Klimaneutral leben: Wie sinnvoll ist das Kompensieren wirklich?

Im Regenwald werden Projekte umgesetzt, die unseren Lebensstandard im Globalen Norden aufrecht erhalten sollen. Foto von Simon Matzinger von Pexels

“Ich bin jetzt klimaneutral.” – Was man bei Unternehmen, Dienstleistungen und Produkten schon länger lesen konnte, das können seit geraumer Zeit auch Privatpersonen von sich behaupten. Viele Unternehmen bieten inzwischen “Klima-Abos” an. Die Idee: Berechne deinen ökologischen Fußabdruck, wir sagen dir, wie viel CO2 du emittierst und dann bezahlst du uns dafür, dass wir das Geld in Projekte investieren, die CO2 binden. Oben drauf gibt es bestenfalls ein paar Empfehlungen dazu, wie man selbst nachhaltiger leben kann. Das wars. Das eigene Gewissen ist erleichtert, aber im Hinterkopf bleibt ein fader Nachgeschmack: Denn auch, wenn jeder Mensch dieser Welt, seine CO2-Emissionen formal kompensieren würde, würde ja trotzdem noch das CO2 emittiert. Und: Wo wird denn überhaupt kompensiert?

“Das ist moderner Ablasshandel”

Magdalena Heuwieser ist Autorin und Klima-Campaignerin. In ihrer Arbeit setzt sie sich vor allem mit genau solchen Projekten auseinander, die Emissionen speichern sollen. Aus ihrer Sicht ist das ein Konzept, welches nicht aufgeht. Ihre These: Dieses Verhalten ist ziemlich imperial. “Warum ist das kolonial oder imperial? Weil die Lebensweise bei uns im globalen Norden auf Kosten des globalen Südens gehen. Und viele unserer Naturschutzprojekte dienen dazu, diese imperiale Lebensweise aufrecht erhalten zu können und gehen auf Kosten anderer”, erklärt sie. Grünen Kolonialismus nennt sie dieses Verhalten. “Das ist die Fortführung von kolonialen, ungerechten Strukturen, aber mit neuer, grüner Legitimation”, schiebt sie nach.

Statt wirklich etwas an unserem Verhalten zu verändern, so die These, ‘kaufen’ wir uns frei. Und zwar, indem wir Projekte im Globalen Süden unterstützen. Für diese Projekte, die unsere Weste reinwaschen, wird Green Grabbing betrieben. Also Landraub im Namen des Klimaschutzes. Ein Paradebeispiel dafür sei das Fliegen, so Magdalena Heuwieser. “Bisher gibt es keine Beschränkung im Flugverkehr, obwohl es das klimaschädlichste Transportmittel ist. Zivile Luftfahrt ist für 5 bis 8 Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich. Klingt nicht viel, aber weniger als 20% der Weltbevölkerung sind bisher geflogen und einige wenige Menschen fliegen ganz viel”, erklärt sie, “das heißt, dass diese Emissionen auf die Kappe von ganz wenigen Menschen gehen. Und damit diese Menschen weiter fliegen können, ist sozusagen die Lösung der UN-Luftfahrtorganisation das Offsetting. Also zu sagen, wir wachsen weiter, aber klimaneutral, denn wir kaufen ja Gutschriften für Projekte im globalen Süden, wo Projekte für uns umgesetzt werden.” Für Heuwieser ist das moderner, grüner Ablasshandel.

Klimagerechtigkeit bedeutet nicht nicht, dass die Ländereien der Menschen im Globalen Süden für irgendwelche Klimaprojekte verwendet werden, die wir uns hier gutschreiben, damit wir hier so weitermachen können wie bisher.

