#Babytaxes: Wie viel zahlen wir bei Produkten für Babys drauf?

Eltern wollen immer das Beste für ihr Kind und sind dafür auch bereit, einen hohen Preis zu zahlen. Nutzen Hersteller das aus? Foto von Andrea Piacquadio von Pexels

Da, wo man Gewinn machen kann, schlägt die Industrie gerne mal etwas auf den Preis drauf. Bisher war das vor allem für Produkte bekannt, die sich primär an Frauen* richten. Pink taxes nannte man den Preisaufschlag, den man beispielsweise für pinken Rasierschaum, lilafarbene Einweg-Rasierer oder feminine Düfte zahlen musste. Denn Frauen* sind in der Regel dazu bereit, mehr Geld für ihre Pflegeprodukte auszugeben. Das legen zumindest unterschiedliche Studien nahe, welche die Verbraucherzentrale Hamburg ausgewertet hat. Gender Pricing nennt man diese Form der Diskriminierung. Unsere Recherche legt jetzt nahe, dass die Bereitschaft der Kund:innen, mehr Geld auszugeben, sich auch bei Babyprodukten bemerkbar macht. Zahlen wir also auch Baby taxes?

Warum kostet Apfelmark für Babys das Dreifache?

Unsere Recherche beginnt bei Alnatura, als ich für meineTochter Apfelmark kaufen will, um Brei zuzubereiten. Ich kaufe meistens das normale Apfelmark für Erwachsene im 700g-Glas, weil ich dann nicht so viel Altglas habe. Aber manchmal ist es auch praktisch, ein ‘fertiges’ Gläschen Zuhause zu haben, falls man spontan weg muss und keine Zeit hat, zu kochen. Als ich mich in der Babyabteilung meines Bio-Marktes umsehe, da fällt mir auf, dass das Gläschen ‘Milder Apfel’ für Babys viel teurer ist als das ‘normale’ Apfelmark. Und tatsächlich: Das Apfelmark im 700g-Glas liegt bei 0,21 Euro pro 100g, das Gläschen ‘Milder Apfel’ liegt bei 0,63 Euro pro 100g. Die Liste der Inhaltsstoffe ist identisch. Beide Produkte sind aus dem Sortiment der Eigenmarke von Alnatura. Bei Konkurrent dmBio ergibt sich das gleiche Bild. Ähnlich verhält es sich beim Fenchel-Tee beider Hersteller: Für Erwachsene kostet der Tee von Alnatura 2,64 Euro pro 100g, der Preis für den Baby-Tee ist mit 4,25 Euro pro 100g deutlich höher. Sind die Preisunterschiede alleine damit begründbar, dass für Babyprodukte andere Anforderungen gelten? Oder steckt ein System hinter den satten Preisaufschlägen?

Das wollen wir von der Verbraucherzentrale Hamburg wissen. Dort hat man in der Vergangenheit unter anderem zu dem Thema Gender pricing gearbeitet. Aus diesen und anderen Recherchen wisse man, so Armin Valet, Abteilungsleiter Lebensmittel und Ernährung, dass nicht nur Frauen, sondern auch Kinder und Babys im Marketingbereich für Firmen sehr interessant sind. “Hier werden ganz andere Margen erreicht, weil die Eltern bereit sind, mehr Geld auszugeben”, erklärt Valet. Bei Produkten wie Apfelmus hingegen herrsche ein enormer Preisdruck. Die niedrigen Preise dieser Produkte würden dann durch höhere Margen an anderer Stelle querfinanziert. Armin Valet teilt unsere Auffassung, dass die enormen Preisunterschiede nicht nachvollziehbar sind. “Die Hersteller werden hier sicher auch damit argumentieren, dass es für Baby- und Kleinkindprodukte andere Vorgaben zum Beispiel zu Pestizidrückständen gibt”, so Valet, “aber ob das den dreifachen Preis rechtfertigt, das ist fragwürdig.” Im Fall von Bio-Produkten falle dieser Punkte ohnehin weg, da hier Pestizide grundsätzlich verboten seien. Man kann hier also durchaus unterstellen, dass die Hersteller den Willen der Eltern, “das beste” für ihr Kind zu besorgen, schamlos ausnutzen. Auch durch zum Teil unnötige Produkte wie Babywasser.

Wie viel Aufpreis ist gerechtfertigt?

Die Antworten der Verbraucherzentrale bestätigen zwar eher unseren Verdacht, sie belegen ihn aber nicht. Wir wollen aber nachvollziehen können, wie viel Aufpreis gerechtfertigt ist und wie viel Geldmacherei ist. Deshalb versuchen wir, Kontakt zu den Prüfstellen und der Lebensmittelüberwachung aufzunehmen, um mehr Informationen über die Tatsächlichen Mehrkosten für Babyprodukte in Erfahrung zu bringen, die durch aufwändigere Tests entstehen. Das Problem: Keine Stelle fühlt sich so richtig verantwortlich für unsere Frage, jeder verweist uns an jemand anderen. Was wir aber in Erfahrung bringen können ist, dass die Zuständigkeit für die Lebensmittelüberwachung in Deutschland den Bundesländern obliegt. “Die Überwachung wird vom zuständigen Landesministerium oder der zuständigen Senatsverwaltung in den Stadtstaaten koordiniert. Die Lebensmittelüberwachungs- und Veterinärämter der Kreise und kreisfreien Städte nehmen vor Ort Proben und kontrollieren Betriebe”, erklärt Ansgar Weiß vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Verbraucherschutz.

