeugungsanlagen betrachten und das als Bild für das gesamte Stromsystem ansetzen, dann kommt man zu diesen Befürchtungen. Der Schlüssel liegt darin, dass wir ein sehr gut ausgebautes Stromnetz brauchen, auch europäisch betrachtet. So können wir Strom nach Bedarf hin und her schieben.

EKOLOGISKA: Wie werden wir diese Veränderungen als Individuen zu spüren bekommen (müssen)? 

KOBIELA: Wir haben uns hier nicht so sehr auf die Konsumseite bezogen, das ist denke ich auch wichtig. Es geht an vielen Stellen ja auch erstmal um Produktionsprozesse, um Infrastrukturen. Der Umbau vieler Industrieprozesse würde zwar die Produktionskosten diverser Grundmaterialien erhöhen, in den Endprodukten schlägt sich das der gar nicht so sehr nieder. Ein Haus würde ca. 0,4 % teurer werden, das ist gegenüber anderen Faktoren vernachlässigbar. Und ein Auto ebenso nur wenige hundert Euro, etwa 0,5 %.


Durch den Wegfall oder der grundsätzlichen Umgestaltung vieler Subventionen wie dem Dienstwagenprivileg oder der Pendlerpauschale können Fehlanreize vermieden werden, die zu längeren Wegen, mehr Energieverbrauch und höheren Treibhausgasemissionen führen. Zugleich muss aber geschaut werden, dass das nicht auf dem Rücken der ökonomisch am meisten Benachteiligten abläuft, da ist eine passende soziale Abfederung notwendig. In manchen Städten ist derzeit einfach kein bezahlbarer Wohnraum für Geringverdienende erhältlich, da werden die Wege nicht automatisch kürzer nur weil die Pendlerpauschale wegfällt. Deren Weiterentwicklung zu einer Mobilitätspauschale haben wir am Wuppertal Institut vor einiger Zeit schon mal skizziert.


Natürlich ist Suffizienz wichtig, also das Ausloten dessen, was genug ist. Beispielsweise geht es nicht darum, Menschen ihren Wohnraum wegzunehmen, wie das jetzt natürlich von den üblichen Verdächtigen hineininterpretiert wird. Es geht erstmal um Überkonsum, der ja auch oft individuell belastend ist. Beispielsweise kann es durch eine gut angelegte Unterstützung möglich werden, dass Eltern nach dem Auszug der Kinder dann die große Wohnung gegen eine kleinere eintauschen können, die weniger ein Klotz am Bein ist. Oder dass Innenstädte so verändert werden, dass Wege kurz sind und ohne Autos zurückgelegt werden – was die Lebensqualität in den Städten enorm erhöhen würde. Und das Ersetzen vieler Flugreisen durch gut ausgebaute Zugverbindungen und die verstärkte Nutzung von Onlinekonferenzen kann ebenso viel zur Lebensqualität beitragen. 


Es geht also an vielen Stellen die Notwendigkeit zur Veränderung, gleichzeitig kann der Impuls dafür nur aus der Gesellschaft selbst kommen, und wird wohl nur dort richtig aufgegriffen werden, wo das ganze zu einem Erhalt oder sogar einer Verbesserung der Lebensqualität führt. Es geht also mehr um die Bereitschaft, dass sich etwas ändert, das wird notwendig sein. Nicht darum, alle auf ein Einheitsmaß zu stutzen. Und natürlich empfinden manche Veränderungen per se als bedrohlich. Das muss adressiert und auch aufgefangen werden.

EKOLOGISKA: Auch wenn wir in Deutschland es schaffen würden, solche tiefgreifenden Veränderungen vorzunehmen, sodass wir nur noch die 4,2 GT CO2 emittieren, wäre der Klimawandel ja noch nicht verhindert. Alle anderen Staaten der Welt müssten schließlich auch mitziehen und mit ihrem spezifischen CO2-Budget sorgsam haushalten. Was sollten wir aus ihrer Studie vor diesem Hintergrund mitnehmen? 

KOBIELA: Eine konsequent umgesetzte Klimaschutzstratgie in Deutschland würde natürlich nicht im luftleeren Raum erfolgen, sondern stark eingebettet in den europäischen Rahmen. Wenn hier mehr passiert, löst das auch Impulse drum herum aus, und ebenso sind manche Aktivitäten hierzulande nur erfolgreich umsetzbar, wenn der europäische Rahmen mitspielt und in unseren Nachbarländern auch ganz viel passiert. Da kann aber eine gemeinsame positive Verstärkung draus erwachsen. Der Schutz vor Carbon Leakage, also dem Abwandern von treibhausgasintensiven Industrien in Länder mit geringerem Klimaschutzniveau, kann auch nur im europäischen Rahmen richtig adressiert werden. Aber dazu laufen ja auch Aktivitäten.

Und der weitere internationale Kontext ist natürlich auch relevant. Das war ja auch beim Start der „Energiewende“ zu beobachten, das Wort wird so ja mittlerweile auch in der englischen Sprache verwendet. Ohne das deutsche Energerbare-Energien-Gesetz wären viele Technologien wie Windenergieanlagen nicht in dem Maß entwickelt worden und wären ökonomisch so tragfähig geworden, dass diese ihren internationalen Durchbruch geschafft haben. Auch sollten wir nicht unterschätzen, wie genau ein Gigant wie China die Ambitionen und Entwicklungen in Europa und ganz besonders in Deutschland beobachtet und daraus lernt. Wenn wir uns zutrauen das hier zu schaffen, und noch mehr wenn wir das dann erfolgreich angehen, dann werden dadurch auch viele nachziehen. Nicht durch Fordern, sondern weil es dann als machbar bewiesen wird. 

EKOLOGISKA: Halten Sie es für realistisch, dass wir das 1,5 Grad Ziel global gesehen erreichen werden? 

KOBIELA: Aus der heutigen Perspektive erscheint das natürlich fast unerreichbar fern. Aber in den letzten paar Jahren sind auch andere Dinge möglich geworden, die ich mir nicht vorstellen konnte, im Guten wie im Schlimmen. Deswegen halte ich es als im Bereich des Möglichen, dass wir das schaffen. Wenn wir das in Deutschland und in Europa ohne Zögerlichkeit angehen und wenn sich auch im Rest der Welt einiges weiter bewegt. Das können wir durch solch eine Transformation hierzulande unterstützen.

Zum gesamten Forschungsbericht inklusive aller Ergebnisse geht es hier. Eine Übersicht über die Schlüsselergebnisse gibt es hier.


Dir gefällt, was wir machen? Dann zeig uns das gerne, indem du unser kleines, unabhängiges Redaktionsteam bei Steady unterstützt. Das kostet nicht die Welt – für uns bedeutet das aber ganz viel!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s