Mit Blockchains zu mehr Fairness in der Modewelt?

Können wir Lieferketten in Zukunft ganz einfach per Blockchain nachverfolgen? Foto von Christina Morillo auf Pexels.

Blockchains sind vor allem dafür bekannt, dass sie die Technologie hinter der Kryptowährung Bitcoin sind. Aber Blockchains können noch viel mehr. Und jetzt gelten sie aufgrund ihrer Besonderheiten sogar als Hoffnungsträger für mehr Transparenz in der Modewelt. Um zu verstehen, warum Blockchains gerade hier als Hoffnungsträger gelten, muss man einen genaueren Blick auf ihre Funktionsweise werfen. Blockchains sind ganz grundsätzlich miteinander verkettete Datensätze. Diese können nicht mehr verändert werden. Das heißt, dass all diejenigen, die Zugriff auf die Blockchain haben, jeden eingespeisten Datensatz einsehen, aber nicht verändern können. Und: Die Datensätze sind dezentral gespeichert. Das macht die Blockchain so sicher.

In der Textilindustrie muss hier dringend etwas passieren, denn der Wirtschaftszweig ist international stark verflochten, die Lieferketten sehr komplex. Es hat ähnlich wie in der Fleischindustrie eine vollkommene Abkopplung des Verbrauchers von dem Produktionsprozess stattgefunden.

– Dr. stefan rennicke, gründer von Kaya&kato, testet gerade blockchains für sein unternehmen

Mehr Transparenz in der Modewelt schaffen

In der Modewelt können die Blockchains nun eingesetzt werden, um die genaue Herkunft eines Kleidungsstückes zu dokumentieren. Das, so Christian Schultze-Wolters, Bereichsleiter Blockchain Solutions bei IBM DACH, sei die Zukunft. Die Idee: An jedem Knotenpunkt der Lieferkette speisen die Produzent:innen die Informationen über ihre Garne, Fabriken und Co. ein. Mithilfe eines QR-Codes auf dem Kleidungsstück kann der Kunde genau nachverfolgen, wann sein Kleidungsstück welchen Schritt der Weiterverarbeitung wo passiert hat und unter welchen Bedingungen dort gearbeitet wird. Ob und welche Schwachpunkte es trotz sicherer Blockchain-Technologie noch gibt, das hat Christian Schultze-Wolters im Interview bei Fairquatscht verraten.

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EKOLOGISKA: Warum ist die Blockchain-Technologie für KAYA&KATO als Textilunternehmen interessant? 

DR. STEFAN RENNICKE: Für uns gibt es zwei grundlegende Entwicklungen, die die Zukunft bestimmen werden: Nachhaltigkeit und Digitalisierung. 2017 ist KAYA&KATO gestartet, um klar zertifizierte Produkte auf den Markt zu bringen. Mittlerweile sind unsere Schürzen, Kochjacken, Hemden, Hosen, Kasacks durch zahlreiche Zertifikate geprüft. Seit 2019 beschäftigen wir uns intensiv mit Digitalisierung. Wir unterhalten Kontakte zu führenden Hochschulen, arbeiten mit Start-ups in Tel Aviv zusammen und hatten einen Workshop mit dem IT- und Beratungs-Unternehmen IBM in der Garage™ in Böblingen. Die IBM Garagen™ sind ein Netzwerk von Plätzen auf der ganzen Welt, in denen neue Geschäftsansätze gestaltet und minimal realisierbare Produkte (Minimum Viable Products – MVPs) entwickelt werden. Ziel des Workshops war es, grundsätzlich herauszufinden, welche bestehenden Blockchain Lösungen es bereits in anderen Branchen gibt, und ob der Einsatz dieser Technologie in der textilen Lieferkette sinnvoll ist. 

Als wir ebenfalls Ende 2019 gemeinsam mit IBM die ersten Gespräche mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hinsichtlich des Einsatzes der Blockchain Technologie in der textilen Lieferkette führten, wurde schnell klar, dass man ein gemeinsames Projekt entwickeln sollte. Das daraus entstandene Gemeinschaftsprojekt soll Transparenz vom Rohstoff bis zum Endprodukt durch ein fälschungssicheres Protokoll zur Rückverfolgbarkeit der Materialien schaffen. Ein weiterer Projektschwerpunkte wird deswegen auch sein, herauszuarbeiten, ob und wie die Blockchain Technologie Arbeitsstandards in der Textilindustrie verbessern helfen kann. Das Minimum Viable Product soll entlang unserer Produkte entwickelt werden, die mit Baumwolle aus Uganda hergestellt werden, aber auch auf andere Produktionslinien übertragbar sein. 

EKOLOGISKA: Wie prüfen Sie als Unternehmen heute, dass bei Ihren Zulieferern alles fair zu geht? 

DR. RENNICKE: Wir arbeiten mit ausgewählten Partner:innen zusammen, die bei der Textilproduktion Mensch und Umwelt in den Vordergrund stellen. Wir besuchen unsere Partner regelmäßig vor Ort und kennen alle persönlich. So können wir eine langfristige Zusammenarbeit anstreben, Partner und Zulieferer mit sicheren Einnahmen kalkulieren. Und nur so ist auch eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe möglich bei der man sich gegenseitig vertraut. Darüber hinaus lassen wir uns umfangreich extern prüfen, was durch Zertifikate dokumentiert wird. 

