„Es geht darum, mehr Aufmerksamkeit für die Bedeutung einer guten Ernährung in der Stadt zu schaffen“ – So arbeiten Ernährungsräte

Kann das Konzept „Ernährungsbeirat“ dafür sorgen, dass wir uns besser ernähren? Foto von John Lambeth von Pexels

Lebensmittel sind der Treibstoff für unseren Körper. Aber es kommt dabei nicht nur darauf an, dass wir essen, sondern vor allem auch darauf, was wir essen. Das hat nämlich nicht nur Auswirkungen auf unsere Gesundheit, sondern auch auf das Klima. Global gesehen kann diese Entscheidung auch dazu beitragen, dass wir den Hunger beenden können. Denn auch heute haben laut einem UN-Bericht noch 690 Millionen Menschen nicht genug zu essen. Und das, obwohl wir weltweit genug Lebensmittel produzieren, um viel mehr Menschen zu versorgen, als aktuell auf unserem Planeten leben. Die Versorgung aller Menschen mit ausreichend gesunden Lebensmitteln vor dem Hintergrund sinkender Biodiversität im Kontext des Klimawandels, beschreibt der Leipziger Ernährungsrat als eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Deshalb setzt sich das Akteurs-Bündnis dafür ein, die Leipziger*innen mit regionalen, saisonalen und gesunden Lebensmitteln zu versorgen.

Der Ernährungsrat will die regio-saisonale Ernährung populär machen

Im Ernährungsrat werden dafür Kräfte von Lebensmittelerzeuger*innen, Verarbeiter*innen, Gastronom*innen und Händler*innen gebündelt. In Leipzig ist der Zusammenschluss zwar noch sehr jung, aber das Konzept „Ernährungsrat“ gibt es schon seit einigen Jahren, zum Beispiel in Köln, London oder Berlin. Was das Bündnis will und wie es diese Ziele erreichen will, das hat Jessica Stubenrauch uns im Interview verraten. Sie ist Vorstandsmitglied des Leipziger Ernährungsrates und engagiert sich in der AG Forschung.

EKOLOGISKA: Das Konzept Ernährungsrat ist nicht neu, ihr als Akteur in Leipzig schon. Warum denkt ihr, dass es einen Zusammenschluss wie Euren braucht?

JESSICA STUBENRAUCH: Das Konzept der Ernährungsräte ist in der Tat nicht neu. Es entstand ursprünglich in den USA und Kanada. Seither haben sich eine Vielzahl von Ernährungsräten auch in deutschen Städten wie zum Beispiel Köln, Berlin, Frankfurt, Dresden und eben auch Leipzig gegründet. Auch hier in Leipzig ist – wie anderswo in der Welt – das Thema einer gesunden und nachhaltigen Ernährung verbunden mit der Frage danach, wie und wo unsere Lebensmittel eigentlich produziert werden, dringender denn je zu beantworten.

EKOLOGISKA: Der Ernährungsrat Leipzig hat sich – so schreibt ihr selbst – unter anderem gegründet, um Ernährung auf die kommunale Agenda zu setzen. Warum ist das aus Eurer Sicht wichtig?

STUBENRAUCH: Die Frage danach, wie die Lebensmittel vor Ort produziert und vermarktet werden, ist in Leipzig fast vollständig von der politischen Agenda verschwunden. Dabei könnten beispielsweise landwirtschaftliche Nutzflächen in städtischer Hand zukünftig bevorzugt an regional und ökologisch produzierende Landwirt*innen verpachtet werden und nicht an die Meistbietenden. Regionale Produzent*innen könnten zudem seitens der Stadt über bessere Möglichkeiten der (Direkt-)Vermarktung gefördert werden. Die Versorgung von Kindern oder auch Erwachsenen in öffentlichen Kantinen kann ganz neu durchdacht werden und „essbare“ öffentliche Flächen können vermehrt in der Stadt geschaffen werden. Hierfür braucht es entsprechende Impulse aus der städtischen Politik. Eine Ernährungsstrategie für Leipzig, die Fragen zum lokalen Klima- und Biodiversitätsschutz mit dem Thema Ernährung und Landwirtschaft optimal vereint, wäre dabei vermutlich die richtige Antwort auf die (letztlich auch global) drängenden Herausforderungen in dieser Hinsicht.

Es geht darum, für die Thematik zu sensibilisieren und wieder mehr Aufmerksamkeit für die Bedeutung einer guten Ernährung, vor allem auch in der Stadt, zu schaffen. Dabei soll dem Globalisierungstrend mit seinen vielen negativen Folgen für die Natur und schließlich auch die Menschen ein Stück weit entgegengewirkt werden. 

EKOLOGISKA: Ihr wollt „Gutes Essen für alle“ ermöglichen. Damit meint ihr aber nicht nur, dass das Essen für diejenigen, die es zu sich nehmen gut sein soll. Wer ist denn noch gemeint?

STUBENRAUCH: Unser Essen soll auch nachhaltig und unter fairen Arbeitsbedingungen produziert werden, sodass einerseits die natürlichen Lebensgrundlagen geschützt und langfristig erhalten bleiben und andererseits die Arbeit auf dem Feld wieder mehr wertgeschätzt und angemessen entlohnt wird. Gleichzeitig entscheidet man sich durch einen Rückgriff auf nachhaltig produzierte Lebensmittel aus der Region bewusst auch gegen Lebensmittel, welche beispielsweise im globalen Süden industriell, unter hohem Einsatz von Pestiziden und Mineraldüngern produziert werden.