– Magdalena Heuwieser, Autorin “Grüner kolonialismus in honduras”

Das reine Kompensieren von Emissionen widerstrebt dem Gedanken der Klimagerechtigkeit

Dieses Verhalten steht dem entgegen, was Organisationen wie Fridays for Future schon lange fordern: Nämlich Klimagerechtigkeit. Damit ist gemeint, dass diejenigen, die den Klimawandel verursachen, auch für die Folgen des Klimawandels Verantwortung übernehmen müssen. Aktuell versuchen die Hauptverursacher der Klimakrise aber, ihren Lebensstandard auf Biegen und Brechen aufrecht zu erhalten – indem sie sich durch Projekte im Globalen Süden quasi freikaufen. “Klimagerechtigkeit wäre, im Gegenzug, dass auch diejenigen im Globalen Süden, die kaum bisher zur Klimakrise beigetragen haben, dass die gehört werden, dass die mitentscheiden können”, erklärt Magdalena Heuwieser, “und nicht, dass deren Ländereien für irgendwelche Klimaprojekte verwendet werden, die wir uns hier gutschreiben, damit wir hier so weitermachen können wie bisher.”

EU-Emissionsrechte kaufen statt Klimaprojekte im Globalen Süden unterstützen

Einen anderen Ansatz hat daher der Dienstleister ForTomorrow gewählt. Auch bei ForTomorrow kann man seine Emissionen kompensieren. Allerdings macht sich das Unternehmen dafür den europäischen Emissionshandel zunutze. “Unser Weg ist aber anders, da wir direkt in Europa eine Veränderung bewirken wollen. In Europa würde zum Beispiel ein Projekt wie ein neuer Windpark nicht direkt den CO2-Ausstoß reduzieren, da in der EU der CO2-Ausstoß über den EU-Emissionshandel reguliert ist”, erklärt Gründerin Ruth von Heusinger, “die eingesparten Emissionen des Windparks würden einfach an anderer Stelle zusätzlich emittiert, beispielsweise von der Zement- oder Stahlindustrie. Will man die gesamt CO2 Emissionen der EU senken, bleibt nur der Weg, Emissionsrechte aus dem europäischen Emissionshandel zu kaufen, und genau das tun wir mit ForTomorrow.”

Exkurs: Der Europäische Emissionshandel Der Europäische Emissionshandel (EU-ETS) ist seit 2005 das zentrale Klimaschutzinstrument der Europäischen Union. Er funktioniert nach dem Cap & Trade-System. Das heißt, dass es eine Reihe an emissionshandelpflichtigen Unternehmen gibt, für deren CO2-Ausstoß eine Obergrenze (Cap) festgelegt wird. Die Unternehmen können jetzt das Recht kaufen, CO2e in einer bestimmten Menge zu emittieren. Da die CO2e-Zertifikate gehandelt werden können, bildet sich ein Preis, der – so die Idee – dafür sorgen soll, das die Emissionen aufgrund des hohen Preises sinken. Mehr Infos dazu gibt es hier.

Indem Ruth mit ForTomorrow also Emissionsrechte kauft, hat die Industrie weniger Rechte, CO2e zu emittieren – und das sorgt auf Dauer für weniger Emissionen. “Ein Emissionsrecht erlaubt dem Besitzer, eine Tonne CO2 in der EU auszustoßen. Das Ziel von ForTomorrow ist, dieses Emissionsrecht einfach zu löschen, sodass diese Tonne von niemandem mehr ausgestoßen werden darf. Denn dann haben wir dafür gesorgt, dass in der EU wirklich eine Tonne weniger CO2 ausgestoßen wird”, erklärt Ruth ihren Plan. Aber wie kann sie am Emissionshandel teilnehmen? Schließlich ist sie keines der emissionshandelpflichtigen Unternehmen der EU. “Glücklicherweise dürfen nicht nur Industrieunternehmen am Markt teilnehmen, sondern auch Händler, wie zum Beispiel Banken. Das machen wir uns mit ForTomorrow zunutze und haben ebenfalls ein Händlerkonto”, erklärt sie, “allerdings handeln wir nicht, wir verkaufen nicht, sondern kaufen nur, um möglichst viele Emissionsrechte aus dem Markt zu nehmen.”

Zusätzlich wird zwar auch bei ForTomorrow Aufforstung in Deutschland betrieben, aber das Hauptgeschäft sind und bleiben die Emissionsrechte. Es gilt also: Augen auf bei der Wahl des Dienstleisters. Denn Klimaschutzprojekte sind zwar schön, aber wenn diese auf Kosten der indigenen Bevölkerung gehen, die deshalb klein gehalten wird, haben wir nichts für die Klimagerechtigkeit gebraucht, sondern koloniale Strukturen reproduziert. Und das kann niemand ernsthaft wollen.


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