Legt Wert auf persönliche Kontakte zu seinen Zulieferern: Dr. Stefan Rennicke, Gründer von KAYA&KATO. Foto: KAYA&KATO.

EKOLOGISKA: Und welche Verbesserungen sind jetzt durch die Blockchain-Technologie zu erwarten?

DR. RENNICKE: Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) fordert seit langem mehr Transparenz in globalen Lieferketten. Das Kooperationsprojekt zwischen KAYA&KATO und IBM zur Entwicklung einer Blockchain basierten Lösung ermöglicht die transparente Dokumentation der textilen Lieferkette. Für Unternehmen und Konsumenten wird so Transparenz und Rückverfolgbarkeit ihrer Fasern bis zum fertigen Kleidungsstück gewährleistet. Mit Hilfe der IBM Blockchain-Lösung können Kunden und Partner die Herkunft und Verarbeitung der Stoffe in jedem Produktions- und Vertriebsschritt identifizieren. Ziel ist die Schaffung von Transparenz von der Faser bis zum Endprodukt und die Entwicklung eines nahezu fälschungssicheren Protokolls zur Rückverfolgbarkeit von ökologischen Materialien. Darüber hinaus arbeiten wir aber auch an Funktionalitäten wie dem Tracking der Transportwege, um einen CO2 Ausgleich zu ermöglichen, dem Zugang von Arbeitnehmervertretern zur Blockchain, um Protokolle von Meetings mit der Geschäftsleitung zu hinterlegen, oder dem Hochladen von Prüfzertifikaten. Zunächst entwickeln wir mit IBM ein MVP, gerne möchten wir dann weiteren, auch großen Unternehmen aus der Textilbranche die Möglichkeit geben, sich der Entwicklung anzuschließen. Damit wollen wir gerade in dieser Branche mit seinen stark verflochtenen und undurchsichtigen Lieferketten ein Zeichen setzen und andere motivieren, Transparenz in ihre textile Lieferketten zu bringen.

EKOLOGISKA: Wie erleben Sie als Textilunternehmen die Herausforderung, die komplexen Verflechtungen innerhalb der Industrie zu durchblicken? 

DR. RENNICKE: Respekt, Fairness und Qualität sind für uns fundamentale Bestandteile unserer Wertschöpfungskette. Konkret bedeutet das, dass wir auf die Herstellung der von uns verarbeiteten Rohstoffe und vor allem auf anständige Arbeitsbedingungen achten. So sind all unsere Konfektionen in Europa. Das verringert unsere Marge, bedeutet aber gleichzeitig, dass wir sicher sein können, dass keine 14-jährigen Mädchen 18 Stunden-Schichten schieben müssen. Man könnte auch sagen, wir interessieren uns dafür, wer an der Herstellung unserer Produkte mitarbeitet. Das geht dann auch soweit, dass wir nach Uganda zu den Bauern fahren, um uns anzuhören, was die Probleme beim Anbau der Baumwolle sind oder regelmäßige Gespräche mit Arbeitnehmervertretern in den Konfektionen führen. 

Eine echte Herausforderung, an der wir immer noch feilen und wahrscheinlich immer weiter feilen werden, war der Aufbau unserer Produktionskette. Im Gegensatz zu vielen anderen Produzenten wollten wir wissen, wer was unter welchen Umständen produziert. Es ging also nicht darum, schnell eine Produktlinie auf den Markt zu bringen, die in asiatischen Billiglohnländern unter zweifelhaften Bedingungen hergestellt wird. Aus diesem Grund haben wir bisher auch eine Konfektion unserer Textilien in Asien abgelehnt. Nach mehreren Reisen in die Region, Besichtigungen von Betrieben und Rücksprache mit NGOs sind wir zu dem Schluss gekommen, dass für uns die notwendige Sicherstellung von Standards nicht gewährleistet werden kann. 

EKOLOGISKA: Inwiefern kann die Blockchain-Technologie aus Ihrer Sicht die Textilindustrie verändern?

DR. RENNICKE: Die Blockchain-Technologie verfolgt das Ziel, die wichtigsten Geschäftsbeziehungen durch Vertrauen, Transparenz und neu entdeckte Zusammenarbeit neu zu definieren. Nicht zuletzt durch die transparente Dokumentation der textilen Lieferketten erwarten wir langfristig von Kunden eine Umorientierung zu nachhaltigen, fair erzeugten Qualitätsprodukten. In der Textilindustrie muss hier dringend etwas passieren, denn der Wirtschaftszweig ist international stark verflochten, die Lieferketten sehr komplex. Es hat ähnlich wie in der Fleischindustrie eine vollkommene Abkopplung des Verbrauchers von dem Produktionsprozess stattgefunden. Kaum jemand weiß wie viel Mühe und Arbeit in der Herstellung von Textilien steckt. Der Preisdruck ist – vor allem auch in unserer Branche der Arbeitsbekleidung – enorm hoch. Die Blockchain kann dabei helfen textile Produktionsketten transparenter und fairer zu gestalten. Vielleicht entwickelt sie sich auch zu einem hilfreichen Mittel dem kommenden Lieferkettengesetz gerecht zu werden. 


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