Die Behörden überwachen dabei die Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften, die gesundheitliche Unbedenklichkeit und die richtige Kennzeichnung der Lebensmittel. Außerdem prüfen sie die hygienischen Verhältnisse und suchen nach unerwünschten Stoffen, wie zum Beispiel Pestizidrückständen und Keimen. Wird etwas beanstandet, kann schlimmstenfalls der Rückruf der entsprechenden Produkte die Folge sein.

Das sind allerdings nicht die einzigen Kontrollen, die Lebensmittelproduzent:innen in der Regel durchführen. Sie selbst lassen ihre Produkte ebenfalls regelmäßig prüfen – je nach Betriebsgröße im eigenen Haus oder von externen Instituten – damit es erst gar nicht zu Beanstandungen kommt.

Ein Institut, welches solche Prüfungen durchführt, ist das Institut Fresenius. Joachim Vonhoff arbeitet bei Fresenius als Sales Manager und nimmt sich unseren Fragen an. “Natürlich sind alle Hersteller in der Gestaltung Ihrer Preise frei und können sich nach Angebot und Nachfrage richten. Allerdings sind die Bedingung für Bio-Produkte höher, am höchsten jedoch für Bio-Produkte für Babys und Kinder”, erklärt er. Grundsätzlich werde nach der Norm ISO 17025 geprüft, so Vonhoff. Und nach dieser sind die Prüfungen für Kleinkind- und Baby-Produkte umfangreicher und damit auch teurer, bestätigt er. Allerdings kann er keine genaue Größenordnung nennen. “Wir müssten für die beiden Produkte bio Apfelmark und Baby-Apfelmark einen Prüfplan erstellen. Erst dann können wir eine Preisdifferenz nennen”, erklärt er. Bei Pestiziden sei es aber beispielsweise so, dass Pestizide nach Diät-Verordnung, unter die auch Babynahrung fällt, zwischen 290 und 320 Euro kostet, während Pestizide für Fruchtaufstriche zwischen 124 und 250 Euro kosten.

Von dem Mitarbeiter eines Prüfungslabors für Non-Food-Artikel, der anonym bleiben will, erfahren wir, dass die Prüfung von Babyartikeln circa doppelt so teuer ist, wie die von Produkten für Erwachsene. Ob das auch für Lebensmittel gilt, können wir nicht nachprüfen. Allerdings schätzt unsere Quelle, dass das ähnlich sein wird.

Das sagen die Hersteller selbst

Wir haben natürlich auch die Hersteller gebeten, sich zu unserer Recherche zu äußern. Wie von der Verbraucherzentrale schon vermutet, beruft sich Alnatura unter anderem auf die Kontrollen. Die Pressestelle schreibt dazu:

“Die Rohstoffe beziehen unsere Herstellerpartner überwiegend in Demeter-Qualität. Die Verfügbarkeit dieser Rohstoffe ist begrenzt und hat daher Auswirkungen auf den Preis des Baby-Produktes. Die Einhaltung der Grenzwerte nach Diät-Verordnung und aufwändige Analysen der Produktqualität beeinflussen ebenfalls den Endpreis.”

Weitere Faktoren, die den höheren Preis des Produktes rechtfertigen sollen, sei die Verwendung besonders limitierter Apfelsorten für die Babygläschen und die geringere Grammatur von nur 125 Gramm. Das sorge für ein Mehr an Verpackungskosten. Für uns klingt das zwar zum Teil plausibel, aber eben wirklich nur zum Teil. Denn das Dreifache zu verlangen, das ist wirklich heftig. So sieht das auch Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg. “‘Milder Apfel’ ist ja auch so ein Marketing Wort, ich weiß nicht welche Parameter da eingehalten werden”, sagt er.

Es mag einige Faktoren geben, die einen höheren Preis rechtfertigen, aber das Dreifache scheint uns doch Geldmacherei zu sein. Eine doppelt so teure Prüfung ist auch nur ein kleiner Bestandteil der Rechnung, der einen doppelten Preis nicht rechtfertigt. Leider wollte uns keiner der Hersteller genauere Zahlen zur Zusammensetzung der Produktpreise zukommen lassen, sodass man das genauer nachvollziehen könnte. Hier kann man nun also als Elternteil entscheiden, ob man den Aufpreis zahlen will, oder sich auf Produkte in Bio-Qualität verlässt, die sich nicht explizit an Babys und Kinder richten. Schließlich dürften auch diese zumindest theoretisch keine Pestizide enthalten.


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