EKOLOGISKA: Können wir überhaupt alle Leipziger*innen mit regio-saisonalen Lebensmitteln versorgen? 

STUBENRAUCH: Das ist eine Frage, über die es aktuell eine Vielzahl wissenschaftlicher Forschung gibt und die nicht leicht zu beantworten ist. Sicherlich wird eine regionale Versorgung zu 100 Prozent nur schwer umsetzbar und auch nicht in jedem Einzelfall wünschenswert sein. Allerdings könnte der Anteil regionaler Versorgung mit verkürzten Wertschöpfungsketten deutlich erhöht werden und damit neben einer besseren Identifikation mit den Lebensmitteln zum Beispiel auch unnötige Transportwege eingespart werden. Eine überwiegend regionale Versorgung der Leipziger*innen in der Zukunft würde allerdings voraussetzen, dass erstens ein Großteil der Flächen um die Region Leipzig für den Anbau regionaler Lebensmittel genutzt wird, zweitens der durch die notwendige Futtermittelproduktion sehr flächenintensive Fleischkonsum insgesamt stark verringert wird und drittens bisher anfallende Lebensmittelverluste weitestgehend vermieden werden. Für alle dennoch weiterhin global gehandelten Lebensmittel gilt es dann, faire und nachhaltige Anbau- und Handelsbestimmungen zu etablieren – eine Mammutaufgabe, weit über den Einflussbereich eines lokalen Ernährungsrats hinaus.

EKOLOGISKA: Wie wollt ihr als Ernährungsrat dazu beitragen, diese Ziele zu erreichen?

STUBENRAUCH: Wir wollen Wissen und Kompetenz zu dem Thema Ernährung in der Region bündeln und als Akteur*innenplattform für unterschiedliche Anfragen rund um die Themen Ernährung, Landwirtschaft und Vermarktung von Lebensmitteln in der Region ansprechbar sein – sowohl für interessierte Bürger*innen als auch für Vertreter*innen der Stadt. Die Stadtpolitik wollen wir bei anstehenden Entscheidungen zum Thema Landwirtschaft und Ernährung aktiv unterstützen und die Ziele des Ernährungsrats dabei in die Stadtpolitik einfließen lassen. 

EKOLOGISKA: An welchen Projekten arbeitet ihr gerade?

STUBENRAUCH: Die insgesamt sieben Arbeitsgruppen befassen sich mit einer Vielzahl kleinerer und größerer Projekte. Aktuell verfolgt beispielsweise die AG Wertschöpfungsketten das Vorhaben, eine Regionalmarke in Leipzig und Umgebung zu etablieren. Dafür erarbeiten die Ehrenamtlichen in Kleingruppen zum einen ein Leitbild, das die konzeptionelle Grundlage hierfür bilden soll. Zum anderen verschafft sich die AG im Rahmen einer Bestandsaufnahme einen Überblick über Akteur*innen in der Region, die diesen Prozess mitgestalten können und wollen. 

Ein weiteres wichtiges Anliegen des Ernährungsrats Leipzig ist die Verbesserung der landwirtschaftlichen Flächenvergabe durch die Stadt. Hier setzen wir uns dafür ein, die Vergabe zukünftig an ökologischere und nachhaltigere Kriterien zu binden. 

Die AG Gemeinschaftsverpflegung hat zudem im Oktober den Prozess angestoßen, das Ausschreibe- und Vergabeverfahren zur öffentlichen Verpflegung in Schulen und Kitas in Zukunft nachhaltiger und gesünder zu gestalten. Daneben wird im Ernährungsrat kontinuierlich Wissen zu den Themenbereichen gesunde Ernährung und nachhaltige Lebensmittelproduktion gebündelt und es werden verschiedenste Workshops seitens des Ernährungsrats organisiert und durchgeführt. Nähere Informationen finden sich auch immer auf unserer Webseite. 

EKOLOGISKA: Wie können Verbraucher*innen Euch bei Euren Vorhaben unterstützen?

STUBENRAUCH: Interessierte können jederzeit selbst im Ernährungsrat aktiv werden. Der Verein lebt von der Arbeit seiner ehrenamtlich Engagierten, weshalb Unterstützung immer willkommen ist. Das kann beispielsweise über die direkte Mitarbeit in einer der verschiedenen Arbeitsgruppen geschehen oder auch erst einmal durch die Teilnahme an einem der regelmäßigen Foren „Gutes Essen für Alle“, die aktuell in digitaler Form stattfinden. Hier bekommen Interessierte einen ersten Eindruck von der Arbeit des Ernährungsrates und können ganz einfach hineinhorchen. 

Natürlich freuen wir uns auch immer über Spenden. Als gemeinnütziger und noch dazu sehr junger und im Aufbau befindlicher Verein sind wir auch auf diese monetäre Unterstützung maßgeblich angewiesen. Aber auch im Rahmen einer Mitgliedschaft können uns Menschen, die unser Ziel und unsere Vision eines nachhaltigeren und ökologischeren Ernährungssystems teilen, unterstützen.


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